The A Word 1x06

Was BBC One mit den sechs Episoden von The A Word geschaffen hat, ist wesentlich mehr als eine einfache Familienserie. In der Dramaserie wird nicht nur das Thema Autismus von verschiedenen Facetten durchgespielt, es überzeugen vor allem die authentischen Dialoge, der hervorragende Cast sowie ein mitreißender Soundtrack, der mehr als einfache Akustikdekoration der Handlung sein darf.
Secret Heart
Nachdem sich bereits meine Kollegen Loryn in ihrem Pilot-Review in den kleinen Joe (Max Vento) und dessen Familie verliebt hat, bekamen wir im Zuge der ersten Staffel immer mehr Abgründe der zunächst recht ausgeglichen scheinenden Familie zu sehen. Joes Autismus schien da nur noch eines von vielen Problemen zu sein.
Besonders deutlich wurde dies durch den Besuch der Sprachtherapeutin Maggie (Lisa Millett), die in Episode 3 zu der Familie stößt und diese prompt mit ihren unterschwelligen Problemen konfrontiert. Denn im Gegensatz zu den mehr als bemühten Eltern Paul (Lee Ingleby) und Alison (Morven Christie) schafft sie es recht rasch, eine kommunikative Verbindung zu Joe aufzubauen und sieht hingegen in den Dynamiken der restlichen Familie die eine oder andere Schwachstelle.

Wie sich im Zuge der ersten Staffel herausstellt, soll die im Jugendalter von Alison gemobbte Therapeutin Recht behalten. So wird unter anderem eine potentielle Affäre zwischen Paul und seiner Mitarbeiterin Linda (Michelle Tate) angedeutet, während Alisons Bruder Eddie (Greg McHugh) weiterhin die ehemalige Affäre seiner Ehefrau Nicola (Vinette Robinson aus Sherlock) zu verdauen versucht und sich nebenbei den Teenagerproblemen seiner Nichte Rebecca (Molly Wright) widmet.
Diese muss sich nämlich nicht nur damit zurechtfinden, neben Joe nur die zweite Geige spielen zu dürfen, ihre Liebschaft Luke (Thomas Gregory) stellt sich zudem leider nicht als Traumprinz heraus. Er behandelt die Teenagerin alles andere als fair. Dass wir nebenbei noch erfahren, dass sie nicht Pauls Tochter ist, sondern den wohl etwas weniger gesetzten Stuart (Ralf Little) zum Vater hat, scheint eher ein kleines Problem zu sein. Zu guter Letzt bleibt natürlich doch Witwer Maurice (der ehemalige Doctor Christopher Ecclestone), der in Babyschritten ebenfalls versucht, im vorangeschrittenen Alter noch eine Liebschaft zu seiner Gesangslehrerin Louise (Pooky Quesnel) aufzubauen, was jedoch leider zu scheitern scheint.
What are you made of?
Und neben diesen ganzen Themen ist es die plötzliche Diagnose des Autismus, die die gesamte Familie näher zusammenbringt und dabei zum Spiegel der eigenen Konflikte werden kann. Denn gerade dadurch, dass der Serienmittelpunkt durch einen sowohl mimisch als auch sprachlich nur minimal anteilnehmenden Jungen dargestellt wird, entsteht sehr viel Raum für die Ängste und Sorgen, die sein Umfeld auf ihn projiziert. Das wird besonders anhand von Alison deutlich, deren grenzüberschreitendes Verhalten so manches Mal Fremdscham im Zuschauer hervorruft, jedoch stets durch die Angst motiviert wird, dass Joe durch seinen Autismus negative Erfahrungen machen könnte.

Hier wird vor allem der Handlungsort der Lakes zur hervorragenden Spielbühne, die nicht nur mit umwerfenden Landschaftsaufnahmen daherkommt, sondern in dem kleinen verschlafenen Dörfchen auch die etwas eng gewebten Beziehungsmuster mit sozialem Druck abbildet. Jeder kennt jeden und jeder kann schlecht über den anderen denken oder reden. Doch nicht nur Alison reagiert mit ihrer Überkompensation auf diesen äußeren Anspruch, auch Paul versucht immer wieder, die Diagnose seines Sohnes durch Leichtigkeit zu überspielen. Am Ende der ersten Staffel scheint es recht ausgeglichen zwischen den beiden Ansätzen der Eltern zu stehen, die sich manchmal wie zwei Pole voneinander abstoßen.
Doch gerade dieses Ausschlachten der Erziehungsmethoden ist es, was den Zuschauer zum mitdiskutieren einlädt und immer wieder mit eigenen Denkmustern und Verhaltensweisen konfrontiert. Wie geht man mit einer Diagnose wie dieser um? Sollte man sie besonders stark beachten oder sollte man Joe das Gefühl geben, alles sei ganz normal? The A Word klammert zum Glück aus, eine einfache Antwort auf diese Frage zu liefern und bietet damit umso mehr Tiefe und Drama.
What are you afraid of?
Doch nicht nur Handlung, Charaktere und Darsteller tragen zu der Qualität der Dramaserie bei, auch handwerklich liefert die erste Staffel von The A Word sowohl sättigende als auch schmackhafte Kost ab. Dies wird neben den wunderschönen Landschaftsaufnahmen besonders in der musikalischen Unterlegung deutlich. Da sich Joe nämlich am liebsten hinter dem Musikgeschmack seines Vaters verkriecht, bekommen wir so manche musikalische Highlights serviert, seien es „Franz Ferdinand“, „Motörhead“ oder zum Schluss auch das emotionale „Secret Heart“ von Ron Sexsmith.
Wer sich jedoch die Mühe macht, sein Ohr etwas genauer im Laufe der Staffel zu öffnen, wird feststellen, dass sich der junge Joe seine Lieder nicht ganz willkürlich aussucht. Immer wieder wird deutlich, wie die von ihm ausgewählten Songs inhaltlich zu den aktuellen Erlebnissen oder seinen nicht zu sehenden Emotionen passen. Hier wird natürlich vor allem der sich wiederholende, jedoch immer etwas abweichende Episodenanfang deutlich, in dem wir immer wieder sehen, wie sich Joe mit seinem momentanen Lieblingssong auf den Weg aus dem Dorf macht und wieder eingefangen wird. Im fulminanten Staffelfinale dürfen sich zudem sämtliche Familienmitglieder mit ihren Lieblingsliedern auf die Suche nach Joe machen und damit ihrer Verzweiflung und Trauer Ausdruck verleihen.
Fazit
Droht manchmal auch Alisons Darstellung der über-fürsorglichen Mutter etwas an den Nerven der Zuschauer zu zerren, so schafft es doch vor allem das packende Staffelfinale, die verschiedenen Handlungsstränge und Charakterzweige gekonnt auf die Restauranteröffnung und Suchaktion nach Joe zu lenken und dabei noch einmal die ganze Emotionspalette mitzunehmen. The A Word zeigt mit Bravour auf, wie ein modernes Familiendrama aussehen kann, wenn es ihre Charaktere ernst nimmt und zudem soziale Themen wie die Stigmatisierung und den Umgang mit Behinderungen thematisiert.

Dabei ist natürlich vor allem die darstellerische Leistung des jungen Max Vento in der Hauptrolle des Joe zu betonen, die bereits jetzt Lust darauf macht, den Hughes noch viele Jahren in der Erziehungsbewältigung zuzusehen. Denn gerade dadurch, dass der Umgang mit der Diagnose vor allem anhand der Reaktionen des belasteten Umfeldes abgearbeitet wird, schafft es die Serie, dieses Thema von möglichst verschiedenen Seiten zu beleuchten und dabei eine ganze Bandbreite an weiteren Themen anzuschneiden. Die erste Staffel von The A Word zeigt jedenfalls, wie eine gute Dramaserie ein so emotionales wie sozialkritisches Themenspektrum abzudecken vermag, wenn alle Zutaten stimmen. Bitte mehr davon!
Verfasser: Henning Harder am Donnerstag, 28. April 2016(The A Word 1x06)
Schauspieler in der Episode The A Word 1x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?