Tehran: Review der Pilotepisode der Apple-Serie

© zenenfoto von Tehran (c) Apple TV+
In der Apple TV+-Serie Tehran versucht der israelische Mossad, eine Agentin in der iranischen Hauptstadt zu installieren. Wir begleiten Tamar Rabinyan (Niv Sultan) nach Teheran und erkennen, dass neben feindlichen Wächtern vor allem geizige Touristen, neugierige Nachbarn und ein unglücklicher Ehemann die Mission gefährden. Denn die Kunst des Undercoverdaseins ist es, denn Alltag zu meistern, ohne aufzufallen.
Worum geht es?
Wir starten in den Flug der jordanischen Fluggesellschaft mit wenig Informationen darüber, wer uns dort begleitet. Doch die vollverschleierte Frau und ihr schweigsamer Begleiter sind von Anfang an verdächtig. Weniger halten die israelischen Touristen Yoni (Yakir Shukrun) und Shira (Tuti Ninio) hinter dem Berg mit ihren Motiven. Sie wollen nach Indien zu einem Festival und haben sich für diesen Flug entschieden, weil er die Hälfte der anderen Verbindungen kostet. Als israelische Staatsangehörige ist es dennoch nicht ohne Risiko, jedoch vor allem für Shira ein eher abstraktes Risiko, das mit ihrem Leben nicht wirklich was zu tun hat.
Schnell wird das jedoch zur furchtbaren Realität, als der Flug in Teheran notlanden muss. Yoni und Shira steigen nur unter Drohungen aus dem Flieger und werden von den iranischen Beamten dann auch verdächtig weggeführt. Unterdessen verlässt auch das mysteriöse Paar das Flugzeug. Als die Frau auf die Toilette geht, wissen wir, wem wir hier zu folgen haben. In wenigen Sekunden tauscht sie ihr Outfit mit dem einer Stewardess, die in der Kabine auf sie gewartet hatte. Tamar ist drin, in ihrer Fake-Identität in der iranischen Hauptstadt. Unterdessen schlüpft Zhila in ihre Fußstapfen und wähnt sich schon auf dem Weg in die Freiheit. Doch noch ist Indien fern - für alle Figuren.
Shira - in Panik auf dem Weg durch den Flughafen - bittet, auf die Toilette gehen zu dürfen, wo sie auf Tamar trifft, die nun bereits in ihrer neuen Identität als Zhila steckt. Shira spricht sie an, weil sie meint, sie aus ihrer Militärzeit in Israel zu kennen. Das versucht sie später im Verhörraum auch Yoni zu erzählen und setzt damit eine folgenschwere Ereigniskette in Bewegung...
Denn nun wird der iranische Beamte Faraz Kamali (Shaun Toub, Homeland, Grimm) hellhörig. Dass die beiden Israelis im Verhörraum landen, ist zunächst reines Standard-Prozedere für Angehörige eines Feindlandes, wie Kamali es erklärt. Doch der Vorfall in der Toilette zieht das Interesse auf sich und statt dass sie im Flieger Richtung Delhi sitzen, müssen wir nun um das Leben der beiden Musikfans und der Frauen mit den getauschten Identitäten bangen. Trotz anders lautender Befehle von oben ermittelt Kamali weiter und versucht, den Flieger im letzten Moment zu stoppen.
Unterdessen gelangt Tamar in ihrer neuen Identiät in Zhilas Wohnung in Teheran an, in der sie auf einen liebeskranken Ehemann trifft, welcher sich aus Liebe zu seiner Frau in die Agentenwelt begibt, sich jedoch vor allem danach sehnt, ein freundliches Gesicht am Abendbrottisch zu sehen. Auch ein Plausch unter Nachbarn und Kollegen wird für die junge Agentin zum Spießrutenlauf. Als sie letztlich erkennt, was Zhilas Boss im Atomkraftwerk wirklich im Sinn hat, wird es wirklich gefährlich für die Undercover-Spionin.
Wie kommt es rüber?
Tehran ist ein handwerklich solider gemachter Spionagethriller, der mit allen Mitteln versucht, in den 50 Minuten der Pilotepisode den Puls der Zuschauer in die Höhe zu treiben. Das gelingt bestens, wenn auch an manchen Stellen mit arg billigen Mitteln. Denn, um das Konstrukt auf die Spitze zu treiben und die Gefahr überhaupt auszulösen, muss die unbedarfte Touristin Shira zwei große Fehler begehen, die nur bedingt nachvollziehbar sind...
Sie wähnt sich in großer Gefahr und hat trotzdem nichts anderes zu tun, als die Frau in der Toilette anzusprechen. Dass sie überhaupt das Auge dafür hat, eine einstige, weit entfernte Kollegin zu erkennen, ist erstaunlich. Dass sie sie anspricht, kann man ihr noch durchgehen lassen. Dass sie jedoch wenig später Yoni davon erzählen will, ausgerechnet in einem garantiert überwachten Verhörraum, kann man nur noch auf maximale Verwirrung angesichts der Situation schieben. Aber auch das ist natürlich möglich. Schließlich war sie im Vorfeld so unbekümmert, dass ihre Psyche vielleicht noch nicht ganz umgeschaltet hat. Yoni, der sich vom Moment des Abhebens bewusst ist, dass er zum Spielball der großen Politik werden kann, reagiert umsichtiger und versucht, seine Freundin zum Schweigen zu bringen.
Was den Serienmachern mit den beiden arglosen Touristen gut gelingt, ist es, uns als Zuschauer abzuholen. Denn mit wenigen Dingen können sich vermutlich mehr Menschen vor der Mattscheibe identifizieren als damit, etwas leicht Gewagtes, Dummes oder Unvernünftiges zu tun, um Geld zu sparen.
Während wir mit den beiden bangen, sind wir dann auch schon mitten drin im Agentenspiel um Tamar. Die nimmt zwar die falsche Hand, um ihren Koffer zu ziehen, was ebenfalls wie ein Anfängerfehler wirkt, aber zeigt sich darüber hinaus als gut vorbereitete Hacker-Spionin. Zum großen Gegenspieler wird der Beamte Faraz Kamali aufgebaut, der eigentlich nur am Flughafen ist, um mit seiner Frau nach Paris zu fliegen. Doch er gerät in das Dilemma wie so viele Thriller-Antagonisten vor ihm. Er hat den richtigen Riecher und erkennt die Gefahr, doch genau in dem Moment, in welchem er es beweisen kann, ist es zu spät. Das Flugzeug mit der echten Zhila hebt ab in Richtung Indien. Zurück bleibt eine Agentin, von deren Existenz Kamali nun weiß. Tamar ist in Gefahr, bevor ihr Auftrag richtig begonnen hat und weiß noch nichts von ihrem Gegner.
In vielerlei Hinsicht ist die Serie Tehran nicht gerade originell und vor allem daher recht vorhersehbar. Auch das Problem, mit dem Tamar und wir am Ende der Pilotepisode zurückgelassen werden, ist nicht neu, aber in dieser Konstellation trotzdem interessant. Sie tötet Zhilas Chef, als sie feststellt, dass der seine Angestellte missbraucht und vergewaltigt. Wie ebenfalls so viele TV-Agenten vor ihr, muss sie es tun, weil er erkannt hat, dass sie nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. Nun sieht sie sich an ihrem ersten Tag mit einer Leiche konfrontiert - keine leichte Hürde. Das Problem bei diesem typischen Thriller-Spannungsbogen ist, dass wir schon davon ausgehen können, dass sie nicht mit der Leiche erwischt und enttarnt wird. Ebenso kann man zuvor in einem kühlen Moment davon ausgehen, dass der Flieger abheben darf. Denn andernfalls wäre die Story vorbei und das „Game Over“ darf vor dem Staffelfinale nicht eintreten. In der Pilotepisode sind die Figuren so gut gezeichnet und die Storys so interessant, dass es spannend bleibt, auch wenn wir schon wissen, wie es ausgeht. Ob die Serie das Niveau aufrechterhalten kann, wenn Tamar erst einmal in ihrer neuen Identität angekommen ist, muss sich zeigen.
Fazit
Das Spionagedrama aus dem Hause Apple zeigt sich spannungsgeladen, aber auch voller Klischees. Hier haben wir es mehr mit einem Actionfilm als mit The Americans zu tun. Die Leistung des Casts überzeugt und auch die Ästhetik darf die Serie auf der Plus-Seite verbuchen. Ob es auf Dauer mehr gibt, als künstlich hochgepushte Spannungsbögen, bleibt abzuwarten.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Apple-TV+-Serie „Tehran“: