Survivors: Review der ersten drei Episoden

© ZDF/Matheus Bertoni
Das passiert in „Survivors“
Ein Jahr ist vergangen, seit das Segelboot Arianna nach einem Sturm spurlos auf offener See verschwunden ist. Die Hinterbliebenen der zwölf Besatzungsmitglieder finden sich allmählich mit ihrem schmerzlichen Verlust ab und treffen sich in einer Kirche zu einem Gedenkgottesdienst. Doch nur einen Tag später erreicht sie die erlösende Mitteilung, dass die Arianna mit sieben Überlebenden an Bord gefunden wurde. Doch wie konnten sie so lange auf dem Meer überleben? Und wer ist die seltsame Frau, die sie angeblich aus dem Meer gerettet haben? Stück für Stück offenbaren sich Geheimnisse, die niemals hätten ans Tageslicht kommen sollen.
Echos
Survivors hat eine interessante Prämisse die sich partiell wie ein entferntes Echo auf den Mysteryserien-Kracher Lost anfühlt, wenn sich die eigentlichen Themen auch stark unterscheiden. Auf den narrativen Kern heruntergebrochen geht es jedoch hier wie da um eine Gruppe von Menschen, die sich in einer Ausnahmesituation ums Überleben kämpfend wiederfinden und in eine rätselhafte Geschichte voller Geheimnisse verwickelt sind. Grundlegend sind solche Konstrukte immer interessant. Die italienisch-deutsch-französische Ko-Produktion macht allerdings in den ersten drei Episoden eine Reihe von schwer auszubügelnden Fehlern, die den Unterhaltungswert dämpfen.
Gut ist zunächst erst einmal, dass der Plot auf zwei Zeitebenen angesiedelt ist. Der Löwenteil geht an die Gegenwart, der sich mit der Rückkehr der Protagonisten Luca (Lino Guanciale), Marta (Camilla Semino Favro), Nino (Luca Castellano), Lorenzo (Giacomo Giorgio), Bianca (Maddalena Crippa) sowie der mysteriösen Alex (Sophie Pfenningstorf) befasst. Wir folgen den Figuren dabei, wie sie sich wieder in ihre alte Welt einfinden und versuchen, ihr Leben weiterzuführen, erleben aber auch mit, dass sie alle ein Geheimnis umgibt.
Zwei Zeitebenen
Dieser Teil der Geschichte wird immer wieder mit kurzen Rückblenden durchbrochen, die die Ereignisse auf der Arianna häppchenweise enthüllen. So logisch der Aufbau an sich auch ist, birgt er hier ein großes Problem mit dem Zeitmanagement in sich. „Survivors“ ist nämlich so stark figurengetrieben, dass zu jeder Hauptfigur auch eine Reihe von Nebenfiguren gehören, die sich in endlosen Dialogen ergehen. Das zerrt arg am Tempo und an der Geduld, weil gefühlt einfach nichts Wesentliches geschieht.
Sicherlich, innerhalb der Gespräche und den kurzen Rückblenden offenbaren sich immer wieder kleine Fetzen, die den Mythos der Show voranzutreiben versuchen. Allerdings verweilen sie über die ersten drei Episoden hinweg an der Oberfläche und gewähren uns keinerlei Einblicke in das, was Luca und seine Freunde getan oder vielleicht auch nicht getan haben.
So plätschern 156 Minuten Screentime vor sich hin, ohne wesentliche Erkenntnisse mitzubringen, Tempo aufzubauen oder den Spannungsbogen in die Höhe zu treiben. Insofern muss man eine ganze Menge Durchhaltevermögen mitbringen, um herauszufinden, was auf der Arianne geschah.
Mehr zeigen, weniger erzählen

Mit anderen Worten hätte dem Skript ein wenig vom altbekannten Autoren-Grundsatz „Show, don't tell“ gutgetan, denn gezeigt wird, wie bereits erwähnt, eigentlich so gut wie gar nichts. Summa summarum kommen wir damit auf einen stellenweise quälend langsamen Erzählstil, was in Anbetracht der Prämisse schade ist.
Hinzu kommt die erdrückende Fülle an Figuren, mit der wir es zu tun bekommen. Nicht weniger als 23 Personen haben einen mehr oder weniger wichtigen Anteil an der Geschichte, wobei wir es mit sieben Überlebenden und 16 Familienmitgliedern zu tun bekommen. Im Großen und Ganzen laufen weite Teile von „Survivors“ also auf ein Familiendrama hinaus, die aber dramaturgisch zu wenig bieten, um uns wirklich tief in die Story eintauchen zu lassen.
Durchhaltevermögen
Interessanterweise schlich sich bei mir aber trotzdem nach und nach ein Gefühl der Neugier ein. Das liegt vornehmlich daran, dass Drehbuchautorin Viola Risoli immer wieder interessante Details einstreut, die sich mal in bestimmten Gesten, mal in kurzen Monologen, einer Traumsequenz, und im Fall von Nino in seltsamen Zeichnungen wiederfinden.
Die letzten Minuten der ersten zwei Episoden halten zudem einen kleinen Cliffhanger bereit, während der nächste Teil mit einem verwirrenden Wendepunkt endet, der einen spannungsvollen weiteren Verlauf der Staffel verspricht. Die Fragestellungen sind außerdem klar herausgearbeitet: Was ist während des Sturms auf der Arianna geschehen? Wieso ging das Boot verloren? Weshalb blieb es ein Jahr lang verschollen und wie haben Luca und die anderen überlebt? Wer ist die Fremde, deren Auftauchen am Ende der dritten Folge auf so geheimnisumwobene Weise thematisiert wird?
Und last but not least: Wer ist das Mädchen, das Luca anklagend in seinen Träumen heimsucht, und die Nino in düsteren Zeichnungen verewigt? Fragen, die auch die Polizistin Anita (Pia Lanciotti) umtreiben, die auf der Arianna ihren Sohn verlor, derer Schwiegertochter aber überlebte und nun im vierten Monat schwanger ist. Aber von wem, und wenn von Anitas Sohn, was ist ihm dann widerfahren?
Fazit
Der Riesenwust an Rätseln, die da in „Survivors“ vor dem Publikum aufgetürmt wird, hat ohne Frage Potential, braucht aber, wie oben erwähnt, einen viel zu langen Anlauf, um durchgehend zu unterhalten. Warum muss ich mich fast drei Stunden lang mit endlosen Dialogen herumschlagen, die viel zu oft lediglich auf ein Familiendrama hinauslaufen? Was nützt es, eine wunderschöne, von Geigen, Bratsche und Cello angeführte Musik mit Barockelementen zu hören, die am Ende aber mehr bedeutungsschwanger als szenisch unterstützend wirkt? Und weshalb bietet man mir ein grundsätzlich spannendes Setting, lässt mich aber am langen Arm verhungern?
Es ist ärgerlich. Die schauspielerischen Leistungen gehen voll in Ordnung, die Idee ist super und die vielen Andeutungen machen neugierig. Tatsächlich will ich mehr erfahren und das Rätsel um die Arianna lösen. Aber bitte in den kommenden immerhin rund neun Stunden mit etwas mehr Tempo und einem ausgeglicheneren Zeitmanagement in Bezug auf die Anteile in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Ich möchte etwas zu sehen bekommen und nicht nur endlosen Dialogwüsten folgen. Das, was ich wirklich wissen will, findet eindeutig auf der Arianna statt, also lasst mich dort mehr Zeit verbringen.
Für den etwas schleppenden Start mit Potential gibt es unter dem Vorbehalt der steigenden Tendenz drei von fünf Masten.
Hier abschließend noch der Trailer zur hier rezensierten Mysteryserie „Survivors“ auf ZDFneo: