Supacell: Michael - Review der Pilotfolge der Superheldenserie

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Das passiert in der Pilotfolge von „Supacell“
Michael (Tosin Cole) befindet sich auf einem guten Weg. Gerade erst haben er und seine Verlobte Dionne (Adelayo Adedayo) ein Haus und ein schickes Auto gekauft. Zum perfekten Glück fehlt nur noch der Heiratsantrag, den Michael ihr auch eines Abends macht. Doch er hütet auch ein großes Geheimnis. Er verfügt über die Fähigkeit, in die Zukunft zu springen, um so Ereignisse in der Gegenwart zu beeinflussen.
Als er während einer heißen Sexnacht versehentlich einige Monate vorwärts springt, trifft er dort auf sein älteres Ich, das eine Gruppe junger Menschen mit Superheldenfähigkeiten anführt. Dionne ist kurz nach dem Antrag gestorben, doch es gibt einen Weg, ihren Tod zu verhindern. Von nun an setzt Michael alles daran, die anderen Supermenschen zu finden, um gemeinsam mit ihnen das Schlimmste zu verhindern.
Der deutsche Trailer zu „Supacell“:
Routine
Abgesehen davon, dass Supacell eine Serie von Schwarzen für schwarze Menschen ist, geschieht in der Pilotfolge Michael nichts, was man nicht schon hundertmal in anderen Serien und Filmen gesehen hat. Die Geschichte beginnt mit einem nicht unüblichen Schockmoment, der Interesse weckt und einen Ausblick darauf gibt, mit welchen Menschen und Organisationen wir es im Verlauf der sechstteiligen Staffel zu tun bekommen.
Das ist zwar nicht sonderlich innovativ, geht aber sowohl technisch, als auch dramaturgisch voll in Ordnung, da ein wenig Exposition schließlich ausschlaggebend für das Verständnis der Handlung ist. Nachdem wir also erfahren haben, dass es Menschen mit Superkräften gibt, die eine mächtige Gruppierung unter allen Umständen kontrollieren will, geht es munter mit der Figurenvorstellung weiter. Da wir es allerdings gefühlt mit einer halben Armee von Superheldinnen und -helden zu tun bekommen, zieht sich dieser Teil mehr oder weniger spannend fast über die gesamte restliche Episode hinweg. So erfahren wir, was die Hauptfiguren umtreibt, über welche Fähigkeiten sie verfügen und wie man sie dazu bringt, diese einzusetzen.
Zu wenig, um gut zu sein

Das alles erinnert einerseits verdächtig an die „X-Men“-Reihe, andererseits aber auch an den modernen Serienklassiker Heroes. Im Grunde genommen fügt „Supacell“ dem Genre nichts Neues hinzu und ruht sich auf Klischees und althergebrachten Schemata aus. Obwohl die Serie ihrer ganzen Charakterisierung und dem Feeling nach auf Persons of Color ausgerichtet ist, reicht dieser Umstand indes keineswegs aus, um der Show eine gewisse Eigenständigkeit zu verleihen. Hinzu kommt, dass zumindest in der Pilotfolge das Gut-Böse-Konzept hautfarbenorientiert zu sein scheint, was ich für ein veraltetes und damit obsoletes Konzept halte.
Um es noch einmal zu betonen: Es geht nicht darum, ob ausschließlich Persons of Color Superheldenfähigkeiten vorweisen, sondern dass zudem alle gezeigten Bösewichte weiß sind. Das mag sich im Verlauf der ersten Staffel noch ändern, hinterlässt aber bei der Begutachtung der Debütepisode einen betont politisch motivierten Beigeschmack. Noch prägnanter ist Dionnes Bemerkung während des Schauens einer Datingshow, in der sie sich explizit gegen Mischbeziehungen ausspricht und findet, dass man keine schwarzen Männer einladen sollte, die auf weiße Frauen stehen. Ob es solcher Einschübe bedurft hätte, darf und soll das geneigte Publikum für sich selbst entscheiden.
Nichts Neues an der Superheldenfront
Kommen wir damit zum Kernstück von „Supacell“: zu den Fähigkeiten der Protagonisten. Auch hier geschieht absolut nichts Überraschendes. Von der altbekannten Blitz-Geschwindigkeit, über Teleportation, Superstärke, dem Schweben und Telekinese bis zur Zeitmanipulation ist so ziemlich alles dabei, was Hiro Nakamura und Co auch können. Auch hier gilt wieder, dass der Schauwert aufgrund der guten Umsetzung auf jeden Fall gegeben ist. Wer also mit den widergekäuten Standards leben kann, wird mit der Pilotfolge vielleicht seinen Spaß haben.
Andererseits zieht sich das Kennenlernen der Hauptfiguren recht lange hin, ohne dass einen die Stimmung der Show irgendwie mitreißt. Muss ich wirklich wissen, dass Michael für einen Lebensmittellieferservice arbeitet? Was bringt mir die Information, dass Andre (Eric Kofi-Abrefa) vorbestraft ist und alles daransetzt, seinen Sohn treffen dürfen? Oder dass Tazer ein mehr oder weniger erfolgloser Straßenganganführer ist? Sicherlich kann man argumentieren, dass man mehr über den Charakter der Protagonisten erfahren möchte. Allerdings gibt die Figurenzeichnung in der Debütfolge zu wenig her, um den künftigen Superheroes nah zu kommen.
Der Twist
Das ist durchaus schade, zumal vor allem Michael Sympathiepunkte sammelt, die ihn im finalen Cliffhanger als Anführer der Superheldentruppe prädestinieren. Das Ende der Episode ist dann auch der große Hoffnungsschimmer von „Supacell“. Michael springt in die nahe Zukunft und erlebt mit, wie sein älteres Ich gemeinsam mit anderen Heldinnen und Helden vor einem Portal steht und sich auf einen harten Kampf vorbereitet.
Mit diesem Twist gibt die Serie quasi das Versprechen ab, den Actionlevel von nun stark anzuheben und sich auf das eigentliche Herzstück von Geschichten jener Art zu konzentrieren: coole Kampfchoreografien, herrlich fiese Bösewichte, die am besten die Welt erobern oder vernichten wollen und mitten drin coole Kämpferinnen und Kämpfer, die ihr Bestes geben.
Fazit
Supacell ist gar nicht mal so leicht zu bewerten. Einerseits hinterlässt das betonte Hautfarbenbild von Serienerfinder Rapman einen mehr als nur faden Beigeschmack. Zudem spult die Serie altbekannte Klischees ab und fügt dem Genre nichts Bemerkenswertes hinzu. Andererseits darf man fragen, ob dies bei einer klassischen Superheldengeschichte überhaupt nötig ist. Reicht es nicht vollkommen aus, sich an dem Altbewährten entlangzuhangeln und dieses mit jeder Menge Action aufzuwerten? Für eine einmalige Bingewatchsession mag das ja zutreffen, in Erinnerung bleibt die Serie so aber auch nicht, es sei denn, da passiert noch einiges. Die Hoffnung stirbt indes zuletzt und der Cliffhanger am Ende der Folge weist auf jeden Fall in die richtige Richtung. Von uns gibt es deshalb 3 von 5 Superfähigkeiten.
Der englische Trailer zu „Supacell“: