Suburra 1x01

© ann er wohl zum ersten Mal abdrückt? / (c) Netflix
Die Eröffnungsszene der neuen Netflix-Mafiaserie Suburra lässt sogleich Schlimmes befürchten: Da steigt Monsignore Theodosiou (Gerasimos Skiadaressis) in seine Dienstlimousine, hört im Radio die Nachrichten vom Rücktritt des Römer Bürgermeisters, und lässt sich zu einer ausschweifenden Sexparty kutschieren, wo neben vielen nackten Leibern auch Unmengen an Kokain und Alkohol gereicht werden. Mitten im zweiten Akt (den wir zu sehen bekommen) erleidet er jedoch einen Herzinfarkt und stolpert vor die Füße von drei Nachwuchsmafiosi.
Mit der Mafia scherzt man nicht
So endet das Cold Open, und man könnte danach glauben, dass es nun in diesem Affenzahn weitergeht. Die Autoren Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini sowie Regisseur Michele Placido scheuen zwar nicht davor zurück, tief in die Klischeekiste zu greifen, aber sie verknüpfen das eben mit einer sich erst allmählich zu erkennen gebenden Charakterzeichnung, die am Ende drei klare Protagonisten hervorbringt, deren Geschichten man gerne weiterverfolgen möchte. In diesem Sinne kann man die Pilotepisode als vollen Erfolg bezeichnen.
Mutig ist von ihnen außerdem, in wahrer David-Simon-Manier darauf zu verzichten, Orte, Namen und Seilschaften explizit zu nennen. Bei einigen Hauptfiguren dauert es sogar bis zum Schluss, bevor man überhaupt ihre Namen erfährt. Das Autorenteam wirft uns einfach ins kalte Wasser der Römer Mafiaverwicklungen - und lässt uns erstmal darin treiben, ohne uns einen dramaturgischen Rettungsring zuzuwerfen. So gelingt es, ein Gefühl für die Geschichte zu entwickeln, sie atmen zu lassen, bevor man uns mit Plot zupflastert. Was nicht heißen soll, dass es davon nicht genug gäbe.
Eher ist das Gegenteil der Fall: Hier ist so viel Plot aufzuarbeiten, dass es leicht unübersichtlich werden kann. Glücklicherweise hängt offensichtlich alles zumindest ein wenig mit allem zusammen. Fangen wir doch bei der Figur an, die in den meisten Handlungsbögen auftaucht wie ein böser Geist. Sie hört lediglich auf den Namen Samurai (Francesco Acquaroli), der von beinahe allen, die ihn aussprechen, mit ebensoviel Hochachtung wie Furcht intoniert wird. Er ist eine Art Über-Pate, der sowohl als Fixer agiert wie auch als Einfädler. Hier geht es ihm vorrangig um den Erwerb von Grundstücken in Ostia, die von den „Familien des Südens“ genutzt werden sollen, um einen neuen Drogenumschlagsplatz zu bauen.

An diesen Grundstücken haben auch viele andere Parteien ein gesondertes Interesse. Der zurückgetretene Bürgermeister höchstselbst will sie mittels eines Konsortiums erwerben, weil er sich davon eine hohe Gewinnspanne erhofft, die er gebrauchen kann, um seinen Schuldenberg abzutragen. Seine Ehefrau Sara Monaschi (Claudia Gerini) befindet sich dafür in einer optimalen Position: Als Rechnungsprüferin des Vatikans kann sie Einfluss auf die Entscheider nehmen, denen ganz zufälligerweise manche der begehrten Grundstücke gehören.
Sei ein Mann
Besagter Monsignore aus der Auftaktszene ist jedoch einer der Zweifler, weshalb die verhängnisvolle Sexparty überhaupt erst von Sara arrangiert wurde. Hier kommt ihre ehemalige, sehr junge Affäre Gabriele, genannt „Lele“ (Eduardo Valdarnini), ins Spiel, der die Römer Glamour-Welt im Nebenjob mit Kokain und Prostituierten versorgt - allerdings auch dort, wo andere Clans wüten, wodurch er sich einen gewaltigen Schuldenberg aufgehalst hat, der nun innerhalb von 24 Stunden abgetragen werden muss. Und dabei hätte sein Vater doch so gerne, dass er Polizist werden würde.
Die Erfüllung väterlicher Erwartung ist am Ende von 21 Tage Leles kleinstes Problem. Da stehen er und die beiden anderen Möchtegern-Gangster Aurelio (Alessandro Borghi) - seinerseits enttäuscht, weil der Stiefvater seine hochtrabenden Pläne blockiert - und Spadi (Giacomo Ferrara) - ein Sinti-Mitglied, das seine arrangierte Verlobung feiern soll, obwohl er schwul ist - über dem zusammengebrochenen Monsignore. Obwohl sie sich nicht gerade grün sind, realisieren sie schnell, dass dies eine äußerst vorteilhafte Situation für sie sein könnte. Der Vatikan bezahlt schließlich gut, um seine schmutzigen Geheimnisse unter Verschluss zu halten.
Die Szene funktioniert aber nicht nur deswegen gut, sondern auch, weil zuvor hinreichend dargelegt wurde, was die drei Protagonisten antreibt: Alle haben sie Sorgen, die mit einem plötzlichen großen Gelderwerb gelöst werden könnten. Das macht die Geschichte im Verlauf der Pilotepisode so spannend und lässt uns Zuschauer einfacher darüber hinwegsehen, dass hier teilweise mit sehr breitem Pinselstrich gemalt wurde - vor allem immer dann, wenn der Vatikan im Spiel ist. Überdies gibt es weitere Handlungsbögen wie den um das ebenso idealistische wie ehrgeizige Stadtratsmitglied Cinaglia (Filippo Nigro), die bisher nur angerissen wurden.
Man hat durchaus das Gefühl, dass sich die Macher von Suburra fest vorgenommen haben, nicht einfach nur ein zweites Gomorrha zu produzieren. Schaffen sie es zwar dank ihrer Figurenkonstellation, gleich von Anfang an ein ähnlich hohes Interesse wie der ruhmreiche Vorgänger zu generieren, fällt doch auf, dass die visuelle Umsetzung weniger brillant ausgefallen ist. Die Drehorte sind weniger ausgefallen, die Kamerafahrten nicht so hypnotisierend, die Atmosphäre schlichtweg nicht so dicht. Ein äußerst fähiges Ensemble macht das aber teilweise wieder wett. Die Pilotepisode macht Lust auf mehr.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 6. Oktober 2017Suburra 1x01 Trailer
(Suburra 1x01)
Schauspieler in der Episode Suburra 1x01
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