Stumptown: Forget It Dex, It's Stumptown - Review der Pilotepisode

© obie Smulders in Stumptown (c) ABC
ABC schickt mit Stumptown eine neue Comicadaption ins Rennen. Diesmal aber nicht von Marvel, sondern sie basiert auf der Independentcomicreihe gleichen Namens, die von Greg Rucka und dem Zeichner Matthew Southworth erdacht wurde.
Cobie Smulders (How I Met Your Mother, Maria Hill im Marvel Cinematic Universe) spielt dabei die Hauptfigur Dex Parios. In der leicht chaotischen und verschachtelten Pilotfolge lernen wir sie besser kennen. Die Afghanistan-Veteranin wohnt zusammen mit ihrem Bruder Ansel (Cole Sibus) in Portland, Oregon und lebt ein wenig in den Tag hinein. Sie scheint zwar einen eingebauten Bullshit-Detector zu haben, aber ihr sonstiges Leben kriegt sie nur schwer auf die Reihe. PTSD, Spielschulden, One-Night-Stands und kein richtiger Job gehören bei ihr dazu, dafür hat sie aber ein Talent für Detektivarbeit. Angehäufte Glücksspielschulden sorgen dafür, dass Sue Lynn Blackbird (Tantoo Cardinal) sie damit beauftragt, ihre verschwundene Enkeltochter Nina (Blu Hunt) ausfindig zu machen, was in drei überaus ereignisreichen Ermittlungstagen mündet. Nina war zwar bereits vorher von zu Hause ausgebüchst, aber diesmal scheint es ernster zu sein und so folgt Dex den Spuren. Was zunächst wie ein Durchbrennen mit ihrem Freund Michael (Dylan Colton) aussieht, entpuppt sich doch als eine Erpressungsaktion gegen die Casinobesitzer.
Sweet Caroline
Männliche Privatermittler gibt es im Serienbereich wie Sand am Meer. Überlegt man etwas länger, um das weibliche Pendant zu finden, das irgendwie Eindruck hinterlassen hat, wird es nach Veronica Mars und Jessica Jones wahrscheinlich schon eng. Allerdings scheint es bei Serienmachern Mode zu sein, die Frauen dann mit komplexen oder tragischen back stories zu überladen. Dex hat wirklich einige Laster und Schwächen vorzuweisen: One-Night-Stands, Kriegstrauma, einen toten Verlobten, Spielschulden, ein Familienmitglied um das sie sich kümmern muss, kein festes Einkommen, eine Schrottkarre und diverse noch nicht bezahlte Strafzettel. Das wirkt ein bisschen wie Lasterbingo, wird aber gerne dazu genutzt, um sie vermeintlich interessanter zu machen. Ganz ehrlich: Die Hälfte davon hätte wohl auch gereicht. Dennoch spielt Smulders zumindest mit deutlich mehr Leidenschaft als bei ihren letzten Maria-Hill-Auftritten und persönlich finde ich, dass ihr die Rolle der abgebrühten und dennoch fähigen Ermittlerin gut steht. Ich hätte beispielsweise auch nichts gegen sie als Jessica Jones gehabt...
Der Pilot wirkt in seiner Struktur etwas unordentlich, was aber vielleicht zur Figur passen soll. Nach einer kurzen Eröffnungsszene gehen wir drei Tage zurück und erfahren so einiges über die aktuelle Situation von Dex, nur um später wieder an den Anfang zurückzuspringen. Dabei finde ich - vor allem in den letzten zehn Minuten - manche Schnitte etwas zu chaotisch und sprunghaft. Man versucht in den ersten rund 42 Minuten, sie und ihr Ensemble zu etablieren, gleichzeitig einen ersten Fall zu lösen und sie für eine neue Berufung in Stellung zu bringen, was bei Dramapiloten bei Networks recht oft gemacht wird, aber wahrscheinlich noch kein richtiges Bild von der anschließenden Serie liefert.
I think we're alone now
Was mir bisher gut gefällt: die Dynamik zwischen Dex und dem Bartender-Kumpel Grey (Jake M. Johnson). Johnson hat schon in New Girl sein komödiantisches Talent gezeigt und demonstriert, dass er mit schnellen Dialogen gut umgehen kann. Schon jetzt sieht es aber danach aus, als würden die beiden irgendwann mal auf eine Affäre zusteuern. Das will das Networkgesetz. Ob das auch im Comic so ist, vermag ich nicht zu sagen, weil ich damit diesmal nur am Rande vertraut bin.
Smulders als Hauptdarstellerin mag ich im Prinzip auch. Sie hat sich eigentlich schon länger so eine Hauptrolle verdient, aber die weiteren Folgen müssen zeigen, ob die Autoren ihr auch entsprechend sehenswertes Material auf den Leib schneidern könnrn. Die Barszene in der Pilotfolge demonstriert jedenfalls schon einmal, dass es ihre Figur drauf hat, auch wenn das durchaus ein bisweilen überstrapaziertes Serienklischee sein kann, wenn man anhand weniger Blicke sein Gegenüber so nach Strich und Faden durchschauen kann. Die sexuelle Spannung mit Detective Miles Hoffman (Michael Ealy) ist okay und wahrscheinlich notwendig, um ihre weitere Arbeit als potentielle Privatermittlerin zu etablieren, denn über kurz oder lang trifft sie eh immer wieder auf die Polizei.
Portland als Serienkulisse finde ich noch vergleichsweise frisch. Mir fallen spontan auch nur Grimm und Portlandia ein, die ebenfalls dort spielen, während die hippe Stadt an der Westküste unter Comicschaffenden wie Greg Rucka, Matt Fraction oder Brian Michael Bendis den Ruf als Kreativoase, aber eben auch als Hipster-Hochburg hat. Ich denke, da kann man noch einiges herausholen. Charmant finde ich zudem die Figur Ansel und bin gespannt, wie man sie weiterhin einbauen wird.
Für die weiteren Folgen wünsche ich mir ein bisschen mehr Fokus und weniger erzwungene Verschachtelung. Experimente sind okay, nutzen sich aber auch schnell ab, wenn sie nicht gut genug umgesetzt sind.
Fazit
Es ist noch einige Luft nach oben möglich, aber für mich fühlt sich Stumptown wie ein geistiger Nachfolger von Veronica Mars (ohne Teenkomponente und mit weniger Hochglanz-Noir) und Jessica Jones (ohne Superkräfte, aber ähnlich verkorkst) an. Ich habe Lust auf eine locker-leichte und bisweilen actionreiche Ermittlerserie mit einem vielversprechenden Cast und schaue mir zumindest noch die nächste Folge an, um zu sehen, in welche Richtung sich die Serie entwickelt. In meinen Augen können sich die Macher noch etwas mehr auf die Einzigartigkeiten des Settings stürzen und Portland sowie die Hauptfigur etwas ausschmücken.
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Hier abschließend noch der Trailer zur neuen ABC-Serie „Stumptown“: