Stranger Things 4x01

© oster zur neuen Season der Serie Stranger Things (c) Netflix
Die vierte Staffel der Serie Stranger Things umfasst zwar die üblichen acht bis neun Folgen, doch wegen der langen Wartezeit seit Sommer 2019 haben sich Netflix und die Duffer-Brüder wohl gedacht, dass man das mit der Länge der Einzelfolgen wieder wettmachen muss. Statt der gewohnten etwa einen Stunde dauern die sieben bisherigen Episoden mindestens 63 Minuten und maximal eine Stunde und 38 Minuten, wobei das Finale, das erst im Juli über die Streaming-Bühnen gehen wird, dann sogar zweieinhalb Stunden dauert. Das ist länger als so mancher Big-Budget-Blockbuster...
Gleichzeitig fragt man sich unweigerlich, warum man nicht einfach eine bessere Balance gefunden hat, etwa 13 grob einstündige Kapitel, zum Beispiel. Das hätte dem Flow der Handlung wahrscheinlich helfen können. Denn der Kritikpunkt, den man zu diesen Folgen wohl am häufigsten lesen wird - und das zu Recht -, ist, dass sie bei allem Unterhaltungswert doch ihre Längen haben. Das ist bei einem so beliebten Format wie „Stranger Things“ natürlich Jammern auf hohem Niveau, weil man merkt, dass Netflix viel Geld zur Verfügung gestellt hat, um die bisher größte Season umzusetzen.
Davon abgesehen liefen die anderen Staffeln oftmals nach einem Muster ab: Eine Bedrohung kommt nach Hawkins und die jugendlichen Protagonisten und vor allem Eleven (Millie Brown) müssen sich etwas einfallen lassen, um die Invasoren aus dem Upside Down in die Schranken zu weisen. Im Rahmen einer durchaus stylischen 80er Jahre Hommage, in der zahlreichen Popkultur-Phänomenen liebevolle Tribut gezollt wurde, hat das funktioniert - und ich persönlich habe meistens recht schnell gebinged, was das Zeug hielt.
Extralang und extrabrutal

Die extralangen Folgen habe ich mir diesmal in zwei Tagen vorgenommen, habe mich allerdings vorab nicht um Screener gerissen, sondern wollte mir ein eigenes Tempo erlauben. Vorab lässt sich sagen, dass es nicht nur die extralange Staffel ist, sondern auch eine, die den Gewaltgrad deutlich erhöht, im Vergleich zu den vorherigen Staffeln. Auf eine bestimmte Art und Weise war „Stranger Things“ sicherlich schon immer nicht zimperlich und hatte auch seine Gruselelemente (alles, was so aus dem Upside Down kreucht und fleucht), doch der Gegner dieser Staffel, Vecna, dessen Identität erst in der siebten Folge Chapter Seven: The Massacre at Hawkins Lab offenbart wird und dessen Name mal wieder auf Dungeons and Dragons basiert, stellt alles bisher in der Serie Gesehene in den Schatten.
Seine Opfer werden verbogen und jeglicher menschlicher Struktur geraubt. Er selbst erinnert nicht ganz zufällig an Freddy Krueger (Robert Englund) aus den „Nightmare-on-Elm-Street“-Filmen. Englund selbst spielt auch eine Rolle in der Staffel als Victor Creel, denn Creels gesamte Familie gehört zu den frühen Opfern von besagtem Vecna. Ich finde, das meiste, was irgendwie mit Vecna, seiner Herkunftsgeschichte und seinen Opfern zu tun hat, ist „Stranger Things“ in Reinkultur. Würde man irgendwie eine Schnittfassung liefern können, die sich noch mehr darauf fokussiert, hätte man eine stärkere Staffel, aber man merkt schon an diesen Worten, dass dem nicht so ist...
Pass the Dutchie

Unsere Freunde im Mittelpunkt sind nach den Ereignissen der dritten Staffel nämlich teilweise getrennt worden. Will (Noah Schnapp), Joyce (Winona Ryder) und Jonathan (Charlie Heaton) Byers sind zusammen mit Eleven, jetzt im öffentlichen Raum mit dem Namen Jane, nach Kalifornien gezogen, wo sie ein neues Kapitel aufschlagen möchten. Eleven und Mike (Finn Wolfhard), die ein Paar sind, stehen in Briefkontakt und ein Besuch Mikes an der Westküste steht kurz bevor.
Eleven biegt sich in ihren Erzählungen die Wahrheit zurecht und schwärmt von der neuen Schule und Freunden, gilt hier aber klar als Außenseiterin unter den oberflächlichen Mitschülern. Besonders Blondine und Queen Bee Angela (Elodie Grace Orkin) macht ihr den Alltag durch Hänseleien zur Hölle. Es geht sogar so weit, dass Eleven sich mit ihren Kräften an ihr rächen möchte, nur hat sie die beim letzten Kraftakt in Hawkins verloren.
Jonathan, der eher eine Nebenrolle hat, freundet sich mit dem Pizzalieferanten Argyle (Eduardo Franco) an und durchlebt eine Stoner-Phase. Wenn es dann wegen eines Ausrasters von Eleven gegenüber Angela doch zur Sache geht, mehrere Parteien nach ihr suchen und ihre Kräfte reaktiven möchten, hilft Jonathan natürlich seinem Bruder und ebenso Mike nach seinen Möglichkeiten. Während ich mancherorts gelesen habe, dass Argyle als Figur abgefeiert wird, konnte ich persönlich nicht so viel mit diesem Abziehbild eines verplanten Kiffers anfangen. Er ist eine Art comic relief, die ich nur mäßig amüsant finde. Vielleicht habe ich das einfach auch schon zu oft gesehen...
In Hawkins feiert das Basketballteam große Erfolge und Lucas (Caleb McLaughlin) ist mittendrin. Das bringt ihn in eine Zwickmühle, denn als Sportler will er wenig mit seinem früheren Nerdimage zu tun haben und hofft, dass seine Freunde vom sportlichen Erfolg profitieren können. Nur stellt sich der Basketball-Captain als zwar überaus charismatisch bei den Mitschülern und Mitmenschen der Stadt heraus, aber auch als eine Person, die sich schnell von Verschwörungsmythen anstecken lässt und dann zu extremen Mitteln tendiert, wozu auch Selbstjustiz gehört...
Der Hellfire Club

So etwa im Fall von Eddie (Joseph Quinn), der schon vor einigen Jahren seinen Abschluss hätte machen sollen und der Leiter des „D&D“-Clubs „The Hellfire Club“ ist, der der ersten Folge ihren Namen gibt und prinzipiell auch eine „X-Men“-Anspielung ist. Das Rollenspiel erhält durch Medienberichte einen zweifelhaften Ruf bei Menschen, die sich nicht mit der Materie beschäftigen und als die beliebte Cheerleaderin Chrissy (Grace Van Dien), die von mysteriösen Visionen und Halluzinationen geplagt wird, unter mysteriösen Umständen im Wohnwagen Eddies umkommt, wird er zum Hauptverdächtigen.
Es liegt nun an Dustin (Gaten Matarazzo), Nancy (Natalia Dyer), Steve (Joe Keery), Robin (Maya Hawke) und einigen anderen Verbündeten, seine Unschuld zu beweisen, sich nicht von den rachsüchtigen Basketballern oder Vecna erwischen zu lassen und eine Verteidigungsstrategie aufzubauen. Das wäre besonders hilfreich für Max (Sadie Sink), die ebenfalls im Visier von Vecna steht, weiter unter dem Verlust von Bruder Billy (Dacre Montgomery) leidet und Vecna bei einer Gelegenheit nur durch grandioses Teamwork (und der Musik von Kate Bush) entkommen kann. Doch sie und ihr Wissen könnten den entscheidenden Vorteil bringen.
Hopper (David Harbour) ist, wie eine kurze Szene am Ende der dritten Season schon angedeutet hatte, ebenfalls noch am Leben, wurde allerdings in ein russisches Straflager gebeamt. Joyce und Murray (Brett Gelman) bemühen sich nach Kräften, ihn zu erreichen und irgendwie nach Hause zu holen, dabei geraten sie jedoch an zwielichtige Typen, die vor allem den eigenen Profit im Kopf haben.
Running up that hill

Man merkt an diesem Versuch einer kurzen Inhaltsübersicht bereits, das einiges vorgeht in Hawkins, Russland und der kalifornischen Wahlheimat der Byers. Doch inhaltlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Während in Kalifornien die Schwierigkeiten von Eleven mit einer späteren ausführlichen origin story in den Geheimlaboren gespiegelt werden, könnte man dort wahrscheinlich gut und gerne mal die Schere ansetzen. Die Autoren wissen schon seit einiger Zeit nicht mehr viel mit Will anzufangen und so bleibt seine Figur die blasseste und hat unter der fehlenden Freundschaft zu Mike ohnehin noch zu knabbern. Wenn man es genau nimmt, dann hat Mike in den sieben Folgen allerdings auch recht wenig zum Plot beizutragen, außer eben Elevens Freund zu sein.
Mit der Zeit wurde das Ensemble natürlich auch durch interessante Figuren ergänzt, wozu Max und Robin zählen. Diesmal finde ich Eddie, der mich an einen jungen Robert Downey Jr. (circa „Weird Science“) erinnert, als durchaus spannende Ergänzung zum Cast. Und darstellerisch ist auch Jamie Campbell Bower zu loben, den Eleven im Labor kennenlernt, ebenso wie Basketball-Captain Mason Dye (Jason Carver), den man schnell zu hassen liebt, was ebenso für Angela aus Kalifornien gilt.
Insgesamt ist das Ensemble der Serie wahrscheinlich schon immer bis in kleine Nebenrollen gut besetzt gewesen, so dass man die eine oder andere nervige Figur wahrscheinlich durchaus gut tolerieren kann.

Was ich jedoch in den sieben bisherigen Folgen wenig erquicklich finde, ist der ganze Handlungsstrang um Hopper. Überhaupt die Entscheidung, sein Opfer direkt aufzulösen und ihn in der Serie zu lassen, gefällt mir nur bedingt. Nun stopft man einige Episoden mit seinem Gefangenenalltag in Russland voll und ich habe oftmals nicht die geringste Ahnung, warum das nötig ist, außer um Joyce und Murray zu beschäftigen. Ist Hopper so ein unverzichtbarer Fanliebling, dass es ohne ihn nicht geht? Eleven hält in Kalifornien ja auch einen Vortrag, der ihn zum Helden stilisiert, was er durchaus war, aber wäre es auf der dramatischen Ebene nicht spannender ohne ihn?
Ich wage zu behaupten, dass man den gesamten Russland-Strang hätte rausschneiden können und man hätte ein stringenteres Sehvergnügen gehabt. Oder man macht es wie in anderen Seasons und widmet, wenn es denn sein muss, diesem Ort eine losgelöste Episode. Sein Kampf mit dem Demogorgon ist zwar nett, aber bringt mir als Zuschauer wenige neue Erkenntnisse oder Mehrwerte. Dass die Macher Figuren endgültig töten können, hat man in der Vergangenheit bewiesen, warum hängt man also so rigoros an ihm fest? Bei dieser Storyline muss man wohl zudem die meisten Logiklücken und glücklichen Zufälle hinnehmen. Das erstreckt sich vom Timing über die Kommunikation, bis hin zu Überlebenschancen der Beteiligen.
Elevens origin story im Labor erhält ebenfalls überraschend viel Screentime, vielleicht auch etwas zu viel, aber hier kann man immerhin neue Hintergründe etablieren und auch eine überraschende retcon einbauen. Denn es war doch nicht Eleven, die die anderen Kinder gekillt hat, sondern Nummer eins aka Henry Creel aka Vecna, was der große Cliffhanger für die Pause zwischen Part I und II ist.
Die Andeutungen auf so etwas lassen sich, wenn man zurückdenkt, recht eindeutig erkennen, der Weg dorthin ist aber durchaus kurzweilig. Besonders die siebte Folge rekontextualisiert einiges und macht Lust auf die letzten beiden offenen Episoden, wobei ich hoffe, dass das bisherige Erzählmuster der Vorgängerstaffeln in den letzten offenen Folgen etwas aufgebrochen werden kann. Immerhin sind die Figuren - vor allem Dustin - inzwischen teilweise so selbstreferentiell, dass sie sich eingestehen, dass oftmals alles an Eleven hängt.

Wie schon angedeutet, hatte ich in Hawkins wohl die meiste Freude, bei dem meisten, was Dustin, Steve und Co so anstellen. Die Eltern mit Ausnahme von Joyce werden zwar wieder größtenteils als Nebendarsteller und comic relief verheizt, aber das finde ich nicht schlimm. Besonders Max ist ein heimlicher Star der Staffel und ich bin sehr gespannt, welche Rolle sie womöglich noch im Finale spielt. Erica (Priah Ferguson) erhält glücklicherweise auch noch etwas mehr Screentime und bringt durch ihre Ehrlichkeit einigen frischen Wind herein, auch wenn selten jemand auf ihre Warnungen hört.
Ist man ein Fan von Stranger Things, dann gibt es sicherlich auch in dieser Season wieder einige Momente, Duos, Teams und Handlungsstränge, die einem gefallen, doch insgesamt ist vieles etwas diffuser und vollgestopfter, als es wahrscheinlich sein müsste. Statt „Höher, schneller und weiter“ könnte man ja auch das Motto „Weniger ist mehr“ verfolgen, wobei der Leistungsdruck durch Netflix und die weltweite Fanbase das wahrscheinlich nicht erlaubt.
Und auch in der finalen fünften Staffel, die noch kommt, will man sich wohl eher noch mal steigern, statt auf die Anfänge zu besinnen. Denn, obwohl „Stranger Things“ erst seit 2016 läuft, gibt es wohl schon so etwas wie die Nostalgie auf die unschuldigere Startzeit, als die Protagonisten noch sehr jung waren. So wie die jungen Darsteller dem Alter ihrer Figuren entwachsen, so wird auch die Serie selbst statt einem Tribut an die Popkultur der 80er Jahre selbst immer mehr zum bombastischen Blockbuster und vielleicht sogar schon zu etwas größerem, was kaum noch zu bändigen ist.
Fazit

„Stranger Things“ ist ohne Frage eines der größten Spektakel, das Netflix zu bieten hat, man läuft nur Gefahr, durch den Bombast und die immer epischere Bandbreite, die eigene Identität aus den Augen zu verlieren. Im Zentrum geht oder ging es um eine Geschichte von Freundschaft und Abenteuer und um eine Kleinstadt, die überdurchschnittlich viel durchmacht. Und es ging darum, dass es den Jugendlichen durch Hirn, Herz und Teamgeist gelingt, jegliche Herausforderung zu überwinden.
Die vierte Staffel schreibt vor allem das Spektakel groß und verliert sich oftmals zu sehr in relativ langen Folgen, was gefühlt etwas von der einstigen Dynamik raubt und einigen überflüssigen Handlungsbögen Platz einräumt. Langweilig wird es trotzdem wahrscheinlich selten und so schaue ich das Retrodrama immer noch lieber als viele andere Netflix-Eigen-Produktionen. Trotzdem sieht es so aus, als habe es seinen Zenit überschritten.
Hier abschließend der Trailer zur vierten Staffel der Serie „Stranger Things“:
Verfasser: Adam Arndt am Dienstag, 31. Mai 2022Stranger Things 4x01 Trailer
(Stranger Things 4x01)
Schauspieler in der Episode Stranger Things 4x01
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