Stranger Things 1x01

Stranger Things 1x01

Mit dem Auftakt zur neuen Retroserie Stranger Things gelingt den Gebrüdern Matt und Ross Duffer nicht nur eine wunderbare Hommage an das Kino der 1980er Jahre, sondern auch ein ungemein atmosphärischer, packender Einstieg in eine der bisher besten Serien aus dem Hause Netflix.

David Harbour als Chief Hopper in „Stranger Things“ / (c) Netflix
David Harbour als Chief Hopper in „Stranger Things“ / (c) Netflix

Der heutige Serienneustart Stranger Things sorgte schon lange vor dem 15. Juli für einiges an Aufsehen, wurden die ersten Bilder und die diversen Trailer zum 80er-Jahre-Drama doch bereits im Vorfeld von Serien- und Filmliebhabern nahezu verschlungen. Die film- und fernsehschaffenden Zwillinge Matt und Ross Duffer, bisher noch eher unbeschriebene Blätter und vor allem als Drehbuchautoren tätig, haben sich mit ihrer ersten eigenen Serie große Ziele gesetzt. „Stranger Things“ soll demnach eine visuelle und tonale Hommage an die unvergessliche Kinoepoche der 80er Jahre sein, eine tiefe Verbeugung vor Größen wie zum Beispiel Steven Spielberg, der mit mit seinen Filmen ganze Generationen prägte.

Doch Nostalgie verkommt nicht nur oft zu einem einfachen Mittel, die Zuschauerschaft auf seine Seite zu ziehen, sie ist auch ein zweischneidiges Schwert. Wann leidet eine Geschichte an zu vielen sentimentalen, melancholischen Rückblicken auf eine längst vergangene Ära, wann sind unzählige popkulturelle Referenzen doch zu viel des Guten? Die Duffer-Brüder trotzen jedoch diesen Risiken mit Bravour und zaubern mit „Stranger Things“ nicht nur besagte Hommage auf unsere Empfangsgeräte, nein! Sie schaffen auch eine hochspannende und stilsichere Geschichte über das Kindsein, mysteriöse Vorfälle und dunkle Geheimnisse. „Stranger Things“ avanciert so nicht nur zu einer der sehenswertesten Genreserien der jüngeren Zeit, sondern auch zu einem meiner persönlichen Favoriten aller bisherigen Netflix-Produktionen.

Looking for a friend

In „Stranger Things“ begeben wir uns in die idyllische Kleinstadt Hawkins im US-Bundesstaat Indiana des Jahres 1983, in dem eigentlich nie wirklich was los ist und die größten Aufreger Eulenangriffe auf ältere Mitbürger waren. Hier lernen wir sogleich unsere jungen Protagonisten kennen, Mike (Finn Wolfhard), Lucas (Caleb McLaughlin), Dustin (Gaten Matarazzo) und Will (Noah Schnapp). Die vier Freunde sind wissenschaftlich interessiert, haben eine ganze Menge Fantasie sowie ein Faible für Rollenspiele, „Herr der Ringe“ und Superhelden. All das, was ein paar zwölfjährige Außenseiter Anfang der 1980er Jahre eben so antreibt.

Als plötzlich jedoch Will spurlos verschwindet, verzweifelt nicht nur dessen Mutter - auch die Behörden sind in höchste Alarmbereitschaft versetzt, während Mike, Lucas und Dustin dem geheimnisvollen Verschwinden ihres besten Freundes eigenhändig auf die Spur gehen wollen. Mysteriöse, staatlich geförderte Experimente, eine übernatürliche Schnitzeljagd und der Auftritt eines wortkargen, kurz geschorenen Mädchens werfen jedoch einige Rätsel auf...

Unsere jugendlichen Helden in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix
Unsere jugendlichen Helden in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix

Nightmares

Bereits die exzellente, extrem stimmungsvolle Pilotepisode Chapter One: The Vanishing of Will Byers führt zahlreiche Gründe ins Feld, warum Netflix einen Volltreffer mit „Stranger Things“ gelandet hat. Die beiden Serienschöpfer Matt und Ross Duffer bewegen sich nämlich sehr sicher durch dieses eher spezielle Genre und wissen stets, was den besonderen Reiz einer solchen geheimnisvollen Erzählung ausmacht. Eine mitunter nervenaufreibende Inszenierung, eine sympathische Besetzung, gespickt mit tollen, jungen Talenten, das genau richtige Gefühl, wann (man) die Spannung anziehen muss, wie viel Nostalgie es eben sein darf, wann wir schockiert werden müssen oder eine Ruhephase angebracht ist. Die „Duffer Brothers“ treffen schlichtweg immer wieder die richtigen Entscheidungen.

Diese „Gabe“ ist auch ein wichtiger Punkt mit Blick auf die generelle Struktur der Serie, die mit acht Episoden in seiner ersten Staffel eine äußerst runde Angelegenheit ist und im Gegensatz zu anderen Netflix-Serien wenig bis gar keine Längen zu bieten hat. Über die erste Staffel in ihrer Gänze wollen wir jedoch an anderer Stelle diskutieren, hier soll der Fokus erst einmal auf der Auftaktepisode selbst liegen, die für manch einen eine faustdicke Überraschung darstellen könnte. In eine eher schlanke Laufzeit von gut 47 Minuten packen die Duffer-Zwillinge reichlich an Informationen und Charakteren, vollführen dabei aber mit Leichtigkeit das Kunststück, die Zuschauer nicht zu überfordern. Ganz im Gegenteil sogar: Hat man die Pilotepisode hinter sich, möchte man sogleich mehr.

Coffee and contemplation

Es ist Matt und Ross Duffer hoch anzurechnen, wie sie uns in ihr 80er-Jahre-Setting und die Serienwelt von Stranger Things einführen. Auf ellenlanges, ermüdendes Expositionsgeschwafel wird gänzlich verzichet, vielmehr zeigt man uns einfach alltägliche Dinge, Charaktere, wie sie miteinander agieren oder lässt dubiose Mysterien einfach nur im Raum stehen. Die charismatischen Darsteller, allen voran unsere drei „Helden“ Mike, Lucas und Dustin, tragen diese Art der Erzählung, durch die man am Ende der ersten Folge mehr Fragen als zuvor hat, mit Leichtigkeit. Als Zuschauer selbst ist man aufgrund der genretreuen Machart, dem visuellen Charme und der cleveren, mitunter sogar sehr „manipulativen“ Inszenierung binnen weniger Minuten gepackt (die ersten zehn Minuten könnten aufregender nicht sein) und möchte um jeden Preis wissen, wie es weitergeht.

Nur langsam erschließt sich einem ein Bild von Hawkins, von der sonst so tiefenentspannten Polizei vor Ort, angeführt von Chief Hopper (David Harbour), dem es irgendwann dämmert, dass bei dem Verschwinden von Will Byers doch mehr im Busch sein könnte, als er anfänglich dachte. Kenner des Genres dürften bereits sehr früh eine Vorahnung haben, in welche Richtung „Stranger Things“ gehen wird, die klassischen Tropen (friedliche US-Kleinstadt im Nirgendwo, geheime Laborexperimente, unerschütterliche Minderjährige auf der Suche nach Antworten und so weiter) kann man, wenn man möchte, im Minutentakt abhaken. Die Duffers können es sich aber erlauben, mit derartigen Genrekonventionen zu arbeiten und zu spielen, wissen sie doch, dass diese funktionieren, wenn die Inszenierung stimmt und man eine derartig intensive, atmosphärische Dichte erzeugt, der man sich einfach nicht entziehen kann.

Heroes

Chapter One: The Vanishing of Will Buyers gibt einen hervorragenden ersten Eindruck davon, was die Macher mit ihrer Serie optisch bezwecken wollen: Immer wieder durchdringen kräftige Lichtkegel von Taschenlampen die düsteren Kulissen, als würde man selbst die Leuchte in der Hand halten und den Geheimnissen von Hawkins persönlich nachgehen. Entscheidend ist aber auch die emotionale Reaktion, die die Duffers bie vielen Zuschauern mit ihren authentischen, stilvollen Bildern hervorrufen werden. „Stranger Things“ fühlt sich tatsächlich wie ein Stückchen Kindheit an, ob man diese nun in den 1980er Jahren, davor oder danach verlebt hat.

Abenteuer mit den eigenen Freunden, die erste Jugendliebe, ein bisschen Aufregung im eigenen Kaff, wo man sonst vor Langeweile umkommt - hier werden die richtige Knöpfe gedrückt, ohne den Nostalgiefaktor und -charme überzustrapazieren. Popkulturelle Referenzen zwischendurch tragen dabei vielmehr zur realistischen Gestaltung dieser Zeit bei, als dass sie zu gewollt und aufgesetzt wirken.

Winona Ryder in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix
Winona Ryder in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix

Poor Alice

Die Pilotepisode öffnet die Tore für allerlei verschiedene Handlungsstränge, so zum Beispiel der Coming-of-Age-Geschichte um Mikes ältere Schwester Nancy (Natalia Dyer), die Ermittlungen Hoppers oder natürlich die tragische Handlung um Wills Mutter Joyce (Winona Ryder), die ihren Sohn verliert, sich aber zum Ende der Pilotfolge sicher ist, dass er noch am Leben ist. All diese Erzählebenen nehmen noch die eine oder andere überraschende Wendung, „Stranger Things“ vermag es aber, vor allem immer dann vollends zu überzeugen, wenn sich die Handlung auf unsere Freundesgruppe und das geheimnisvolle, mit telekinetischen Kräften ausgestattete Mädchen Eleven (Millie Bobby Brown) konzentriert. Diese ist aus einer naheliegenden Laboreinrichtung entwischt, wo unter der Leitung von Dr. Martin Brennan (Matthew Modine) seltsame Dinge vorgehen.

Wie bereits erwähnt, werden wir zeitnah auf SERIENJUNKIES.DE® in Form eines Staffelreviews genauer auf die verschiedenen Aspekte und Handlungsstränge der gesamten ersten Staffel von Stranger Things eingehen. Bis dahin tut man gut daran, völlig unvereingenommen und mit so wenigen Informationen wie nur möglich in die neue Netflix-Produktion reinzuschauen. Ein herrlicher Retrosoundtrack (von Jefferson Airplane über Toto und Peter Gabriel bis hin zu klassischem Synthpop), eine gehörige Portion Gruselfaktor, was dafür sorgt, dass „Stranger Things“ bisweilen nichts für allzu schwache Nerven ist, sowie eine fesselnde Handlung, die sich über verschiedene Stränge von Episode zu Episode immer mehr zuspitzt - Matt und Ross Duffer laden zu einem kleinen Serienhighlight des Jahres ein, das verzaubert, zu Tränen rührt, schockiert, laut auflachen und seine Zuschauer noch einmal Kind sein lässt.

Deutscher Trailer zur Netflix-Serie „Stranger Things“:

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 15. Juli 2016

Stranger Things 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Stranger Things 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Kapitel 1: Das Verschwinden des Will Byers
Titel der Episode im Original
The Vanishing of Will Byers
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 15. Juli 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 15. Juli 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 15. Juli 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 15. Juli 2016
Autoren
Matt Duffer, Ross Duffer
Regisseure
Matt Duffer, Ross Duffer

Schauspieler in der Episode Stranger Things 1x01

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