Stateless 1x06

© zenenbild aus Stateless / (c) ABC
Die Dramaserie Stateless basiert auf wahren Gegebenheiten und erzählt von den Geschehnissen in einem detention center, ein Abschiebezentrum für Asylsuchende, in Australien. Dabei verfolgt die Serie vier Handlungen, vier Figuren und vier Perspektiven: Die Australierin Sofie (Yvonne Strahovski) gibt sich als Deutsche aus, damit sie aus Australien abgeschoben wird und so landet sie in der Stätte. Der Afghane Ameer (Fayssal Bazzi) wollte seiner Familie ein besseres Leben in Australien bieten, bei der Überreise ist jedoch einiges schiefgelaufen, so dass seine Frau und seine jüngste Tochter ihr Leben lassen müssen und er nun für Visa für sich und seine älteste Tochter kämpfen muss. Die Situation wird auch aus der Sicht der Angestellten dargestellt. So geht es einmal um einen Angestellten, der die Befehle durchführen muss und mit den Asylsuchenden in Kontakt gerät - sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Während seine Beziehung zu den Flüchtlingen persönlicher ist als die der Vorgesetzten, die ein professionelles Verhältnis zu den Insassen behalten möchte. Durch die verschiedenen Blickwinkel soll ein ganzheitliches Bild der Lage gezeichnet werden.
Wer lediglich eine erste Einschätzung der Serie erhalten möchte, kann sich unser Pilotreview dazu durchlesen.
Das passiert in der Miniserie Stateless
Die Stewardess Sofie möchte sich selbst und ihr Leben ändern. Dafür geht sie zu einer Tanzschule, die auf Transformationen und Selbstfindungen spezialisiert ist. Dort wird sie einer Art Gehirnwäsche unterzogen, so dass sie vollkommen den Kontakt zu ihrer Familie abbricht und ihren Job kündigt. Als sie ganz alleine dasteht, wird das von dem Mann (Dominic West), der dieses Institut zusammen mit seiner Frau (Cate Blanchett) leitet, ausgenutzt. Er vergewaltigt sie, wie sich später herausstellt. Sie vermasselt deshalb ihren darauffolgenden bedeutenden Auftritt, wird von der Gemeinschaft deswegen verbannt und ist ja generell noch alleine.
Ihre Familie will ihr durch psychische Betreuung helfen. Doch das lehnt Sofie ab und läuft weg. Nachdem Pat und Gordon Masters sie nicht mehr aufnehmen wollen und Gordon droht, ihr Leben zu zerstören, befindet sich Sofie auf der Flucht (vor ihm). Dabei geht sie so weit, dass sie die Identität der deutschen Eva Hoffmann annimmt, deren Visum abgelaufen ist und die abgeschoben werden soll. Sofie befindet sich lieber in einem detention center in Australien, in der Hoffnung, nach Deutschland abgeschoben zu werden, als sich frei dort bewegen zu können, in Angst vor Gordon. Der Grund, warum sie weder in Australien noch in Deutschland frei ist, ist der, dass bemerkt wurde, dass sie nicht Eva Hoffmann ist, sie sich aber auch nicht als Sofie Werner ausweisen kann, da ihre Familie ihr ihren Ausweis abgeholt hatte und sie ihre Identität auch nicht preisgeben möchte.
Mit der Zeit entwickelt sie eine starke Psychose, die ein Psychiater als schizophrene Störung bezeichnet. Sie fängt an, audiovisuelle Halluzinationen zu bekommen, in denen Gordon ihr Angst einjagt, indem er sie auslacht oder bedroht. Zusätzlich nimmt sie nicht mehr wahr, dass sie sich in einem detention center befindet, sondern sie glaubt, dass sie noch in dem Institut ist und bald ihr Auftritt bei der Abschlusszeremonie stattfinden wird.
In einer Zeit, in der es ihr noch relativ gut geht, gelingt ihr, zusammen mit einem anderen Flüchtling, der die einzige Chance nutzen möchte, mit seiner Familie zusammen zu sein, die Flucht. Dort ruft sie ihre Schwester an, so dass diese nun weiß, dass sie noch lebt. Fortan begibt sich Margot auf die Suche nach ihrer Schwester.
Sofie bleibt leider die Einzige der Beteiligten, deren Hintergrund und deren Vergangenheit, thematisiert wird. Das mag hier daran liegen, dass ihr merkwürdiges und aufsehenerregendes Verhalten erklärt werden soll. Dennoch hätte eine Background-Story sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei den Insassen den Charakter vertieft und die Tragik ihrer Schicksale verstärkt.
Ein anderer Insasse im Burton Detention Center ist Ameer, der den typischen Asylsuchenden repräsentiert. Der Afghane will mit seiner Frau und ihren zwei Töchtern nach Australien, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Bevor sie nach Australien überreisen, werden sie von ihrem Schleuser reingelegt. Ihr Geld und ihre Pässe sind weg. Sie stehen mit nichts da. Zudem ist seine jüngste Tochter krank und benötigt dringend medizinische Hilfe. Aus purer Verzweiflung entscheidet er sich dazu, sich mit einem anderen Flüchtling zusammenzutun und ihr Geld von dem Typen, der sie hereingelegt hat, zurückzustehlen. Mit dem Geld sichert er die Überfahrt seiner Familie. Er muss jedoch zurückbleiben, da ihn die Männer des Schleusers verfolgen und ansonsten die Überfahrt seiner Familie gefährdet wäre.
Schließlich gelingt es auch ihm, in Australien anzukommen. Als er nach einiger Zeit in dem detention center mit seiner ältesten Tochter Mina (Soraya Heidari) vereint wird, muss er erfahren, dass seine jüngste Tochter und seine Frau auf der Überfahrt nach Australien ertrunken sind. Durch die Trauer verliert er jeglichen Lebensmut und lässt sich von den nicht sehr gut ausgebildeten Krankenschwestern Medikamente geben, die seinen seelischen Schmerz so sehr dämpfen, dass er kaum noch am Leben ist. Mina versucht, ihren Vater „zurückzubringen“, was ihr jedoch zuerst nicht gelingen mag. Sie ist von ihrer neuen Situation so überfordert, dass sie anfängt, sich selbst wehzutun: Sie ist alleine unter Menschen, die sie nicht kennt. Ihre Schwester und ihre Mutter sind tot und ihr Vater ist nicht für sie da. Mit der Hilfe von Farid (Claude Jabbour), einem Freund ihres Vaters, gelingt es ihr, ihn wieder zu Bewusstsein zu bringen.

Ameer macht sich nun mit neuem Lebenswillen daran, für ein Visa für sich und seine Tochter zu kämpfen. Da es Unstimmigkeiten in seinem Antrag, besser gesagt in seiner Vorgeschichte, gibt, dauert sein Antragsprozess länger und ist komplizierter. So wundert sich das Amt, dass er im Gegensatz zu der Norm seine Familie vorgeschickt hatte. Normalerweise fahren entweder die Männer alleine vor und holen ihre Familie nach oder sie fahren alle zusammen. Als er meint, dass das Geld nur für seine Familie gereicht hatte, wird es brenzlig, denn er muss nun erklären, wie er seine eigene Überfahrt bezahlt hat. Von da an verstrickt er sich in ein Netz der Lügen, da er nicht die Wahrheit zugeben kann. Wenn man ein Verbrechen auf oder vor der Überfahrt begangen hat, erhält man nämlich kein Visum. Somit zieht sich der Strick um seinem Hals immer enger zu. Als die Lage ausweglos erscheint, kapselt er sich von seiner Tochter ab, um zumindest sie zu retten: Er behauptet, dass Ameer nicht seine Tochter wäre, wodurch ihr Visumsantrag getrennt von seinem behandelt werden kann. Damit gewährt er ihr ein privilegiertes Leben bei einer netten australischen Familie. Doch sie werden einander nie wiedersehen, da er nach Afghanistan abgeschoben werden wird.
Auch die Nebengeschichten sind voll mit tragischen Schicksalen, deren Ende schon feststeht. Die Situation erscheint unmöglich. So gibt es einen Mann, der zu Hause gefoltert wurde und wenn er in sein Heimatland zurückkehren würde, würde ihn das gleiche Schicksal ereilen und letzten Endes seinen Tod bedeuten. Doch die Behörden wollen ihm kein Visum gewähren. Somit wird er eines Nachts aus seiner Zelle geholt und abgeschoben. Auch sein schreckliches Flehen ändert nichts an der Entscheidung, dass er so in seinen Tod geschickt wird.
So kommt die Miniserie Stateless rüber
Ohne irgendeinen Aufruhr zu verursachen, ist die eigentlich für den australischen Sender ABC produzierte und im März dieses Jahres ausgestrahlte Miniserie Stateless Anfang Juli zu dem Streaming-Giganten Netflix gekommen. Dass diese Serie keinen buzz ausgelöst hat, ist insbesondere deshalb verwunderlich, da sie so ein brandaktuelles, überaus wichtiges Thema anspricht und dabei nicht davor zurückscheut, die moralischen Dilemmata, in denen sich die Beteiligten befinden, zu thematisieren. Dadurch kommt es zu sehr ergreifenden Momenten, die einem unter die Haut gehen. Denn man verfolgt die tragischen Schicksale der Flüchtlinge, aber auch die der Mitarbeiter in dem detention center. Dabei zeigt die Serie, dass jeder, der mit diesem Thema in Berührung kommt nicht unbeschadet davonkommt.
Man versucht, nur zu helfen, macht aber im Prinzip alles falsch. Man verschlimmbessert die Situationen. Man kann es nicht richtig machen. Es gibt kein richtig oder falsch. Denn das Problem hierbei ist immer, dass man es nicht allen recht machen kann. Wenn man das moralisch Richtige tut, ist es staatlich gesehen falsch, also illegal. Das Legale kann aber wiederum Einzelschicksale zerstören.
Sowohl die Mitarbeiter als auch die Leitenden des detention center müssen immerzu schwierige, beinahe unmöglich erscheinende Entscheidungen treffen. Dabei versuchen sie, die Situation für jeden zu verbessern. Anstatt zur Deeskalation der prekären Lage beizutragen, verschlimmern die Maßnahmen lediglich die Umstände, unter denen die Asylsuchenden leben müssen. So kommt es einmal zu ausartender Gewalt seitens der Wachen, indem sie zu dritt, an einer Stelle, an der sich keine Kameras befinden, einen Asylsuchenden verprügeln - angeblich als Regulierungsmaßnahme. Diese ist jedoch völlig überzogen und demonstriert, dass hier nicht alles sauber vonstatten geht. Durch unter anderem solche Methoden wird das bereits erhitzte Gemüt noch weiter angeheizt, was schließlich zur Eskalation der Situation führt: Vor dem detention center finden Proteste statt, Asylsuchende flüchten aus der Anlage und es kommt zu einem Aufstand.
Dadurch, dass die Lage so explosiv ist, werden alle Beteiligten selbst zum Sprengstoff, der jeden Moment in die Luft gehen könnte. So wird sogar Cam (Jai Courtney), der sich stets um die Insassen gekümmert hatte und durch seine sensible Art mit den Asylsuchenden mitfühlte, letzten Endes zu einem gewalttätigen Wachmann, der diese Gewalt mit nach Hause nimmt. Hier wird demonstriert, dass selbst diejenigen mit den besten Intentionen an der Flüchtlingsarbeit zerbrechen. Jeder tut sein Bestes, gerät dabei aber irgendwann an seine Grenzen, da er feststellen muss, dass es nicht hilft.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die Serie durch die persönlichen Geschichten und tragischen Schicksale aufs Härteste das moralische Dilemma verdeutlicht, das die Flüchtlingskrise mit sich bringt. Eine andere aktuelle Dramaserie, die sich unter anderem der Flüchtlingskrise widmet, ist Years and Years. Auch sie ist mit einer brachialen Ehrlichkeit inszeniert, die einen umhaut.
Achtung, Spoiler voraus: Die Serie zu schauen lässt eine/-n andauernd die Haare raufen. Man verzweifelt, will aber auch nicht damit aufhören, da man auf eine Verbesserung der Lage im detention center und der Leben der Flüchtlinge hofft. Doch genau so wie diese, warten wir vergeblich.
Dieses mitreißende Thema zeigt vor allem deshalb solch große Wirkung, da die Schauspielleistungen der Darsteller unglaublich gut sind und einem deshalb alles so unbeschreiblich nahegehen. Nicht nur die namhaften Mimen liefern eine gute Arbeit ab - hier sollte angemerkt werden, dass Cate Blanchett und Dominic West keinen so großen Anteil an der Serie haben, wie es zuerst den Anschein haben mag -, sondern vor allem die Schauspieler, die im detention center aktiv sind. Darunter befinden sich viele unbekannte(re) Gesichter, die die erdrückende und verzweifelte Lage, in der sich ihre Figuren befinden, mimisch und gestisch sehr gut rüberbringen können.
„Stateless“ endet letztlich relativ offen: Sofies Schwester weiß nun, wo sie sich befindet und kann sie aus dem detention center retten. Cam gibt seine Arbeit für seine eigene mentale Gesundheit und seinen Familiensegen auf. Auch die Chefetage macht ihre Jobs nicht weiter - entweder, weil sie gefeuert werden oder weil sie endlich mit der Wahrheit über das Lager herausrücken. Die Serie hat uns also einen Einblick in das Alltagsleben des Centers Burton gegeben. Wie die Geschichten weitergehen, werden wir nicht erfahren.
Für mich liegt der Fokus ein bisschen zu sehr auf Sofie, denn eigentlich soll es ja um „Asylsuchende“ gehen. Dabei erscheint zudem der Umgang mit ihr unverantwortlich, da es doch verwundert, dass es solche Zustände wirklich in detention centers gibt. Abgesehen davon finde ich die Entwicklung des Wächters Cam etwas zu radikal. Sie soll natürlich verdeutlichen, was passiert, wenn man mit solch unmöglichen Situationen und tragischen Schicksalen konfrontiert wird, an denen man nichts ändern kann. Dennoch wirkt das Drama hier doch zu konstruiert. An dieser Stelle sollten jedoch gerade diese Protagonistinnen und Protagonisten gelobt werden. Vor allem Yvonne Strahovski, Asher Keddi und Fayssal Bazzi bringen ihre Verzweiflung deutlich spürbar rüber.
Dafür, dass die Serie mit Cate Blanchett und Dominic West wirbt, kommen die Darsteller doch sehr selten in der Produktion vor. Wenn man sich die Handlung ansieht, ist das aber nicht weiter verwunderlich. Hier wäre auch interessant gewesen, dass die Backstory Sofies stärker thematisiert wird, da gerade diese sie in diese miserable psychische Lage versetzt und schließlich für ihren Aufenthalt in dem detention center gesorgt hatte. Zudem wirkt das Pacing bei ihrer Geschichte etwas unstimmig. So tritt ihre Story teilweise auf der Stelle, bis sie dann gegen Ende rasant an Fahrt gewinnt, so dass sie innerhalb kürzester Zeit gerettet wird, da sich ihr Kollege auf einmal daran erinnert, dass sie von zwei Männern in ein Flugzeug gezerrt wurde.
Fazit
Mit sechs Episoden à 50 Minuten ist die Dramaserie gut bingebar und verliert so natürlich kein bisschen an Intensität. Durch das bedrückende Thema ist ein Binge aber nicht besonders erfreulich, geschweige denn genießbar. Doch wegen der spannenden Prämisse möchte man eigentlich gar nicht aufhören, das Drama bis zum Ende zu sehen. Dabei sollte man jedoch darauf gefasst sein, dass die Serie einen seelisch sehr mitnimmt, da die tragischen Einzelschicksale stark berühren. Dazu tragen auch die außerordentlich guten Schauspielleistungen bei. Zudem sollte erwähnt werden, dass die Serie einen spannenden Einblick in einen Teil der Welt bietet, den man nicht so oft sieht oder sehen „möchte“. Hier wird einem nun also die Möglichkeit geboten, sich auf unterhaltsame Art und Weise über dieses weiterhin brandaktuelle und wichtige Thema zu informieren.
Hier abschließend noch ein aktueller Trailer zur Netflix-Miniserie Stateless:
Verfasser: Maike Karr am Mittwoch, 5. August 2020Stateless 1x06 Trailer
(Stateless 1x06)
Schauspieler in der Episode Stateless 1x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?