Star Wars: Visions 1x01

© Disney/Lucasfilms
Nur ein paar wenige Wochen sind vergangen, seit am 13. August die Star-Wars-Animationsserie Star Wars: The Bad Batch bei Disney+ zu Ende ging. Doch besonders lange mussten die Fans der Sternenwelt von George Lucas nicht auf neue, auch diesmal animierte Abenteuer warten: Star Wars: Visions startet ab dem 22. September beim Streamingdienst. Anders als bei „The Bad Batch“ nicht in wöchentlicher Erscheinungsweise, sondern als Komplettveröffentlichung aller neun produzierten Folgen. Doch ist dies bei Weitem nicht der einzige Unterschied zu den bisherigen Star-Wars-Animationsserien...
Ein völlig neuer Stil...

Seit der Übernahme von Lucasfilm und damit des Star-Wars-Großfranchises durch Disney im Jahr 2012 war man stets darum bemüht, Neues aus den Welten der mittlerweile 43 Jahre alten Saga zu bieten, um alte wie neue Fans gleichermaßen begeistern zu können. Dass dieses Unterfangen schwierig ist und bisher nur bedingt gelang, versteht sich fast von selbst. Und auch „Star Wars: Visions“ (in der deutschen Fassung „Visionen“) dürfte nicht den Geschmack der Fan-Gesamtheit treffen, handelt es sich dabei doch um eins der bisher ungewöhnlichsten neuen Projekte. Erstmals darüber zu hören war im Dezember 2020 und seitdem wurden die ursprünglich zehn, im Lauf der Produktion jedoch auf neun reduzierten Folgen von Star-Wars- wie Anime-Fans gespannt erwartet. Den Produzentenposten erhielt Kanako Shirasaki, Jacqui Lopez, James Waugh, Josh Rimes und Justin Leach hingegen sollten als ausführende Produzenten fungieren.
Sieben in ihrem Heimatland bekannte und in entsprechenden Fan-Kreisen Kultstatus genießende japanische Anime-Film- und TV-Produktionsstudios erhielten für „Visions“ die Möglichkeit, einen 14- bis 20-minütigen animierten Kurzfilm mit Handlungselementen aus der Star-Wars-Galaxis zu produzieren (und somit etwas kürzer als reguläre Episoden der bisherigen Animationsserien). Dabei handelt es sich um Kamikaze Douga (neben vielen anderen Genre-Produktionen bekannt für die hierzulande auf Netflix zu sehende DC-Neuinterpretation „Batman Ninja“ (2018)), Studio Colorido („Burn The Witch“, 2020), Trigger („Darling In The Franxx“, 2018), Kinema Citrus („Made In Abyss“, 2017), Production I.G („Ghost In The Shell“, 1995), Science Saru („Japan sinkt: 2020“, 2020) sowie Geno Studios („Pet“, 2020), wobei die Studios Trigger und Science Saru jeweils zwei Beiträge beisteuerten. Das Ansinnen der Produzenten von Lucasfilm beziehungsweise Lucasfilm Animation war dabei in erster Linie, „Star Wars“ aus dem Blickwinkel der besten Anime-Schöpfer der Welt zu präsentieren und der Saga dadurch neue faszinierende kulturelle Perspektiven zu eröffnen. In diesem Fall natürlich die für Animes (so nennt man im Land der aufgehenden Sonne übrigens Zeichentrickfilme und -fernsehserien, während die gedruckten Comics Mangas heißen) typische deutlich japanische Prägung.
Die Serie sollte in Form einer Anthologie realisiert werden, deren einzelne Episoden zwar allesamt in der Star-Wars-Galaxis spielen, ansonsten aber keine inhaltlichen Bezüge zueinander haben und auch nicht zwangsläufig zum Kanon der Franchisewelt gehören. Angesichts der Tatsache, wie vielfältig moderne Animes und auch Mangas sind verwundert es nicht, dass die Palette der Stilrichtungen der einzelnen Episoden schier unglaublich breit gefächert ist: Neben knallharten und wortkargen Kurzfilmen a la Akira Kurosawa (den Star-Wars-Schöpfer George Lucas stets als ganz besondere Inspiration für sein Werk nennt) oder die Filmreihe „Okami“ (ab 1972) gibt es auch anrührende kleine Geschichten fürs Herz im Stil von Genre-Klassikern wie „Die Königin der 1000 Jahre“ (1982) oder aber schreiend komische und - ebenfalls ein beliebtes Anime-Stilmittel - Musik-lastige Folgen. Apropos Musik: Die eindringlichen Stücke, die die Episoden begleiten, wurden komponiert von unter anderem Kevin Penkin, Michiru Ōshima, Nobuku Toda und Kazuma Jinnouchi.
Da der Hang zu Mystik und dem Geheimnisvollen in Japan und damit verbunden in der Anime- und Manga-Szene allgemein gut bekannt ist wundert es indes nicht, dass es in den allermeisten der Folgen um die Jedi und die Sith geht.
Prominente Stimmen
Wie im Fall eines Beitrages zu Star Wars nicht anders zu erwarten, ließ man sich auch in punkto der Sprecher der Seriencharaktere nicht lumpen: Während im japanischen Original Genre-bekannte Größen wie Masaki Terasoma, Ryoko Shiraishi oder Chinatsu Akasaki die Vertonung der Figuren übernahmen, liehen für die US-Fassung unter anderem Joseph Gordon-Levitt (Mr. Corman), Alison Brie (GLOW), Neil Patrick Harris (How I Met Your Mother) oder die frühere Hongkong-Action-Queen Lucy Liu (Elementary) den Anime-Figuren ihre Stimmen. Doch werfen wir nun also endlich einen Blick auf die neun Folgen von „Star Wars: Visions“:
Star Wars: Visions: Die Episoden

Folge 1, The Duel (hergestellt von Kamikaze Douga, Regie Takanobu Mizuno) erzählt in kompromissloser, nur gelegentlich von anderen Farben durchzogener Monochrom-Farbgebung die Geschichte eines Planeten, der von Plünderern heimgesucht wird. Ein geheimnisvoller Fremder, der Ronin, steht den geknechteten Bewohnern gegen die Feinde bei, deren Anführerin sich als weiblicher Sith-Lord entpuppt. Doch staunen die unterdrückten Menschen und anderen Lebewesen nicht schlecht, als sich ihr Verteidiger ebenfalls als Sith erweist, der seine Gegnerin recht gut zu kennen scheint. „The Duel“, das auf einer alten japanischen Legende basiert, wird am 12. Oktober mit„Ronin: A Visions Novel“ verfasst von Autorin Emma Mieko Candon auch eine bei Del Rey Books erscheinende vertiefende Romanversion erhalten, die es sicherlich mit der Zeit auch in deutscher Übersetzung geben wird.
Folge 2 von Studio Colorido inszeniert von Taku Kimura trägt den Titel Tatooine Rhapsody und ist in weitaus klassischerem Anime-Stil gezeichnet wie die Eröffnungsepisode. Es geht um eine galaktische Rockband, bestehend aus dem versprengten Jedi-Padawan Jay als Sänger, dem freundlichen Hutt-Gitarristen Geezer (der ihn einst aufgenommen hat), der Roboterbassistin K-334 und dem mehrarmigen und -köpfigen Schlagzeuger Lan. Sie werden erbarmungslos von einem alten Bekannten, Boba Fett gejagt (dem in der englischen Fassung natürlich sein Darsteller Temuera Morrison seine Stimme leiht), der sie zu seinem Herrn Jabba The Hutt bringen soll. Dieser will sich unbedingt von ihren musikalischen Qualitäten überzeugen.
Folge 3, die ebenso tragische wie düstere Geschichte The Twins vom Studio Trigger (Regie Hiroyuki Imaishi) berichtet von Karre und Bin, einem in der dunklen Seite der Macht starken, dem Imperium treu ergebenen Geschwisterpaar, das mit vereinten Kräften ungeheure Energien freisetzen kann. Während Bin der dunklen Seite treu ergeben ist, hat sich ihr Bruder Karre der hellen Seite zugewandt. Verzweifelt setzt er in einem spektakulären Duell alles daran, auch sie zur guten Seite der Macht zu bekehren - leider nicht mit dem gewünschten Erfolg, wie sich zeigt.
The Village Bride, die vierte Folge (hergestellt von Kinema Citrus, Regie Hitoshi Haga) ist eine Fantasy-Story mit teilweise traumhaft schönen Bildern. Auf einem einstmals reichen Planeten will sich eine von zwei Prinzessinnen gemeinsam mit ihrem jungen Liebhaber einer Bande böser Separatisten opfern, während ihre Schwester lieber gegen die Feinde kämpfen würde. Hilfe erhalten die jungen Helden von zwei geheimnisvollen Beobachtern auf ihrer Welt, die sich als mehr erweisen, als es auf den ersten Blick erscheint.
Folge 5, The Ninth Jedi (Production I. G, Regie Kenji Kamiyama) spielt nach den Ereignissen in Episode IX, „Der Aufstieg Skywalkers“ und erzählt von einem Planetenherrscher, der acht Jedi zu Hilfe ruft. Auf seiner Welt leben der letzte Lichtschwert-Schmied und seine junge Tochter, und ersterer hat acht mächtige Schwerter geschaffen. Dem Ruf folgen jedoch größtenteils keine Jedi-Ritter, sondern stattdessen Zugehörige zur dunklen Seite der Macht. Allerdings handelt es sich nicht ausschließlich um Freunde der Dunkelheit, und auch die Tochter des Lichtschwert-Schmieds versteht sich bestens im Umgang mit den Erzeugnissen ihres Vaters.
T0-B1 von Science Saru (inszeniert von Abel Góngora), Folge 6, ist der persönliche Favorit des Rezensenten. Auf einem entlegenen Wüstenplaneten hat ein Professor, der gleichzeitig insgeheim ein Jedi-Ritter ist, den Androidenjungen TO-B1 geschaffen. Dieser wünscht sich nichts sehnlicher als ebenfalls ein Jedi zu werden. Eines Tages spürt ein mächtiger Imperialer den Professor auf und tötet ihn. In einem Duell gegen den unheimlichen Feind steht der Meister seiner Schöpfung jedoch als Jedi-Geist zur Seite, nachdem er ihm dabei geholfen hat, wirklich zum Jedi zu werden.
Folge 7 mit dem Titel The Elder (erneut von Trigger, Regie Masahiko Otsuka), angesiedelt vor den Ereignissen in „Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung“ erzählt die düstere Geschichte eines Jedi-Meisters und seines jungen Padawans, die auf einem primitiven Planeten mit einem bösartigen Sith-Lord konfrontiert werden, den der Meister bereits während des Anflugs gespürt hatte. Der Padawan macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem mysteriösen Gegner und findet ihn schließlich - doch erwartungsgemäß ist er ihm haltlos unterlegen.
Lop and Ochō, Folge 8 von Geno Studios (Regie Yuki Igarashi) ist eine ziemlich klassische Anime-Geschichte. Im Zeitraum zwischen den Star-Wars-Episoden III und IV adoptiert der alleinstehende Vater Yasaburo auf einem imperialen Industrieplaneten auf Wunsch seiner biologischen Tochter ein kleines Mädchen einer kaninchenartigen Tiermenschen-Spezies. Während sich der Vater gegen das immer mehr alle Macht an sich reißende Imperium auflehnt, befürwortet seine menschliche Tochter die Taten der Besatzer und schließt sich ihnen schließlich gar an. Es kommt zu einer folgenschweren Konfrontation zwischen den beiden Schwestern.
Akakiri schließlich, Folge 9 ein weiteres Mal von Science Saru (Regie Eun-Yeong Choi) hingegen schildert den Kampf eines Jedi gegen einen bösen Angehörigen der dunklen Seite der Macht, der den König eines Planetenvolkes getötet und dessen Platz eingenommen hat. Die Tochter des Königs, die dem Feind die Stirn bietet und in die sich der heldenhafte Krieger verliebt hat, verliert in einem Kampf gegen ersteren ihr Leben. Der Feind (offenbar ein Sith) eröffnet dem Jedi daraufhin die Möglichkeit, das Mädchen wieder zum Leben zu erwecken… Der Star-Trek-Fans bestens als Steuermann Mr. Sulu bekannte George Takei ist in der englischen Fassung der Folge in der Sprechrolle des Senshuu zu hören. Für Takei bereits der zweite Ausflug in das Nachbaruniversum: Bereits in Star Wars: The Clone Wars hatte der Star-Trek-Veteran einer Star-Wars-Figur seine Stimme geliehen, und zwar dem Neimoidianer General Lok Durd.
Fazit

Fans der (zumindest meistens) knallbunten japanischen Animes wird man gar nicht erst von der Qualität der sicherlich ungewöhnlichsten Star-Wars-Animationsserie zu überzeugen brauchen, die ihre höchst unterschiedlichen Inhalte trotz der jeweils recht kurzen Laufzeiten ausgezeichnet transportiert. Einen wirklichen Durchhänger unter den Folgen gibt es nicht, und die Qualität ist trotz grundverschiedenster Animationsstile gleichbleibend gut. Auch die meisten Saga-Fans dürften die mit viel Liebe und Genre-typischen Merkmalen gestaltete Serie sicherlich gut aufnehmen. Wer allerdings nichts mit japanischen Comics und deren Verfilmungen anfangen kann und zudem möglicherweise nicht mit der starken Einbettung landestypischer Kulturelemente in die Star-Wars-Geschichten klarkommt, der könnte möglicherweise enttäuscht sein von dem ambitionierten Projekt. Auf den Rezensenten traf dies definitiv nicht zu, und er hofft bereits jetzt auf weitere Star-Wars-Kurzfilme von den Meistern des Anime!
Star Wars: Visions/Visionen ist ab dem 22. September bei Disney+ verfügbar.
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Deutscher „Star Wars: Visions“-Trailer:
Verfasser: Thorsten Walch am Mittwoch, 22. September 2021(Star Wars: Visions 1x01)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?