Star Trek: Voyager 5x12

Was passiert?
Während Tom Paris und Harry Kim eigentlich nur eine schöne Zeit mit ihrem Holo-Roman „Die Abenteuer des Captain Proton“ verbringen möchten, halten photonische Lebensformen diesen jedoch für die Realität und beginnen einen bewaffneten Konflikt mit Titelheld Dr. Chaotica und seiner Armee. Die restliche Crew der USS Voyager muss sich nun unter der Führung von Captain Janeway als Queen Arachnia ebenfalls in den Holo-Roman begeben, um die Situation zu deeskalieren…
Dies & das
- Das Drehbuch wurde so geschrieben, dass so wenig Handlung wie möglich auf der Brücke stattfand, da das Set durch ein Feuer beschädigt worden war.
- Die Brückenszenen wurden dann einige Wochen später nachgedreht.
- Die Autoren Bryan Fuller und Mike Taylor schauten während des Drehbuchschreibens Stunden um Stunden der Serie Flash Gordon um sich inspirieren zu lassen.
- Komponist David Bell legte seinen Score im Stile der 40er-Jahre-Serials an.
- Am Ende verspricht Chaotica, zurückzukehren. Dies geschah dann in der siebten Season in der Episode Shattered.
- Für Martin Rayner ist dies die zweite Episode als Chaotica nach Night.
- Nicholas Worth kehrte wie auch Rayner später noch einmal als Lonzak zurück. Kurze Zeit danach verstarb der Darsteller jedoch im Alter von nur 69 Jahren.
- Die Crew der Voyager wird in dieser Episode mit 150 angegeben.
Spaß in Dosen
„Coffee, black.“ - „Um, sorry captain. We lost two more replicators this morning...“ - „Listen to me very carefully because I'm only going to say this once. Coffee, black.“ - „...Yes ma'am.“ (Janeway und Neelix)
„Well, he's been attacking the aliens with his death ray.“ - „It's a shame we don't have one.“ (Paris und Tuvok)
„One more thing. If you have trouble with Chaotica, or you can't get to the death ray, you can always uncork the pheromones.“ - „I beg your pardon?“ (Paris und Janeway)
„Let me get this straight: trans-dimensional aliens have mistaken your Captain Proton simulation for reality.“ - „Yes ma'am.“ - „And now an armed conflict has broken out between these aliens, and Chaotica's holographic army.“ - „Yes ma'am. His army of evil.“ (Janeway und Paris)
„Isn't anybody going to sing 'Hail to the Chief'?“ - „Mr. President! How'd it go?“ - „My performance was unimpeachable.“ (Doktor und Kim)
„Intercepted communications between Dr. Chaotica and Arachnia. Stop. Chaotica at war with aliens from fifth dimension. Stop. Must strike now to disable death ray.“ - „Stop. Please summarize the message.“ (Paris und Tuvok)

Cliffhanger-Lüge!
Alles beginnt mit einem ungewöhnlichen Cliffhanger. In edlem Schwarz und Weiß sieht man die Zusammenfassung der letzten Episode des Serials „Die Abenteuer des Captain Proton“ an dessen Ende das Schiff des Helden angeblich in Flammen aufging. Doch sitzen Tom Paris (Robert Duncan McNeill) und Harry Kim (Garrett Wang) in ihren Rollen als Proton und dessen Sidekick quicklebendig in den Holodeck-Kulissen ihres Schiffes. Nicht zum letzten Mal nimmt die Episode hier sich selbst und das Genre an sich auf die Schippe, als Tom diese Form der Übertreibung als Anreiz zum Einschalten kommentiert.
Auch als die beiden einige Zeit später über Chaoticas Planet X laufen und Harry eine eindeutige Ähnlichkeit zu den Minen des Merkur aus einer anderen Episode erkennt, wird scharf gegen das eigene Franchise geschossen: Kulissen seien eben teuer. Mit dem Auftauchen einer eindeutig farbigen Erscheinung inmitten der tristen Landschaft nimmt dann die üblich-problematische Holodeck-Story außerhalb der Story ihren Lauf. Das Programm lässt sich nicht beenden und Tom und Harry müssen das Holodeck per Beamvorgang verlassen.
Technobabble-Alarm!
Die Rahmenstory sorgt wie so oft für eine Erdung in der Realität - präsentiert uns also ein Problem, das später einen Lösungsumweg über das Holodeck notwendig macht. In diesem Fall läuft die Voyager auf eine Art Sandbank auf, verliert ihre Energie und kann weder vor noch zurück.
Schnell zeigt sich, dass wir es hier nicht mit einer übermäßig interessanten und leider äußerst Technobabble-lastigen Idee zu tun haben. Die Real-Sequenzen bremsen die Holodeck-Szenen nicht nur an dieser Stelle aus und lassen die Konzentration des Zuschauers schwinden.
Die fünfte Dimension greift an!
Auf dem immer noch aktiven Holodeck tut sich indes Merkwürdiges: Zwei in Anzug gekleidete Gestalten betreten die Festung des bösen Dr. Chaotica und möchten in einen Dialog treten. Nach Reden ist ihrem Gegenüber jedoch gar nicht zumute. Chaotica ist ein eindimensionaler Schlimmling - und exakt so verhält er sich auch. Am Ende des Intermezzos ist einer der Besucher tot, der andere geflohen. Für Chaotica steht fest: Die 5. Dimension greift an!

Als die Crew der Voyager Waffenfeuer auf dem Holodeck registriert, kehren Tom und Tuvok (Tim Russ) zurück. Bei den Besuchern handelt es sich offenbar um photonische Lebensformen, die Chaotica für real halten und einen Erstkontakt mit ihm einleiten wollten. Nun befinden sich beide Seiten jedoch im Krieg. Für die reale Crew der Voyager haben sie nichts übrig: Sie halten Tuvok und Tom schlichtweg für eine Illusion und somit nicht einmal für Lebewesen.
Die Autoren geben sich durchaus viel Mühe, die merkwürdigen Umstände des Strandens auf der „intergalaktischen Sandbank“ und die Vorgänge rund um Chaotica zu erklären, verfallen dabei jedoch in eine pseudo-wissenschaftliche Schwatzhaftigkeit, die mehr nervt, als dass sie nützt. Keine Frage: Die Grundidee der photonischen Lebensformen ist durchaus charmant, der Fokus hätte bei einer Episode dieser Machart jedoch definitiv nicht auf den wissenschaftlichen Bereich gelegt werden sollen. So wechselt man immer wieder zwischen bemüht schrägen und letztlich doch kurzen und unergiebigen Schwarz-Weiß-Sequenzen und viel theoretischem Diskurs auf dem Schiff hin und her, kann sich auf keine Seite wirklich einlassen und verliert sich irgendwo im Nirwana der Geschichte.
Erstkontakt mit Planet X!
Gut, wenn in so einem Moment eine dringende Rettungsmission ansteht. Wie schon so oft gibt es selbstredend keine andere Möglichkeit, als den Holo-Roman durchzuspielen, um auf diese Art die schier ausweglose Situation eventuell doch noch retten zu können. Der Plot-Generator dankt.
Captain Janeway (Kate Mulgrew) ziert sich zunächst, wird dann aber doch als Queen Arachnia (samt wundervoller Robe) zwangsverpflichtet, der Holodoc darf im Anzug den Präsidenten der Erde geben und mit den photonischen Lebensformen in einen viel zu substanzlosen Dialog treten und Tom und Harry retten am Ende den Tag. Ganz wie Captain Proton es empfiehlt.
Last time on Captain Proton…
Bride of Chaotica! ist durchaus ein liebenswertes Stück „Star Trek“. Die Story ist im Vergleich zu vielen anderen ähnlich gelagerten Ausflügen mit Holodeck-Fehlfunktionen sogar in gewisser Weise clever, originell und zumindest dezent gewitzt. Doch ergeht sich diese Mischung in letzter Instanz in einer Selbstzufriedenheit, die auf eine sonderbare Art und Weise klinisch tot wirkt. Man könnte das Geschehen auch als kalkuliert bezeichnen.

Als hätte eine Gruppe cleverer und humorvoller Menschen mit aller Macht versucht, Witze am Reißbrett zu erzeugen. Doch genau wie zum Beispiel auch die Crew rund um Captain Picard in ihren Kinoabenteuern den charmanten Witz der Classic-Crew nie erreichte und in diesem Bereich stets mehr als bemüht wirkte, bleibt uns auch hier am Ende nur eine Ansammlung guter Ideen, die aber so fachmännisch bürokratisch ausgeführt wurden, dass dem Ganzen am Ende die Lebendigkeit schlicht abgeht.
Dabei trägt zum Stil der Episode eine Menge bei: Der schräg-liebevolle Soundtrack von David Bell, der Verzicht auf Farbe in den Holodeck-Sequenzen, die herrlich unbeholfenen Kulissen und Kostüme, eine immerhin glaubwürdige (aber leider auch viel zu dominante) Rahmenstory um die photonischen Lebensformen und die ungehemmt chargierenden Darsteller - allen voran eine Kate Mulgrew, die selten so aus sich heraus gegangen ist wie hier. Gen Ende gehen mit ihr zwar sämtliche Gäule durch und ihre Mimik und Gestik irritiert zunehmend, doch lebt sie damit zumindest im Ansatz das Ausrufezeichen im Episodentitel. Sie zu bremsen wäre ohnehin Aufgabe der Regie oder der Produktion an sich gewesen. Von daher kein Vorwurf am Mulgrew.
Ausfälle in technischer Hinsicht oder unter den Darstellern gab es somit keine, was es umso schwieriger macht zu beurteilen, was genau in der Produktion der Episode falsch gelaufen ist. War man mit zu wenig zu schnell zufrieden? Hat man nach der Idee bereits das Kreativdepartement zugesperrt und den Rest nur noch als Routine abgearbeitet? Fehlte das Korrektiv, der Außenstehende, der an einem gewissen Punkt die Richtung ändert? Schwer zu sagen. Wenn ich Kommentare wie von Rick Berman lese, der meinte „We decided to go high-camp.“ muss man konstatieren, dass der Wille zu etwas Mutigem, etwas Besonderem wohl vorhanden war. Auch Co-Autor Bryan Fuller schlug in die gleiche Kerbe, wenn er sagt „It was fun to do a kind of comic romp.“
Wenn ich es kurz zusammenfassen müsste, hat die technische Erdung der Story in der Endfassung zu großen Raum erhalten und somit den allgemeinen Stil und die Verrücktheit konterkariert. Dass dieser Teil überhaupt so viel Raum einnehmen konnte, könnte primär an fehlender Tiefe im Chaotica-Plot gelegen haben (definitiv zu spüren) oder an dem Willen ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen Realem und Irrealem zu erzeugen. Hier agierte man jedoch zum Beispiel bei der vergleichbaren Episode Our Man Bashir deutlich cleverer, indem man die Bemühungen rund um Eddington, Odo und Rom immer nur äußerst kurz und pointiert in die eigentliche Holodeck-Handlung einbezog. Dort war jedoch auch wesentlich mehr Story, Witz und Charakterarbeit (Verhältnis Bashir/Garak) vorhanden, um dieses Verhältnis zu begünstigen.

Belassen wir es dabei: Die Grundidee war nett, alle hatten ihren Spaß - am Ende wusste aber leider niemand wirklich etwas damit anzufangen, was über „Mission der Woche“ oder „Problem der Woche“ hinausgehen würde. Schade, aber nicht zu ändern.
Wenn der Humor im Kern nicht von Herzen kommt und somit mehr irrlichtert als trifft, gleitet eine Episode wie diese eben ungewollt in Belanglosigkeit ab. Style over substance. Das aber zumindest mit aller Macht.
The Reviewer's wife
Die Frau des Rezensenten kann mit den hier so liebevoll zitierten Serials nicht wirklich etwas anfangen. Somit entfällt der Charmebonus per se. Auch die gewählte Darstellung konnte sie nicht begeistern („Das ist ja wie auf dem alten Fernseher meiner Oma, der hatte auch keine Farbe.“). Doppeltes Pech. Die spielfreudigen Schauspieler erwähnte sie zumindest positiv und auch das generell unterhaltsame wenn auch flache Treiben konnte zumindest im Ansatz punkten. Zu gestylt für Trash, zu unlustig für Fun. Ich muss ihr da beipflichten.
Gib dem Kind einen Namen
Episodentitel, die mit einem Ausrufezeichen enden, sind nicht alltäglich im Trek-Universum. Von daher verpflichtet man sich schon auf diesem Wege, etwas Besonderes auf die Beine zu stellen. Gefährlich, wenn das Endprodukt dann nicht ganz mithalten kann. Im Deutschen dreht man die Formulierung um und verzichtet auf das Satzzeichen zum Schluss. Vielleicht hat man im Synchronstudio auch einfach erkannt, dass die Episode dafür schlicht nicht lustig genug ist.

Fazit
Das Abenteuer rund um Dr. Chaotica und Queen Arachnia will gerne zum Schreien komisch und verrückt sein - wirkt am Ende in seiner bemüht überkandidelten Machart aber ein wenig zahnlos. Hätte man zudem auf die Schwarz-Weiß-Darstellung verzichtet und dem Treiben somit auch noch den visuell-originellen Zuckerguss entrissen, wäre nur eine klamaukige Dreiviertelstunde auf dem Holodeck mit viel zu viel Technobabble übrig geblieben. Es bleibt gestylter Trash und leider nur Durchschnitt mit Ausrufezeichen. Mir ist das zu wenig.
Morgen sollte es eigentlich um Wale gehen, ich musste jedoch umdisponieren. Deshalb gibt es ein Enterprise-Doppelreview zu „The Shipment“ und „Twilight“. Die Wale kommen dann nächsten Samstag zu ihrem Recht. Gefolgt von euren 8. Plätzen ab Sonntag.
Übersicht zum Review-Countdown
Hier findet ihr die bisher erschienenen Reviews nach Serien sortiert zum Nachlesen:
Star Trek
Where no man has gone before (Pilot)
The Conscience of the King (Klein aber fein)
Tomorrow is Yesterday (Platz 10)
A Piece of the Action (Platz 9)
Spock's Brain (Trash oder Fun?)
Star Trek: The Next Generation
Encounter at Farpoint (Pilot)
Lower Decks (Klein aber fein)
Data's Day (Platz 10)
First Contact (Platz 9)
Phantasms (Trash oder Fun?)
Star Trek: Deep Space Nine
Emissary (Pilot)
Nor the battle to the strong (Klein aber fein)
The Wire (Platz 10)
Hard Time (Platz 9)
Our Man Bashir (Trash oder Fun?)
Star Trek: Voyager
Caretaker (Pilot)
11:59 (klein aber fein)
Drone (Platz 10)
Blink of an Eye (Platz 9)
Star Trek: Enterprise
Broken Bow (Pilot)
Alle restlichen Reviews zur Serie (aktuell bis Anfang Season 3) findet ihr auf der Serienseite.
Star Trek: Die Kinofilme
„Star Trek: The Motion Picture“
„Star Trek: The Wrath of Khan“
„Star Trek: The Search for Spock“
Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 31. Oktober 2015(Star Trek: Voyager 5x12)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Voyager 5x12
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?