Star Trek: Voyager 5x02

Was passiert?
Da eine Shuttlemission problematisch verläuft, muss die Crew zurück zur Voyager gebeamt werden. Doch sorgt eine Fehlfunktion des Transporters dafür, dass der mobile Emitter des Doktors mit Nanosonden von Seven of Nine infiziert und beschädigt wird. Durch diesen Unfall entsteht eine Art Super-Borg mit der Technologie des 29. Jahrhunderts. Für die Crew eine Bedrohung, für Seven of Nine aber auch eine faszinierende Gelegenheit, sich und ihre Existenz zu hinterfragen und ihre Menschlichkeit zu erleben…
Dies & das
- J. Paul Boehmer, der One spielt, hatte quer durch die Trek-Landschaft weitere Auftritte. In Star Trek: Deep Space Nine war er Vornar in Tacking into the Wind, in Star Trek: Voyager spielte er einen holographischen Nazi-SS-Captain in The Killing Game und in Star Trek: Enterprise spielte er Mestral in Carbon Creek und mal wieder einen SS-Offizier in Zero Hour und Storm Front.
- Seven Jeri Ryan schlägt Tom Paris Robert Duncan McNeill vor, ein größeres und effizienteres Shuttle zu bauen. Daraus wurde später der Delta Flyer.
- Zum ersten Mal ist eine Borg-Sphäre in der Serie zu sehen; vorher gab es bereits eine in „Star Trek: First Contact“.
- Als es darum geht einen Namen für den Borg zu finden äußert Neelix, dass „Drone“ nicht sehr spannend wäre. Immerhin reichte es dabei aber für den Episodentitel. „One“ wäre als Titel auch nicht möglich gewesen - so hieß nämlich bereits eine frühere Episode der Serie.
Synchro-Anomalien
- Keine wirkliche Anomalie oder gar ein Fehler: Dennoch wurde mir anhand dieser Episode wieder einmal die Überlegenheit des Originals im Vergleich zur Synchronisation vor Augen geführt. Besonders die Szenen mit Jeri Ryan (und hier mit besonderem Augenmerk auf das Ende) besitzen im Original eine zusätzliche emotionale Tiefe, die für die Handlung einfach essentiell ist.

Viel Humor in ernsten Zeiten
„The Borg: party-poopers of the galaxy.“ (Doctor)
„I'm a doctor, not a peeping Tom.“ (Doctor)
„Good morning.“ - „That remains to be seen.“ (Chakotay und Seven)
„That remains to be seen.“ - „How Starfleet of you!“ (Neelix und Torres)
„How many Borg hitchhikers are we gonna pick up on this trip? Maybe this is the Collective's new strategy. They don't assimilate anymore, they just show up and look helpless.“ (Torres)
„...that's called a joke.“ - „Joke: a verbal comment or gesture designed to provoke laughter.“
„I see you've got your mother's sense of humor.“ (Doctor und One)
„You are hurting me.“ - „You will adapt.“ (Seven und One)
Aller Anfang ist ein Lächeln
Ein gutes Jahr ist Seven of Nine (Jeri Ryan) nun bereits Teil der Voyager-Crew. Ein gutes Jahr lebt sie wieder als Mensch, als Individuum. Alleine mit ihren Gedanken und bemüht, in ihrem noch so fremden Leben Fuß zu fassen.
Teil ihrer Entwicklung ist das Verbessern ihrer sozialen Kompetenzen, wie der Doktor (Robert Picardo) es nennt. So übt Seven in der Abgeschiedenheit ihres Frachtraums fleißig ein herzliches Lächeln. Schön, wie Ryan uns hier eine Seven zeigt, die wir auf diese Art noch gar nicht kennengelernt haben. Eine Seven, die vor ihrer kühlen, von Unsicherheit und Überlegenheit geprägten Fassade eine Maske aufsetzt, um anderen und vielleicht auch sich selbst zu gefallen. Eine Seven, die nach jener Wärme sucht, nach der Menschlichkeit, die ihr die Borg als Kind nahmen - und für die es in ihrem Leben ein Zurück geben soll und muss.
Auch das herzliche Geplänkel mit dem einfach hereinrauschenden Doktor (dessen „social skills“ seit jeher legendär sind…) ist Teil ihres Lernprozesses. Der Doktor fordert sie, ärgert sie und erzwingt damit emotionale Reaktionen. Nebenbei macht es einfach Spaß, die Mitglieder der Crew als Familie, als Freunde zu sehen. Das gilt sowohl für die Szene im Frachtraum, als auch für die folgenden Neckereien von Chakotay (Robert Beltran) und dem bemitleidenswerten Harry Kim (Garrett Wang), dessen ewiger Rang als Ensign hier im Vorbeigehen ein wenig auf die Schippe genommen wird.

There's still work to do
Doch handelt es sich nicht um eine reine Friede-Freude-Eierkuchen-Episode. Auf einer Mission geht etwas schief, die Besatzung muss aus dem Shuttle herausgebeamt werden und landet nur haarscharf wieder wohlbehalten auf der Voyager. Für den mobilen Emitter des Doktors gilt das leider nicht. Eine Fehlfunktion zwingt Torres (Roxann Dawson), den Doc zur Krankenstation zu transferieren und den Emitter vorerst zur weiteren Untersuchung ins Wissenschaftslabor zu bringen. Unnötig zu erwähnen, dass dem umtriebigen Arzt diese drohende Einschränkung nicht gefällt. Nicht gefallen dürfte der Crew auch, was kurz darauf im Wissenschaftslabor vor sich geht: Dort assimiliert der zurückgelassene Emitter mal eben die ganze Konsole…
Doch zuerst bietet die Unzufriedenheit des Holodocs eine Chance für etwas mehr Humor. Zuerst weckt er die arme Torres per Videoverbindung im Tiefschlaf. Gut, dass die Halbklingonin ein Faible für Nachtwäsche besitzt. Doch nützt ihr diese Angewohnheit kurz darauf auch nichts mehr, denn auch unter der Schalldusche muss sie die Anwesenheit des ruhelosen Hologramms ertragen. Seine professionellen Bekundungen helfen da nur wenig. Voyeur oder nicht, sowas gehört sich nicht. Es ist natürlich durchaus schön, wenn man im Badezimmer einen Fernseher zur Verfügung hat, schlecht ist es allerdings, wenn jeder sich einfach jederzeit darauf einklinken kann. Als Sicherheitschefin sollte Torres darüber vielleicht in einer ruhigen Minute einmal nachdenken.
Seven spürt unterdessen eine Borg-Präsenz. Fehfunktion oder Grund zur Besorgnis? Leider letzteres: Im Wissenschaftslabor entsteht ein neues Leben. In einer Reifungskammer wächst ein Borg-Baby in rasender Geschwindigkeit heran - nebenbei in technischer Hinsicht ein gelungener Effekt und eine interessante Art der Kameraführung aus der Reifungskammer heraus. Janeway (Kate Mulgrew) beschließt, den Neuankömmling nicht zu töten, sondern zu erforschen. Nicht ohne Risiko, wenn man bedenkt, dass Technik des fernen 29. Jahrhunderts im Spiel ist. Doch wenn Mama Katie sich etwas in den Kopf gesetzt hat…
Apropos toughe Frauenfiguren: Die morgendliche Störung ist Torres in jedem Fall auf den Magen geschlagen: Ihre Vermutung, das Kollektiv würde vielleicht inzwischen nicht mehr assimilieren, sondern einfach an Bord erscheinen und dabei möglichst hilflos aussehen, ist äußerst gelungen. Wie auch ihre Frage, wie viele Borg-Tramper man wohl noch mitzunehmen gedenke.
Sweet child of mine
Der aktuelle Tramper ist in jedem Fall kurz darauf bereits ausgewachsen. Die Idee einer rasant wachsenden Spezies an Bord ist natürlich nicht neu. Man denke beispielsweise an die Episode The Child. Und auch das Thema einer von der rein geistigen Reife noch unfertigen Lebensform kennt man aus den verschiedensten Serien (Data selbst, seine Tochter Lal). Und natürlich erinnert gerade die Tapsigkeit des Borg stark an besagte Lal - jedoch im positiven Sinne. Die Serie variiert dieses Thema sehr gekonnt und unterhaltsam. Janeway möchte dem Super-Borg die Werte der Menschen und der Sternenflotte vermitteln - und Seven soll als Lehrerin fungieren.
Schon an dieser Stelle realisiert man: Janeway gibt ihre eigene Rolle als Mentorin von Seven an die junge Frau weiter und möchte sehen, wie diese ihrerseits einem anderen Ex-Borg hilft, seine Individualität zu erkennen. Ein interessantes Projekt.

Seven tut ihr Bestes: Da verbale Kommunikation zuerst zu nichts führt, lässt sie die Drohne eine Verbindung mit ihr eingehen. Doch übertreibt der junge Mann und will nicht von Seven ablassen. Erst als diese ihm mit den Worten „You're hurting me“ zu verstehen gibt, dass eine Grenze überschritten ist, fügt er sich. Interessant, dass Seven ihn bereits hier auf der Gefühlsebene anspricht und erreicht. Ein klarer Fingerzeig für alles was folgt.
Und auch „Erster“ beziehungsweise „One“, wie sich der Borg nun nennt, ist nicht frei von emotionalem Ballast. Er hinterfragt die Tatsache, dass er aus einem Unfall entstanden ist und möchte wissen, ob er überhaupt willkommen ist. Wie im wahren Leben.
Doch zeigt One auch seine Fähigkeiten: So beeindruckt er Torres mit der rasanten Programmierung einer Routine, die ihre aktuellen Probleme löst. Seven ist sichtbar stolz auf ihren Schützling - eine durchaus neue Erfahrung für sie.
Als sie One dann noch Captain Janeway präsentiert, überträgt sich dieser Stolz eine Stufe höher. Janeway hat offenbar ebenfalls gute Arbeit geleistet, Seven die menschliche Natur beizubringen.
Borg calling
Bei all diesen Fortschritten ist es wenig verwunderlich, dass auch die andere Seite Interesse an One bekundet. Heimlich aktiviert sich ein Signal, das sofort vom Kollektiv aufgefangen wird. Eine Sphäre macht sich auf den Weg Richtung Voyager…
An dieser Stelle wäre es angebracht gewesen, kurz zu hinterfragen, ob es wirklich eine so gute Idee war, eine Art Super-Borg mit Technik aus der Zukunft mit Informationen anzufüttern. Doch Janeway bleibt ruhig. Zusammen mit Seven zeigt sie One die Schrecken seines Volkes. Ein Best-of aller Übergriffe, Angriffe, Zerstörungen, Assimilationen und Morde. One ist fasziniert, neugierig, aber scheinbar auch verängstigt ob der nahenden Verwandten.
Ein Schlüsselsatz fällt im Zusammenhang mit seinen Gefühlen erneut Seven zu. Als One fragt, ob sie zurück zum Kollektiv möchte, entgegnet Seven nach einer kurzen Pause, dass die Voyager ihr Kollektiv sei. Ein Statement, das offenbar Eindruck bei One hinterlässt - und auch bei Janeway, die ihre Freude, ihren Stolz, ihre Gefühle für ihr „Kind“ Seven nicht verstecken kann. Große Klasse!
Als die Borg schließlich kurz davor stehen, das Schiff zu zerstören, greift One beherzt ein und ergreift klar Partei. Er moduliert die Schilde, er versucht, die Waffen zu verbessern und beamt schließlich an Borg der Sphäre um diese in den nahen Nebel zu manövrieren und damit zu zerstören.

Etwas hat überlebt
Obwohl es zuerst nicht so schien, landet er kurz darauf schwer verletzt auf dem OP-Tisch des Doktors, der sofort zur Tat schreiten will.
Doch verwehrt One ihm den nötigen Eingriff mit einem Kraftfeld. Er hat seine Lektion gelernt und mehr von Sevens Menschlichkeit verstanden, als diese sich selbst zugestehen würde. Er hat verstanden, dass er nicht in diese Zeit und nicht auf dieses Schiff gehört. Dass er für die Crew und für Seven ein unkalkulierbares Risiko darstellt. Und da er sich scheinbar alternativ eine Zukunft bei den Borg nicht vorstellen kann, zieht er selber den Stecker. Dieses Mal lässt er sich jedoch nicht von Sevens rührend vorgetragenem „You're hurting me.“ abhalten. „You will adapt.“ ist seine kurze aber präzise Antwort. Denn auch hier hat er das Wesen des Menschseins und den Kreislauf aus Leben und Tod verstanden. Seven muss und wird mit diesen Geschehnissen und dem Verlust zu leben lernen.
Sie hat einer neuen Lebensform beigebracht, was es bedeutet, sich um andere zu sorgen und zu kümmern. Das Wohl vieler über sein eigenes zu stellen. Sie hat erfolgreich Werte vermittelt und muss die Entscheidung ihres Zöglings akzeptieren, eben weil sie nicht nur auf logischem Denken sondern auf genau diesem Wertemodell beruht. Eine große Leistung von ihr und letztlich auch von ihrer eigenen Mentorin Janeway, die nicht nur Seven eine potente Lehrerin war, sondern auch in ihrer Bewertung bezüglich Sevens Rolle für One richtig lag.
Die Schlussszene rührt zu Tränen - ein Kompliment an Drehbuch, Regie und alle Darsteller, die es geschafft haben, in nur 45 Minuten eine emotionale Bindung herzustellen, die uns mit Seven und One mitfiebern lässt.
Schön wäre eventuell noch eine reflektierende Abschlussszene mit Janeway gewesen. Aber man kann im Leben eben nicht alles haben.
Spieglein, Spieglein…
So sehen wir am Ende wieder Seven alleine mit ihrem „Spiegel“ in der Abgeschiedenheit ihres Frachtraums. Diesmal lächelt sie nicht. Soziale Kompetenzen hin oder her - das ist in jedem Fall ein absolut ehrliches Statement. Leben ist nicht nur Lachen, sondern auch das Verarbeiten schwerer Lektionen und negativer Erlebnisse gehört zum Menschsein dazu. Oder wie Forrest Gump es so wunderschön ausdrücken kann: „Ich glaube, manchmal gibt es nicht genug Steine…“.
The Reviewer's wife
Die Frau des Rezensenten hatte ebenfalls nichts als Lob für die Handlung und die schauspielerischen Leistungen übrig. Auch die Musik hob sie hervor und merkte an, dass die Serie gut gealtert sei und immer noch einwandfrei aussehen würde.
Die Weitergabe der Mentorenrolle von Janeway an Seven empfand sie als sehr gelungen und stark geschrieben. Einziger Wermutstropfen: Das Kostüm von Seven war ihr bisher nie so negativ aufgefallen. Sexistisch sei kein Ausdruck - so ihr Kommentar. Und auch die wieder einmal recht zickige Torres wird keine Freundin mehr für sie werden. Ihr bescheinigte sie nicht zum ersten Mal einen hohen Nervfaktor.
Gib dem Kind einen Namen
Schon an Bord der Voyager konnte man sehr gut mit simplen Titeln um sich werfen. Und obwohl „Drone“ ein solcher ist, passen kurze Worte dieser Art doch perfekt zu Borg-Episoden. Ist ja nicht gerade ein geschwätziges Völkchen. Im Deutschen gab es eine 1:1-Übersetzung und somit einen Freifahrtschein von mir.

Fazit
Episoden wie Drone zeigen ganz deutlich, wie ausgesprochen gut die Entscheidung war, Seven als Castmitglied an Bord zu holen. Die Dynamik zwischen ihr und Janeway, ihr und dem Doktor, ihr und Torres - alles Dinge, die durch die präzisen Charakterzeichnungen und Jeri Ryans nuanciertes Spiel möglich wurden.
Drone ist dazu noch eine der rundesten und besten Episoden der Serie, weil sie ein - zwar bekanntes - Thema konsequent verfolgt, emotional ausleuchtet und kompetent zu Ende bringt. Man kann der Serie im Gesamtbild sicher vieles vorwerfen: In Sachen Einzelepisoden ist Star Trek: Voyager in jedem Fall ein absolut würdiges und zuweilen bärenstarkes Kind der langlebigen Franchise - und diese Episode hat alles, was man dazu benötigt.
Morgen dreht sich in einem kleinen Special alles um Abtrünnige. Seid dabei!
Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 12. September 2015(Star Trek: Voyager 5x02)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Voyager 5x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?