Star Trek: Voyager 4x23

Star Trek: Voyager 4x23

Traue keinem Geschichtsbuch, das du nicht selbst geschrieben hast! Der Doktor muss erkennen, dass ein Blick aus der Zukunft als Nebenwirkung furchtbare Erkenntnisse über die Rückschau auf das eigene Leben und Wirken haben kann. Eine Sternstunde aller Trek-Serien!

Szenenbild aus der Episode „Living Witness“ / (c) UPN
Szenenbild aus der Episode „Living Witness“ / (c) UPN

Was passiert?

Nachdem sich die Crew der Voyager in einen Krieg zwischen zwei Völkern eingemischt hat, wird die Geschichte viele Jahrhunderte später von einem außerirdischen Historiker rekonstruiert. Als dieser das Backup-Programm des Doktors findet, steht er jedoch vor einem Problem. Sein „Fund“ berichtet ihm, dass die Fakten in seiner Rekonstruktion zwar im Groben stimmig sind, in den Einzelheiten jedoch völlig an der damaligen Realität vorbeigehen…

Dies & das

  • Der Raum, in dem sich das Museum befindet, ist das gleiche Set, in dem die Son'a im Film „Star Trek: Insurrection“ ihre hautstraffenden Maßnahmen vornehmen.
  • Roxann Dawson konnte wegen der Geburt ihrer Tochter nicht an dieser Episode mitwirken - eigentlich sollte sie sogar Regie führen.
  • Harry Kim ist in der Simulation tatsächlich und wahrhaftig Lieutenant. Dies ist eine Anspielung auf seine fehlende Beförderung über die Jahre. Weitere Abweichungen: Der Heimatplanet der Voyager-Crew wird als Mars angegeben, Kazon und (echte) Borg gehören zur Crew und der Doktor ist ein skrupelloser Android.

Der Doktor hat das Wort

Why do you always keep me waiting, Tuvok?“ (Janeway)

Captain, don't you think that's excessive? - You picked a bad time to have second thoughts, ambassador. - I want them defeated, but... but this is genocide. - Defeat? Genocide? Why quibble with semantics?“ (Diplomat der Vaskans und Janeway)

Voyager wasn't a warship! We were explorers! - Yes, I know. Trying to get home, to Mars. - Earth! You see, you couldn't even get that right!“ (Doc und Quarren)

Pure fiction. This is absurd. - Halt re-creation. This is a reasonable extrapolation from historic record. But if you'd like to point out any inconsistencies... - Inconsistencies? I don't know where to begin. Granted, this looks like the briefing room, but these aren't the people I knew! No one behaved like this... well, aside from Mr. Paris.“ (Doc und Quarren)

Somewhere - halfway across the galaxy, I hope - Captain Janeway is spinning in her grave.“ (Doc)

For your information, I don't appreciate being deactivated in the middle of a sentence. It brings back... unpleasant memories.“ (Doc)

From my perspective, I saw them all only a few days ago. But in fact, it's been centuries. And I'll never see them again. Did they ever reach home? I wonder.“ (Doc)

History as written

Captain Janeway hat eine neue Frisur. Und eine neue Uniform. Und neue, schicke Handschuhe. Sie erklärt einem Fremden, wie die Sternenflotte funktioniert: Mit Gewalt, Druck und Unnachgiebigkeit. Ihr Gesprächspartner vom Volke der Vaskaner möchte aber eigentlich nur Tedran, den Anführer der benachbarten Kyrianer, kleinhalten - was er von Janeway bekommt, ist jedoch Zerstörung, Mord und die Option auf Genozid. So macht die Sternenflotte das eben - man hilft ja gerne.

Bei der Suche nach eben jenem Anführer gehen Chakotay, der neuerdings auf eine befremdliche Art anders ausgesprochen wird und zudem offenbar ein wunderbares, neues Tattoo über das halbe Gesicht im Delta-Tattoo-Shop um die Ecke hat machen lassen und sein Kumpel Harry, der aus dem diabolischen Grinsen gar nicht mehr herauskommt, drastisch vor. Folter ist eben auch typisch Starfleet. Der Doktor, neuerdings mit eisblauen Augen und komplett emotionsbefreit, hilft ihnen gern: Ein Giftstoff wird injiziert und wirkt Wunder. Der Kyrianer ist plötzlich äußerst kooperativ und gesprächsbereit.

Zwischendurch wird noch ein Angriff seiner Landsleute per Borg-Einsatztruppe effektiv und schmerzhaft abgewehrt. Ehrensache, dass die überlebenden Angreifer direkt assimiliert werden. Seven freut das. Neben all den Kazon und Talaxianern fallen weitere Sklaven an der Waffe ja ohnehin kaum mehr auf.

Und es kommt noch besser: Kurz darauf hat man Tedran und seine Gefährtin bereits dort, wo man sie haben will: Auf den Knien und in der Messe. Eine letzte Chance gewährt Janeway ihnen noch auf Kapitulation, doch lehnen beide ab. Ein Schuss mit der Mordswumme hier, einer dort - und beide liegen tot zu Füßen des fassungslosen Vaskaners, der eigentlich nur spielen wollte. Doch nun? All dieses Leid - nur wegen der Crew der Voyager.

Never forget

Wer sich bisher gefragt hat, was zur Hölle es mit alldem auf sich hat, dem folgt die Antwort auf dem Fuß. Kein Paralleluniversum, keine neue Holonovel und auch nicht die Proben für ein stimmungsaufhellendes Theaterstück an Bord sind der Grund. Wir befinden uns in einem Museum - genauer, im Museum der Kyrianer, in dem der sympathische Leiter Quarren just eine Führung samt Vortrag mit historischem Lehrfilm über den Zwischenfall mit der USS Voyager, dem berüchtigten Kriegsschiff, hält. 700 Jahre sind seitdem vergangen, doch ist dieses einschneidende Ereignis emotional noch immer relevant und greifbar für sein Volk.

Gerne beantwortet er Fragen der Besucher und beschäftigt sich sogar mit den Zweifeln eines Vaskaners, der nach der Korrektheit der gezeigten Informationen fragt. Dabei erwähnt Quarren eine Speichervorrichtung, die erst kürzlich in den Ruinen einer damals zerstörten Stadt gefunden wurde. Diese werde mehr Aufschluss über die genauen Vorgänge liefern - und natürlich werde man sich alles vorurteilsfrei anschauen. Wirklich?

Als das Museum bereits geschlossen hat, sitzt Quarren alleine in seiner holographischen Nachbildung der Voyager und experimentiert weiter mit dem Artefakt, als ihm plötzlich der Durchbruch gelingt und ein Geist aus der Vergangenheit auftaucht: Der Doktor, den man in der Geschichtsschreibung seiner Welt eigentlich für einen Androiden gehalten hatte, und der sich nun wie aus dem Nichts als quicklebendiges Hologramm entpuppt. Doch wie ist er überhaupt hierher gelangt?

An dieser Stelle bitten die Autoren uns, das Gehirn zeitweise komplett herunterzufahren. Noch zu Beginn der vierten Staffel - und ironischerweise in der gestern rezensierten Episode Message in a bottle - versuchte Harry Kim gemeinsam mit Tom Paris einen Ersatz-Holodoc zu erschaffen - und gab schnell entnervt auf. Nun kann man natürlich sagen: Seitdem ist etwas Zeit vergangen; vielleicht hat Harry sich auf den Hosenboden gesetzt und tatsächlich, ohne das es je wieder erwähnt wurde, ein Back-up-Modul entwickelt. Sinnvoll wäre es ja! Doch ist das leider mindestens so unrealistisch wie es offensichtlich ist, dass die Autoren hier erneut etwas einführen, was sie aus Storygründen akut benötigen. Das ist schade - und nach meiner Einschätzung ein weiterer plumper Fall von lazy writing. Doch akzeptieren wir diesen schwachen Moment und wenden uns dem größeren Ganzen zu.

Für den Doktor ist es ohnehin irrelevant. Für ihn ist keine Zeit vergangen und er ist der Selbe, der er zu dem Zeitpunkt war, als das ominöse Modul verloren ging und auf dem Planeten strandete - vor 700 Jahren. Zu Recht fragt er, was er denn dann jetzt sei? Ein Fossil? Doch Quarren hat eine bessere und eine schlechtere Nachricht für ihn: Er ist ein Augenzeuge - aber auch ein Kriegsverbrecher. Vielleicht der schlimmste in der Geschichte seines Planeten und verantwortlich für mehr als acht Millionen Tote. Ein Mann, der sich wird vor Gericht verantworten müssen.

Wenig verwunderlich, dass ihm diese Aussicht nicht schmeichelt. Auch über den Verbleib seines Schiffes, seiner Kollegen und Freunde gibt es keine Informationen. Der Doktor, oder sagen wir - der Zwilling des Doktors - ist gestrandet. In Raum und Zeit. Allein.

Doch ist es für ihn, als wäre es gestern gewesen, als der jahrhundertealte Konflikt schwelte. Ein Konflikt, den die Kyrianer vollkommen anders darstellen, als er ihn erinnert. Es beginnt mit der völlig falschen Annahme, die Voyager sei ein Kriegsschiff vom Mars gewesen, geht über die optische und inhaltliche Darstellung von Crew und Geschehnissen und endet eben beim ihm - dem Arzt, der ein Massenmörder sein soll.

Doch Quarren ist kein Unmensch - er will sich die Version des Doktors anhören. Und wie wir schon einmal gehört haben: Vollkommen vorurteilsfrei. Wirklich?

History rewritten

Der Doktor hat das Wort: Mit großer Geste beginnt er seinen Bericht. Ja, es wurde mit den Vaskanern verhandelt. Man traf sich, tauschte sich aus und einigte sich auf ein Handelsabkommen. Friedlich und ohne kriegerische Absichten. Doch dann griff auf einmal Tedran, der Volksheld der Kyrianer, die Voyager an und…

In diesem Moment unterbricht Quarren den Doktor bereits zum ersten Mal. Er kann nicht glauben, was er da hört.

Klick

Er wirft dem Doktor vor, Opfer und Aggressoren zu vertauschen - Revisionistische Geschichte aus purem Selbsterhaltungstrieb. Als der Doktor gerade widersprechen will, nutzt Quarren die einzig praktikable Möglichkeit: Er drückt den Aus-Schalter.

Zurück bleibt Leere - und ein Mann, der in einem Konflikt steckt. Das zu glauben, was er seit Geburt erzählt bekommen hat, oder seinen Geist wirklich für eine Wahrheit zu öffnen, die fernab von allem liegt, was er eigentlich hören möchte. Er deaktiviert den Doktor, weil es bequemer ist, aus Angst vor einer Erkenntnis, die sein Weltbild verändern würde.

Doch kann er die vorhandenen Widersprüche nicht ignorieren - und aktiviert den Doktor erneut. Er möchte reden, zuhören und lernen. Auch auf die Gefahr hin, wirklich unvoreingenommen damit umgehen zu müssen: Diesmal wirklich.

Doch auch wenn er etwas später die Information, dass eigentlich Tedran selber den Konflikt ausgelöst hatte und, dass ein Vaskaner ihn im Verlaufe des Disputs tötete, inzwischen zu akzeptieren scheint - andere seines Volkes sind weniger begeistert und reagieren mit der gleichen Ablehnung wie Quarren zu Beginn. Der Doktor nennt das Kind beim Namen: 700 Jahre haben keinerlei sozialen Fortschritt gebracht. Doch was kann dieser Kultur noch helfen?

Individuen, die ihre festgefahrenen Meinungsbilder hinterfragen können: Quarren ist zumindest bereit, für des Doktors Worte einzustehen - er wurde vor Jahren durch die Voyager inspiriert, sich mit Geschichte zu befassen. Nun muss er dabei helfen, die Geschichte seines Planeten umzuschreiben.

Wer jedoch dem Doktor auf der Suche nach seiner persönlichen Geschichte helfen kann, ist eine ganz andere Frage: Er wird seine Familie nie wiedersehen, alle sind längst tot. Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist. Gibt es überhaupt noch eine Föderation? Er ist erschrocken und erfüllt von Sehnsucht nach diesem, seinem Leben.

Tempus Fugit

Während die beiden noch in ihr Gespräch vertieft sind, geht draußen im Museum Schlimmes vor sich. Aufgebrachte Vaskaner sehen endlich die Chance, mit der Geschichte abzurechnen. Eine Horde Männer zerlegt das Museum und will endlich für Gerechtigkeit sorgen.

Proteste, Vandalismus, Rassenunruhen und Tote sind auch außerhalb überall zu verzeichnen - und der Doktor realisiert das große Ganze. Nicht die Vergangenheit zählt, sondern die Gegenwart. Er möchte kein destabilisierendes Element für die Kultur dieser beiden ihm letztlich völlig fremden Völker sein. Wenn der Preis für eine Beruhigung der Lage die Wahrheit über sein Leben ist, ist er bereit diesen zu bezahlen. Ein guter Punkt, eloquent vorgetragen.

Doch hat er die Rechnung ohne Quarren gemacht, der ebenfalls seinen Moment des Erwachens hatte. Zu einfach wäre es, sich hinter Lügen in sein Schneckenhaus zurückzuziehen - nur weil es bequemer ist. Für sein Volk und das der Vaskaner gibt es nur eine Chance: Endlich mit allem aufzuräumen und eine bessere Zukunft anzustreben. Und auch ihm muss man attestieren: Ein sehr guter Punkt.

Flash Forward

Alles, was wir 42 Minuten lang gesehen haben, entpuppt sich in diesem Moment als weitere Simulation. Als weitere Erzählung über die Vergangenheit des Planeten.

Es wird berichtet, dass der Einsatz von Quarren und der des Doktors eine neue Ära möglich machten. Es entstand eine Einheit zwischen Vaskanern und Kyrianern, die sonst nie möglich gewesen wäre. Quarren erlebte die ersten Schritte dieser neuen, besseren Welt noch, starb aber bereits sechs Jahre nach den gezeigten Ereignissen. Der Doktor wurde zum medizinischen Kanzler, lebte lange Zeit unter beiden Völkern und entschied sich schlussendlich doch, aufzubrechen.

Er setzte Kurs auf den Alphaquadranten - aus Sehnsucht und auf der Suche nach seiner eigenen Geschichte - Zuhause.

The Reviewer's wife

Eine Episode, die der Frau des Rezensenten ebenso gut gefiel wie ihrem Mann. Verschachtelt, überraschend und mit einem coolen Konzept versehen. Einzig das zu abrupte Ende fiel ihr etwas negativ auf.

Gib dem Kind einen Namen

Auf Englisch wie auf Deutsch schlicht und passend - Der Doktor als Wanderer durch die Zeitgeschichte, als Einziger, der darüber aus erster Hand berichten kann und letztlich als Einziger, dem man kaum Glauben schenkt.

Fazit

Besser geht´s nicht. Die von Brannon Braga erdachte Episode bietet alles, was man sich von einer Trek-Dreiviertelstunde wünschen kann: Knackige Dialoge, ein moralisches Dilemma sowie Fragen, die über Raum und Zeit hinausgehen und Stoff für stundenlange Diskussionen liefern können. Dazu eine unterhaltsame Darstellung, Humor, Schauspieler in Bestform, eine Regie, die alles in wohlbekannten aber doch entrückten Bildern einfängt und als Sahnehaube ein offenes Ende, wie aus dem Nichts und wie aus dem Lehrbuch. Living Witness ist quintessential trek.

Wenn man eine Episode benötigt, um einen bisher Unwissenden über die erzählerische Power von Star Trek aufzuklären - bitte diese.

Das war sie nun schon, meine 100. Rezension zu Star Trek hier bei Serienjunkies. Euch allen ein ganz herzliches Dankeschön für eure Aufmerksamkeit und die vielen netten aber konstruktiven Worte - ich freue mich schon auf 2016 und hoffe, ihr bleibt an Bord! Nächste Woche sitzen wir erstmal alle unter dem Weihnachtsbaum - dementsprechend ist Pause. Doch bereits am 2. Januar bin ich wieder für euch da. Dann mit der ungeliebten fünften Kinoreise der Classic-Crew. Frohe Weihnachten und euch allen einen guten Rutsch!

Übersicht zum Review-Countdown

Hier findet ihr die bisher erschienenen Reviews nach Serien sortiert zum Nachlesen:

Star Trek

Where no man has gone before (Pilot)

The Conscience of the King (Klein aber fein)

Tomorrow is Yesterday (Platz 10)

A Piece of the Action (Platz 9)

Spock´s Brain (Trash oder Fun?)

The Naked Now (Platz 8)

I Mudd (Platz 7)

Star Trek: The Next Generation

Encounter at Farpoint (Pilot)

Lower Decks (Klein aber fein)

Data´s Day (Platz 10)

First Contact (Platz 9)

Phantasms (Trash oder Fun?)

I Borg (Platz 8)

The Inner Light (Platz 7)

Star Trek: Deep Space Nine

Emissary (Pilot)

Nor the battle to the strong (Klein aber fein)

The Wire (Platz 10)

Hard Time (Platz 9)

Our Man Bashir (Trash oder Fun?)

The Siege of AR-588 (Platz 8)

What you Leave Behind (Platz 7)

Star Trek: Voyager

Caretaker (Pilot)

11:59 (klein aber fein)

Drone (Platz 10)

Blink of an Eye (Platz 9)

Bride of Chaotica! (Trash oder Fun?)

Endgame (Platz 8)

Message In A Bottle (Platz 7)

Star Trek: Enterprise

Broken Bow (Pilot)

Alle restlichen Reviews zur Serie (aktuell bis Anfang Season 3) findet ihr auf der Serienseite.

Star Trek: Die Kinofilme

Star Trek: The Motion Picture

Star Trek: The Wrath of Khan

Star Trek: The Search for Spock

Star Trek: The Voyage Home

Diverses

Star Trek-Renegades

Verfasser: Björn Sülter am Sonntag, 20. Dezember 2015
Episode
Staffel 4, Episode 23
(Star Trek: Voyager 4x23)
Deutscher Titel der Episode
Der Zeitzeuge
Titel der Episode im Original
Living Witness
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 29. April 1998 (UPN)
Autor
Joe Gawler

Schauspieler in der Episode Star Trek: Voyager 4x23

Darsteller
Rolle
Kate Mulgrew
Robert Beltran
Roxann Dawson
Robert Duncan McNeill
Ethan Phillips
Tim Russ
Garrett Wang

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?