Star Trek: Voyager 4x18

Was passiert?
Die Voyager wurde von Hirogen gekapert - und die Crew muss unter dem Einfluss einer Technologie ohne Erinnerungen an ihr eigentliches Leben auf dem Holodeck grausame Szenarien der Erdgeschichte durchleben. Werden Janeway und Co als französische Resistance im Zweiten Weltkrieg an der Seite von US-Truppen mit Chakotay und Tom die Eindringlinge vertreiben und ihr Schiff zurückerobern können?
Dies & das
- Das explodierende Gebäude am Ende des ersten Teils war eine Idee von Brannon Braga, der so etwas schon immer einmal in Star Trek hatte machen wollen.
- Harry Kim wurde eigentlich in die Rolle des einsamen Kämpfers an Bord geschrieben, weil die Autoren Braga und Menosky an diesem Punkt der Serie kein Interesse an dem Charakter hatten. Als sie dann Aufnahmen von ihm sahen, waren sie von der Darstellung dieses härteren Kim jedoch sehr angetan. Das führte zu seiner zentralen Rolle in der Episode Timeless.
- Roxann Dawson musste hier endlich einmal ihre Schwangerschaft nicht verstecken.
- Jeri Ryan singt in dieser Episode selber.
- Der gezeigte Citroën 2CV ("Ente") wurde erst ab nach dem Krieg gebaut.
- Als Stadtplan von St. Claire benutzte man einen Plan von Toulouse.
- Das Holo-Modul am Ende ist das gleiche, das man in Ship in a Bottle als Speichervorrichtung für das Moriarty-Programm zeigte.
Drehbuchautoren im Oneliner-Modus
„When the Americans arrive and the fighting begins, I don't intend to be standing next to a piano singing „Moonlight Becomes You”.“ (Seven als Mademoiselle deNeuf)
„I must discontinue this activity. I am not well.“ (Seven)
„We've got to stop meeting like this.“ (Doc)
„They're Nazis, totalitarian fanatics, bent on world conquest. The Borg of their day. No offense.“ (Tom)
„Loosen up baby doll, the war's almost over.“ (Tom)
„Accept this... trophy. You can use it to create a new future for your people. At the very least, you can hang it on your bulkhead.“ (Janeway)
Synchro-Anomalien
- Als Torres auf dem Weg zum Hauptquartier der Nazis beleidigt wird, sagt eine Frau im Original “Colabo” für Nazi-Kollaborateur - sinnigerweise auch auf Französisch. Im Deutschen wurde daraus „Naziflittchen“.
- Roxann Dawson versucht sich kurz darauf bei ihrem gespielten Zusammenbruch an der schwierigen deutschen Sprache - hier lohnt in jedem Fall ein amüsierter Blick auf die Originalfassung.
Was geht los da rein?
Sonderbar. Janeway kämpft als Klingonin verkleidet in einer Felskulisse gegen andere Sirnhuckelträger? Plötzlich taucht ein Hirogen auf und fordert sie heraus - Janeway stirbt. So weit, so schlecht. Wir erfahren: Die Crew wurde mit Interfaces ausgestattet, die ihr falsche Identitäten vorgaukeln und müssen nun in Holo-Szenarien der Erdgeschichte ums Überleben kämpfen. Für Janeway ist die Zeit als Klingonin mit ihrem „Ableben“ jedoch vorbei - sie darf in eine neue Geschichte umsiedeln…
We'll always have St. Claire
Frankreich, Zeit des Zweiten Weltkrieges. Seven trägt Kleidchen und trällert ein Lied, Tuvok - ganz stilvoll im weißen Anzug - ist für die Drinks zuständig und Janeway alias Katrine leitet das Etablissement und kümmert sich um die Gäste: Zivilisten, Hirogen in Wehrmachtsuniformen und Nazi-Soldaten. Vorsicht ist besser als Nachsicht: Der Schalter für die höheren Hirnfunktionen bewegt sich wie von selbst eine Stufe zurück.
Doch handelt es sich hier gar nicht um harmlose Barbetreiber - in Wirklichkeit sind Katrine und ihre Leute die Resistance im Kampf gegen das Grauen des Dritten Reichs. Und auch ein weiteres bekanntes Gesicht taucht auf: Neelix drahteselt gut gelaunt durch die Kleinstadt St. Claire - oder ein wenig zynischer: Der Talaxianer erkundet den berühmten Paramount Lot, in dem schon so allerhand Western, andere Filme verschiedener Couleur und Serienepisoden gedreht wurden.
Und auch er ist Teil der Widerstandsbewegung: Seine geheime Nachricht besagt: Die Amerikaner kommen und bitten vorher um Ausschaltung der Nazi-Kommunikation. Zu diesem Zweck wird die schwangere Torres zu ihrem „Freund“, dem kommandierenden Nazi-Offizier, geschickt. Und auch wenn diese Aktion letztlich wenig bringt außer die Erkenntnis, dass es solch eine Kommunikationseinrichtung wirklich gibt, konnte man sich zumindest an ein wenig Smalltalk mit dem Bösen und kompetent gestalteten Kulissen erfreuen. Nach Torres Abgang erdreistet sich einer der Hirogen, die Idee der Herrenrasse zu hinterfragen, was den künftigen Vater zum Dreschen bösester Plattitüden verleitet.
Doch auch andere Hirogen sind unzufrieden mit der Situation und den ihrer Ansicht nach sinnlosen Spielen auf dem Holodeck, die sich ihr Anführer ausgedacht hat. Sie schießen aus Spaß auf Neelix und Seven, die daraufhin vom Doktor auf der Krankenstation der Voyager zum wiederholten Male zusammengeflickt werden müssen.
Die Frage bleibt: Was ist hier überhaupt genau los?
Der Sinn und Zweck
Das erklärt uns Karr, der Anführer der Hirogen mehr als beiläufig: Er sucht nach einer neuen Identität für sein Volk, nach einem Weg, der herausführt aus der ewigen Jagd und dem zermürbenden sich in der Galaxie verteilen. Damit man möglichst viele und große Simulationen laufen lassen kann, musste Harry Kim, der als einziger auf dem Schiff herumlaufen und arbeiten darf, bereits 5000 m² weitere Holodeckfläche schaffen - eine gigantische Zahl, die die Frage aufwirft, wie das technisch und logistisch überhaupt möglich sein soll. Nun ja - wenn ich als Techniklaie jetzt damit anfange, das Adaptieren und Installieren von Holodecktechnologie auf einem Raumschiff zu analysieren, wird's vermutlich noch alberner als ohnehin schon. Also weiter im Text: Als nächstes möchte Karr die Schlacht von Wolf 359 durchspielen…
Der Doktor hat jedoch längst genug gesehen - auch wenn es aktuell nicht ganz so schlimm ist, wie zu Zeiten der simulierten Kreuzzüge, rekrutiert er die verletzte Seven für seinen Plan. Neunzehn Tage Unterdrückung sind schließlich genug. Seven soll, ohne die implantierte Identität versehen, in die Simulation zurückkehren und den neuen Voyager-Widerstand gründen - nur diesmal eben gegen die echten Unterdrücker: Die Hirogen.
Für Seven natürlich nicht ganz einfach, da ihr nun elementare Informationen über ihre Rolle in dem laufenden Szenario fehlen - was wiederum Tuvoks und Janeways Skepsis der Kollegin im Widerstand gegenüber befeuert.
Dennoch darf sie gemeinsam mit Janeway/Katrine auf eine Mission in den Bunker der Nazis - als ihre Chefin gerade abgelenkt ist, findet Seven eine Holo-Schaltfläche und beginnt, des Doktors Plan anzustoßen. Doch bemerkt Katrine ihre Handlungen und steht kurz davor, die einzige Hoffnung der Crew endgültig ins Jenseits zu befördern. Wäre da nicht… der Doktor, der rechtzeitig Janeways Interface deaktiviert und sie somit ins Boot holt.
Währenddessen greifen die US-Truppen unter der Führung von Chakotay und Paris (der mal ein Mädchen in St. Claire kannte…) an. Und Neelix? Der spielt in einem anderen Holodeck Klingone. Jaja - es passiert viel.
Eine Explosion zerstört den Nazi-Bunker und gibt ein Bild der Verwüstung frei - vier Decks der Voyager sind zu sehen, klaffende Löcher in der Holokammer. Und der Schalter für die höheren Hirnfunktionen wandert ruckartig direkt in den Stand-by-Modus.
Man muss sich das dennoch auf den Hirnwindungen zergehen lassen: Das Holodeck ist nun also mindestens vier Decks hoch? Was hat man mit den Zwischendecken gemacht? Und warum? Für die meisten Szenarien sind solche Erweiterungen nach oben doch gar nicht nötig, oder? Gerade das ist ja eigentlich der Vorteil dieser fiktiven Technik. Nun ja - es sah wohl einfach im Geiste eines Autors verdammt cool aus. Und auch die Umsetzung gefällt - man darf eben nur nicht anfangen, in irgendeiner Form darüber nachzudenken.
Es wird noch wilder
In der Folge müssen Janeway und Seven nun am Voyager-Widerstand schrauben - gemeinsam mit ihren Kollegen, die denken, sie wären französische Widerstandskämpfer.
Karr möchte die Voyager unbedingt erhalten und ihre Crew aus diesem Grund verschonen - sein Assistent erscheint hier erstmals nicht auf einer Linie mit ihm zu sein, fügt sich jedoch.
In Katrines Etablissement möchten die Amerikaner gerne gleich die ganze Angelegenheit übernehmen, doch muss der verdutzte Chakotay sich Janeway und diversen schrägen Vorkommnissen im Bunker und bei den Klingonen beugen und trottet mehr hinterher, als irgendwie aktiv zu werden.
Weitere Dinge werden angerissen: So säuft Neelix inzwischen mit seinen klingonischen Kumpanen und Torres und Tom erörtern das holographische Baby, welches die Halbklingonin vor sich herträgt. Die interessanteste Frage, ob Torres in diesem Zuge Tom mit dem Nazi-Anführer (holographisch) betrogen hat, klammert die Serie natürlich keusch aus. Ob Tom wohl irgendwann off camera auf diese Idee kommen wird?
Weisheit
Irgendwo inmitten all dem bunten Treiben versteckt er sich dann aber erneut: Der Subtext. Wer es hier nicht schnell genug schafft, kurzzeitig in einen eher aufnahmebereiten Modus zu wechseln, verpasst unter Umständen den Kern der Geschichte. In einem geradezu augenfällig entschleunigten Gespräch zwischen Janeway und Karr prallen die Anführer beider Lage auf Augenhöhe aufeinander - auch, weil Karr es zulässt.
Erst droht er ihr - sie weigert sich. Doch schnell finden beide einen Konsens, schnell taut Karr genug auf, um dem Captain seine Vision vom Fortbestand seiner Rasse zu unterbreiten. Er wünscht sich, dass sein Volk geeint wird, dass man die Jagd nur noch holographisch durchführt und wieder eine Identität abseits des Herumvagabundierens findet.
Karr bewundert die Menschen für ihre Fähigkeit, sich nach Krisen immer wieder neu zu erfinden, neu aufzustellen und Veränderungen herbeizuführen - wie zum Beispiel auch nach dem realen Zweiten Weltkrieg.
In gegenseitigem Respekt vereinbaren die beiden eine Waffenruhe und die Freigabe der Holotechnologie durch die Crew der Voyager.
Hier halten die Autoren tatsächlich kurz inne und präsentieren uns einen spannenden Ansatz über die Hirogen, der durchaus auch mehr Raum hätte einnehmen können. Karr ist jedoch leider der einzig starke Hirogen-Charakter und somit auch der einzige, der nicht durch zweidimensionales Schlimmling-Gehabe auffällt. Von daher musste man zum Ende dieser Szene eine Rückkehr zur bisher gezeigten Gangart erwarten.
Dummheit
Und tatsächlich: Karrs Untergebener möchte zwar erst folgsam sein, wird dann jedoch durch eine vor Pathos triefenden Propaganda-Rede des Nazi-Kommandanten eingelullt und entschließt sich, zu meutern. Message? Vermutlich diese: Nazi-Ideologie funktioniert - bei den geistig Schwachen. Nicht gerade eine subtile oder differenzierte und nicht mal eine besonders clevere Botschaft - aber irgendwie eine typisch amerikanische.
Der frisch Belehrte ruft zum Kampf aus - und zur offenen Revolte gegen seinen Vorgesetzten.
Tohuwabohu
Es kommt wie es kommen musste: Immer mehr greifen Irrsinn und Chaos um sich. Neelix bringt die Klingonen in den Fight, Karr wird von seinem Stellvertreter getötet, Janeway darf Beute spielen und fliehen, trickst ihren Gegner jedoch aus (Schlau gegen Dumm: Ergebnis vorhersehbar) und am Ende sind Menschen, Vulkanier, Talaxianer, Hirogen, Nazis, französische Widerständler, US-Soldaten und Klingonen in unübersichtliche Kampfhandlungen verstrickt. Völlig gaga.
Gut, dass auch am Schreibtisch der Autoren nun langsam die Zeit drängte: Eine Einigung musste her. Die Kämpfe enden und die Hirogen sind einverstanden, die Voyager zu verlassen.
Gegen seinen Willen übergibt Janeway dem neuen Anführer die Holotechnologie, um die Vision von Karr vielleicht doch noch umzusetzen. Wenn man sich überlegt, dass der Captain anderen Völkern bisher nicht mal ihren Lockenstab geliehen hätte, eine mehr als fragwürdige Haltung, bei der auch von Tuvok, Chakotay oder Seven mal ein leises Wort der Kritik angebracht gewesen wäre.
Die Schäden an der Voyager sind natürlich extrem - und man befürchtet sofort, dass davon bei der nächsten Episode nichts mehr zu sehen sein wird. Ich gebe zu, ich habe extra nochmal nachgeschaut - man ignorierte die Schäden wie bei der Serie üblich natürlich dann auch komplett und ging fröhlich zur Serien-Tagesordnung über.
Bis zum Schluss blieb der Schalter also auf Stand-by. Nicht, dass das immer schlecht wäre. Die Episode unterhält, macht Spaß, bietet Schauwerte und langweilt nie. Das ist zwar keine große Kunst und nichts für Feingeister. Aber für 90 Minuten Berieselung taugt es definitiv.
Technik & Konsorten
Optisch feiert man hier natürlich ein Bombast-Fest mit starken Kulissen, Kostümen, gelungenen CGI-Effekten und viel Rambazamba. Dafür ist jedoch leider der Soundtrack unterirdisch - mehr Fahrstuhlgedudel aus der angestaubten Mottenkiste ging nicht. Ein Atmosphäre-Killer.
Die bei früheren Anlässen so riesigen und eindrucksvollen Hirogen wurden hier aus Schauspielermangel auf Normalmaß geschrumpft und verlieren damit einen Teil ihrer Besonderheit. Zusätzlich sehen sie in schlabberigen Wehrmachtsuniformen einfach dusselig aus. Abträglich auch, dass das Make-up nur beim Anführer herausragend und beim Rest nur im Bereich des Akzeptablen landet. Auch bei den Gastschauspielern sticht lediglich Danny Goldring als Karr heraus.
The Reviewer's wife
Die Frau des Rezensenten liebt es, in Episoden völlig eintauchen zu können. Hier gab es für sie also das Rundum-Sorglos-Paket aus Klingonen, Hirogen, französischer Kleinstadt, Weltkriegshintergrund, Uniformen und guter Laune. Für sie ein absolutes Highlight. Doch auch der Subtext um den Hirogen-Anführer faszinierte sie - wie die Hirogen an sich. Als das große Gewimmel losbrach und alle durcheinander liefen und kämpften, fühlte sie sich direkt an die Filmreihe „Nachts im Museum“ erinnert.
Gib dem Kind einen Namen
Der Name schreit es in großen Lettern heraus - hier knallt es deftig und es gibt mächtig auf die Zwölf. Zugegeben: Wäre die Episode subtiler, könnte man das auch für den Titel annehmen - im Zusammenspiel von Präsentation und Titelwahl bleibt es aber beim Urteil: Passt weil verwand im Geist. Im Deutschen übersetzte man wörtlich und muss sich höchstens wie so oft einen Hinweis auf das etwas schräge Konstrukt gefallen lassen - ein Problem, das gerade zu Brosnan-Zeiten übrigens auch viele Bond-Filme hatten.
Fazit
Popcorn her! Die vierte Staffel der Serie bot damals alles, was man sich nur wünschen konnte. Charakterdramen, spannende SF-Konzepte, Emotionen und eben auch massenhaft Action. The Killing Game ist der Big Bang der Staffel. Hier fliegen nicht nur nach und nach sämtliche Gehirnzellen in die Luft, der Zuschauer kommt auch keinen Moment zur Ruhe und freut sich über einen wilden Ritt, der sich zwar irgendwie nie richtig ernst nimmt, aber dabei einfach pure und gute Unterhaltung bietet. Ja, liebe Freunde - auch das kann reichen.
Nächste Woche endet die Ära der Classic-Trek-Filme mit dem letzten Abenteuer von Captain Kirk & Co. - abgesehen vom Reboot natürlich.
Verfasser: Björn Sülter am Sonntag, 7. Februar 2016(Star Trek: Voyager 4x18)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Voyager 4x18
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?