Star Trek: Voyager 4x08

Was passiert?
Ein Schiff der Krenim unter der Führung eines Mannes namens Annorax versucht wiederholt und massiv, die Zeitlinie zu verändern, um einen schlimmen Fehler aus der Vergangenheit wieder rückgängig zu machen. Während die Voyager versucht, den Raum der Krenim zu durchqueren, werden sie Opfer dieser Handlungen und zur Zielscheibe für Annorax...
Dies & das
- Die Handlung wurde in Before and After zwar schon angedeutet, allerdings erinnert sich die Crew nicht an Kes' Warnungen und ihre vorgeschlagenen Schildmodifikationen.
- Seven of Nine spielt natürlich auf den achten Kinofilm an, als sie meint, die Borg wären beim Start der Phoenix präsent gewesen.
- Das astrometrische Labor der Voyager wird hier erstmals gezeigt.
- Obwohl Kes bei ihrem Abschied die Voyager ca. 9.500 Lichtjahre weit geschleudert hat, äußert Janeway gegenüber Annorax, dass die Erde noch 65.000 Lichtjahre entfernt sei. Die Voyager begann ihre Reise jedoch mit einem Abstand von 70.000.
Zitate
„Who would've thought that this eclectic group of voyagers could actually become a family? Starfleet, Maquis, Klingon, Talaxian, hologram, Borg... even Mr. Paris“ (Doc)
„You have the bridge... what's left of it.“ (Janeway)
„With all due respect... unless you've got something a little bigger in your torpedo tubes, I'm not turning around.“ (Janeway)
„The Titanic? As I recall, it sank. - Let's just say I've made a few improvements.“ (Janeway und Paris)
„Each of you has done your best, but determination alone isn't going to hold this ship together. It's time we faced reality. We've lost nine decks, more than half this ship has been destroyed. Life support is nearly gone; Voyager can no longer sustain its crew. I promised myself that I would never give this order, that I would never break up this family; but asking you to stay... would be asking you to die.“ (Janeway)

Ruhe und Frieden bei Annorax
Die Zivilisation eines Planeten wird durch eine gigantische Waffe ausgelöscht. Wo vorher noch Straßen, Gebäude und Lebewesen waren, ist nun nur noch idyllische Natur zu sehen. Eine Art Rückversetzung eines Planeten in seinen Urzustand? Ohne die offenbar störende weiterentwickelte Lebensformen? Was ist hier bloß los?
Der Verantwortliche des Ganzen heißt Annorax, seines Zeichens ein Mitglied der Spezies der Krenim, der an Bord seines Zeitschiffes versucht, die Zeitlinie durch Eliminierung von Versatzstücken der Geschichte zu verändern. In diesem Fall durch die Auslöschung der Kolonie einer verfeindeten Spezies. Doch ist das Ergebnis nicht nach seinen Wünschen - direkt ordnet er ein neues Ziel an. Diesmal soll direkt die ganze Spezies auslöscht werden. Harter Tobak. Doch für Annorax bringt dieser erneute barbarische Akt einen Teilerfolg: Wie sein Untergebener ihm mitteilt, wurden 98 Prozent dessen wiederhergestellt, was offenbar das Ziel seiner Bemühungen ist. Einzig eine Kolonie, die Annorax scheinbar ganz besonders am Herzen liegt, wurde nicht wieder hergestellt.
Für die Crew seines Schiffes liegt der Fall klar: Näher wird man Perfektion nie kommen. Nach Jahrhunderten der Arbeit, geschützt von den Effekten der Zeit, will die Crew einfach nur noch nach Hause. Doch ist Annorax nicht zufrieden - so lange nicht alles wiederhergestellt ist, will er nicht aufgeben und sucht bereits nach einem neuen Ziel. Erneut wird ein ganzer Planet plattgemacht. Diesmal jedoch entwickelt sich das Krenim-Reich dadurch zurück in eine Prä-Warp-Zivilisation. Irgendetwas hat die Berechnungen und die durch die Waffe ausgelöste Schockwelle gestört. Nur was?
Die Episode führt mit Annorax, seiner Crew und seinem imposanten Schiff einen spannenden Gegenspieler ein, der schon durch die schiere Kaltschnäuzigkeit seines Vorhabens beeindruckt. Irgendetwas passt uns nicht am Lauf der Zeit, also puzzeln wir so lange herum, bis alles wieder optimal für uns läuft. Würden alle so denken und handeln, wäre vermutlich ein noch größeres Kuddelmuddel im Gange, als im Temporal Cold War von Star Trek: Enterprise. Gut also, dass für den Moment nur Annorax mit zeitverändernden Maßnahmen beschäftigt ist...

Hölle und Terror auf der Voyager
Auf der Voyager feiert man derweil die Einweihung des neuen Astrometrischen Labors - samt eines neuen, schnelleren Weges nach Hause und einer abrupt beendeten Rede des hier zwar charmanten aber auch erneut überzeichneten Doktors.
Ein kleines Krenim-Schiff möchte die Voyager vom Flug durch ihr Territorium abhalten - Janeway macht sich jedoch lieber über die schwachen Waffen der Spezies lustig und will weiterfliegen. Als einige Tage später eine Schockwelle die Voyager passiert, verändert sich plötzlich alles. Ein just noch an Bord befindlicher Gast einer anderen Spezies verschwindet (ohne, dass das jemandem auffällt) und die Krenim-Schiffe sind nun größer und besitzen eine höhere Kampfkraft. Die Voyager muss flüchten, steckt aber einige Treffer ein.
In der Folge geht es rasant bergab - die Voyager trifft immer wieder auf die Krenim und befindet sich schnell in einem erbarmungswürdigen Zustand. Chakotay schlägt in einem ruhigen Moment vor, das Schiff zu verlassen und neu anzufangen. Viel sinnvoller wäre es an dieser Stelle natürlich gewesen, vorzuschlagen, den Krenim-Raum zu umfliegen - leider kommt aber niemand auf diese Idee. Wie dem auch sei: Katie Janeway möchte nichts davon hören, weist ihren ersten Offizier schroff zurecht und dieser knickt sofort ein. Charakterzeichnung vom allerschlimmsten - armer Robert Beltran, der hier als Chakotay nur bemitleidenswert meinungsfrei und zahnlos wirkt.
Dennoch finden sich auch noch zwei starke Szenen: In einer befreit Seven Kim und B'Elanna aus einem defekten Turbolift und hat direkt eine Antwort auf eine Quizfrage parat, mit der sich die beiden Eingesperrten vorher die Zeit vertrieben hatten. Hier wird clever Bezug auf die Ereignisse aus „Star Trek - First Contact“ genommen, als Seven zugibt, dass die Borg beim ersten Kontakt der Menschen mit den Vulkaniern zugegen waren. Herrlich. Die zweite Szene zeigt Verbesserungen am Schiff, die Tom auf der Basis der Titanic vorgenommen hat. Natürlich nur diesmal in „besser“. Süß.
Weniger süß wird es, als Seven an Bord einen noch aktiven Torpedo findet, dessen Detonation Tuvok sein Augenlicht kostet. Die Voyager ist zunehmend ein Wrack, die Crew isst Notrationen und der Captain kann nicht mal mehr ein herzensgutes Geburtstagsgeschenk ihres ersten Offiziers annehmen: Eine Taschenuhr. Traurig, bedrückend, stark geschrieben und gespielt. Es wird Zeit für einen guten Plan.
Dieser kommt in Form neuer Schilde, die die temporalen Schockwellen eliminieren sollen. Da ohnehin gerade wieder Krenim-Schiffe angreifen, kann man diese direkt im Kampf testen. Gesagt getan: Die Crew verfolgt live, wie die Schockwelle sie passiert und erlebt diesmal bewusst die Veränderungen der Zeitlinie mit, als die Krenim-Schiffe schrumpfen. Was geht denn hier bloß vor sich? An dieser Stelle waren wir doch schon mal, oder?
When Annorax met Katie
Kurz vor Ende des ersten Teils kommt es also zur Begegnung. Annorax trifft auf den Grund für sein Scheitern beim letzten Versuch, die Zeitlinie zu verändern: Die Voyager in Person von Captain Janeway. Für weitere Untersuchungen nimmt er sich wie selbstverständlich ein wenig von der Hülle des Schiffes und zwei Gefangene: Chakotay und Paris. Alles verhandeln nützt nichts: Annorax will vollkommen emotionslos die Voyager aus der Zeitlinie entfernen. Für ihn ist es eine Notwendigkeit, die Kurtwood Smith mit eisiger Kälte vermittelt.
Doch mit Hilfe der immer noch standhaltenden Schilde und einer dramatischen Flucht, die weitere extreme Beschädigungen nach sich zieht, entkommt man in gerade noch einem Stück. Doch hat Janeway nun wirklich genug gesehen und durchlitten. Die Verluste lasten zu stark auf ihren Schultern, die Ausweglosigkeit dringt wie ein bodenloses, tiefes Loch in ihr Bewusstsein. In einer mitreißenden Rede gibt sie ihre Crew frei und plant ausschließlich mit den Führungsoffizieren an Bord zu bleiben, um Chakotay und Paris zu retten. Als die Rettungskapseln das Schiff verlassen, wird klar, dass die Reise der USS Voyager nach normalem menschlichem und extraterrestrischem Ermessen an einem entscheidenden Scheideweg stehen müsste...

Müsste und hätte spielt auf der Voyager Klarinette
Die restliche Handlung der Episode teilt sich auf zwei Schwerpunkte auf. Auf der einen Seite versuchen Captain Janeway und ihre wackere Rumpfcrew, das Schiff am Laufen zu halten und irgendwie zu überleben. Auf der anderen Seite zeigt man uns, was Chakotay und Paris an Bord von Annorax' Schiff erleben.
Chakotay entwickelt dabei eine Faszination für die Arbeit des charismatischen Krenim und taucht tiefer in die Materie ein. Die Idee des Krenim, die Voyager zu verschonen und nach Hause zu bringen gefällt dem ersten Offizier - allerdings sieht er dabei erneut nicht besonders glücklich aus, da das Drehbuch ihm letztlich nur die Rolle desjenigen zuspielt, der manipuliert wird und am Ende einsehen muss, dass Tom die ganze Zeit den richtigen Riecher hatte und Annorax einfach nicht mehr zu helfen ist. Dieser arbeitet nur auf ein Ziel hin: Eine Kolonie, in der seine Familie durch seinen ersten Eingriff in die Zeitlinie versehentlich starb, wiederherzustellen. Koste es was es wolle und egal wie lange es dauert. Tom hatte sich von Beginn an dem Krenim verweigert und behält damit Recht - am Ende willigt Chakotay ein, ihn und einige der Crew bei einer Meuterei zu unterstützen und der Voyager eine Nachricht zuzuspielen.
Die Vorgänge auf der Voyager sind im zweiten Teil eher routiniert. Der Verfall des Schiffes nimmt stetig zu und Janeway wechselt zunehmend in den oft gesehenen Bad-Ass-Modus, in dem sie letztlich sogar Ratschläge und Befehle (des Doktors) lässig in den Wind schlägt. Janeway arbeitet auf Autopilot - und niemand darf ihr dabei in die Quere kommen. Ein Verhaltensmuster, das die Autoren der toughen Frau oft zuschrieben, das aber leider immer wieder eher ins Irrationale abdriftete - so auch hier.
Die beste Szene erleben wir, als Janeway in Chakotays Quartier die Uhr findet, die der erste Offizier eigentlich nicht hatte behalten sollen - die Rührung des Captains und die Last, die hier aus ihr heraus und über sie hereinbricht, spielt Kate Mulgrew äußerst intensiv.
Am Ende kommt es zur großen Konfrontation der Voyager (samt neu zusammengestellter Flotte) mit dem Zeitschiff des Annorax. In einem Akt der Verzweiflung stürzt sich Janeway (die inzwischen alleine auf dem Schiff ist) schließlich mit der Voyager in das gegnerische Schiff - und erreicht damit nicht nur dessen Zerstörung, einen vollständigen Reset der Zeitlinie sondern löscht auch alles aus, was in den vergangenen 90 Minuten oder besser im vergangenen Höllenjahr, geschehen ist. Die saubere und heile USS Voyager trifft auf ein paar freundliche Krenim, die ihnen abraten, durch ihren Raum zu fliegen. Klare Sache: Man nimmt dann halt einen Weg Drumherum. Warum eigentlich nicht gleich so?
Zum Abschluss lernen wir noch Annorax' Familie kennen. Auch die von ihm einst zerstörte Kolonie ist also wieder hergestellt und Annorax scheint aus seinem Fehler vielleicht gelernt zu haben - zumindest nimmt er sich ein wenig Zeit für seine Frau. Doch zeigt sein abgelegtes Pad leider auch, dass er erneut an temporalen Berechnungen arbeitet...
Der böse, böse, böse Resetbutton
Eigentlich das allumfassende Thema der Episode: Der Einsatz des Resetbuttons. Wenn es einer beispielhaften Episode bedurfte, wie dieser im Extremfall (nicht) einzusetzen wäre, man hätte sie hier final und für alle Episoden, die noch folgen würden gefunden. 90 Minuten brutale Zerstörung an Material und Psyche der Crew und ein unfassbares emotionales Stahlbad und Zusammenwachsen der Überlebenden. Charakterentwicklung mit der Brechstange, aber stark wie selten. Und nun? Am Ende ist alles nichtig. Einzig die Veränderung für Annorax, der offenbar (oder nur scheinbar?) diesmal seiner Familie den Vorzug gibt, tröstet und stimmt versöhnlich. Die Auswirkungen auf die Voyager-Familie jedoch sind verpufft. Mit der nächsten Episode ist alles wieder wie vorher. Ist das gut? Kann und will man das so erleben? Eher nein.
Doch was wäre die Alternative gewesen? Man hätte die Voyager aus irgendeinem obskuren Grund vor den Veränderungen der Zeitlinie am Ende schützen können (please insert technobabble here) und somit alle Veränderungen auf Schiff und Crew konservieren können. Die Krenim wären somit am Ende auf ein Wrack mit Zombie-Crew getroffen und hätten sich gewundert - und vielleicht Hilfe angeboten? Es hätte dann sicher einer Übergangs-Reparatur-Episode bedurft, die alles wieder auf die weitere Heimreise vorbereitet. Doch wäre das nicht viel stimmiger gewesen? Bestimmt. Einzige Einschränkung: Die Autoren (und hier allen voran Mr. Kid-in-the-Candystore Brannon Braga) hätte die Zerstörung und die Todesfälle (oder die Erblindung von Tuvok) ein wenig eindämmen müssen, damit die Serie danach auch noch tragfähig gewesen wäre. Doch das hätte ihm vermutlich weniger Spaß gemacht. Eine Krux.

Episoden wie diese definieren das Problem der Serie: Auswirkungen sind selten von Dauer. Die Charaktere sind nicht kohärent genug, die durchlaufenden Handlungsstränge inkonsequent. Dafür hatte keine der Trek-Serien derartig bombastische Event-Episoden oder auch im Kleineren derart viele schlicht unterhaltsame, spannende Einzelepisoden, die man einfach konsumieren konnte. Star Trek: Voyager ist der Inbegriff von Popcorn-Trek mit Tiefe im Detail, aber nicht im Gesamtbild. Irgendwie konsequentes Anti-DS9. Und das meine ich mitnichten despektierlich. Ich mag die Serie noch heute - nur im Vergleich leidet sie eben unter der Gleichgültigkeit der Autoren, die immer mehr wollten, als realistisch machbar war.
The Reviewer's wife
Überraschend emotionslos verfolgte die Frau des Rezensenten das doch eigentlich so spannende und dramatische Treiben. Meine Vermutung: Sie hat einfach schon zu oft gesehen, wie Sternenflottenschiffe beinahe oder vollständig zerstört wurden. Das härtet ab und führte bei ihr zu einer Sättigungsreaktion. Für sie somit in der Summe nur eine absolute OK-Episode ohne großen Wiedererkennungswert.
Gib dem Kind einen Namen
Selten war ein Name derart reißerisch und trotzdem so passend gewählt. In einer extralangen Zerstörungsorgie, die die Crew über alle Belastungsgrenzen schickt, entspinnt sich tatsächlich ein Höllenjahr. Klasse!
Fazit
Year of Hell ist die ultimativ härteste Voyager-Episode: Sowohl physisch, wie auch psychologisch. Dazu gesellen sich ein grandioser Gegenspieler auf emotional absolut nachvollziehbarer Mission, tolle Effekte und durchweg starke Dialoge. Einzig der finale Resetbutton und ein paar Schwächen in der Dramaturgie schmälern das Gesamtergebnis dezent. Dennoch ein ganz heißes Stück Action-Trek!
Nächste Woche ist die Kehrseite der Medaille an der Reihe - statt mich wie zuletzt den schönsten zehn Trek-Momenten zu widmen, gehe ich auf die Suche nach den schlimmsten WTF-Momenten der Trek-Geschichte. Peinlichkeiten und Absurditäten erwarten Euch. Die Woche danach geht es dann wöchentlich mit den ersten Plätzen los!
Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 30. Juli 2016(Star Trek: Voyager 4x08)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Voyager 4x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?