Star Trek: Deep Space Nine 6x13

Was passiert?
Benjamin Sisko leidet unter Schwächeanfällen - einer führt ihn als Autor Benny Russell direkt zu einer Vision der Erde in den 50er Jahren, mitten hinein in die Redaktion einer kleinen SF-Zeitschrift und in eine Zeit, als man als Farbiger oder als Frau noch auf der Ersatzbank der Gesellschaft Platz nehmen musste. Doch Benny hat einen Traum und will unbedingt seine Geschichte einer Raumstation namens Deep Space Nine der Welt erzählen…
Dies & das
- Auf dem Magazin „Galaxy“, das sich Benny kauft, ist Sternenbasis 11 zu sehen. Der Name der Story lautet „Court Martial“ vom Autor Samuel T. Cogley. Dieser war in der gleichnamigen Episode der Classics Kirks Anwalt gewesen. Später liest K.C. eine Ausgabe von „Astounding Science Fiction“ mit einer Zeichnung aus der Episode A Taste of Armageddon.
- Siskos letzter Gedanke erinnert an einen Ausspruch von Picard in Ship in a Bottle. Dort sagt dieser sinngemäß: „Aber, wer weiß, unsere Realität mag ihrer sehr ähnlich sein. Dies alles ist vielleicht auch eine kunstvolle Simulation, die in einem kleinen Gerät läuft, dass auf dem Tisch von irgendjemandem steht.“
- Regisseur Avery Brooks war so sehr auf Authentizität bedacht, dass er sich sogar noch in der Sitzung zur Musik-Auswahl einfand - ein eher ungewöhnlicher Vorgang.
- Armin Shimerman über die Episode: "Star Trek at its best, deals with social issues, and though you could say, 'Well, that was prejudice in the fifties,' the truth of the matter is, here we are in the twenty-first century, and it's still there, and that's what we have to be reminded by, and that's what that episode does terrifically well."
- Avery Brooks über die Episode: "If we had changed the people's clothes, this story could be about right now. What's insidious about racism is that it is unconscious. Even among these very bright and enlightened characters - a group that includes a woman writer who has to use a man's name to get her work published, and who is married to a brown man with a British accent in 1953 - it's perfectly reasonable to coexist with someone like Pabst. It's in the culture, it's the way people think. So that was the approach we took. I never talked about racism. I just showed how these intelligent people think, and it all came out of them."
- Jeffrey Combs über Brooks Leistung: "Avery was spectacular. There was a scene toward the end where he falls apart with the camera right in front of his nose. It was just riveting."
Zitate
„Wishing never changed a damn thing.“ (Benny)
„If the world's not ready for a woman writer - imagine what would happen if it learned about a Negro with a typewriter - run for the hills! It's the end of civilization!“ (Herbert)
„Herb's been angry ever since the day Josef Stalin died...“ (Douglas)
„Call anybody you want, they can't do anything to me, not any more, and nor can any of you. I am a Human being, dammit! You can deny me all you want but you can't deny Ben Sisko - He exists! That future, that space station, all those people - they exist in here! In my mind. I created it. And everyone of you knew it, you read it. It's here. Do you hear what I'm telling you? You can pulp a story but you cannot destroy an idea, don't you understand, that's ancient knowledge, you cannot destroy an idea. That future - I created it, and it's real! Don't you understand? It is real. I created it. And it's real! It's real! Oh God!“ (Benny)
„For all we know, at this very moment, somewhere far beyond all those distant stars, Benny Russell is dreaming of us.“ (Sisko)
Synchro oder weniger synchron
Willie Hawkins sagt an einer Stell zu Cassie „Würdest du diesem Idioten bitte sagen, er soll sich gefälligst woanders einmischen?“ - Ihre Antwort: „Ist mir auch schon eingefallen. Das Problem ist, wenn er geht, würde er mein Herz mitnehmen.“ Die Antwort passt leider nicht zum ersten Satz von Willie - im Original lautet es da richtig: „Why don't you tell this fool to take his business someplace else.“
Eine weitere schludrige Übersetzung: „Ich weiß, ich weiß. Aber vielleicht, nur möglicherweise, ist Benny gar nicht der Träumer, sondern wir.“ im Gegensatz zum Original „I know, but maybe, just maybe, Benny isn't the dream, we are.”.
Der Rezensent schwelgt
Gegen Episoden, die liebgewonnene Charaktere in völlig andere Situationen bringen, habe ich meist nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Versuche wie The Inner Light oder 11:59 gehören sogar serienübergreifend oft zu meinen absoluten Lieblingen. Besonders schön ist es aber, wenn die Geschehnisse organisch aus der Serienhandlung heraus eintreten und auch noch im Kern etwas zur Geschichte des gewählten Charakters beizutragen haben. All das ist in diesem Fall zusammengekommen - und mehr. Es ist Zeit für meinen persönlichen Platz 1 von DS9.
Too much
Wir befinden uns in den Wirren der politisch komplexen Welt von DS9 - just hat man erneut ein Schiff mit einem alten Freund des Captains verloren, da besucht Siskos Vater zum ersten Mal die Station. Und dessen Timing könnte nicht besser sein: Benjamin Sisko ist frustriert und demoralisiert - sogar ein Austritt aus der Sternenflotte ist ein Thema. Sisko ist der Verantwortung müde.
Doch beginnen auf einmal sonderbare Dinge: Der Captain sieht einen ihm unbekannten Mann mit Anzug, Hut und Brille an seinem Büro vorbeigehen. Später sieht er einen Baseballspieler im Gang zu seinem Quartier - als er dann selber durch eine Tür tritt, befindet er sich kurzzeitig auf einer öffentlichen Verkehrsstraße mit antiken Autos. Ein Unfall mit einem solchen Gefährt lässt ihn jedoch schnell in der Krankenstation aufwachen und direkt an Visionen der Propheten glauben - da geschieht es erneut. Er ist nun nicht mehr Sisko - er ist ein farbiger SciFi-Autor namens Benny Russell mitten im New York der fünfziger Jahre.
Magic under fire
Wer genau hinschaut, bemerkt es bereits in den ersten Minuten: Die Szenerie wird bevölkert von den Stammdarstellern der Serie, die hier in anderen Rollen und vor allem teilweise ohne das bekannte Make-up auftauchen. Den Anfang macht Aron Eisenberg alias Nog als Zeitungsjunge. Zur Redaktion, in der Benny Russell arbeitet, gehören die Alter Egos von O'Brien, Kira, Dax und Bashir (die man alle natürlich gut erkennen kann), aber auch Rene Auberjonois alias Odo und Armin Shimerman alias Quark als Redaktionsleiter Douglas und weiterer Autor Herbert. Eine herrliche Idee, die beliebten Darsteller endlich einmal so zu zeigen, wie sie sonst nie vor die Kamera treten dürfen.
Der nächste im Bunde ist General Martok, hier als Zeichner des Magazins der unter anderem Benny einen Geistesblitz beschert - das Design einer uns arg vertrauten Raumstation.
Doch zuerst gibt es schlechte Nachrichten: Der Verlag möchte zwar in der nächsten Ausgabe die Autoren des Magazins im Bild vorstellen, für Benny und seine Kollegin K. C. bedeutet das jedoch: Ausschlafen. So offen sich die Leser auch für die Ideen über Außerirdische geben, so wenig sind sie bereit, diese Geschichten von Frauen oder Farbigen kredenzt zu bekommen. Und wirklich: Diese Welt wirkt auf uns so fern - und liegt doch nur einen Katzensprung in der Vergangenheit.
Zuhause wird Benny von zwei Cops schikaniert - optimal besetzt durch Marc Alaimo alias Dukat und Jeffrey Combs alias Weyoun/Brunt. Doch gibt es auch positive Begegnungen: Siskos Dad ist als Prediger zu sehen, Jake als Straßendieb - und Kassidy ist natürlich auch hier die Frau an Bennys Seite.
Creating it
Zuhause hat nun Benny seinerseits eine Vision - in seiner Fensterscheibe sieht er statt seines eigenen Spiegelbildes sich selbst in einer Art Uniform - die andere Seite des Spiegels. Die Musik wechselt kurz von Jazz zum DS9-Thema und Benny beginnt seine Geschichte…
Am nächsten Morgen ist Benny euphorisiert - er hat seine Geschichte fertig und glaubt fest an seine Idee. Dass ein schnöseliger Baseballspieler mit seiner Freundin flirtet, gefällt ihm da natürlich gar nicht - herrlich in dieser Rolle: Michael Dorn alias Worf.
In der Redaktionen sind die Meinungen einhellig: Bennys Geschichte ist ein Hit. Doch leider haben alle die Rechnung ohne Douglas, den Redaktionsleiter gemacht. Dieser weist die Gruppe auf den offensichtlichen Fehler in Bennys Story hin: Sein Held ist ein farbiger Captain - unhaltbar und absolut unglaubwürdig. Wunderbar, wie Herb (Quark) Douglas (Odo) direkt anfährt und hinterfragt, ob Marsmännchen denn glaubwürdiger wären.
Doch gibt es keine Diskussionen - der Verlag wird eine solche Geschichte nicht akzeptieren. Benny kann die Geschichte fünfzig Jahre unter Verschluss halten, bis die Gesellschaft farbenblind geworden ist, oder seinen Captain zu einem Weißen machen. Dass beides nicht in Frage kommt, ist Ehrensache.
Things need to change
Doch hat Benny noch ein anderes Problem - zunehmend sieht er Elemente aus seiner Geschichte (und somit aus der DS9-Realität) in dieser Welt: Kira in Uniform oder Worf in klingonischer Montur - später verliert er sich beim Tanzen mit seiner Freundin gar visuell in der DS9-Welt. Benny droht den Verstand zu verlieren. Doch auch der Prediger taucht wieder auf und beschwört ihn, weiterzuschreiben. Benny verliert keine Zeit: Er schreibt weitere sechs Geschichten über seinen farbigen Captain Sisko. Douglas ist selbstverständlich nicht begeistert und droht mit Entlassung. Doch taucht plötzlich eine Idee auf, die alles verändert: Bennys Geschichte könnte der Traum eines farbigen Kindes sein - eines Kindes, das von einer besseren Zukunft träumt. Douglas lenkt ein - DS9 wird gedruckt.
Wäre da nicht der Prediger, der plötzlich unschöne Visionen über sogenannte Propheten verbreitet sowie der Mord an Bennys jungem Freund (Jake). Zum Dank für seine Einmischung wird er schließlich noch von den beiden Cops, alias Garak und Weyoun, zusammenschlagen wobei die beiden in dieser Sequenz visuell zwischen ihren Figuren hin und herwechseln. Stark!
I can't stand it anymore
Nach seinem Krankenhausaufenthalt ist es endlich soweit: Benny kehrt zurück in die Redaktion, just am Tage der Veröffentlichung des neuen Magazins - mit DS9.
Doch kehrt Douglas ohne Hefte zurück - sie wurden zwar gedruckt, jedoch vom Verlag im letzten Moment aus dem Verkehr gezogen. Angeblich genügten sie nicht den hohen Qualitätsansprüchen. Traum oder nicht - der Verlag war nicht bereit für den farbigen Captain - und Benny erhält obendrein auch noch die Kündigung. Für den geplagten Autor brechen alle Dämme. Einen vergleichbaren emotionalen Ausbruch hat es in Star Trek vorher und nachher nie wieder gegeben - und immer noch reißt mich die Darstellung von Avery Brooks mit und jagt mir Gänsehaut über den ganzen Körper.
Im Krankenwagen wartet der Prediger und die Uniform von Sisko auf Benny. Kurz darauf sieht er plötzlich die Sterne in den Fenstern des Krankenwagens und erwacht auf DS9. Er war der Träumer und der Traum.
Dreaming of us
Den Rahmen schließt eine weitere Unterhaltung mit seinem Vater - Sisko hat seine Lektion gelernt. Für das, an was man glaubt, muss man kämpfen. Gegen alle Widerstände und auch wenn der Druck am größten scheint. Doch bewegt Sisko noch ein anderer Gedanke: Was, wenn all das was wir für Realität halten, nur die Kreation eines Anderen ist? Was wenn wir nur der Traum eines anderen sind? Hier ergänzt die Episode die ohnehin schon potente Geschichte ganz zum Schluss noch um weitere Ebenen, die direkt auf die fiktive Gestalt der Serie anspielen und alle involvierten Realitäten in Frage stellen. Denker-SF - großartig.
Die Technik
Ob die kompetente Regie von Avery Brooks, der hier eine wahre Herkulesaufgabe und Herzensangelegenheit bewältigte, die Leistungen aller Darsteller, das Setdesign, die Kostüme, die wundervolle Musik oder das griffige Script voller wunderbarer Aussprüche - hier etwas zu kritisieren ist müßig. Würde man die Episode realistisch als Maßstab für „5 von 5 Sterne“ setzen, man müsste viele andere direkt abwerten. Sie sprengt die Skala und ist für mich somit eine Anomalie der Größe.
The Reviewer's wife
Mitreißend, beeindruckend, einfach stark. Manchmal muss eine Rezension keine zehn Seiten lang sein - die Frau des Rezensenten brachte es mit diesen drei Worten auch kurz und knapp absolut auf den Punkt.
Gib dem Kind einen Namen
Wunderschön. Vielleicht die schönste Beschreibung der Phantasie, von Zielen oder Träumen, die ich bisher gehört oder gelesen habe. Ein magischer Titel für eine magische Episode. Gilt im Übrigen auch ohne Einschränkung im Deutschen.
Fazit
Mehr geht einfach nicht. Eine Episode zum Nachdenken, Träumen, Hinterfragen, Schwelgen, Weinen, Lachen, Genießen, Entdecken und Erkennen, was Star Trek in der Welt des Fernsehens so großartig macht. Wundervolle Schauspieler in cleveren Szenarien, die etwas über uns, unsere Geschichte und die Welt zu sagen haben - all das noch derart unterhaltsam sowie mit Herz, Hirn und unbändiger Phantasie geschrieben und verpackt, dass man sich wünscht, es würde nie enden. Eine Episode wie ein Kunstwerk. Kudos an alle Beteiligten.
Morgen gibt es noch den dritten Platz von der Voyager - alles ist relativ.
Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 11. Juni 2016(Star Trek: Deep Space Nine 6x13)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Deep Space Nine 6x13
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