Star Trek: Deep Space Nine 4x19

Star Trek: Deep Space Nine 4x19

„Bemühe dich, in deiner Brust den kleinen Funken himmlischen Feuers, das Gewissen, nicht verlöschen zu lassen“, sagte vor langer Zeit ein gewisser George Washington. Und so ist es letztlich dieses einzigartige Gewissen, das einen guten Mann auf den Weg ins Leben zurückholt. Euer Platz 9!

Szenenbild aus der Episode „Hard Time“ / (c) sci-fi
Szenenbild aus der Episode „Hard Time“ / (c) sci-fi

Was passiert?

Bei einem Besuch auf einem fremden Planeten interessiert sich Chief Miles O'Brien offenbar etwas zu sehr für die dortige Technologie. Er wird zu einer virtuellen Strafe von 20 Jahren verurteilt - nur wenige Stunden später hat man ihm die Erinnerung an eine qualvolle Zeit bereits eingepflanzt. Der wackere Familienvater darf zwar nach Hause zurückkehren, muss diese große Bürde nun jedoch mit zurück in sein altes Leben nehmen muss, das ihm so fremd geworden ist…

Dies & das

Celeste Wolfe, die Ehefrau von Autor Robert Hewitt Wolfe arbeitete inoffiziell als eine Art Beraterin am Drehbuch, da sie sich in ihrem Job als Psychologin und Familientherapeutin mit diesen Fragen regelmäßig auseinandersetzte.

Wolfe hatte den Pitch bereits in der ersten und dritten Season Produzent Michael Piller angeboten, jedoch ohne Erfolg. Erst Ira Steven Behr entschloss sich in der vierten Season die Idee zu kaufen und umzusetzen.

Die Prämisse, einen langen Zeitraum an Erinnerungen eingepflanzt zu bekommen, ist nicht unähnlich der Episode The Inner Light. In beiden Episoden spielte Margot Rose eine Gastrolle.

Synchro-Anomalien

Ab dieser Episode erhielt O´Brien einen neuen Sprecher: Auf Jörg Döring, der den Charakter bisher treu begleitet hatte, folgte hier nun Roland Hemmo, dessen dunklere Stimme zuerst äußerst ungewohnt war.

A broken man

"The crime of espionage requires a minimum of fifteen cycles of correction; you've been here for twenty. It's time for you to go." - "Go? I can't leave. Where would I go to?" - (Rinn und O'Brien)

"Let me guess - sedition?" - "Espionage." - "Oh... it looks like we're going to be in here together for a long time. My name is Ee'Char." - "Miles, Miles O'Brien." - "Hello, Miles. Welcome to hell." (Ee'Char und O'Brien)

"After six years in a place like this, you either learn to laugh or you'll go insane. I prefer to laugh..." (Ee'char)

"I'm not your friend! The O'Brien that was your friend died in that cell!" (O'Brien zu Bashir)

"When we were growing up, they used to tell us... Humanity had evolved, that mankind had outgrown hate and rage. But when it came down to it, when I had the chance to show, that no matter what anybody did to me, that I was still an evolved Human being... I failed. I repaid kindness with blood. I was no better than an animal." - "No. No, no, no. An animal would've killed Ee'Char and never had a second thought, never shed a tear... But not you. You hate yourself. You hate yourself so much you think you deserve to die. The Argrathi did everything they could to strip you of your Humanity and in the end, for one brief moment they succeeded. But you can't let that brief moment define your entire life. If you do, if you pull that trigger.. then the Argrathi will have won. They will have destroyed a good man. You cannot let that happen, my friend." (O´Brien und Bashir)

"Daddy's home! Daddy's home!" - "That's right. Daddy's home." (Molly und O'Brien)

Mitten rein

Ein Mann mit zotteligen, grauen Haaren sitzt in einer Zelle. Es ist Chief Miles O'Brien, der wenige Augenblicke später bereits aus seiner Haft entlassen werden soll, was er mit den Worten „Go? I can't leave. Where would I go to?“ kommentiert. Doch zwingt man ihn zu gehen, um ihn kurz darauf auf einer Art Operationstisch in Anwesenheit von Major Kira Nana Visitor und einigen Fremden erwachen zu lassen - in Uniform und mit seinem normalen Äußeren. Ihm wurden in wenigen Stunden die Erinnerungen aus zwanzig Jahren Haft eingepflanzt. Und trotz Kiras Beteuerungen, dass alles nur Einbildung gewesen und er nun wieder in der Realität sei, gibt die Antwort des Chiefs die Richtung der nächsten Dreiviertelstunde eindeutig vor: „It was real to me“. Ein kleiner, unscheinbarer Satz - doch die emotionale Wucht seiner Bedeutung sollte sich nach und nach entfalten.

Die Episode gönnt sich hier kein Innehalten. Weder hält man sich mit der verwirrenden Situation eines scheinbar gealterten O´Briens in der Zelle auf, noch wird ein großes Mysterium über das Warum und Wieso aufgebaut. Die Fakten kommen noch vor dem Vorspann auf den Tisch und bereiten den Weg für die emotionale Reise eines Mannes, der zwischen seinem wahren Leben, das er fast vergessen hatte und falschen Erinnerungen wird entscheiden müssen. Eine Parallele zu Captain Picard (Patrick Stewart), der in der wundervollen Episode The Inner Light ein ganzes Leben verlebte, bevor er wieder in sein altes, echtes Leben zurückkehren durfte - oder musste.

Und auch O'Briens erste Reaktion zeigt, dass er den Segen zurückzukehren zumindest jetzt noch nicht erkennen kann.

Freunde in der Not

Zurück auf der Station ist Julian Bashir Alexander Siddig derjenige, der den Chief abfängt. Bashir und O´Brien sind zu diesem Zeitpunkt bereits zu Freunden geworden und bieten eine Chemie, die als Basis für die Handlung unabdingbar ist. Umso verwunderlicher, dass O´Brien den Doktor anlügt, als er behauptet, die ganze Zeit alleine gewesen zu sein. Dank einer ersten Rückblende in die Zeit seiner Haft erfahren wir nämlich von einem Mithäftling namens Ee'Char. Doch dazu später mehr.

Sisko Avery Brooks und Bashir bereiten auch des Chiefs Ehefrau Keiko Rosalind Chao auf das Wiedersehen vor. Gerade der Doktor übernimmt hier tendenziell fast den Job eines Counselors - durch seine Freundschaft zu O´Brien macht sein Verhalten aber durchaus Sinn. O´Brien sieht beim Aufeinandertreffen dann statt Keiko jedoch zuerst Ee'Char, kann sich aber gerade noch fangen. Den vielleicht herzzerreißendsten Moment der Episode liefert seine Erkenntnis, dass er die Schwangerschaft seiner Frau über die vielen Jahre in der Zelle vergessen hatte. Ein Gänsehautmoment - und traurig ohne Ende.

Auch einige Verhaltensweisen des Chiefs im Alltag fallen aus dem Rahmen: So sortiert er sich sein Abendessen in eine Serviette, da die Wärter oft tagelang keine Lebensmittel brachten oder er schläft - wie in der Zelle - auf dem harten Fußboden. Doch Keiko versucht, ihm Zeit zu geben.

Auch seine anderen Kollegen und Freunde auf der Station tun ihr Bestes: Worf Michael Dorn muss zum Dartspielen herhalten und Jake gibt Unterricht in technischen Accessoires. Das Ensemble wird passend eingesetzt und funktioniert - eine Stärke der Serie, die besonders zu Tage tritt, wenn sich die Handlung auf Wenige konzentriert. Zwar sind fast alle Auftritte äußerst kurz, doch erhält zumindest jeder die Chance zur Interaktion.

Man übt sich in Normalität - O'Brien wird langsam an sein altes Leben herangeführt. Unterbrochen werden diese Sequenzen zunehmend durch beunruhigende Halluzinationen - der Chief sieht wieder und wieder seinen ehemaligen Zellegenossen Ee'Char. Oder ist er vielleicht sogar wirklich auf der Station?

Ein-Mann-Selbsthilfe-Gruppe

Was noch relativ positiv angefangen hatte, verkehrt sich zunehmend ins Gegenteil. Bashir hinterfragt, warum O´Brien seine Therapie schwänzt, der Chief reagiert ungehalten und unfair und weist seinen Freund barsch ab.

Der Streit spiegelt sich auch in den Rückblenden, in denen O'Brien zunehmend gereizt auf seinen Leidensgenossen reagiert und durch seinen emotionalen Ausbruch sogar eine Bestrafung riskiert. Doch hält sein Freund ihn ab.

Zurück in der Realität bekommt auch der verdutzte Odo Rene Auberjonois die Laune des Chiefs zu spüren. Zwar entschuldigt dieser sich umgehend, lässt aber einige Fragezeichen im Gesicht des Sicherheitschefs zurück. Noch weniger Glück hat Quark Armin Shimerman - der bestellte Drink dauert einfach zu lange und so muss der Ferengi am Ende froh sein, dass der sonst so umgängliche O´Brien ihm nicht den Arm ausgekugelt hat.

Mit dem bemitleidenswerten Familienvater geht es nun im Minutentakt bergab. Die Kontrolle über sich und seine Situation scheint er mit jeder weiteren Situation zu verlieren Und als Zuschauer fühlt und leidet man mit, weil man nach und nach versteht, was dieser Erfahrung für seine Seele bedeutet. Immer wieder sieht er Ee'Char - der definitiv nicht real ist - und führt mit diesem letztlich sogar Selbstgespräche.

So viel öffentliches Danebenbenehmen bleibt natürlich auch an höchster Stelle nicht unbemerkt: O´Brien muss bei Sisko antreten. Und dieser will sich auf keine Diskussionen einlassen: O'Brien ist - nicht zuletzt wegen der Einschätzung des leitenden Arztes Dr. Bashir - nicht diensttauglich und vorerst beurlaubt und wird dringend auffordert, noch am laufenden Tag seine Therapie wieder aufzunehmen. Zumindest hier reißt sich der Chief zusammen - was man für seine folgende Unterhaltung mit Bashir nicht behaupten kann. Die Schuldfrage ist eindeutig und schnell geklärt: Bashir hat kein Recht dazu, ihn derart aus dem Spiel zu nehmen. Doch dieser entgegnet sachlich und richtig, dass er als Freund und Arzt zu keinem anderen Ergebnis kommen darf.

O´Brien schließt mit der erschreckenden Selbstanalyse, dass der O'Brien den Bashir kannte und als Freund bezeichnete, in der Zelle gestorben sei.

Wenn dir der Boden unter den Füßen weggerissen wird

Sein Weg führt ihn nach Hause - zu Keiko und Molly Hana Hatae. Er versucht sich zu erklären, versucht seine Enttäuschung über Bashir - die primär Enttäuschung über sich selbst ist - in Worte zu fassen. Doch geht es immer noch einen Schritt schlimmer. Als Molly nur seine Aufmerksamkeit möchte, bricht seine unkontrollierte Wut erneut aus ihm heraus. Kurz bevor es dazu kommt, dass er seine kleine Tochter geschlagen hätte, kann Keiko sie beiseite ziehen und es bei einem Wutausbruch ihres Mannes belassen. Auch O´Brien hat genug von sich gesehen und verlässt sein Quartier.

Als wir ihn das nächste Mal sehen, nimmt er einen Frachtraum auseinander. Nun gut: Besser er lässt seine Aggressionen an Quarks illegalen Waren aus, als an seinen Mitmenschen. Doch möchte er eigentlich einen ganz anderen Weg beschreiten: Ein Phaser wird zur Hand genommen, auf volle Leistung gestellt und wandert langsam Richtung Kopf.

Der Akku ist leer. O'Brien sieht keinen Ausweg für sich. Weder die Normalität, noch sein Versuch, alleine mit seiner Situation klarzukommen, haben ihm wirklich helfen können. Er befindet sich in einem tiefen Loch aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.

Zeit für einen Freund? Wie gerufen taucht Bashir auf. O'Brien ist bereit, endlich reinen Tisch zu machen. Er berichtet von Ee'Char, wie die Beiden wochenlang keine Nahrung mehr erhielten und am Ende nichts mehr hatten. Wie er seinen Freund des Nachts beobachtete, doch einen letzten Vorrat zu haben. Von der Rangelei um die ersehnte Nahrung und seiner Entdeckung, dass Ee'Char eben doch nicht nur aus Egoismus, sondern für beide einen letzten Notvorrat aufbewahrt hatte. Und davon, dass sein Freund nie wieder aufgewacht war, sondern an seinen Verletzungen starb. O´Brien hatte ihn umgebracht.

Natürlich weist Bashir sofort darauf hin, dass es sich nur um implantierte Erinnerungen handelt, doch dem Chief ist klar, dass er in der Realität exakt so gehandelt hätte. Er zerbricht an der Erkenntnis, dass er, als „entwickeltes menschliches Wesen“ in seiner Menschlichkeit letztlich versagt hatte. Zusätzlich perfide: Einen Tag nach diesen Ereignissen brachten die Wärter wieder etwas zu essen.

Natürlich hat Bashir dennoch Recht: Ee'Char hat vermutlich nie existiert und O´Brien hat niemanden umgebracht. Doch muss der Chief erkennen, dass eben doch oft die Situation selbst die Handlungen eines Menschen bestimmt. Dass er in einer solchen Situation genau in diese Falle getappt wäre und zu einem Mord an seinem Freund fähig gewesen wäre. Eine Erkenntnis, die auch seine durchgängige Ablehnung gegenüber Bashir erklärt - einem Menschen gegenüber, den er scheinbar sehr schätzt und schützen möchte. Für O´Brien wiegt diese Erkenntnis - vermischt mit seinen real wirkenden Erinnerungen - schwerer als die Frage, was wirklich geschehen ist oder nicht. O´Brien sieht seine Menschlichkeit zerstört.

Doch hat der Doktor noch ein Ass im Ärmel: Er merkt richtigerweise an, dass sich O´Briens Menschlichkeit eben gerade jetzt darin zeigt, dass er unter seiner Tat leidet, dass er bereut, dass er von Selbstzweifeln zerfressen bereit ist, sein eigenes Leben zum Schutz anderer zu nehmen. Und schließt mit dem Wunsch, dass sein Freund nicht zulassen dürfe, dass der gute Mann der er ist, zerstört wird.

Happily ever after

Als wir die Beiden das nächste Mal sehen, ist die Stimmung gelöster. Die Szene erweckt eher den Eindruck, als wären ein paar Tage vergangen, was aber mit dem folgenden Zusammentreffen zwischen Miles und seiner Familie nicht wirklich zusammen zu passen scheint. Bashir übergibt dem Chief Medikamente, die seine Depressionen lindern und die Halluzinationen ab sofort verhindern sollen. Seine Therapiesitzungen wird er ebenfalls wieder aufnehmen müssen - und wollen. Sogar ein kleiner Scherz ist wieder im Spiel, als O'Brien anmerkt, dass ihm der Counselor dann doch lieber ist als Bashir als alternativer Beichtvater.

Als sich die Tür zu seinem Quartier öffnet, erwarten ihn Keiko und Molly. Letztere stürmt zu ihrem Vater und umarmt ihn mit den Worten „Daddy ist wieder Zuhause.“. Und der Chief bestätigt dies glücklich. Hach. Die Musik verfärbt sich rosarot und die Taschentücher schieben Sonderschichten.

Nein, nein - ich bin kein emotionaler Klotz. Mitnichten. Und ich gönne O'Brien von Herzen nur das Beste. Dennoch muss angemerkt sein, dass die Autoren es sich hier ein klein wenig zu einfach gemacht haben. Das Ende ist genaugenommen bequem und gefällig. Und es bedient simple Erzählformen: Problem, Lösung, Happyend. Gerade in Star Trek: Deep Space Nine hat man es sich jedoch meistens eben nicht so einfach gemacht. Die behutsame Entwicklung der Charaktere ist - wenn auch sicher nicht immer perfekt - eine der größten Qualitäten der Serie. In diesem Fall jedoch wird der Chief einer Situation ausgesetzt, die ein Mensch im Normalfall kaum überhaupt jemals wird verarbeiten können. Er wird einen weiten Weg vor sich haben - Medikamente und Counselor hin oder her. Und natürlich ist es legitim, den Anfang seines Heilungsprozesses in dieser Form an das Ende der Episode zu stellen. Wenn es nicht - wie gesagt - eine Spur zu rührend und seicht wirken würde. Eine Spur over the top.

Abgefedert hätte es im Nachhinein eine Weiterführung des Themas in späteren Episoden. Da jedoch nie mehr Bezug darauf genommen wurde, muss man die finalen Sekunden dieser Episode (leider) als Ende des Handlungsstrangs ansehen. Und ihm zumindest das Prädikat „unzureichend aufgelöst“ zuteilen. Schade.

Dies sind die einzigen zwei Gründe, warum die Episode bei mir keine volle Punktzahl erhält, sondern mit einem dezenten Abzug leben muss.

Ein kleines Bein stellen sich die Autoren zudem auch noch - es wird nie klar, wieviel Zeit innerhalb der Episode wirklich vergeht. Wie lange dauert es nach O'Briens Rückkehr auf die Station, bis er seine Familie wiedersehen darf? Stunden? Tage? Wie lange, bis er wieder zur Arbeit geht? Tage? Wochen? Irgendwann erwähnt Bashir, Miles habe seit zehn Tagen seinen Therapeuten nicht gesehen. Das deutet auf einige Wochen Handlung im Zeitraffer hin. Auch weiß man nicht, was zwischen dem versuchten Selbstmord und der Abschlussszene geschehen ist. Die Handlung wird stark komprimiert präsentiert und man könnte ohne den Satz von Bashir auf die Idee kommen hier insgesamt nur Stunden oder wenige Tage zu erleben - auch ein Grund, warum das Ende eventuell eine etwas irritierte Reaktion hervorrufen könnte.

Dennoch will ich klarstellen: 95% der Episode sind nahe an der Perfektion. Kaisers Bart kann sicher immer Erwähnung finden, aber wird nie den Genuss dieser tollen Dreiviertelstunde schmälern dürfen.

Randnotizen

Wer die Serie kennt, weiß, dass man eine klasse Performance von Colm Meaney eigentlich nicht explizit erwähnen muss. Der Jedermann der Besatzung ist in jedem Kontext ein liebenswerter, witziger, aber auch durchaus spröder und manchmal schwieriger Typ aus dem Leben und wird in jeder emotionalen Regung durch seinen Darsteller perfekt portraitiert. Meaney ist zwar per se niemand, der einen Cast zieht, aber ein Puzzleteil, das jeden Cast veredeln kann. Und wenn man die ihm die Chance gibt zu glänzen, liefert er Mal um Mal einfach ab.

Ebenfalls erwähnenswert sind von technischer Seite der sehr gelungene weil atmosphärisch dichte Soundtrack, das überzeugende Make-up von Ee'Char und die charmante Haarpracht des Chiefs am Ende seines Gefängnisaufenthalts.

Viel mehr als die Summe ihrer Teile

Das Beste an Episoden wie diesen ist jedoch, dass sie mit dem Abspann noch lange nicht zu Ende sind. Sie wirken nach, weil wir - die geneigten Zuschauer - uns inhaltlich und emotional involvieren können und beginnen, die Situation zu durchdenken und für uns zu bewerten.

Was hat ein Justizsystem wie das der Argrathi für Auswirkungen?

Zuerst einmal bringt es natürlich enorme Einsparungen mit sich. Die Unterbringung der Gefangenen fällt komplett weg und auch oft kostspielige Bürokratie wird minimiert oder gar überflüssig. Da die Bestrafungen zudem nicht rückgängig zu machen sind, werden auch Einspruchsverfahren oder Neuverhandlungen komplett verhindert. Traumhaft - könnte man meinen.

Für den potentiell Angeklagten heißt dieses System aber natürlich auch, dass er auf einen fairen und absolut objektiven Prozess hoffen muss, da nachträgliche Beweismittel zu keiner Verbesserung seiner Situation mehr führen können. Die eingepflanzten Erinnerungen bleiben - ein Leben lang.

Für den Justizapparat bringt diese Tatsache auf der anderen Seite ein hohes Maß an Verantwortung mit sich. Irrtümer müssen ausgeschlossen sein. Da wir davon ausgehen können, dass Miles O´Brien keine Spionage begangen hat, outet sich die Strafverfolgung allerdings schon an unserem konkreten Beispiel als fehlerbehaftet. Überzeugende Beweise für seine Verfehlung - zumindest gemessen an unseren Maßstäben und denen der Föderation/Sternenflotte - wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gegeben haben.

Das führt zu einem weiteren wichtigen Punkt: Was bedeutet diese Art der Bestrafung für einen Beklagten? Er erhält sein Urteil, die Erinnerungen werden ihm eingepflanzt und er darf gehen. Die - für ihn real erscheinenden - Erinnerung an die verlebte Zeit im Gefängnis ist die eigentliche Strafe. Effektiv ist er jedoch nur einige Stunden in Haft und kann sein Leben dann an genau dem Punkt wieder aufnehmen, an dem er potentiell straffällig geworden ist.

Lassen wir mal für einen Moment die Fragen nach dem Realismus außer Acht - ich bin kein Hirnforscher und kann mich zu diesem Thema nicht äußern. Sollte einer anwesend sein, darf er sich gerne in den Kommentaren zu diesem Thema erklären.

Letztlich ist es aber auch nicht relevant - in der Science-Fiction müssen wir gewisse Sachverhalte einfach akzeptieren. Oft ermöglichen sie Themen wie diese ja erst.

Die Frage, die mich umtreibt, ist nun: Wen lässt man hier auf seine Mitmenschen los? Im Fall von O'Brien einen depressiven, selbstmordgefährdeten, gebrochenen Mann, der sich kaum unter Kontrolle hat und ohne die Hilfe seiner Familie, Freunde und Kollegen verloren gewesen wäre. Nur darf man eines nicht vergessen: Alle halten ihn - wohl zu Recht - für unschuldig.

Ein zu Recht verurteilter Straftäter hingegen fällt eventuell nicht so weich und hat diesen Background gar nicht zur Verfügung. Was wird dieser dann wohl mit dieser Erfahrung anfangen? Er weiß, dass er noch der Selbe ist. Die Welt ist noch die Selbe. Nichts hat sich um ihn herum verändert. Ihn quälen Erinnerungen, von denen er weiß, dass sie nicht echt sind. Auch ohne den medizinischen Background im Detail zu besitzen weiß ich, wie unglaublich Anpassungsfähig das menschliche Gehirn ist. Die Realität wird es - bei einem geistig gesunden Menschen - in der Regel immer schaffen, Erinnerungen dieser Art zumindest in die zweite Reihe zu drängen. Doch schafft man sich damit keine Monster? Entstehen hier nicht erst recht tickende Zeitbomben, die man in dieser Form nicht auf eine Gesellschaft loslassen dürfte?

Wenn man von Resozialisierung spricht und dies gerade im Kontext mit einer langen Haftstrafe sieht, ist es in den meisten Fällen der Faktor Zeit, der ein Individuum wirklich zu ändern vermag. Kann eine implantierte Erinnerung diesen Faktor wettmachen? Gerade wenn dem Betroffenen der absurde Widerspruch klar ist, dass keine Zeit vergangen ist und dennoch Erinnerungen dafür existieren. Hier wäre auch wieder der Hirnforscher von Nöten. Also lassen wir das.

Befassen wir uns kurz mit den Opfern und den Hinterbliebenen.

Man stelle sich vor, ein Mörder wird gefasst und noch am gleichen Tag wieder auf freien Fuß gesetzt. Oder etwas plakativer: Nachbar X ermordet den geliebten Ehemann von Z und abends trifft man sich noch am gleichen Tag wieder beim Aldi um die Ecke. X hat seine Strafe ja erhalten - das Leben geht weiter. Was mag Z dabei empfinden? Sie hatte nicht einmal Zeit zu trauern, ist vielleicht noch nicht einmal über den ersten Schock hinweg. Eine emotionale Zumutung in jeder denkbaren Hinsicht. Und fragt mich jetzt bitte nicht, warum Z am Tag des Todes ihres Mannes abends zu Aldi geht.

Das Ganze kann beliebig und auf die erschreckendsten Szenarien angewendet werden. Wie schwer tut sich unsere heutige Gesellschaft zum Beispiel damit, verurteilte Vergewaltiger oder Kinderschänder nach Jahren der Haft und Therapie wieder in das normale Leben zu integrieren? Wie groß sind die Zweifel, die Ängste und die Ablehnung? Wie sollte das erst aussehen, wenn zwischen Tat und Freilassung kein ganzer Tag vergeht? Und um das Thema von vorhin weiterzuführen: Wer wird da überhaupt erneut auf die Gesellschaft losgelassen?

An diesem Punkt kam mir eine Idee: Hier scheint es bei den Argrathi so zu sein, dass die Strafe der Tat angemessen ist. Was auch immer das heißt. In jedem Fall ist die Strafe in diesem konkreten Fall mit großem Leid, Einsamkeit und Entbehrung verbunden. Nichts, was man in irgendeiner Form „pädagogisch wertvoll“ nennen dürfte.

Man könnte nun aber im Rahmen der zu erstellenden Erinnerungen versuchen, eine Art therapeutischen Effekt zu erzielen. Den Täter sozusagen im Schnelldurchlauf per Erinnerungsimplantation zu heilen. Anders wäre es wenn wir mal ehrlich sind eigentlich auch unverantwortlich, ihn überhaupt freizulassen.

Doch was würde eine solche Verfahrensweise dann aussagen?

Ganz simpel ausgedrückt: Tu Schlechtes und lass dich schnell heil-bestrafen. Danach geht es weiter mit voller Kraft ins Leben zurück. Es ist sicher erstrebenswert für einen Staat, wenn das Justizsystem auf ein Minimum heruntergefahren werden kann. Den Finanzminister freut es garantiert. Doch sorgt es auf der anderen Seite sicherlich nicht für Angst und Schrecken und lässt die Zahl der Verbrechen auch nicht in den Keller sinken.

Ich will hier durchaus nicht die Macht der implantierten Erinnerungen für den Täter klein reden - doch erscheinen mir die Probleme im Umgang mit dieser Form der Bestrafung schlichtweg als zu dramatisch, als dass man eine solche Vorgehensweise gutheißen könnte.

Nein - wir haben es hier fraglos mit einem spannenden Konzept zu tun - gerade weil es uns zum Denken anregt. Dieses Denken führt dann jedoch unweigerlich zu vielen offenen Fragen und Problemen, die in der Realität nicht zu lösen sind. Und hier geht es nicht mal um die Frage nach der Durchführbarkeit an sich. Hier geht es um Werte und vor allem den Verlust selbiger. Nicht umsonst wird weltweit fortwährend darüber diskutiert, ob eine lebenslange Haft nicht vielleicht sogar die schlimmere Form der Bestrafung ist. Wer hat gut davon, wenn alles nur in einem kurzen Augenblick geregelt wird? Wen macht die Ausführung der Todesstrafe wieder lebendig oder glücklich? Wenn dann in der Kombination dieser Gedanken ein verurteilter Täter jedoch nur noch im Zeitraffer - und auf eine für Außenstehende äußerst abstrakte Form - bestraft wird und sich danach wieder in Freiheit befindet, dann müssen kritische Fragen erlaubt sein.

Schön, wenn eine einzige TV-Episode solche Gedanken zu Tage fördern kann und uns mit dem guten Gefühl entlässt, dass Fernsehen eben doch nicht nur sinnbefreite Berieselung sein muss. Und auch wenn es aktuell keine neue Star Trek-Serie im Fernsehen gibt: Durch diesen Countdown bemerke ich zum wiederholten Male, wie schön es ist, dass es über 700 Episoden dieser wirklich phantastischen Reihe gibt. Die nimmt uns nämlich keiner mehr weg.

The Reviewer's wife

Der Frau des Rezensenten fiel im Vergleich zu den anderen Serien erneut die emotionale Tiefe auf, mit der die Serie ihr Thema angeht. Gerade ab Staffel 3 herrscht in den Episoden eine Grundspannung und emotionale Dynamik, die keine der anderen Serien in dieser Form zu bieten hatte. Die Leistung von Colm Meaney erntete ebenso Lob wie die grandiose Grundidee über die man lange und intensiv philosophieren kann.

Gib dem Kind einen Namen

Für eine DS9-Episode ist der Titel „Hard Time“ fast schon irritierend plakativ und simpel. Natürlich kann man hier doppelte Böden finden, indem man die „harte Zeit“ auf die Gefängniserinnerungen, auf die Zeit danach und auf die neue Situation für Keiko, Molly und die Crew überträgt. Dennoch bleibt es ein etwas verschenkter, weil viel zu flacher Titel. Dass es noch reduzierter geht, beweist aber die deutsche Version: „Strafzyklen“ reduziert es nämlich auf die reine Gefängniserfahrung. Merke: Wenn es im Original schon kaum Interpretationsebenen gibt, schafft die Eindeutschung auch noch das „kaum“ ab. Verlässlich. Ich plädiere für drei Strafzyklen wegen mangelnder Kreativität.

Fazit

Hard Time ist Star Trek wie man es sich nur wünschen kann: Ein liebgewonnener Charakter, der in eine emotional aufreibende und mitreißende Geschichte verwickelt wird, die sich mit einem übergeordneten und höchst diskutablen Thema beschäftigt. Dazu starke Darsteller, die ihre Rollen und die Emotionalität der Handlung einfangen und ein Drehbuch, das keine einfachen Fragen stellt. Dass dem ganzen dann zum Schluss etwas der Saft ausgeht und das Ende eine Spur zu gehetzt und rührselig daherkommt, kann den Gesamteindruck kaum trüben. Die Episode bleibt ein ganz starkes Stück Star Trek und hat sich einen Platz in diesen Top10 mehr als verdient.

Ein Viertel des Star Trek-Review-Countdowns ist nun bereits um. In den Kommentaren könnt ihr mir gerne eure Wünsche oder Anmerkungen hinterlassen - vielleicht gibt es Episoden, die aktuell in den Votings nicht vorne dabei sind, aber unbedingt rezensiert werden sollten? Oder ihr habt generelle Anmerkungen zum Countdown oder den Reviews oder Wünsche für Kolumnen? Dann her damit! Nächste Woche lege ich eine kurze Pause ein, bin dann aber ab 17. Oktober wieder mit neuen Rezensionen am Start. Dann geht es bei Star Trek: Enterprise weiter und ich widme mich anhand von vier Episoden der Frage: Trash oder Fun? Ich freu mich drauf!

Übersicht zum Review-Countdown

Hier findet ihr die bisher erschienenen Reviews nach Serien sortiert zum Nachlesen:

Star Trek

Where no man has gone before (Pilot)

The Conscience of the King (Klein aber fein)

Tomorrow is Yesterday (Platz 10)

A Piece of the Action (Platz 9)

Star Trek: The Next Generation

Encounter at Farpoint (Pilot)

Lower Decks (Klein aber fein)

Data´s Day (Platz 10)

First Contact (Platz 9)

Star Trek: Deep Space Nine

Emissary (Pilot)

Nor the battle to the strong (Klein aber fein)

The Wire (Platz 10)

Star Trek: Voyager

Caretaker (Pilot)

11:59 (klein aber fein)

Drone (Platz 10)

Star Trek: Enterprise

Broken Bow (Pilot)

Alle restlichen Reviews zur Serie (aktuell bis Anfang Season 3) findet ihr auf der Serienseite.

Star Trek: Die Kinofilme

Star Trek: The Motion Picture

Star Trek: The Wrath of Khan

Star Trek: The Search for Spock

Verfasser: Björn Sülter am Sonntag, 4. Oktober 2015
Episode
Staffel 4, Episode 19
(Star Trek: Deep Space Nine 4x19)
Deutscher Titel der Episode
Strafzyklen
Titel der Episode im Original
Hard Time
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 20. April 1996
Autoren
Ira Steven Behr, Hans Beimler, Cacey Riggan
Regisseure
James L. Conway, Christopher Murney, Tamara Taggart, Jeni Haskett, Kiele Sanchez

Schauspieler in der Episode Star Trek: Deep Space Nine 4x19

Darsteller
Rolle
Rene Auberjonois
Odo
Terry Farrell
Cirroc Lofton
Colm Meaney
Nana Visitor

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?