Squid Game 1x01

© zenenfoto aus der Serie Squid Game (c) Netflix
Netflix mag längst zu den arrivierten Platzhirschen der Unterhaltungsindustrie gehören, doch für Sensationen bleibt der Streamingservice mit über 210 Millionen Mitgliedern bis gut. Mit Squid Game entwickelt sich derzeit eine südkoreanische Serie, die bis vor wenigen Wochen niemand auf dem Zettel hatte, zur erfolgreichsten Eigenproduktion aller Zeiten. Zumindest steht schon fest, dass die brutale Survival-Spielshow das meist gesehene nicht-englischsprachige Original der Plattform sein wird (vor dem spanischen Haus des Geldes und dem französischen Lupin).
Auch wir Serienjunkies haben den Hype voll verpennt und liefern nun mit leichter Scham eine verspätete Staffelkritik hinterher, obwohl Squid Game (aka „Ojingeo Game“) eigentlich schon Mitte September auf Sendung ging. Wenn man die Serie selbst sieht, versteht man schnell, wie das Format so groß werden konnte. Kaum ein Netflix-Original scheint schon visuell so kultig und unverwechselbar. Das neunteilige Werk vom Regisseur und Autor Hwang Dong-hyuk („The Fortress“) untermauert einmal mehr, dass Südkorea abseits Amerikas zur interessanten Filmwerkstatt der Welt geworden ist.
Das Leben ist kein Kinderspiel
Der Held der Geschichte heißt Seong Gi-hun (Lee Jung-jae), den man sich mit der Nummer 456 merken wird. Der spielsüchtige Scheidungsvater ohne Sorgerecht wird uns als betrunkener Versager vorgestellt. Durch seine glücklosen Pferdewetten steht Gi-hun bei gefährlichen Gangstern in der Kreide. Sogar seine arme, alte Mutter pumpt er an, um noch etwas Geld für ein billiges Geschenk zum Geburtstag seiner Tochter zusammenzukratzen. Die Kleine ist das einzig Lebenswerte, was ihm noch geblieben ist. Doch auch sie droht ihm bald verloren zu gehen, denn ihre Mutter plant einen Umzug nach Amerika. Gi-hun ist endgültig am Boden angekommen - und plötzlich bietet sich ihm eine ungeheure Chance.
In einer U-Bahnstation fordert ihn ein mysteriöser Mann, gespielt vom gruselig grinsenden Gong Yoo, zu einem Wettbewerb heraus. Gewinnen kann Gi-hun angeblich 100.000 Won (knapp 73 Euro). Wenn er aber verliert, bezahlt er mit einer Ohrfeige. Auch hier fehlt dem notorischen Loser das Glück, doch er versucht es immer wieder. Am Ende kriegt er eine Visitenkarte mit Telefonnummer überreicht, die ein noch viel lukrativeres Spiel verspricht. Parallel werden landesweit noch 455 andere Verzweifelte verführt, die sich bald alle in einer Arena wiederfinden - völlig ahnungslos, was sie erwartet.
Die Serie leitet genüsslich auf das ein, was die meisten Zuschauer:innen längst erwarten. Trotzdem ist der schockierende Wendepunkt höchst effektiv. Das titelgebende Squid Game, das irgendwo im Geheimen auf einer abgelegenen Insel stattfindet, ist von der ersten Sekunde an suspekt. Warum werden Gi-hun und die anderen mit Gas betäubt, bevor sie in der Spielarena wieder auftauchen? Spätestens an dem Punkt ist für viele Auserwählte bereits die rote Linie erreicht. Doch da sie nicht zufällig rekrutiert wurden, lassen sie sich in ihrer Ausweglosigkeit schließlich auf das Spielchen ein.

Das erste Spiel heißt wie der Pilot: Rotes Licht, grünes Licht. Wer sich im falschen Moment bewegt, wird erschossen. Als die wahren Einsätze des Spiels klar werden, geraten viele Teilnehmer in Panik und versuchen zu flüchten. Gi-hun hat Glück, denn seine spontane Angstreaktion ist nicht die Flucht, sondern Regungslosigkeit. Sein Bekannter Cho Sang-woo alias Nummer 218 (Park Hae-soo), der auch zufällig eine Einladung erhielt, lotst ihn zum Ziel. Was aber nur gelingt, weil ein freundlicher Fremder namens Ali „Nummer 199“ Abdul (Anupam Tripathi) im richtigen Moment zur Hilfe eilt. Währenddessen hüpft ausgerechnet der Älteste im Rennen, nämlich Oh Il-nam (Oh Young-soo), mit der Rückennummer 001 auf selbigen Platz.
Bis hierhin verläuft Squid Game alles in allem erwartbar. Überraschend kommt derweil, dass die Überlebenden nach dem ersten tödlichen Wettkampf abstimmen dürfen, ob sie sich noch fünf weiteren Spielen stellen wollen, um umgerechnet 33 Millionen Euro zu gewinnen (oder zu sterben). Tatsächlich geht es in der zweiten Episode namens Hölle wieder zurück ins echte Leben. Der Serienschöpfer Hwang Dong-hyuk geht nach dem frühzeitigen Höhepunkt also einen Schritt zurück, um nochmal richtig Anlauf zu nehmen. Außerdem legt er hier das Fundament dafür, dass wir es nicht nur mit einem spannenden Actiondrama zu tun haben, sondern auch mit einer scharfen Gesellschaftskritik, die kapitalistische Auswüchse ankreidet.
Lieber tot als in der Not?
Die Schere zwischen Arm und Reich, die man in Südkorea nicht nur im Inland, sondern umso krasser auch im Vergleich zu den gestraften Nachbarn im Norden spüren kann, war schon Thema im Oscarerfolg „Parasite“ von Bong Joon-ho. Statt sich auf tödliche Spiele einzulassen, ziehen sich die verzweifelten Verschuldeten beim Film in die geheimen Keller ihrer reichen Dienstherren zurück. Obwohl Squid Game eine ganze Folge investiert (leider auch die langweiligste des gesamten Neunteilers), um klarzumachen, wieso die Figuren lieber sterben würden als mit Schulden zu leben, kann ich nicht behaupten, endgültig überzeugt worden zu sein. Zumindest nicht im Fall aller Akteure.
Doch dieser gutgemeinte, aber eben holprige Start ist schnell vergessen, als es zurück in die Arena geht. Nun lernen wir noch weitere Kandidaten kennen, darunter die obercoole Einzelgängerin Kang Sae-byeok mit der Nummer 067 (Jung Ho-yeon), den blutrünstigen Schurken Jang Deok-su mit der Nummer 101 (Heo Sung-tae) und die Nervensäge Han Mi-nyeo aka 212 (Kim Joo-ryung). Außerdem wird mit dem Polizisten Hwang Jun-ho (Hwang Jun-ho) jemand eingeführt, der den Wettbewerb von innen heraus zerstören könnte, denn er infiltriert das Squid Game undercover.
Dieser Schachzug gehört sicherlich zu den klügsten Einfällen der Serie, die damit den unantastbaren Frontmann, der die Spiele aus unbekannten Gründen leitet, in Bedrängnis bringt. Außerdem kriegen wir so faszinierende Einblicke in das einzigartige Worldbuilding der Serie. Denn genauso spannend wie die Spiele selbst, ist die Organisation dahinter. Die Escher-esken bunten Treppen, gemischt mit dem Donauwalzer von Strauss verleihen der Kulisse sogar etwas Künstlerisches. Wie gesagt: Squid Game ist eine sehr kultige Serie, was sicherlich einen Teil des Erfolgs erklärt. Denn die Memes haben sich im Internet längst verselbstständigt und sorgen für einen ständigen Nachschub an immer neuen Fans.

Ein paar Kleinigkeiten können einen sicherlich wurmen bei Squid Game: Angefangen damit, dass der Titelheld zunächst als hoffnungsloser Verlierertyp eingeführt wird, um sich später als geborener Gewinner zu erweisen, der sich reihenweise unkluge Entscheidungen leisten kann und immer damit durchkommt. Vor allem gegen Ende konstruiert sich die Story immer krampfhafter zusammen, nachdem anfangs nichts unmöglich schien. Leider kriegt der Protagonist mit jedem Spiel mehr plot armor verpasst. Dabei hätte die Serie genauso gut oder vielleicht sogar besser funktioniert, wenn auch Gi-hun sterben könnte.
Wenn man zu viel darüber nachdenkt, ist auch die inkohärente Philosophie der Spielleiter ärgerlich. Ihr oberstes Gesetz scheint Gleichheit zu sein, womit sie sich möglicherweise über kommunistische Ideen lustig machen wollen. Dabei sind einige Spiele so aufgebaut, dass die Bedingungen eben nicht gleich sind. Wirklich fair geht es nur beim Murmelspiel in der sechsten Episode Gganbu zu, die wohl auch den emotionalen Höhepunkt der Serie darstellt. Gleichzeitig kann man natürlich einsehen, dass die Schurken nicht moralisch wasserdicht sein müssen. Besonders, wenn es sich um kaltblütige Mörder handelt.
Mein persönlicher Favorit unter den Spielen ist das Tauziehen in der vierten Folge, die Zum Team halten heißt, weil hier auf sehr eindrucksvolle Weise vorgeführt wird, wie Strategie pure Stärke übertrumpfen kann. Auf fast übernatürliche Anime-Art dirigiert der alte Sensei Il-nam seine Mitstreiter zum Überraschungssieg. Solche Tricks - ähnlich auch das zweite Spiel in der dritten Episode namens Der Mann mit dem Schirm, das buchstäblich zum Zuckerschlecken wird - machen den Spaß der Serie aus. Unweigerlich überlegt man sich, wie man selbst vorgehen würde in so einer Ausnahmesituation. Und man ist natürlich erleichtert, dass es für einen selbst nicht um Leben und Tod geht.
Regeln sind das A und O
Trotzdem ist an dieser Stelle festzuhalten, dass Squid Game nur so packend sein kann, weil die Serie ihre Regeln zementiert. So paradox es klingen mag: Aber Regeln sind für uns Menschen als sozialorientierte Tiere ein Riesenspaß. Denn sie geben uns besagte Denkaufgabe, was wir tun können innerhalb des festgelegten Regelrahmens. Darum ist es so wichtig, dass die Regeln nicht gebrochen werden, weil das frustrierend und willkürlich erscheint. Die Serie bricht ihre Regeln zum Glück nur selten, sodass man bis zum Ende weiterhin mitdenken will und sich nicht betrogen fühlt.
Das zeugt von einer großen Cleverness, die auch in kleineren Details sichtbar wird. In Online-Foren wird von den Fans vor allem diskutiert, wie für die zentralen Figuren schon in Folge zwei angedeutet wird, wie sie später sterben werden. Und auch bezüglich der großen Enthüllung, dass eigentlich Il-nam hinter den Spielen steckt, lassen sich rückblickend viele kleine Hinweise finden. Wobei nicht jeder Twist wirklich überraschend kam: Was mich angeht, roch ich die Identität des Frontman beispielsweise gleich am Anfang. Und auch bei Il-nam war verräterisch, dass er nur „Off-screen“ im Murmelspiel starb.

Fast zwangsläufig in einer Art Antiklimax musste das finale Spiel ausfallen, das nun das Tintenfischspiel ist. Zumal es sich gar nicht mehr um ein Spiel, sondern um einen Kampf handelt. Auch der Epilog in Episode neun, die als Glückstag betitelt wurde, war eher enttäuschend. Zwar gelingt ein guter Cliffhanger für eine potentielle zweite Staffel, auf die Hwang Dong-hyuk nach eigenen Angaben gar nicht so scharf zu sein scheint (was aber auch Verhandlungstaktik gegenüber Netflix sein kann), indem Gi-hun seine Haare rot färbt und Rache schwört gegen die Spielleiter. Seine finale Auseinandersetzung mit Il-nam fühlt sich aber unvollständig an; daran kann auch die ach so vielsagende Obdachlosenwette nichts ändern.
Genauso unvollständig ist auch der Showdown zwischen dem Polizisten Jun-ho und seinem vermissten Bruder, dem Frontmann. Dass seine kleine Beweissammlung tatsächlich das mächtige Konstrukt Squid Game zu Fall bringen könnte, schien zwar unwahrscheinlich. Aber ich würde wenigstens gern wissen, was den Frontman motiviert hat, so zu werden, wie er geworden ist. Geld allein ist als Antwort nicht genug - das hat die Serie selbst immer wieder betont.
Auch zu den maskierten Investoren in der siebten Episode aka Die VIPs hätte ich gern noch mehr erfahren. Aber interessant ist natürlich, dass sie beiläufig erwähnen, dass solche Spiele auch in anderen Ländern stattfinden. Selbst wenn also Hwang Dong-hyuk keine Lust auf eine Fortsetzung hat, kann Netflix unzählige internationale Ableger durchwinken. Ich warte nur die deutsche Version mit „Schweinchen in der Mitte“, „Gummitwist“, „Himmel und Hölle“ und „Völkerball“.
Brot und Spiele
Abschließend würde es sich sicherlich auch lohnen, generell darüber nachzudenken, was es über unsere Gesellschaft aussagt, dass sich die erfolgreichste Serie des Jahres um eine perverse Gameshow dreht, in der Menschen ermordet werden. Von den Hunderten von Toten kann man echte Albträume kriegen, aber wir sehen das als gute Unterhaltung. Da denkt man fast an die letzte Tage des saturierten Roms mit seinen „belustigenden“ Gladiatorenkämpfen.
Obwohl natürlich auch Hwang Dong-hyuk mit seinem Netflix-Hit nichts allzu Neues erfunden hat. Man muss nur an Filme wie „Running Man“, „Battle Royale“ und „Die Tribute von Panem“ zurückdenken, um zu sehen, dass diese fragwürdige Faszination für den spielerischen Tod schon immer da war. Selbst beim Streamingservice gab es mit der japanischen Eigen-Produktion Alice in Borderland 2020 ein sehr ähnliches Format. Auch hier nutzte die Serie bereits die Möglichkeit, durch ihre längere Laufzeit die Figuren erstmal vorzustellen, bevor sie uns schmerzhaft genommen werden. Wobei der sozialkritische Unterbau fehlt, der bei Squid Game neben dem Look der Haupterfolgsfaktor sein dürfte.
Die Schrecken des Kapitalismus scheinen weltweit einen Nerv zu treffen. Lustig, dass ausgerechnet eines der reichsten Technikunternehmen nun den Finger in diese Wunde legt und damit auch noch mächtig profitiert. Noch lustiger ist, dass mit Jeff Bezos genau der Mann einen Tweet zu Squid Game geschrieben hat, der selbst solche Spiele veranstalten könnte...
Hier abschließend noch der Trailer zur Hitserie „Squid Game“ auf dem Streamingdienst Netflix :
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Verfasser: Bjarne Bock am Donnerstag, 7. Oktober 2021Squid Game 1x01 Trailer
(Squid Game 1x01)
Schauspieler in der Episode Squid Game 1x01
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