Mit Speechless präsentiert uns ABC wieder einmal eine recht unkomplizierte, charmante Familiencomedy, die den Fokus auf einen körperlich beeinträchtigten Protagonisten legt. Dabei erfindet man das Rad nicht neu, kann aber dennoch mit allerlei amüsanten und herzlichen Momenten dienen.

„Speechless“ / (c) ABC
„Speechless“ / (c) ABC

Wenn ein amerikanisches TV-Network das Patent für charmante sowie erfolgreiche Familienformate im Comedygenre hat, dann ist es ohne Zweifel ABC. Aktuell hat man eine ganze Reihe an beliebten Formaten aus diesem Bereich in seinem Programm, sei es Modern Family (seit 2009 Garant für diverse Auszeichnungen in der Branche), Black-ish oder Fresh Off the Boat. Der Sender landet immer wieder kleinere Volltreffer und folgt dabei einer simplen Formel: Gutes Casting (vor allem, was junge Talente betrifft), was wiederum in den meisten Fällen eine starke Chemie zwischen den verschiedenen Darstellern zur Folge hat, geht mit kleinen, gefälligen Familiengeschichten einher, die leicht nachzuvollziehen sind und sich kurzweilig gestalten.

Gleichzeitig traut man sich in diesem einfachen Rahmen aber auch immer wieder an größere, gesellschaftliche sowie kulturelle Themen, die mitunter sehr geschickt in die gut 20-minütigen Formate eingewoben werden. Vor allem „Black-ish“ und „Fresh off the Boat“ haben in den letzten beiden Jahren gezeigt, dass sie mehr als nur lockerleichte Comedyserien sein können. Ganz ähnlich verhält es sich nun mit dem Neustart Speechless, ein weiteres Musterbeispiel aus dem Hause ABC. Mit der Serie von Scott Silveri wird man das Genre zwar keinesfalls revolutionieren, aber dennoch seinen Platz in dem bunt gemischten Pool der Formate des Senders finden.

Special needs

Auf den ersten Blick ist „Speechless“ die klassische Familiencomedy, in der eine überengagierte Löwenmutter das Leben ihrer Liebsten diktiert, was durchaus anstrengend sein kann. Der Grund für das mitunter sehr aggressive Verhalten der von Minnie Driver (About a Boy) gespielten Maya DiMeo ist schnell erklärt: Ihr ältester Sohn J. J. leidet unter einer Zerebralparese, die seine Motorik und sein Nervensystem beeinträchtigt. So setzt sich Maya unermüdlich für eine faire Behandlung ihres Sprosses ein, was zur Folge hat, dass die Familie immer wieder den Wohnort wechselt. Das Leben der Familie DiMeo wird dementsprechend J. J. untergeordnet, der jedoch bei weitem nicht so hilfsbedürftig ist, wie er von seiner Mutter gemacht wird.

Speechless“ zeigt, wie schwierig es ist, die Balance in einer kleineren Großfamilie mit drei Kindern - von denen eins körperlich und sprachlich eingeschränkt ist - zu halten. Und zwar so dass ein jedes Familienmitglied ein glückliches Leben führen kann. Natürlich hat J. J. die permanente Unterstützung seines jüngeren Bruders Ray (Mason Cook) sicher, doch wer kann es ihm schon verübeln, wenn er sich mal ein wenig Konstanz in seinem noch sehr jungen Leben wünscht und nicht alle paar Monate entwurzelt werden möchte? Als Zuschauer ist es nicht besonders schwer, die Lebenssituation der Familie DiMeo nachvollziehen zu können - dass eben alles eben ein bisschen komplizierter und schwieriger ist, aber keinesfalls unschaffbar.

© ABC
© ABC

Trash or person?

Die Autoren lenken nicht nur die Aufmerksamkeit auf ein gesellschaftlich relevantes Thema - dass Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung den gleichen Respekt verdient haben wie alle anderen auch und völlig normale Leben führen können. Sie schaffen gleichzeitig auch in mehrerer Hinsicht ein Verständnis für gewisse Situationen, die für die meisten alltäglich sind, aus der Perspektive J. J.s (gespielt von Micah Fowler, der wie sein Charakter eine Zerebralparese hat) und seiner Familie aber wiederum eine Herausforderung darstellen.

Minnie Driver (die aus in der Auftaktfolge unerfindlichen Gründen einfach ihren irgendwie doch sehr passenden britischen Akzent beibehalten darf) schießt in ihrer Rolle als sorgende Mutter dabei immer wieder etwas übers Ziel hinaus, sieht sie doch in jeder Unannehmlichkeit einen persönlichen Affront gegen ihren ältesten Sohn. Jenem merkt man indes an, dass diese sehr stiefmütterliche Behandlung für ihn genauso nervig und unangenehm sein kann wie für den Rest der Familie.

Maya wird jedoch auf sehr lässige Art und Weise von Hilfskraft Kenneth (der gut aufgelegte Cedric Yarbrough) der Zahn gezogen, der sich eben nicht von ihr einschüchtern lässt und J. J. wie einen normalen Teenager behandelt. Etwas, was sich der junge Protagonist sehnlichst wünscht und eher selten erfährt, wie eine skurrile Szene vor seiner neuen Klasse zeigt. („J. J. for President!“)

Work in progress

Aber nicht nur die Prämisse ist relevant, auch der Humor in Speechless weiß größtenteils zu überzeugen. So treibt zum Beispiel J. J. seine erste Hilfskraft wunderbar in den Wahnsinn, während es den Machern zur gleichen Zeit exzellent gelingt, aufzeigen, wie eigenartig sich die Menschen in der Nähe unseres Protagonisten verhalten, ist er doch „besonders“ und „einzigartig“. Dadurch erzeugt man nicht nur ein paar amüsante Momentaufnahmen, man hält der Zuschauerschaft auch ein wenig den Spiegel vor, die sich fragt, wie man sich wohl selbst in gewissen Augenblicken verhalten würde...

Zu kritisieren wäre letztlich wohl nur, dass die gesamte Geschichte im Endeffekt doch sehr seicht daherkommt und recht vorhersehbar ist. Bei Minnie Driver bekommt man derweil ein wenig den Eindruck, dass sie aufgrund ihres überzeichneten Charakters gelegentlich nicht so richtig in die Show passt und bestimmte Szenen überspielt, während der Rest der Besetzung weitaus geerdeter rüberkommt.

Im Großen und Ganzen ändern diese kleineren Makel aber nicht viel daran, dass Speechless eine weitere ABC-Feel-Good-Comedy mit Herz und Charme ist, die nun in den nächsten Episoden zeigen muss, dass sie auf wöchentlicher Basis intelligente, wichtige und witzige Geschichten erzählen kann. Zum ganz großen Hit dürfte das Format nicht avancieren, dafür entspricht es wohl doch zu sehr den genreüblichen Standards. Einen Blick in die gelungene Pilotepisode sollte man trotzdem mal riskieren.

Trailer zur neuen US-Serie „Speechless“:

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