
© ??Snowfall“ / (c) FX
Der Pay-TV-Sender FX hat sich längst an der Spitze von US-amerikanischen Fernsehnetworks festgesetzt, die für extrem hohe Qualität sowie besondere, originelle Serien stehen. Für die Entwicklung solcher nimmt man sich gerne ausreichend Zeit, was auch bei der Produktion des neues Drogendramas Snowfall der Fall gewesen ist. Bereits 2016 existierte eine Pilotfolge dazu, die von Serien-Ko-Schöpfer John Singleton („Boyz n the Hood“), der gemeinsam mit Eric Amadio das Projekt entwickelt hat, inszeniert wurde. Komplett zufrieden schien man mit dem Resultat aber nicht gewesen zu sein, schloss sich dann doch Dave Andron der Serienproduktion an, der in der Folge mit Singleton und Amadio zusammenarbeitete und dem Drehbuch einen neuen Schliff gab.
Neben ein paar Umbesetzungen wurde zusätzlich das belgische Regieduo Adil El Arbi and Bilall Fallah verpflichtet, zwei talentierte Newcomer im Film- und Seriengeschäft, die die Inszenierung der beiden ersten Folgen des Formats übernahmen. Wie die erste Fassung von „Snowfall“ aussah, werden wir wohl leider nie erfahren. Die Pilotepisode, welche nun am 5. Juli ihre Premiere gefeiert hat, kann sich derweil optisch auf jeden Fall sehen lassen und fängt den speziellen Zeitgeist der Epoche und des Millieus, in dem die Handlung stattfindet, adäquat ein. Ein paar Probleme macht jedoch nach wie vor das Drehbuch, das zwar eine Reihe interessanter Charaktere zu bieten hat, aber inhaltlich nicht ganz so frisch ist, wie man es eventuell erwartet hätte.
Part of the family
„Snowfall“ spielt in den 1980er Jahren in Los Angeles und befasst sich in seiner ersten Episode vorwiegend mit dem boomenden Kokaingeschäft, das den hiesigen Drogenmarkt bestimmt. Im Laufe der Serie soll aber vor allem erklärt werden, wie die Droge Crack zustande kam. In dieser Welt lernen wir unsere drei zentralen Charaktere kennen, die allesamt auf irgendeine Art und Weise mit dem „weißen Gold“ verbunden sind. Der junge Franklin (Damson Idris) zum Beispiel stammt aus dem ghettoartigen South Central der Westküstenmetropole und verdingt sich dort als Grasdealer. Er hegt jedoch größere Ambitionen und möchte ins richtige Drogengeschäft einsteigen, was ihn in extrem gefährliche Kreise führt.
California knows how to party
In vergleichbaren Sphären bewegt sich der heruntergekommene Amateurwrestler Gustavo (Sergio Peris-Mencheta), der als Handlanger für ein mexikanisches Drogendealerduo arbeitet, um einen Ausweg aus seinem trostlosen Leben zu finden. Besagtes Drogendealerduo steht wiederum in Kontakt mit einem CIA-Handler, den es nach einer Überdosis aus dem Leben tilgt, woraufhin der gescheiterte CIA-Agent Teddy McDonald (Carter Hudson) seine Chance wittert, die Operation seines Vorgängers zu übernehmen und sich zu rehabilitieren. Mit dem Geld für das Kokain unterstützt der Geheimdienst wiederum Rebellen in Mittel- und Südamerika, die gegen die dortigen Regierungen in den Krieg ziehen.
Wie man sieht, zeichnet der Auftakt von „Snowfall“ ein durchaus komplexes Bild, das sich über mehrere verschiedene Handlungsebenen erstreckt. Die Erzählung springt wild von Charakter zu Charakter, während man als Zuschauer nur bedingt an die Hand genommen wird und sich viele Aspekte der Handlung selbst erschließen muss. Während ich persönlich diese Art der Exposition bevorzuge, kann ich mir vorstellen, das manch andere diesen Ansatz als zu chaotisch und gerade angesichts der komplexen Inhalte dieser Serie als unpassend empfinden. Ein Punkt, den ich absolut nachvollziehen kann, gestaltet sich die Pilotepisode doch gerne mal ein wenig unübersichtlich und ziellos.

A whole other life
Das permanente Hin- und Herspringen von Handlungsstrang zu Handlungsstrang wird wiederum stark von der audiovisuellen Umsetzung aufgefangen. Die schmissigen Aufnahmen fühlen sich voller Schwung an, die astreine musikalische Untermalung überträgt das Lebensgefühl und den Charakter dieser Zeit hervorragend und der sehenswerte Einsatz von Licht und grellen Neontönen erfüllt die dunklen Straßen des nächtlichen Los Angeles mit Leben. Snowfall hat bereits jetzt schon einen sehenswerten, distinktiven Stil, der wunderbar von Adil El Arbi und Bilall Fallah etabliert wird und Lust auf mehr macht. Als farbenfrohes, authentisches Zeitdokument taugt der Neustart also allemal. Doch reicht das?
Denn so sehr ich mich von der äußeren Hülle begeistern lassen kann, inhaltlich verbleibe ich nach der ersten Stunde von „Snowfall“ noch skeptisch. Das liegt allen voran daran, dass mir die Motive der Figuren und die angerissenen Konflikte für diese erste Staffel doch arg bekannt vorkommen und mir eine besondere Note oder das gewisse Etwas fehlt. Der Darstellerriege möchte ich wenig Vorwürfe machen, vor allem der junge Damson Idris als strebsamer Franklin, der seine Chancen auf einen Aufstieg wittert, überzeugt. Aber so komplex die Geschichte auf den ersten Blick auch erscheint, die einzelnen Handlungsstränge gestalten sich dann doch recht simpel und etwas vorhersehbar.
Outsiders
Man hat das Gefühl, man hätte diese Geschichten bereits schon etliche Male zuvor in Film und Fernsehen gesehen, während sich einige Dialogzeilen („The game's rigged.“) etwas hölzern und altbacken anhören. Großartig subtil ist die Serie ebenfalls nicht (so sehr ich den Song „Don't Let Me Be Misunderstood“ auch mag, die Szene um Gustavo am Ende der Episode kommt mit dem größtmöglichen Holzhammer), was sich natürlich noch ändern kann. So soll die zehnteilige erste Staffel von Folge zu Folge besser werden. Die Frage ist nur, ob man als Zuschauer dem Format eine Chance geben möchte, bis es seine Stärken entfaltet, oder ob man vorher die Geduld verliert.
Als jemand, der ein Vorliebe für stilvolle Retroserien hat, bin ich gewillt, Snowfall noch lange nicht abzuschreiben, auch wenn mich die Geschichte noch nicht wirklich überzeugt hat. Man hat einen talentierten Cast zur Verfügung und führt in der Pilotfolge Charaktere ein, deren weitere Entwicklung und potentieller Werdegang mein Interesse geweckt hat. Dieser Aspekt und die sehenswerte, pulsierende Machart der Dramaserie reizen mich, hier am Ball zu bleiben. Nun bin ich gespannt, wohin sich die Handlung entwickelt wird, wie die vielen verschiedenen Puzzleteile zusammenpassen und ob die Verantwortlichen wirklich ihre eigene Stimme finden können, die „Snowfall“ von außen betrachtet definitiv hat, doch im Inneren noch sucht.
Trailer zu „Snowfall“: