Die Serienneuheit Sleepy Hollow bedient sich der berüchtigten Geschichte um den kopflosen Reiter und verpflanzt sie in unsere Zeit. Dank eines sympathischen und humorvollen Ichabod Crane lässt sich die wilde Fahrt trotz einiger unfreiwilliger Albernheiten durchaus genießen.

Auch in der neuen Serienadaption von „Sleepy Hollow“ treibt ein kopfloser Reiter sein Unwesen. / (c) FOX
Auch in der neuen Serienadaption von „Sleepy Hollow“ treibt ein kopfloser Reiter sein Unwesen. / (c) FOX

Im Jahr 1781 tobt der amerikanische Unabhängigkeitskrieg. Auf dem Schlachtfeld stehen die Anhänger der britischen Kolonialmacht den „amerikanischen“ Soldaten gegenüber, die im Dienste des berühmten ersten US-Präsidenten George Washington kämpfen. Dass wir es bei Sleepy Hollow nicht mit einer akkuraten Betrachtung der Geburtsjahre der USA zu tun haben, wird jedoch schnell klar. Bei einem der Kämpfenden handelt es sich um keinen Geringeren als Ichabod Crane (Tom Mison), den sich Washington Irving um 1820 für die Kurzgeschichte „The Legend of Sleepy Hollow“ erdacht hatte.

Der Kampf beginnt

Crane sieht sich während des Unabhängigkeitskrieges zum ersten Mal mit dem gnadenlosen Hühnen konfrontiert, der später als der berüchtigte kopflose Reiter sein Unwesen treiben soll. Schicksalhaft für immer mit der unheilvollen Gestalt verbunden, kommt der damals schwer verletzte Ichabod erst viele Jahre später in einer Höhle wieder zu sich. Die Grotte liegt in unmittelbarer Nähe des Städtchens Sleepy Hollow, das ganze 144.000 Einwohner zählt. Doch die Zahl der Bewohner droht, schon bald drastisch dezimiert zu werden. Gemeinsam mit Crane wurde nämlich auch der Kopflose in die Neuzeit katapultiert, der als eine seiner ersten Amtshandlungen den örtlichen Sheriff August Corbin (viel zu kurzer Auftritt von Clancy Brown) ermordet. Zurück bleibt dessen ambitionierte Kollegin Abbie Mills (Nicole Beharie), die sich erst mit dem Schreckensbild des geköpften Reiters und dann mit dem schlammverschmierten Ichabod Crane konfrontiert sieht.

Zweifel schwinden

Abbies durchaus nachvollziehbare Zweifel an Cranes Herkunft zerstäuben sich nach und nach aus zwei Gründen: Zum einen hatte die junge Polizistin in ihrer Jugend selber schon einmal die Erfahrung mit dem Übersinnlichen gemacht. Außerdem stößt Abbie in den Aufzeichnungen ihres verstorbenen Mentoren Corbin auf Hinweise, die zu Cranes Schilderungen passen. Selbst Abbies Vorgesetzter Captain Frank Irving (Orlando Jones), der sich durch Cranes bestandenen Lügendetektortest nicht hatte beeindrucken lassen, muss sich gegen Ende der Auftaktepisode mit der unheilschwangeren Wahrheit abfinden, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Tatsache, dass Crane sehr schnell nicht länger den Status eines Irren innehat, ist der Dynamik der Serie durchaus zuträglich. Es gilt nun, die Kräfte des Guten zu bündeln und sich dem Bösen entgegenzustellen.

Die dunkle Seite

Wie Crane aus einer Vision erfährt, handelt es sich bei dem Kopflosen um einen der vier apokalyptischen Reiter. Die Tatsache, dass neben ihm („Tod“) auch noch „Hunger“, „Krieg“ und „Pestilenz“ zu den berittenen Unheilsbringern gehören, macht in diesem Zusammenhang Hoffnung auf weitere unheimliche Gegner für das Team aus Crane und Mills. Zudem stellt sich heraus, dass neben guten Hexen - denen auch Ichabods in einer Zwischendimension gefangene Frau Katrina (Katia Winter) angehört - auch ein Zirkel von boshaften Zauberinnen existiert.

Der Cast der Serie %26bdquo;Sleepy Hollow%26ldquo; © FOX
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Auch Abbies zweiter kurzlebiger Kollege Andy Brooks (John Cho) war mit dem Teufel - oder zumindest einem von dessen dämonischen Helfern - im Bunde. Obwohl er dafür von einer gruseligen Gestalt hingerichtet wird, herrscht fortan eine gewisse Unsicherheit - wer könnte insgeheim noch an dem Ende der Welt arbeiten?

Ein Held mit Vorzügen

Ichabod Crane ist ein „American Hero“ der ersten Stunde. Seine Hintergrundgeschichte trieft ein wenig übertrieben vor amerikanischem Patriotismus. Als einstiger Anhänger der Queen hatte er sich aus Gewissensgründen schließlich für die „richtige“ Seite entschieden. Glücklicherweise wird die Glorifizierung der USA aber durch den aufmüpfigen Humor von Cranes Charakter und das sympathische Spiel von Tom Mison abgefedert. Auf die Frage, ob er denn zugebe, damals den Reiter enthauptet zu haben, antwortet Crane mit einem Hauch von neuzeitlichem Sarkasmus: „No. First I shot him. But he rose back up. Beheading him seemed to be the next logical step.

Obwohl Crane seinen Zusammenstoß mit den Neuerungen der Neuzeit etwas zu gut zu verkraftet, ist er doch sehr charmant in Szene gesetzt. Statt ununterbrochen den Teufel in elektronischen Geräten zu erkennen, spielt Ichabod fasziniert mit einem elekrischen Fensterheber und zeigt sich zudem entrüstet darüber, dass Frauen mittlerweile aus der Kleiderpflicht entlassen sind. Seinen temporären Ungehorsam rechtfertigt er sogar noch etwas unterhaltsamer: „I'm insane and therefore impervios to simple commands.

Die Partnerin

Abby auf der anderen Seite begegnet ihrem neuen Partner im Kampf gegen den Weltuntergang mit einer vertretbaren Mischung aus Trotz und Neugierde. Die Beziehung der beiden, die sich im Laufe der Pilotepisode in Höchstgeschwindigkeit manifestiert, profitiert dabei von der Existenz von Cranes Ehefrau. Obwohl die Möglichkeit einer romantischen Verwicklung der beiden Protagonisten durchaus noch besteht, wird so zunächst einer platonischen Partnerschaft der Vortritt gelassen, wodurch sich die Serie von einer Vielzahl von anderen fiktiven Paarungen abhebt.

Aus Ichabod Crane (Tom Mison) und Abbie Mills (Nicole Beharie) wird schnell ein Team. © FOX
Aus Ichabod Crane (Tom Mison) und Abbie Mills (Nicole Beharie) wird schnell ein Team. © FOX

Zwischen Fiktion und Realitätssinn

In einer Serie, in der ein kopfloser Reiter und Getreuer George Washingtons nach 250 Jahren simultan in unserer Gegenwart wieder zu sich zu kommen, wird dem Zuschauer fraglos ein tolerantes Vorstellungsvermögen abverlangt. Das ist schön und gut - wir haben es hier ja auch mit einem Vertreter des Fantasygenres zu tun. So bietet sich die Gelegenheit, in eine Welt abzutauchen, die sich zum Teil grundlegend von unserer alltäglichen Realität entscheidet. Da gibt es Hexen, religiös verortete Anzeichen für eine Apokalypse, die die gesamte Menschheit bedroht und Dämonen, die humpelnd in Spiegelwelten verschwinden. Gleichzeitig wird der fantastische Mythos des kopflosen Reiters bei Sleepy Hollow allerdings in einer modernen Welt und Zeit verortet, deren Gesetzmäßigkeiten uns vertraut sind. In diesem Zusammenhang kann die FOX-Produktion in Bezug auf die plausible Darstellung der Polizeiarbeit kritisiert werden. Aus welchem Grund darf man einen Mann aufgreifen, festsetzen und ihm gar eine langwierige mentale Evaluation auferlegen, nur weil er zur falschen Zeit am falschen Ort auftaucht?

Fazit

Der Regisseur Len Wiseman leistet bei seiner Gratwanderung zwischen den fantastischen Elementen und dem neuzeitlichen Setting insofern gute Arbeit, als dass die wahnsinnige Mixtur sehr kurzweilig ist. Innerhalb der Auftaktepisode erfahren sowohl die Protagonisten als auch deren undurchsichtige Gegenspieler eine Einführung, die den Freunden des Genres das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen dürfte. Es gibt Humor, Action, Köpfe in Gläsern und das drohende Ende der Welt - was will man mehr?

Einige der unnötigen grafischen Spielereien schweben zwar - teils sprichwörtlich - in der Luft. Doch es herrscht insgesamt eine gelungene Atmosphäre, bei der man allerdings nur stellenweise Gefahr läuft, sich allzu sehr zu gruseln. Einen Kopflosen, der plötzlich in krassester Rambo-Manier mit einem Maschinengewehr um sich ballert, konnte die Rezensentin so eher zum Lachen als zum Zittern bringen. Gleiches gilt für die Szenen, die George Washingtons persönliche Bibel und den ebenfalls bereits in der Auftaktepisode aus dem Leben scheidenden Priester (Patrick Gorman) mit seinen magischen Kettentricks. Nun liegt es im Auge des Betrachters, inwieweit die Serie in diesen Passagen der unfreiwilligen Komik zum Opfer fällt. Dass das Format sich selbst nicht gänzlich ernst nimmt, wird schon an der Figur des Ichabod deutlich. Dessen „Eintritt“ in die Neuzeit wird musikalisch kraftvoll durch „Sympathy For the Devil“ von den Rolling Stones begleitet.

Wenn man sich schlicht an den turbulenten Ereignissen erfreuen möchte, die sich in einer überdurchschnittlichen Geschwindigkeit vor den Augen der Zuschauer abspielen, kann man Sleepy Hollow fürs Erste unbesorgt genießen. Es wird sich schnell herausstellen, ob der Wirbel aus mystischen Erkenntnissen auf Dauer genug Substanz innehaben wird, damit die Serie auch langfristig überzeugen kann. Bis dahin - in Anlehnung an die berüchtigten Altrocker - „Pleased to Meet You“, Sleepy Hollow!

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