Skins 7x01

Hach, Effy, wo führt das alles nur hin? Im Auftakt zur sechsteiligen letzten Staffel des britischen Coming-of-Age-Hits Skins darf sich einer der beliebtesten Charaktere der vergangenen Staffeln, Effy Stonem (Kaya Scodelario), durch die Londoner Finanzwelt schlängeln. Das Highlight der Auftaktepisode Skins Fire (1) ist die Hauptdarstellerin selbst, die sich zwar etwas zu offenherzig in enge Abendkleider zwängt, es dabei jedoch schafft, ihr sehr ansprechendes Äußeres in Szene zu setzen.
Diese unendlich blauen Augen!
Leider kann dies nicht für die Geschichte im Allgemeinen festgehalten werden. Effy wohnt gemeinsam mit ihrer Highschoolfreundin Naomi (Lily Loveless) in einem schicken - in der Realität niemals bezahlbaren - Londoner Cityloft und verdingt sich als Assistentin in einem der vielen gesichtslosen Finanzinstitute der britischen Hauptstadt. Beim Versuch, die Verwicklungen der Finanzwelt auf ein persönliches Niveau herunterzubrechen, machen es sich die Autoren um Serienschöpfer Bryan Elsley jedoch etwas zu einfach.

Sollten sie ihre Geschichte als Kritik oder zumindest kritische Darstellung der Finanzindustrie interpretiert haben wollen, scheitern sie damit. Die Darstellung verliert sich in vielen Klischees, die Geschichte hätte so oder ähnlich auch in einer Daily Soap porträtiert werden können. Das Drehbuch beschränkt sich auf die Nennung einiger weniger, zusammenhangloser Fachbegriffe, während aus dem Finanzjargon lediglich Standardsätze heruntergebetet werden. Zur Veranschaulichung hier ein besonders plumper Dialogauszug. Effy: „You make it sound like I'm going into a warzone.“ Die Antwort ihres Vorgesetzten: „Money is war.“
Zugegeben, die Dialogsätze waren noch nie die größte Stärke von Skins. Diese bestand eher darin, alle zwei Jahre eine neue Clique zu porträtieren, inklusive aller Fehlgesinnungen, Intrigen und falschen Bekanntschaften. Jedoch gab es stets einen oder mehrere Charaktere, die für den einen oder anderen witzigen, charmanten, arroganten, vorlauten oder geistreichen Spruch gut waren. Diese Qualität geht in der Auftaktepisode der abschließenden siebten Staffel leider verloren. Dies könnte natürlich daran liegen, dass die Cliquendynamik zugunsten einer Großstadt- und Berufsweltverlorenheit geopfert wurde. Die Essenz daraus? Jeder will in die große Stadt, aber niemand ist dort glücklicher.
Dies gilt ganz sicher für Naomi, die sich gedankenverloren mit vollem Enthusiasmus dem Großstadthedonismus entgegenwirft und sich dabei doch nur Gemeinsamkeit mit ihrer Freundin Emily (Kathryn Prescott) wünscht, die jedoch im fernen New York den eigenen Karriereambitionen nacheifert. Verloren deliriert sie sich von einem Joint zum nächsten, feiert endlose WG-Partys und nervt ihre Mitbewohnerin mit Selbstmitleid und Verlorenheit. Ihre angestrebte Karriere als Stand-up-Comedian ist dementsprechend vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat.
You're the only one that understands Excel
Hinter Effys blauen Augen lauert jedoch auch die blanke Unzufriedenheit. Die größte Faszination dieser Figur geht davon aus, dass sie sich einfach niemals für den objektiv richtigen Weg entscheiden kann, sei dies nun im Hinblick auf Männer, Freunde oder die Karriere. Jedenfalls legt sie einen kometenhaften Aufstieg hin, dank ihrer forschen Art, ihrem Bauchgefühl, ihrer manischen Obsession und zum größten Teil der Ausnutzung ihres netten Kumpels Dom (Craig Roberts).

Der bringt ihr nicht nur in Rekordzeit die Feinheiten der Finanzwissenschaften bei, sondern beliefert sie auch mit Insiderinformationen. Höchst illegal, natürlich. Aber das hat Effy schließlich noch nie von irgendetwas abgehalten. Ihr Triumphzug ist also auf Sand gebaut, trotzdem genießt sie die neuen Privilegien in vollen Zügen. Auf dem Weg dorthin bootet sie die erfahrenere und besser ausgebildete Kollegin Victoria (Lara Pulver) aus und fängt - natürlich - eine Affäre mit ihrem Vorgesetzten Jake (Kayvan Novak) an.
Auf ihre eigene Weise sind also sowohl Effy als auch Naomi verloren. Trotzdem glaubt Naomi, den Kürzeren gezogen zu haben: „You win. You win again.“ Sie schafft es nur noch, mit höchst irrationalen Aktionen die so bitter nötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie lässt sich treiben, ohne jemals irgendein Ziel vor Augen zu haben, ohne sich einen Weg zu suchen. Sie versackt im anonymen Sumpf aus Drogen und Alkohol, aber irgendwie schafft sie es doch, am Ende gegenüber Effy als die moralisch standfestere Figur dazustehen. Naomi schindet ihren Körper, Effy jedoch verkauft ihre Seele.
Fazit
Als ausgesprochener Skins-Fan wird man von der Auftaktepisode der siebten Staffel enttäuscht. Die Neuausrichtung in der Großstadt ist an manchen Stellen gelungen, an vielen jedoch schafft es die Geschichte kaum, Identifikationspotential zu schaffen oder mitzureißen. Der Ausflug in die Finanzwelt gerät zu wenig komplex, die Problematik dieser Industrie wird nicht einmal an der Oberfläche angekratzt.
Lieber belassen es die Autoren bei einigen wenigen Standardformulierungen: „In the current climate we need to diversify.“ Das ist schlicht zu wenig. Natürlich muss und kann Skins keine semiwissenschaftliche Abhandlung einer komplexen Materie sein. Davon müsste die Geschichte ja aber gar nicht getragen werden. Effy hätte ja auch als einfache, ehrgeizige Angestellte - zumindest mit einem Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften - einen Finanzskandal aufdecken können.
Dieses Manko wird teilweise durch klassische Großstadtszenen wieder wettgemacht. Effy streift an leuchtenden Reklameschildern vorbei, sie fährt dem U-Bahn-Tunnel auf einer Rolltreppe entgegen. Unterlegt sind diese Szenen von hervorragend ausgewählter, kontemplativer Musik. Dies gilt leider nicht für die Club- und Ausgehszenen. Hier hätten sich die Macher am gestiegenen Alter der Protagonisten - und wohl auch der Zuschauer - orientieren sollen. Der ihnen entgegenschreiende „Plastikpopstep“ ist jedenfalls kaum auszuhalten.
Ausstattung und Kulisse geben ein ebenso ambivalentes Bild ab. Während die Außenaufnahmen tolle HD-Bilder von London liefern, sehen die Innenaufnahmen in der Firma aus, als sei den Ausstattern ziemlich schnell das Geld ausgegangen. Auch die sehr bunten Farben wollen nicht so richtig zum dunklen Sujet passen. Die Auftaktepisode ging also sowohl aus technischer als auch aus dramaturgischer Sicht etwas daneben. Daran konnte auch Kaya Scodelario mit ihrer elfenhaften Schönheit wenig ändern. Auch für Serien gilt also: Ein hübsches Äußeres allein reicht einfach nicht.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 5. Juli 2013(Skins 7x01)
Schauspieler in der Episode Skins 7x01
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