SIX 1x01

© as „SEAL Team Six“ in Aktion / (c) History
Die Geschichte der neuen History-Actionserie SIX beginnt im Afghanistan des Jahres 2014. Rip Taggart (Walton Goggins aus Justified) führt seine Einheit im Kampf gegen gesichtslose Kämpfer der Taliban an. Von Regisseurin Lesli Linka Glatter (Mad Men, Homeland) wird das in schön anzusehende, rasant geschnittene Bilder übersetzt. Wir bekommen kleine Einblicke, wie die Konfliktparteien funktionieren: Auf der einen Seite diszipliniertes, methodisches Vorgehen, auf der anderen der Einsatz menschlicher Bomben.
Goddamn Savages
Diese Zweiteilung bleibt über den gesamten Verlauf der Pilotepisode erhalten, wobei sie einmal sogar von einer Figur explizit ausgesprochen wird: „The only line I care about is that between good and evil.“ Die Autoren und Serienschöpfer William und David Broyles versuchen zwar, ein paar Schattierungen einzubauen, lehnen sich dabei aber nicht sehr weit aus dem dramaturgischen Fenster. Die größte Abweichung von der Gut-Böse-Norm geschieht immerhin schon ziemlich früh, als sich Rip auf nächtlicher Mission entschließt, einen Gefangenen auf der Stelle zu exekutieren.
Hernach ist der Zusammenhalt innerhalb des SEAL Team Six, wonach die Serie benannt ist, nicht mehr der gleiche. Nach einem Zeitsprung von zwei Jahren erfahren wir die Ausgangssituation für die kommenden siebeneinhalb Episoden der ersten Staffel. Rip ertränkt den Frust über den Mord - anders kann man das tatsächlich kaum nennen - im Alkohol, während er in seiner schäbigen Söldnerunterkunft in der nigerianischen Hauptstadt Lagos auf neue Aufträge wartet. Das freudige Gebaren seiner Kameraden hat sich ebenfalls in Luft aufgelöst, wenngleich sie nicht ganz so tief gefallen sind.
Ricky „Buddha“ Ortiz (Juan Pablo Raba) hat seiner Ehefrau Jackie (Nadine Velazquez) versprochen, den Marines den Rücken zu kehren und sich einen Job im Privatsektor zu suchen, der ungefährlicher und besser bezahlt ist. Alex Caulder (Kyle Schmid), der mit der Exekution die größten Probleme hat, versucht sich mit bedeutungslosem Sex - wir sehen gar nicht erst das Gesicht seiner Gespielin - davon abzulenken, dass er Tochter und Exehefrau sträflich vernachlässigt, obwohl es dafür ja eigentlich eine einfachere Lösung gäbe. Joe „Bear“ Graves (Barry Sloane) wiederum schafft es nicht, mit dem Verlust seiner einjährigen Tochter zurechtzukommen, während seine Ehefrau Lena (Brianne Davis) schon einige Schritte weiter ist.

Diese Geschichten werden lediglich angerissen, sie sind das Hintergrundrauschen des eigentlichen Spektakels, das sich im Laufe der Pilotepisode herauskristallisiert. Beim Überfall der nigerianischen Terrororganisation Boko Haram auf eine Mädchenschule gerät Taggart unter die Geiseln. Er war dort eigentlich für die Sicherheit zuständig, kann den Überraschungsangriff aber auch nicht alleine abwehren. Mit Ausnahme von Buddha zögern die alten Kollegen daraufhin keine Sekunde, um ihren ehemaligen Anführer aus dieser misslichen Lage zu befreien.
Come Home To Me
Erschwerend kommt hinzu, dass der Bruder des von Taggart in Afghanistan kaltblütig Erschossenen dank des weltweiten Medienechos von der Entführung erfährt. Welche Rolle er genau innehat, lässt sich aus seiner kurzen Szene nicht so richtig schließen. Er ist offensichtlich mächtig genug, um in einem tansanischen Hangar herumzustehen und über eine große Menge elektrisches und militärisches Spielzeug verfügen zu können. Seine Absichten sind indes weniger mysteriös: Er will Rache nehmen für seinen exekutierten Bruder.
Von seiner bisher sehr kargen Charakterzeichnung erhoffe ich mir nicht mehr. Die Pilotepisode von SIX macht früh klar, dass sie wenig Interesse daran hat, komplexe Figuren zu erschaffen. Der Versuch wird zwar gemacht, gerät aber viel zu holzschnittartig. Es gibt den Soldaten, der eigentlich nicht mehr will, sich aber zu einem letzten Einsatz überreden lässt. Es gibt den vom Schicksal getroffenen und den Hallodri. Und natürlich gibt es auch den Neuling, der von allen schikaniert wird. Diese Rolle fällt Grünschnabel Robert Chase (Edwin Hodge) zu.
Potenzial schlummert vor allem in den radikal unterschiedlichen Lebenswelten, mit denen diese Männer im Ausland und zu Hause zurechtkommen müssen. Es wäre schön, schafften es ihre Ehefrauen in künftigen Episoden über den Status der besorgten, eifersüchtigen, aufbrausenden Daheimgebliebenen hinaus - große Hoffnung habe ich dafür nicht. Die Serie bewohnt einen merkwürdigen Zwischenraum zwischen einem pulpigen Format wie Strike Back und einem tiefschürfenden wie Generation Kill. Sie hat sich noch nicht entschieden, was sie sein möchte. Allzu viel Zeit sollte sie sich dafür nicht lassen.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 19. Januar 2017SIX 1x01 Trailer
(SIX 1x01)
Schauspieler in der Episode SIX 1x01
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