Mike Judge, Erschaffer von Beavis und Butt-Head, siedelt seine neue Serie im absurdesten Tal der Welt an: dem Silicon Valley. Erfahrt hier, wie uns der Einstand der neuen HBO-Comedy Silicon Valley gefallen hat!

Auf den Spuren des großen Steve: die Crew von „Silicon Valley“. / (c) HBO
Auf den Spuren des großen Steve: die Crew von „Silicon Valley“. / (c) HBO

Außer euch ist Kid Rock die ärmste Person auf dieser Party!

Mit dem Eröffnungscameo des Rockstars trifft Silicon Valley aus dem Stegreif den richtigen Ton. Wir treffen die Hauptpersonen der neuen HBO-Comedy rund um Entwickler Steve (Thomas Middleditch) auf einer dieser berüchtigten Silicon-Valley-Partys, die jemand ausrichtet, der einfach nicht weiß, wohin mit seinem plötzlich vom Himmel geregneten Reichtum. Und dann wird eben Kid Rock engagiert, um vor einer 30-köpfigen Menge dürrer Computernerds so zu tun, als wäre das hier die Feier des Jahrhunderts.

Geht man aber durch den Garten des schicken Designerhauses wird klar, dass die Techniknerds in kleinen Grüppchen weiter über ihre Apps und Algorithmen reden, während die vom Neureichtum angelockten Frauen auch nur in Kleingruppen zusammentuscheln. Wie in der Unterstufe, bloß mit Superstar auf der Bühne. Warum reden Jungs und Mädels nicht miteinander? Die Antwort liefert Erlich, einer der Hauptfiguren aus Silicon Valley sogleich: „Die Jungs müssen nicht mit den Frauen reden. Das Haus übernimmt das Reden.

Nach dieser Eröffnungsszene ist klar: Hier hat jemand das richtige Gespür für eine Welt, die durch ihre Absurdität glänzt. Die Welt der Tech-Start-ups und der neuen digitalen Ökonomie ist, um es einmal geradeheraus zu sagen, im Grunde ein Irrenhaus. Eine Welt, in der man es innerhalb weniger Wochen vom 21-jährigen Loser, der bei seiner Mutti im Keller vor sich hin programmiert, zum gefeierten Milliardär bringen kann. Eine Welt, in der idealistische Uptopisten und amoralische Kapitalisten freudestrahlend Hand in Hand arbeiten. In der jede neue App gleich „die Welt verändert.“ In der mit Unsummen von Geld um sich geschmissen wird, in der Hoffnung, den nächsten großen Trend zu kreieren oder ihn mindestens nicht zu verpassen.

Eine Welt, in der man mit einer bescheuerten Idee reich werden kann, wenn man sie nur richtig verkauft oder in der man für den Rest seines Lebens den Deal bereut, den man ausgeschlagen hat.

Das seltsamste Tal der Welt

Eigentlich ist es ein Wunder, dass es so lange gedauert hat, bis diese Welt eine Spielwiese für eine Comedy wurde. Klar ist doch: Der Kosmos des Silicon Valley regiert mittlerweile den globalen Zeitgeist. Wie formulierte es Johnny Haeusler von Spreeblick einmal so trefflich: „Start-ups sind die neuen Bands und Apps sind ihre Songs.“ Menschen wie Elon Musk, Richard Branson oder Sergej Brin sind längst mehr als Unternehmer - sie sind Popstars, die eine Zukunftsvision verkaufen. Wie Rockstars früher Musik. Und über allem schwebt der freiheitliche Unternehmergeist des Steve Jobs, dem Christus des Silicon Valley. Wobei - auch das ist dort ja schon eine grundlegende Einstellungsfrage: Welcher Steve bist du? Jobs oder Wozniak?

Verantwortlich für Silicon Valley ist Mike Judge, der große Chronist der amerikanischen Neodummheit. Er hat mit Beavis and Butt-Head die zwei Posterboys des unterbelichteten Amerikas geschaffen, in King of the Hill die Piefigkeit der Lower-Middle-Class ausgelotet und in „Office Space“ der absurden Arbeitskultur der späten Neunziger ein Denkmal gesetzt. Ebenso hat er mit „Idiocracy“ endgültig bestätigt: Die Zukunft gehört ohnehin den Deppen.

Kurzum: Jemand Besseren hätte man für Silicon Valley kaum finden können. Und nach dem Pilot von Silicon Valley bestätigt sich dieser Verdacht.

Die Handlung von „Silicon Valley“ und unser Fazit zur Pilotepisode verraten wir Euch auf der nächste Seite.

Worum geht es in „Silicon Valley“?

Hauptfigur der Comedy ist der Entwickler Richard (Thomas Middleditch, der für hooli arbeitet, eine recht offensichtliche Google-Parodie). Als Richard einen Algorithmus entwickelt, mit dessen Hilfe sich Dateigrößen dramatisch reduzieren lassen, wittern etliche Parteien gleich das große Geschäft. Auch hooli-Boss Gavin Belson und sein Konkurrent, der Anleger Peter Gregory (wohl eine Karikatur auf den Investor Peter Thiel, einen der frühen Förderer von Facebook). Richard schafft es, der Versuchung des schnellen großen Geldes zu widerstehen und möchte gemeinsam mit seinen Freunden Big Head (Josh Brener, Dinesh (Kumail Nanjiani, Gilfoyle (Martin Starr und Erlich (T. J. Miller) ein eigenes Start-up gründen, um seine Idee zu vermarkten.

Gerade genug Satire

Judge schafft es, die durchgeknallte Techwelt gerade so zu überziehen, dass der satirische Charakter der Serie herauskommt. Er hat aber genug Gespür, um zu wissen, dass es dafür eigentlich nicht besonders viel braucht. Wie schon erwähnt: Diese Welt ist ja bereits absurd genug. TED-Talks, in denen großspurig verkündet wird, aufs College zu gehen, wären heutzutage absolute Zeitverschwendung. Kletterwände in Großraumbüros. Milliardäre, die aus ökologischer Geltungssucht heraus besonders kleine, energiesparende Autos fahren.

Doch - auch wenn Start-up-Gründer die neuen Rockstars sind und es in dieser Welt viele junge Männer gibt, die sehr viel mehr Geld besitzen, als sie jemals ausgeben könnten - ist Silicon Valley nicht das neue Entourage, das wird gleich klar. Dafür fehlt Mike Judge schlicht der Hang zur Glorifizierung dieser Welt. Doch eine HBO-Version von The Big Bang Theory ist es auch nicht, denn Judge besitzt nicht den Drang zum Kalauer.

Seine Komik zündet meistens auf der zweiten Ebene und muss erst einmal durch die Hirnwindungen gewälzt werden, bevor sie das Humorzentrum erreicht. Insofern lädt Silicon Valley eher zum wissenden Grinsen als zum lauten Wiehern ein. Einfach nur die Masse zum Lachen zu bringen, daran scheint Judge nicht interessiert, sein Humor wächst angenehm organisch aus den Figuren heraus. Die meisten Lacher kann auf diese Weise wohl T. J. Miller als Erlich abstauben. Er gibt perfekt den arroganten Wichtigtuer, der seit einem frühen Erfolg der Meinung ist, er habe die Weisheit mit Löffeln gegessen und die Welt und ihre Grundprinzipien ohnehin komplett durchschaut. Von den geschmacklosen Gagshirts („I know H.T.M.L. - how to meet ladies“) bis zur Yogapose stimmt hier einfach alles. Schade, dass darüber hinaus die anderen vermeintlichen Hauptfiguren etwas blass bleiben. Auch Protagonist Richard lässt nicht gerade eine Menge Persönlichkeit spielen, außer die ausgekaute Nummer vom stammelnden Computermenschen. Mit Big Head, Dinesh und Gilfoy ist es kaum besser. Doch daraus ist kein großer Vorwurf zu machen, schließlich steht man hier erst am Anfang.

Fazit

Bitte mehr davon! Nach dem Piloten von Silicon Valley wird deutlich, dass die Techszene rund um den kalifornischen Ort die ideale Spielwiese für Judge und sein komödiantisches Talent ist. Der Kommentar auf dieses wahnsinnige Business gelingt hier äußerst treffsicher. Begeistert hat mich vor allem die Zurückhaltung, in Sachen Gags nicht voll auf die Zwölf zu hauen, sondern lieber auf witzige, aber vielleicht erst auf den zweiten Blick sichtbare Details zu setzen, um den Humor voranzutreiben. Die Handlung ist äußerst simpel gestrickt, aber das stört nicht, denn dieser Pilot lebt von den präzisen Beobachtungen und Kommentaren auf diesen irren Kosmos. Ich freue mich schon, diesen mit den hier präsentierten Figuren weiter erforschen zu dürfen.

Letztere bleiben teilweise noch etwas vage, außerdem gibt es durchaus die Tendenz, zu sehr in den Insiderbereich abzudriften, was den Humor angeht. Die vielen Anspielungen auf echte Persönlichkeiten und Firmen wird man wohl nur erkennen, wenn man bereits einiges an Vorkenntnis über die Silicon-Valley-Szene mitbringt. Von Nerds für Nerds sozusagen.

Hier muss man aufpassen, um nicht völlig in der Obskurität zu versinken. Ansonsten gratuliere ich Mike Judge und Silicon Valley zu einem gelungen Einstieg und biete direkt einmal zehn Millionen Dollar für zehn Prozent Firmenanteil. Zehn? Ach was, sagen wir 30! Oder warum nicht gleich 100 Millionen? Steve hätte es sicher nicht anders gemacht.

Silicon Valley: Video-Review:

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