David Simon, der große Chronist der amerikanischen Stadt, liefert mit der Miniserie Show Me a Hero einmal mehr ein Format, das empfindlich den Nerv der Zeit trifft. Seine Aufarbeitung eines Streits um Sozialbauwohnungen in Yonkers im Jahre 1987 hat brandaktuelle Relevanz.

Der brillante Oscar Isaac spielt in „Show Me a Hero“ den Politiker Nick Wasicsko. / (c) HBO
Der brillante Oscar Isaac spielt in „Show Me a Hero“ den Politiker Nick Wasicsko. / (c) HBO

Auf Papier liest es sich wie ein Thema, das niemals spannend aufbereitet werden könnte: David Simon (The Wire, Treme, Generation Kill) adaptiert mit seinem Kollegen Bill Zorzi ein Sachbuch von Lisa Belkin aus dem Jahre 1993, das eine jahrelang ausgetragene Kontroverse um Sozialbauwohnungen in einer mittelgroßen amerikanischen Stadt namens Yonkers aufarbeitet. Wer Simons Werk kennt, der weiß, dass er nicht davor zurückschreckt, auch die vermeintlich langweiligsten Details politischer und gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse haarklein zu sezieren.

It's the American Way

Und trotzdem schafft er es mit Show Me a Hero einmal mehr, eine packende Geschichte zu erzählen. Simon ist nämlich nicht nur detailversessener Chronist, wahrheitssuchender Journalist und redseliger Intellektueller - er ist auch ein begnadeter Unterhalter. Ohne diese Gabe wäre es niemals möglich gewesen, dass The Wire auch sieben Jahre nach seinem Ende als die vielleicht beste Serie aller Zeiten gilt. Auch dort wurden die mühseligen Arbeitsvorschriften eines Mordermittlers vorgestellt, auch dort konnte man etwas über Politik und Regierungsführung auf kleinster Ebene - in der Stadt - lernen. Auch dort fühlte sich manch Handlungsstrang didaktisch an, ohne jemals zu langweilen.

Das lag vor allem an den wunderbaren Figuren, mit denen Simon sein fiktionales Baltimore bevölkerte. Ohne einen Stringer Bell hätte ich mich niemals für die genaue Spezifikation eines hinreichenden Verdachts (probable cause) erwärmen können, ohne Omar oder Bubbles oder Bodie wären mir die gesetzlichen Grundlagen für eine Telefonüberwachung herzlich egal gewesen. Der Omar von Show Me a Hero heißt nun Nick Wasicsko, kommt ohne Pumpgun aus, und nimmt uns mit auf seine ganz persönliche Tragödie, wofür eine Textzeile von F. Scott Fitzgerald entlehnt wurde: „Show me a hero, and I'll write you a tragedy.

Gespielt wird Wasicsko vom begnadeten Shootingstar Oscar Isaac, dem es zu einem beträchtlichen Teil zu verdanken ist, dass aus dieser Miniserie keine öde Nachhilfestunde in Gemeinschaftskunde wurde. Aber auch Regisseur Paul Haggis, der für sämtliche sechs Episoden auf dem Regiestuhl Platz nahm, vermengt seinen eigenen visuellen Stil mit den dramatisch aufbereiteten Geschichten von Simon und Zorzi, und schafft ein immens ansehnliches Porträt dieser amerikanischen Stadt in der Zeit ihres größten Aufruhrs.

Wasicsko (Oscar Isaac) und seine Kollegin Vinni Restiano (Winona Ryder) © HBO
Wasicsko (Oscar Isaac) und seine Kollegin Vinni Restiano (Winona Ryder) © HBO

In der Pilotepisode fällt Wasicsko die Chance, Bürgermeister von Yonkers zu werden, eher in den Schoß, als dass er aktiv danach streben würde. Ein politischer Berater des amtierenden Bürgermeisters Angelo Martinelli (James Belushi) drängt ihn dazu, weil er glaubt, der erst 28 Jahre alte Grünschnabel könne dem langjährigen Amtsinhaber nicht gefährlich werden. Wasicsko nimmt halbherzig an und startet ebenso halbherzig in den Wahlkampf. Auf der Straße verteilt er Handzettel, und weil ihm nichts Besseres einfällt, nutzt er einen Wahlslogan, den er so ähnlich auch schon bei seiner Wahl zum Stadtratsmitglied einsetzte: „Don't get mad. Get a new mayor.

I'm just tired

Seine Aussichten sind nicht besonders rosig - bis sich das politische Klima in Yonkers wandelt. Der Bundesrichter Leonard B. Sand (Bob Balaban) verfügt die Desegregation der Stadt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die schwarzen und lateinamerikanischen Einwohner auf drei Sozialbaubereiche aufgeteilt, die mit 85 Prozent überwältigende weiße Mehrheit blieb in mittelständischen Wohnvierteln unter sich. Der Richterspruch sieht vor, dass 200 Sozialbaueinheiten an mehreren Standpunkten in der Stadt errichtet werden müssen. Sollte das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht geschehen sein, werde die Stadt mit empfindlichen Strafen belegt.

Die Lage scheint klar, das Urteil eines Bundesrichters ist selbst in einem Berufungsprozess kaum umzukehren. Martinelli schätzt die Widerstandsbereitschaft der weißen Wutbürger - dieser Begriff existierte damals noch gar nicht - jedoch völlig falsch ein. Weil sie vom Populisten Henry J. Spallone (köstlich: Alfred Molina), einem Schmierlappen mit Gelfrisur und Zahnstocher, angestachelt werden, brüllen die Protestierenden fortan jede Stadtratssitzung nieder. Sie schieben dabei Argumente vor, die verschleiern sollen, was sie wirklich sind - Rassisten. Ihnen gehe es lediglich um die Grundstückspreise, die unweigerlich fallen würden, sollten Schwarze und Latinos in ihren Vierteln leben dürfen.

Dort sollten laut ihrer Vorstellung nur diejenigen leben dürfen, die sich das auch leisten könnten. Es ist ein jahrhundertealtes Monster, das da seine hässliche Fratze zeigt - ein Monster, das leider bis heute nicht besiegt werden konnte und wohl auch niemals besiegt werden kann. Die Angst vor und der Hass auf alles Fremde, alles Andersartige manifestiert sich gerade wieder in Deutschland, wo Flüchtlingsheime brennen und Steine fliegen - und das nicht nur aus Reihen des braunen Mobs, sondern auch von „besorgten Bürgern“ der Mittelschicht. Und auch in Amerika gibt es derzeit kaum ein aktuelleres Thema als die gesellschaftliche Spaltung zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich.

Am Ende gratuliert Bürgermeister Martinelli (Jim Belushi; l.) seinem überglücklichen Nachfolger. © HBO
Am Ende gratuliert Bürgermeister Martinelli (Jim Belushi; l.) seinem überglücklichen Nachfolger. © HBO

Der Opportunist Wasicsko wittert also seine Chance, weil er im Gegensatz zu Bürgermeister Martinelli einst dafür gestimmt hat, trotz aller Aussichtslosigkeit einen Berufungsprozess anzustreben. Im Wahlkampf macht er sich die aufgeheizte Atmosphäre zunutze, über deren Auswüchse er bisweilen selbst unangenehm überrascht ist: „It brings out the ugly in people.“ Am Ende geht seine Wette auf, er wird zum jüngsten Bürgermeister der USA gewählt. Doch schon am nächsten Tag bekommt er die ernüchternde Nachricht, dass das Berufungsverfahren gescheitert ist.

They don't want to live with us

Die Pilotepisode endet mit diesem Euphoriedämpfer, was aber nicht bedeutet, dass der Konflikt nun ausgestanden wäre. Im Gegenteil: Die folgenden Episoden (ich habe bisher vier gesehen) werden in aller schmerzhaften Detailgenauigkeit ausleuchten, wie der Konflikt weiter eskaliert. Dabei bekommen wir schon in Part One einen Vorgeschmack auf die Rhetorik der Sozialbaugegner: Ihre liebste Satzeinleitung „We're not prejudiced, but...“ ist das exakte Äquivalent zum deutschen „Ich bin kein Rassist, aber...

Vermengt werden diese politischen Schlachten, in denen größtenteils Weiße gegen Weiße kämpfen, mit Geschichten von denen, um die es eigentlich gehen sollte. Anhand der alleinerziehenden Mutter Alma (Ilfenesh Hadera), der ziellosen Mittelschichtstochter Doreen (Natalie Paul) oder der diabeteskranken Pflegerin Norma (LaTanya Richardson Jackson) bekommen wir einen Einblick in das Leben in den projects. Im Piloten bleibt größtenteils noch unklar, wie diese Geschichten mit denen von Nick Wasicsko und seinen Amtskollegen zusammengeführt werden sollen, im Laufe der Serie - soviel sei verraten - bilden sich diese Kristallisationspunkte aber heraus.

Für die hervorragende visuelle Umsetzung traf Simon eine ungewöhnliche Entscheidung, schließlich könnte der zweimalige Oscargewinner Paul Haggis mit seinem Hang zur pathetischen Inszenierung nicht viel weiter vom Cinéma Vérité-Stil von The Wire oder Generation Kill entfernt sein. Gleich zu Beginn liefert Haggis eine Montage mehrerer establishing shots von Yonkers. Überhaupt wird es hernach ungewöhnlich viele Montagen geben. Der gewählte Stil ist filmisch, deutlich zu unterscheiden vom quasidokumentarischen Stil früherer Simon-Produktionen.

Dazu passt wiederum bestens die musikalische Untermalung, die beinahe ausnahmslos vom „Boss“ Bruce Springsteen übernommen wird. Im Soundtrack finden sich bekannte Hits wie „Hungry Heart“, aber auch unbekannte Perlen wie „Gave It a Name“. Schon in der Auftaktepisode von Show Me a Hero spielt Simon all seine Stärken als journalistischer Geschichtenerzähler aus. Er wird dabei von einem herausragenden Regisseur und einem noch herausragenderen Hauptdarsteller unterstützt. Diese Miniserie wird keine überwältigenden Quoten einfahren. Ich bin mir jedoch sicher, dass sie - ähnlich wie The Wire - noch Jahre später relevant und wichtig sein wird. Sie ist essentielles Fernsehen.

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