Gentleman Jack 1x01

© ??Gentleman Jack“ (c) BBC One
Die neue HBO-Miniserie Gentleman Jack beruht auf der wahren Geschichte einer Frau, deren Leben seltsamerweise bisher kaum Beachtung fand. Bereits nach der Pilotepisode stellt sich jedoch die Frage, wieso Anne Lister nicht weitaus bekannter ist, scheint sie doch sehr besonders zu sein. Auf Grundlage ihrer zahlreichen Tagebücher, die mehr als vier Millionen Worte fassen, nimmt sich Sally Wainwright (Happy Valley) nun der Geschichte dieser faszinierenden Persönlichkeit des frühen 19. Jahrhunderts an. Viele Teile ihrer Aufzeichnungen sind in einem Code niedergeschrieben, bestehend aus mathematischen Symbolen und mit dem griechischen Alphabet verfasst, der erst in den 80er Jahren entschlüsselt werden konnte. Lister beschreibt darin ihre Geschäftsbeziehungen, ihr tägliches Leben und ihre sexuellen Erfahrungen mit vielen Frauen. Sie war willensstark, unterhaltsam, romantisch. Auf der einen Seite war sie eine harte, aber faire Geschäftsfrau und auf der anderen Seite eine sensible Frau, auf der Suche nach einer Partnerin fürs Leben.
In „Gentleman Jack“ wird Anne Lister von Suranne Jones dargestellt, die mit ihrer Bandbreite an Gefühlen und Gesichtern mit Sicherheit der Dreh- und Angelpunkt der Serie ist. Als Anne ist sie laut, selbstsicher, humorvoll, verletzlich, tieftraurig und vor allem wütend, in einer Welt zu leben, in die sie nicht passt. Sie ist voller Schmerz durch die zahlreichen Verluste ihrer Liebschaften, die nicht den Mut aufbringen, sich gegen alle Normen aufzulehnen und ihre Ehefrau werden, sondern sich stattdessen, wie gewünscht, mit Männern vermählen. Das Ungleichgewicht zwischen Anne und ihrer Umgebung wird vor allem durch das Tempo deutlich. Anne bewegt sich schneller als der Rest der Geschichte. Wenn sie durch die Straßen läuft, erlangt man das Gefühl alles andere komme zum Stillstand. Wenn sie mit ihrer Tante, ihrem Onkel und ihrer Schwester Marian (Gemma Whelan) am Tisch sitzt, beugt sie sich vornüber und übernimmt das Zepter der Szene. Wenn sie sich auf den Weg in die Stadt macht, wird sie oft von Musik begleitet, die nicht zum Setting passt. All das macht klar, dass Anne ihrer Zeit voraus ist. Ihr Leben, ihre Einstellungen, ihre Vorlieben passen nicht in den Moment, dem sie nicht entkommen kann.
Als Haupthandlung hat sich Wainwright für Listers Liebesgeschichte mit Ann Walker (Sophie Rundle) entschieden, auch wenn die Vielgereiste 1832 mit gebrochenem Herzen auf ihren Hof in Halifax zurückkehrt, da ihre große Liebe einen Mann geheiratet und sie somit verlassen hat. Äußerlich ist ihr Leid kaum sichtbar, bis auf wenige Szenen allein in ihrer Kammer und an der Schulter ihrer Mutter. Auch das zeigt die Diskrepanz zwischen Annes Innenleben und den Möglichkeiten, dies öffentlich auszuleben. Ihre Umwelt weiß zwar von ihrer sexuellen Neigung, trotzdem hüllt man den Mantel des Schweigens darüber und vor allem ihre Schwester hofft, dass sich trotzdem bald ein Ehemann findet. Auch wenn Anne zerbrechliche Momente hat, ist sie die selbstbewusste Anführerin ihrer Familie und lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich als Frau keineswegs in die für damalige Verhältnisse untergeordnete Rolle zu begeben bereit ist. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und mit einem Hut auf dem Kopf sammelt sie selbst die Pacht ihrer Ländereien ein. Da es um ihre Finanzen besser gestellt sein könnte, plant Anne die Errichtung einer Kohlemine. Um das nötige Kleingeld zu bekommen, entscheidet sie sich dazu, die reiche und schüchterne Ann zu verführen, die augenscheinlich bereits über beide Ohren in sie verliebt ist.
Problematisch an „Gentleman Jack“ ist die Tatsache, dass die alles überdeckende Geschichte rund um Anne Lister nicht genug in die Tiefe geht. Auf der einen Seite haben alle Figuren außer der furiosen Suranna Jones kaum Raum, sich zu entwickeln und eine gewisse Wichtigkeit innerhalb des Plots anzunehmen. Alleine die witzige Gemma Whelan schafft es ab und an, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Auf der anderen Seite geht es selbstverständlich um das Leben der Anne Lister. Doch konzentriert man sich allein darauf, sollte der Inhalt dieser tollen Frau auch gerecht werden. Bisher macht die Serie zu früh Halt auf dem Weg, das Innerste von ihr zu enthüllen. Bei der Fülle an Informationen muss es möglich sein, mehr Facetten von Anne Lister zu veranschaulichen, damit ein ehrliches Bild mit guten und schlechten Seiten von ihr gezeichnet wird. Da „Gentleman Jack“ aber gerade erst begonnen hat, es noch viel Spielraum für Entfaltungen aller Art gibt und die tolle Idee dahinter von einer hervorragenden Hauptdarstellerin umgesetzt wird, vergebe ich vier Sterne.
Verfasser: Gine Kreuzer am Samstag, 27. April 2019Gentleman Jack 1x01 Trailer
(Gentleman Jack 1x01)
Schauspieler in der Episode Gentleman Jack 1x01
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