She's Gotta Have It 1x10

© m Ende bleibt Nola (DeWanda Wise) alleine in ihrem Bett. Oder? (c) Netflix
She's Gotta Have It war der erste Film, den Spike Lee jemals gemacht hat - und der bislang einzige, für den er öffentlich Reue gezeigt hat. Konkret ging es dabei um eine Szene am Ende des Films, in der Nola Darling (Tracy Camilla Johns) von einem ihrer Liebhaber, Jamie (Tommy Redmond Hicks), vergewaltigt wird, woraufhin sie nicht etwa ihn verlässt, sondern ihre beiden anderen Lover, um sich ausgerechnet für Jamie zu entscheiden. In den 80ern mag das noch keinen Aufschrei produziert haben, in unserer heutigen, aufgeklärteren Welt wäre eine solche Szene jedoch unmöglich.
Love you black
Vielleicht hat Lee auch deshalb zugestimmt, aus dem Filmstoff eine mindestens zehnteilige Serie für Netflix zu machen. Oder vielleicht ist er sogar selbst auf den VoD-Riesen zugegangen mit dem Pitch, das Leben seiner Hauptfiguren noch einmal heller ausleuchten zu wollen. Wer auch immer den ersten Schritt gemacht haben mag, spielt mittlerweile keine Rolle mehr. Fest steht: Die erste Staffel ist sehr gut gelungen, wenn auch mit mancher Schwäche. Das Ansinnen, den Charakteren mehr Tiefe zu geben, war indes das richtige.
Überdies eröffnet die viel längere Erzählzeit Lee, seit Tag eins politischer Filmemacher, die Möglichkeit, einmal ordentlich gegen alles zu feuern, was ihm an den politischen Entwicklungen Amerikas nicht passt. Das kommt bisweilen leicht didaktisch daher, was nicht nur am Dialog liegt, sondern auch an der Tatsache, dass die Charaktere oftmals direkt in die Kamera sprechen (siehe Fourth Wall). Jedoch erfordern turbulente Zeiten wie diese auch klare Worte. Jeder, der es sich heute noch erlaubt, keinen politischen Standpunkt zu vertreten, macht sich des Nichtstuns schuldig. Das würde sich Lee niemals ankreiden lassen.
Im Mittelpunkt steht weiterhin das Liebesquartett mit Jamie (Lyriq Bent), Greer (Cleo Anthony) und Mars (Anthony Ramos), das immer dann zum Quintett wird, wenn Nola (DeWanda Wise) der Männer überdrüssig ist und sich ihrer Gespielin Opal (Ilfenesh Hadera) zuwendet. Es dürfte eine der größten Herausforderungen für Lee und seine Koautoren - er inszenierte alle zehn Episoden und schrieb die erste und letzte - gewesen sein, glaubhaft darzustellen, dass Nola eine solche Anziehungskraft auf ihre Liebhaber auslöst, um sie trotz der eigenwilligen Konstellation nicht zu vertreiben. Auch dank Wise gelingt das mit wenigen Ausnahmen.

Bisweilen kann Nola wirklich wie ein kaum zufriedenstellbares Biest daherkommen. Sie beschwert sich gerne bei Liebhabern und Freundinnen über ihre Probleme, will dann aber oftmals deren Hilfe nicht annehmen. Das wiederum geschieht aus moralisch ziemlich einwandfreier Warte: Von Jamie will sie zum Beispiel nicht, dass er aus Mitleid eines ihrer Bilder kauft. Als ihre Freundin Clorinda (Margot Bingham), eine erfolgreiche Galeristin, ihrem Street-Art-Projekt zu Social-Media-Berühmtheit verhilft, beschwert sie sich lautstark darüber, weil sie dem nicht zugestimmt hat.
No one is faithful. I am weak. Forgive me for my ways.
Als Zuschauer befindet man sich in einer Zwickmühle: Beide haben irgendwie Recht, Nola vielleicht ein bisschen mehr als „Clo“. Genau das ist es ja, was gute Charakterzeichnung ausmacht: Figuren handeln bisweilen irrational und impulsiv. Menschen sind nicht immer lesbar. Erwartet man Dank, erntet man manchmal nur Unverständnis. Das lässt sich an der Protagonistin von „She's Gotta Have It“ sehr schön ablesen, auch weil sie so viele unterschiedliche Bekannte hat, von denen einige regelmäßig in ihrem Bett landen - und zwar nur in ihrem Bett, das ist eine ihrer vielen Regeln.
Sollte die Serie um eine zweite Staffel verlängert werden, wäre ich vor allem darauf gespannt, mehr aus dem Leben der vielen Nebenfiguren zu erfahren. Dazu gehört Papo „Da Mayor“ (Elvis Nolasco), ein ehemaliger Klassenkamerad Nolas von der Kunstschule, der nun als Obdachloser auf den Straßen ihres Blocks wohnt und von den zugezogenen Reichen vertrieben wird. Oder Schuldirektorin Raqueletta Moss (De'Adre Aziza), die zunächst wie eine undurchdringliche Autoritätsperson daherkommt, um im Laufe der Serie gegenüber Nola ihre ebenso erschütternde wie hoffnungsvolle Lebensgeschichte auszubreiten.
Dazu gehört Jamies Nochehefrau Cheryl (Sydney Morton), die ähnlich wie Mrs. Moss zunächst sehr zugeknöpft erscheint, von der wir bald darauf aber erfahren, dass sie sich eigentlich nur ihr Familienleben zurückwünscht. Und dazu gehört natürlich auch Nolas weniger bourgeoise Freundin Shemekka (Chyna Layne), der Lee die skurrilste und streitbarste Szene der gesamten Serie zugedacht hat. Darin fällt sie beim Tanzen auf ihren Hintern, der erst kürzlich in einem schäbigen Motel mit billigem Silikon aufgepumpt worden war. Als sie damit auf dem Boden landet, platzt er.

So besonnen Lee bis zu diesem Zeitpunkt vorgegangen ist, so zügellos erscheint er hier. Seine Botschaft könnte eindeutiger nicht sein: Leute, lasst Euch von jemand anderem als einem Arzt niemals Silikon in den Hintern spritzen! Dass er sich aber tatsächlich entscheidet, das so plump in die Welt zu posaunen, erstaunt dann doch, auch wenn man von Lee einiges gewohnt ist. Glücklicherweise gibt es jedoch keine andere Szene in der gesamten Serie, die zu ähnlich viel Fremdscham einlädt. Lee hat sich im Griff, was auch seinem Autorenteam zu verdanken ist, zu dem die Pulitzerpreisträgerin Lynn Notage und seine Geschwister Joie (die auch Nolas Mutter spielt) und Cinque zählen.
Highly uncomfortable
Ein eigener Absatz dieses Reviews soll der fantastischen Musikauswahl gewidmet sein. Hier stellt sich tatsächlich die Frage, wie Lee an all diese wunderbaren Songs von all diesen Legenden gekommen ist (unter ihnen solche Allzeitgrößen wie Frank Sinatra, Notorious B.I.G., Miles Davis oder Prince). Hat er einfach nur einen Großteil des Budgets für die Musik ausgegeben oder bekam er von den Künstlern beziehungsweise deren Rechteverwaltern einen Sonderpreis? Wie dem auch sei, die Komposition von Bild, Soundtrack und den kurz eingeblendeten Plattenlabels ist wahrlich meisterhaft.
Besonders gut gefallen haben mir auch all jene Sequenzen, in denen sich Lee noch mehr stilistische Freiheiten nimmt als zum Beispiel mit dem Durchbrechen der vierten Wand (siehe Fourth Wall). Es gibt eine Szene am Ende einer der späteren Episoden, in der Nola, Cheryl und Jamie in einer Bar sitzen, gestylt wie in einem Film noir aus den Vierzigerjahren. Jamie ist verzweifelt darüber, dass er sich nicht für eine der beiden Frauen entscheiden kann und lässt sich volllaufen. Beide schauen sehnsuchtsvoll, aber auch ein bisschen verwirrt zu ihm, am Ende stürzt er einfach nur vom Barhocker und ist - wortwörtlich - am Boden.
Gleiches gilt für die Tanzchoreografie am Ende des Finales, das abermals das wahnsinnig unbequeme Thanksgiving-Dinner („A grim reminder of this country's genocide of our native peoples.“) zeigt, das Nola schon im Film für ihre drei Liebhaber organisiert hatte. Überhaupt ist nahezu jede Einstellung so penibel komponiert, dass man sie sich einrahmen und aufhängen möchte. Der Unterschied zu seinem Erstlingswerk, das Lee mit minimalem Budget drehte, wird daran besonders deutlich. Alleine dafür hat sich die Neuauflage schon gelohnt.
Das Finale endet anders als das des Films: Nola wird zum Glück nicht vergewaltigt (wenngleich sie in der Auftaktepisode angegriffen wurde), sondern lässt einfach alle drei Jungs nach Hause gehen. Am Ende steht überraschend Opal vor ihrer Tür - ebenjene Frau, zu der ihr ihre Therapeutin bereits geraten hatte. Mit meinem Gefühl ging dieser Rat d'accord. Zwar kam Opal selten vor, die Chemie zwischen ihr und Nola war aber sofort greifbar. Was kommt als Nächstes?? Ich möchte es unbedingt wissen. Hoffentlich geht es weiter.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 2. Dezember 2017(She's Gotta Have It 1x10)
Schauspieler in der Episode She's Gotta Have It 1x10
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