She's Gotta Have It 1x01

© ür besonders subtile Botschaften war Spike Lee noch nie bekannt. (c) Netflix
Bei „Blade Runner 2049“ war es kürzlich ziemlich ärgerlich, den Originalfilm vorher nicht noch einmal angesehen zu haben. Bei der Pilotepisode der neuen Netflix-Serienadaption She's Gotta Have It war es nun genau umgekehrt: Zur Auffrischung habe ich mir in den letzten Tagen noch einmal den Debütfilm von Spike Lee angesehen, was für die Sichtung der Auftaktepisode aber gar nicht nötig gewesen wäre. Sie ist nämlich ein ziemlich teurer Neuaufguss des bereits Bekannten. Positiv daran anzumerken ist, dass die Serienversion trotzdem Spaß macht.
Who wants to be like everybody else?
Das liegt zunächst ganz einfach daran, dass sie in Farbe und mit mehr Schwung daherkommt. Wer gerne Low-Budget-Indiefilme aus den 80ern schaut, der weiß, worauf er sich da einzulassen hat: lange Einstellungen, wenig Dialog, bisweilen holpriges Schauspiel. Das trifft in Teilen auch auf „She's Gotta Have It“ zu, weshalb ich schlicht empfehlen würde, die Vorlage auszulassen. Die Pilotepisode #DaJumpoff (DOCTRINE) hält sich sowieso sehr genau an das Ursprungswerk - inklusive Dialogzeilen, Einstellungen, Witze, Musik und Inszenierungen.
Film und Serie handeln von der Brooklyn-Residentin und Künstlerin Nola Darling (DeWanda Wise), die sich nimmt, was sie will, was in den 80ern ziemlich revolutionär war, es heute aber weniger ist. Deshalb wurde die Serie auch an wichtigen Stellen für die heutige Zeit geupdatet. Das Grundgerüst bleibt jedoch das gleiche: Nola hat einen nahezu unstillbaren Sexdurst, was sie nicht nur dazu zwingt, alleine zu wohnen, sondern sie auch immer wieder in nervtötende Diskussionen mit ihren Liebhabern verstrickt, die allesamt nicht wahrhaben können, dass sie Nola mit anderen teilen sollen.
Im Fokus stehen Greer (Cleo Anthony), ein eingebildeter Schönling, der von Nola völlig zu Recht als „the epitomy of narcissism“ bezeichnet wird, sowie Fahrradkurier und Michael-Jordan-Verehrer Mars (Anthony Ramos), der Nola vor allem mit seinem Humor von sich überzeugt hat, und der schöngeistige Topverdiener Jamie (Lyriq Bent), der in der Auftaktepisode den größten Aufstand macht, als seine heile Welt einmal mehr einzubrechen droht. Sie alle umgarnen Nola im gleichen Maße, wie sie sie dazu drängen, die Konkurrenz abzuschießen.
Das Gute am Film war, dass nie der Versuch gemacht wurde, Nolas Sexhunger zu psychologisieren - zumindest seitens des Filmemachers. Sie war einfach so - und wieso auch nicht? Was spricht außer irgendwelchen völlig anachronistischen und artifiziellen religiösen Moralvorstellungen dagegen, das Bett mit mehr als nur einer Person zu teilen, solange alle darüber informiert sind? Richtig: absolut gar nichts. Und genauso macht es Nola mit ihren Sexpartnern von Anfang an: „Don't go catchin' any feelings.“ Und: „If they wanna deal with me, it's gotta be on my own terms.“
Damn sure nobody's property
Die Zitate aus dem letzten Satz und der Zwischenüberschrift spiegeln jedoch auch die größte Kritik wider, die ich an dieser Pilotepisode habe: Lee, Autor und Regisseur in Personalunion, schießt mit seinem unbedingten Willen zur Botschaft bisweilen übers Ziel hinaus, was ihm im Film noch nicht passiert war. Wir hätten jedoch auch ganz einfach ohne ihre zusätzlichen Erklärungen verstanden, dass Nola eine starke, unabhängige Frau ist, die sich von niemandem vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat. Vielleicht wird das ja in kommenden Episoden besser, die Hoffnung darauf ist meinerseits aber nicht riesengroß, installiert Lee in der letzten Einstellung doch das Spruchband #BlackLivesMatter.
Hieran entzündet sich natürlich die uralte Diskussion, wie subtil Kunst sein soll. Vielleicht rüttelt es ja manche Zuschauer auf und sie informieren sich über die Black-Lives-Matter-Bewegung. Vielleicht törnt es aber manche auch ab, weil sie keine Lust haben auf solche eindeutigen politischen Botschaften. Ich habe damit überhaupt kein Problem - lieber auf ein paar Schnösel verzichten, als die Botschaft nicht an den Zuschauer zu bringen. Nola ist nicht subtil, ihre Freunde sind nicht subtil, ihre Kunst ist nicht subtil, Spike Lee ist nicht subtil. Das geht alles in Ordnung.
Im Film beschränkte sich die Darstellung des sogenannten catcallings, das Frauen nicht nur in New York, sondern überall auf der Welt plagt, auf die Eingangsmontage von zehn Typen, die unterschiedlich schmierige Anmachsprüche präsentieren. Die Serie wiederholt diese bisweilen wortwörtlich (wobei auch Isiah Whitlock Jr. sein Clay-Davis-„Sheeeeit“ aus The Wire präsentieren darf), ergänzt am Ende der Pilotepisode aber noch einen tätlichen Angriff auf Nola, dessen sie sich nur mühsam erwehren kann. Ihre Reaktion darauf lässt nicht lange auf sich warten: eine Guerilla-Plakataktion gegen das catcalling.
In der Pilotepisode von She's Gotta Have It beschränkt sich Spike Lee größtenteils darauf, die Geschichte des Films neu aufzuwärmen. Dies gelingt dank der neuen Besetzung aber so unterhaltsam, dass keine Langeweile aufkommt. Spannend wird es sicherlich im Verlauf der ersten Staffel sein, zu sehen, welches zusätzliche Material eingebaut wird. Am Ende der Auftaktepisode bekommen wir dazu bereits einen vielversprechenden Vorgeschmack. Das macht Lust auf mehr.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 23. November 2017She's Gotta Have It 1x01 Trailer
(She's Gotta Have It 1x01)
Schauspieler in der Episode She's Gotta Have It 1x01
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