Lockenschopf und Nikotinpflaster statt karierter Mütze und Pfeife: Mit Sherlock gelingt der BBC eine höchst unterhaltsame Neuauflage des Detektiv-Klassikers, wenngleich das Vergnügen auch durch die ein oder andere Schwäche getrübt wird.

Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes und Martin Freeman als Dr. Watson auf der Jagd durch London in „Sherlock“ / (c) BBC
Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes und Martin Freeman als Dr. Watson auf der Jagd durch London in „Sherlock“ / (c) BBC

Inhalt

Dr. John Watson (Martin Freeman, „The Hitchhiker's Guide to the Galaxy“) ist ein Militärarzt, der während des Afghanistan-Kriegs verwundet wurde. Um seine Kriegs-Traumata zu verarbeiten, empfiehlt ihm seine Psychotherapeutin, einen Blog zu starten. Doch bald schon hat er ein viel besseres Mittel gefunden. Durch einen gemeinsamen Bekannten lernt er den mysteriösen Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) kennen, der genau wie Watson auf der Suche nach einem Mitbewohner ist. So beginnt die Episode A Study in Pink der britischen Serie Sherlock.

Sie haben sich ihre neue gemeinsame Bleibe in der Baker Street 221 B kaum angeschaut, da wird Holmes von Detective Inspector Lestrade (Rupert Graves) kontaktiert. Lestrade arbeitet an einem kniffligen Fall, an dem er geradezu verzweifelt: Eine Serie von identisch ausgeführten Selbstmorden - begangenen von Menschen, die dazu nicht den geringsten Anlass hatten. Die Medien spekulieren bereits darüber, ob es sich nicht um eine raffiniert getarnte Mordserie handelt.

Das ist auch die Meinung von Sherlock Holmes, der der Polizei seine Dienste als beratender Detektiv angeboten hat, aber zunächst auf taube Ohren gestoßen ist. Die meisten Beamten können den mit einer gehörigen Portion kriminalistischem Scharfsinn wie auch Arroganz gesegneten Holmes nicht ausstehen. Eine Polizistin meint gegenüber Watson sogar, dass Holmes ein gefährlicher Psychopath sei, weil ihm die Mordermittlungen einen solchen Spaß bereiten, dass man sich fragen müsse, ob es Holmes, wenn es um Mord geht, immer nur beim Ermitterln belassen werde.

Watson weiß nicht so recht, was er von seinem Mitbewohner in spe halten soll. Einerseits ist er von dessen überragenden Fähigkeiten auf dem Gebiet von Logik und Beobachtung völlig eingenommen. Andererseits ahnt er schon schnell die Gefahr, die Holmes umgibt. So bietet ihm beispielsweise ein geheimnisvoller Mann (Mark Gatiss) Geld dafür, Holmes auszuspionieren. Doch Watson lehnt ab.

Er findet zunehmend Gefallen an der Gefahr - und merkt, wie es ihm dadurch sogar gesundheitlich besser geht. Bald schon ist er auf sich allein gestellt. Denn Holmes gerät, nachdem er den Killer auf sich selbst aufmerksam gemacht hat, in dessen Fänge...

Kritik

Mit der Aktualisierung von Klassikern hat Steven Moffat ja inzwischen einige Erfahrung. Seit 2005 hat er als Autor an der Neuauflage von Doctor Who mitgearbeitet. Seit der fünften Staffel auch als verantwortlicher Showrunner. 2007 schuf er mit der Miniserie Jekyll ein viel beachtetes Remake des Horrorklassikers. Für Steven Spielberg hat er das Drehbuch zur Kino-Verfilmung von „Tim & Struppi“ verfasst.

Die BBC wusste also, dass Sherlock Holmes in guten Händen sein würde, als man Moffat und dessen Kollegen Mark Gatiss den legendären Meisterdetektiv zur Grundüberholung anvertraute. Und das Vertrauen ist nicht enttäuscht worden. Weder was die Quotenerwartungen ###news0### noch die Qualität des Endprodukts angeht.

A Study in Pink, die erste Folge von Sherlock, ist ein überaus unterhaltsamer Reboot des Holmes-Franchise, der das Grundgerüst von „A Study in Scarlet“, der ersten Holmes-Geschichte von Arthur Conan Doyle, geschickt in das heutige London verlegt.

In zahlreichen Details bleibt Moffat der Vorlage treu: Angefangen dabei, dass Watson gerade aus Afghanistan kommt (in der literarischen Vorlage war er während des 2. Afghanischen Kriegs der britischen Kolonialstreitkräfte in Kandahar stationiert), bis hin zur Auflösung, dass der Mörder ein Droschken- bzw. Taxifahrer ist. Die einzige größere Änderung betrifft das Motiv, was sich auch in einer - für Kenner der Vorlage - sehr amüsanten Volte an einem der Tatorte widerspiegelt.

In „A Study in Scarlet“ wird am Tatort das in Blut geschriebene Wort Rache entdeckt. Die Polizei glaubt, der Betreffende habe den Namen Rachel schreiben wollen. Nur Holmes erkennt, dass es sich um das deutsche Wort Rache handelt, was darauf hinweist, dass es in dem Fall um Vergeltung geht. In der TV-Episode ist es genau umgekehrt: Da ist es tatsächlich die nicht zu Ende geschriebene Rachel.

Hier zeigt Moffat einmal mehr den leichtfüßigen, spielerischen Umgang, den er so häufig gegenüber seinen Stoffen pflegt.

Bei aller Treue gegenüber der Vorlage wagen die Macher jedoch auch einen echten - und sehr wohltuenden - Neuanfang. Dieser betrifft vor allem die visuelle Ebene: Nach unzähligen Film- und TV-Versionen, in denen man Sherlock Holmes mit Cape, Mütze und Pfeife durchs viktorianische London hat schreiten sehen, mussten diese Klischees endlich aufgebrochen und Holmes in ein neues Licht gerückt werden. Dass dies - wie im Fall der zahlreichen Nikotinpflaster, mit denen er seine Sucht zu bekämpfen versucht - auch noch überaus witzig ist, ist sicher kein ganz unbeabsichtigter Nebeneffekt.

Das Telegramm wird geschickt durch die SMS ersetzt, welche zudem auch noch als Textnachricht im Bild sichtbar wird. Eine Verfolgungsjagd durch London kann der Zuschauer parallel auf dem Stadtplan mitverfolgen. Einerseits setzen die Produzenten hier gezielt auf den Verfremdungseffekt dieser gestalterischen Mittel, welcher Sherlock neu und frisch erscheinen lässt. Andererseits gelingt es ihnen genau dadurch, Elemente der Vorlage in die moderne Version zu integrieren.

Die erste Sherlock-Folge ist spannend erzählt. Dabei glänzt Moffat vor allem mit dem Einfall, dem Zuschauer über 90 Minuten hinweg zu suggerieren, dass es sich bei Mark Gatiss um Holmes' Erzfeind Moriarty handelt - was jedoch gar nicht der Fall ist.

Die einzige Schwäche der Episode: Die Auflösung - ein langatmiges Hin und Her, in dem weder Holmes noch der Taxifahrer (der formidable Phil Davis) echte intellektuelle Brillanz zeigen. Vor allem: Nachdem sich einmal herausgestellt hat, dass die Pistole des Fahrers in Wahrheit ein Feuerzeug ist, ist die gesamte anschließende Szene hinfällig, weil in keinster Weise spannend. Dass sich Holmes trotzdem noch dem gefährlichen Spiel mit den beiden Pillen-Döschen aussetzt, ist nur noch seinem eigenen Thrill Seeking geschuldet, nicht mehr irgendeiner äußeren Notwendigkeit.

Und auch die Motivation des Fahrers ist nur sehr bedingt stimmig. So nett es auch gemeint ist, dass Moffat an dieser Stelle den mysteriösen Über-Verbrecher Moriarty erstmals namentlich einführt, so kommt man nicht umhin festzustellen, dass die religiös vielleicht wenig tolerante, dafür aber sehr ausgeklügelte Hintergrundgeschichte, die sich Arthur Conan Doyle in der Vorlage ausgedacht hat, das deutlich packendere und emotionalere Ende darstellt als das, was Moffat stattdessen aufzubieten hat. Ein Fan (=Moriarty), der einen sterbenskranken Killer als Köder für Holmes auslegt. Gähn.

Es ist allerdings auch irgendwie bezeichnend: Denn in der Erzählung „A Study in Scarlet“ geht es dezidiert um die Frage der Gerechtigkeit, die den Erzähler - also Watson - sehr umtreibt. Das ist etwas, was Moffat zumindest in der ersten Folge bei beiden Protagonisten, Holmes wie Watson, komplett ausklammert. Sie werden als rein vom Nervenkitzel getrieben dargestellt, was - fraglos beabsichtigt - etwas sehr Irritierendes hat.

Dabei schlagen sich Benedict Cumberbatch und Martin Freeman ansonsten sehr gut: Es gelingt ihnen nicht nur, ihre jeweils eigene Figur glaubhaft in die Gegenwart zu versetzen. Die beiden haben zusammen auch das, was man so gerne als „Chemie“ bezeichnet. Soll heißen: Sie funktionieren sehr gut als Team, von dem man sich eindeutig wünscht, noch mehr zu sehen!

Fazit

Die Auflösung des Falls verdirbt ein wenig den ansonsten ganz hervorragenden Eindruck, den die ersten 90 Minuten von Sherlock gemacht haben. Nichtsdestotrotz lohnt sich das Dranbleiben auf jeden Fall!

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