She-Ra and the Princesses of Power: Review zum Netflix-Auftakt

© dora und ihre neuen Verbündeten (c) Netflix
Der US-Präsident Ronald Reagan hat die amerikanische Cartoonlandschaft der 80er Jahre geprägt wie kein zweiter. Vor ihm hatte es durch die Federal Communications Commission (FCC) strenge Regulierungen gegeben, die Werbung im Kinderfernsehen einschränkten. Diese setzte er kurzerhand außer Kraft, was Spielzeughersteller wie Hasbro oder Mattel gestattete, glorifizierte Werbesendungen in Zeichentrickform auf die Kleinen loszulassen. Vorhang auf für die Transformers, die ThunderCats und unzählige Helden unserer Kindheit. Zu diesen zählten unter anderem auch die „Masters of the Universe“ mit He-Man, dessen Zwillingsschwester She-Ra 1985 ihre eigene Sendung erhielt, um eine weitere Zielgruppe zu erschließen.
Es dürfte nicht überraschen, dass diese Serien, selbst unter Einberechnung nostalgischer Gefühle, noch schlechter gealtert sind als andere Filme und Serien aus der Zeit. Wer sich zum Beispiel auf YouTube nur die tollen Openings zu Serien wie „The Real Ghostbusters“ ansieht, vergisst leicht, wie gestelzt die Animation in der eigentlich Serie gewesen ist und wie wenig aus den meisten Geschichten dieser endlos laufenden Cartoons herauszuholen war. Ganz zu schweigen von den unsäglichen One-Linern und dem abgeschmackten Humor, der damals schon unglaublich altbacken wirkte. Das alles hatte natürlich trotzdem seinen Platz in der Popkultur, auch trotz der Marketingmotive der Spielzeughersteller. Dubiose Motivationen müssen schließlich nicht davon abhalten, etwas Lohnenswertes oder gar Wertvolles zu schaffen.
Für die Ehre von Grayskull
Die neue Netflix-Version von She-Ra trägt nun jedenfalls den Titel She-Ra and the Princesses of Power („She-Ra und die Rebellen-Prinzessinen“) und stammt aus dem Studio DreamWorks Animation, bei dem bereits das gelungene Anime-Remake Voltron: Legendary Defender oder Guillermo del Toros Trollhunters entstanden sind. Vor allem aber Fans von Steven Universe müssten sich hier wie zu Hause fühlen. Noelle Stevensons She-Ra-Neuinterpretation schlägt nämlich in eine ähnliche Kerbe wie Rebecca Sugars progressive, animeinspirierte Cartoonkreation. Darüber hinaus werden wie in der neuen DuckTales-Serie im Original vernachlässigte oder unterentwickelte Charaktere weiter ausgebaut.

Der Auftakt erstreckt sich über zwei Episoden mit den Titeln The Sword Part 1 und The Sword Part 2. Gemeint ist natürlich das Zauberschwert, mit welchem sich Adora in die magische Kriegerin She-Ra verwandelt. Die ist jedoch zu Beginn, ganz wie in der Filmation-Vorlage, Teil der bösen Horde von Tyrann Hordak, der mit eiserner Faust über die Pulp-Sci-Fi-Welt von Etheria herrscht. Dass sie die gestohlene Zwillingsschwester eines gewissen Muskelmanns ist, spielt (zumindest zunächst) überhaupt keine Rolle. Ihre wichtigste Beziehung pflegt sie zu ihrer Freundin Catra, deren Verhalten ironischerweise viel rebellischer wirkt als das der gefolgsamen Adora, die kurzerhand zum Captain befördert wird.
Adora ist sich (trotz zahlreicher Hinweise schurkischer Natur) nicht darüber im Klaren, zum unterdrückerischen Regime zu gehören und glaubt der Propaganda, welche die Rebellinnen-Prinzessinen als gefährliche Monsterhexen verteufelt. Ein weiterer Beweis für die Tatsache, dass jeder eben der Held seiner eigenen Geschichte ist, egal, auf welcher Seite man steht. Zweifel an dieser Interpretation der Realität kommen ihr erst auf, als sie während ihrer Mission in den Whispering Woods von der teleportierenden Prinzessin Glimmer und ihrem Bogenschützenfreund Bow gefangen genommen wird. Und ja, er hatte auch schon damals ein Herz auf der Brust.
Besonders Glimmer mit ihrem rundlichen Design macht deutlich, was kreativ möglich ist, wenn nicht sämtliche Figuren aufgrund der Spielzeugformvorlagen den gleichen Muskel- oder Barbie-Körper haben müssen. Schaut man sich zudem die noch kommenden Charaktere an, zum Beispiel auf der interaktiven Webseite zur Serie, stellt man fest, dass noch ein ganzes Ensemble verschiedener Rebellinnen-Prinzessinnen mit interessanten Designs auf ihren Einsatz warten. Ähnlich wie in sogenannten Sentai-Serien aus dem Animebereich, auf die sich hier ebenfalls fleißig bezogen wird. Stichwort Sailor Moon oder Hayao Miyazakis „Nausicaä aus dem Tal der Winde“, um nur einige Referenzen aus dem Auftakt zu nennen. Es ist nur bedauerlich, dass die Animation noch nicht an diese gelungenen Designs herankommt und wohl wie so viele Cartoons eine Weile braucht, um sich einzuspielen.

Gelungen ist hingegen das Zusammenspiel der sich zu Anfang noch zankenden Charaktere und die neugierig machende Ausweitung der Mythologie. Magie, auch die des Zauberschwertes, ist hier nämlich tatsächlich die Technologie einer uralten Zivilisation, deren KI-Interface im verfallenen Tempel noch immer zugänglich ist. Aus irgendeinem Grund hat sie Adora als Trägerin des Schwertes auserkoren, das sie in eine viel imposantere Frauengestalt verwandelt. Eine Gestalt, bei der es sich wahrscheinlich, wie ein an die Diamonds aus „Steven Universe“ erinnerndes Wandgemälde vermuten lässt, um den Archetyp einer Heldin handelt, deren Titel und Schwert von Generation zu Generation weitergereicht wird. Ganz wie das Master Sword in den verschiedenen Abenteuern des Videospielmythos „The Legend of Zelda“.
Am Ende des einleitenden Zweiteilers erkennt Adora, welch erbarmungslose Zerstörung die Horde anrichtet und zieht mit ihren neuen Kräften gegen sie in die Schlacht. Erhebliches Dramapotential enthält vor allem die Tatsache, dass Catra trotz alledem auf der ihr vertrauten Seite der Horde verbleibt und somit zum Feind von Adora werden muss.
Fazit
She-Ra and the Princesses of Power vermittelt in den ersten beiden Folgen einen guten Eindruck davon, was es bewerkstelligen möchte: eine charaktergetriebenere Neuinterpretation mit vertrauten Charakteren und Settings, aber neuem Design, das in die kontemporäre, von Serien wie „Adventure Time“, „The Legend of Korra“ und „My Little Pony: Friendship Is Magic“ geprägte Cartoonlandschaft von heute passt. Viele Gedanken scheinen darüber hinaus in die neue Ausrichtung der Mythologie geflossen zu sein, zu welcher es wohl noch eine Menge zu entdecken gibt.
Am verwandtesten ist die neue „She-Ra“ auf den ersten Blick mit Zeichentrick-Cousin Steven Universe, wobei sie noch beweisen muss, ob das emotionale Charakterdrama hier ebenso elegant und ansprechend ausgeführt wird, dass sich eine Fanbase auch außerhalb der Kinderzielgruppe bildet. Das jüngere Publikum müsste jedenfalls ganz begeistert von den kunterbunten Designs und amüsanten Interaktionen sein.
Potential besteht also nicht zu knapp, auch wenn die Animation (vor allem in den Kampfszenen) noch nicht ganz so flüssig und poliert ausfällt, wie es das neue Figurendesign verdient hätte.