Sexuell verfügbar: Review der ersten drei Episoden der Dramedy-Miniserie in der ARD Mediathek

© ARD Degeto/Majestic Film/Dor Fil
Das passiert in der Serie „Sexuell verfügbar“
Miki (Laura Tonke) hat und macht es sich in Sexuell verfügbar nicht gerade leicht im Leben. Nachdem sie ihren egoistischen Mann verlassen hat, versucht sie, Kinder und Selbstbestimmung unter einen Hut zu bekommen. Dabei trifft sie nicht immer die klügsten Entscheidungen und landet schließlich vor Gericht, weil sie den reichen Familienvater August von Modersohn (Hanno Koffler) beim Sex mit einem Dildo penetriert hat und dieser sie anschließend ungerechtfertigt wegen Vergewaltigung anzeigte.
Zufällig ist ihr Jugendfreund Ben (Laura Florian Stetter) Anwalt und springt sofort in die Bresche, als sie verhaftet wird und in Polizeigewahrsam landet. Obwohl die Chancen schlecht stehen und sich Miki alles andere als kooperativ verhält, steht er ihr jedoch zur Seite, bis sie schließlich erkennt, dass es nicht immer hilfreich im Leben ist, sich ohne Rücksicht auf Verluste auszuleben.
So wichtig wie aktuell
„Sexuell verfügbar“ ist eine wichtige Miniserie und das nicht nur, weil sie pünktlich zum Weltfrauentag in der ARD Mediathek zur Verfügung steht. Der von Caroline Rosales (die auch das gleichnamige Buch/die Vorlage schrieb) geschriebene Fünfteiler zeigt auf recht eindrückliche Art, dass sowohl Frauenfeindlichkeit als auch falsch verstandener Feminismus nicht zur Beseitigung des Gender-Ungleichgewichts in unserer Gesellschaft beitragen. Um das zu erreichen, zeichnen Rosales und Co-Autor Timon Kaleyta ein recht differenziertes Bild, das zunächst allerdings ins Missverständliche abzudriften droht.
Vornehmlich in der ersten Episode stehen Männer meist als unsympathische, machtbesessene Despoten im Fokus, die sich in dieser Welt rücksichtslos alles nehmen, was sie wollen und Frauen bestenfalls als rangniedrigere Offizierin in der Geschlechter- und Familienhierachie wahrnehmen. Das mag in Teilen den Tatsachen entsprechen, allerdings fühlte sich der Autor dieses Reviews, der überwiegend das Kind hütet, während die Frau auswärtig arbeitet, bisweilen schmerzhaft auf den Schlips getreten.
Hinzu kommt die Tatsache, dass die Hauptfigur Miki in den ersten zwei rund 30-minütigen Folgen nicht unbedingt die sympathischste Person ist. Zwar glaubt man ihr sofort, dass der Sex mit dem Angeber August von Modersohn (witzig: Hanno Koffler) und die damit verbundene Penetration einvernehmlich stattfand. Miki tut jedoch wenig dafür, den Vorwurf zu entkräften und wohnt mit ihren beiden Kindern auch noch in einem fürchterlichen Chaos. Sie lebt mit ihrem ständig in Tangaslips herumlaufenden Lover Heini (herrlich ausgeflippt: Merlin Sandmeyer) zusammen, kommt spät nach Hause, bringt die Kinder ständig zu spät zur Schule oder zum Tanzunterricht, lebt ihre nach der Scheidung neu gewonnene Freiheit zu intensiv aus und ihre Wohnung gleicht einem Schlachtfeld.
Vielschichtigkeit
So verständlich der Wunsch nach Freiheit auch ist, treibt es Miki hier eindeutig zu weit, was ihr zunächst Sympathiepunkte kostet. Nicht, dass man sie nicht verstehen könnte. Ständig begegnen ihr Kerle, die nur ihren eigenen Vorteil im Sinn haben. Sie wird auf der Straße angerempelt, herumgeschubst oder - wie von ihrem Exmann - auf mehr oder weniger subtile Weise bedroht. Sie hat zwei Kinder, obwohl sie immer nur eins wollte, musste ihren Traumberuf als Autorin an den Nagel hängen und verdingt sich nun bei einem schmierigen Produzenten als Erotikfilm- und Videoclipregisseurin. Auch sonst schlägt sie sich mit allerlei Alltagsproblemen herum, die in einem ungerechten Umfeld Frauen immer noch mehr betreffen als Männer.

Sexuelle Selbstbestimmung, echter Respekt und Gleichberechtigung, so der leider viel zu wahre Tenor der Miniserie, sind auch in Deutschland immer noch Mangelware. All das hat seine Berechtigung, ändert aber nichts daran, dass „Sexuell verfügbar“ es bisweilen etwas übertreibt, was zunächst hier und da sauer aufstoßen mag. Allerdings stellt sich spätestens ab Folge drei heraus, dass genau darin die Absicht der Serienmacher lag. Denn tatsächlich gerät man beim Schauen ins Grübeln und fragt sich unweigerlich, ob dies wirklich das Bild ist, welches viele Frauen von Männern haben. Schaut man sich indes näher um und hinterfragt das männliche Rollenbild, kommt man zu dem Schluss, dass Frauen noch immer viel zu oft auf ihr äußeres Erscheinungsbild reduziert und damit sexualisiert werden.
Lilo Wanders und Co
Um deutlich zu machen, dass wir als Gesellschaft noch einen weiten Weg vor uns haben, wählen Carolin Rosales und Timon Karl Kaleyta ein interessantes Stilmittel. Immer wieder projiziert Mikis Fantasie Ikonen der sexuellen Befreiung wie Lilo Wanders oder solche des Feminismus und der kulturellen Gleichberechtigung wie Lady Bitch Ray alias Reyhan Şahin herbei. Entweder geigen sie der oft unsicheren und sich selbst im Weg stehenden Frau die Meinung oder weisen - provokativ, aber gar nicht mal ganz zu Unrecht - darauf hin, dass eigentlich jeder Mann einmal im Leben penetriert werden solle, um zu verstehen, was Frauen oft erdulden müssen.
Spätestens in solchen Szenen wird trotz allen Humors deutlich, wie weit wir in Deutschland davon entfernt sind, privat und beruflich geschlechterneutral zu denken. Noch immer erhalten Frauen vornehmlich in Führungspositionen im Durchschnitt 18 Prozent weniger Lohn als Männer. Noch immer sind es meist die Frauen, die aus familiären Gründen beruflich zurückstecken müssen, während er Karriere macht und damit das fast alleinige finanzielle Bestimmungsrecht ausübt.
Genau dieser Fokus macht die Serie, wie eingangs angesprochen, so wichtig und notwendig, zumal das Produktions- und Autorenduo nicht mit erhobenem Zeigefinger an die Sache herangeht, auch wenn es in der Debüt-Folge noch so scheinen mag. Mit Mikis Jugendliebe Ben wird eine Figur eingeführt, die zwar manchmal ins gängige Männerklischeedenken hineinschlittert („ich zahle, ich habe ja schließlich mehr“), aber sie erstens so sein lässt, wie sie ist und ihr zweitens trotz ihrer Fehler und Sturheit zu ihr steht.
Ganz nebenbei vermittelt die Miniserie in den manchmal witzigen, oft tiefsinnigen und bisweilen auch ergreifenden Dialogen auf fast spielerische Art manch wichtige Botschaft, die man gar nicht oft genug aussprechen kann. So weist Lilo Wanders beispielsweise zu Recht darauf hin, dass kräftemäßige Überlegenheit niemandem das Recht gibt, über den Körper anderer zu verfügen. Weitere Messages beziehen sich auf das notwendige gegenseitige Vertrauen in Partnerschaften, die Fähigkeit, selbstbestimmt aber nicht egozentrisch zu sein und die Notwendigkeit, das seit Generationen anerzogene Frauenbild endlich zu durchbrechen. Wichtig ist zudem der Verweis darauf, dass man feministisch sein kann, ohne gleich alle Männer über einen Kamm scheren zu müssen.
Schauspielerische Höchstleistungen
Abschließend noch ein Wort zu den sehenswerten schauspielerischen Darbietungen in „Sexuell verfügbar“. Laura Tonke spielt die Rolle der Miki preisverdächtig gut. Eindringlich zeigt sie, wie sie sich in ihrer Ehe jahrelang unterordnete, bis sie zum großen Befreiungsschlag ausholte und es schließlich damit übertrieb. Sie ist wütend auf ihren Mann, stur, manchmal nachlässig und übertrieben egoistisch. Andererseits ist sie aber auch eine liebevolle Mutter, mutig, stark und selbstbewusst. Sie repräsentiert alles, was einen Menschen nun einmal ausmacht, mit allen positiven und negativen Nebeneffekten. Gerade das macht die Figur so glaubwürdig und nachhaltig, denn Miki ist eine Person, mit der man lachen, leiden lieben hoffen und bangen möchte.
Auf der anderen Seite der Medaille steht Florian Stetter als sympathischer und loyaler Ben für einen erfolgreichen Mann, der eine Frau liebt, die alles andere als einfach ist und die er vielleicht gerade deshalb respektiert. Sie macht es ihm nicht immer leicht, doch findet schließlich einen gesunden Mittelweg, der es ermöglicht, Mutter und Geliebte, aber dennoch eine selbstständige und selbstbewusste Frau zu sein.
Fazit
Nachdem die Debütepisode die Befürchtung eines klischeehaften Umgangs mit Männern heraufbeschwört, entwickelt sich „Sexuell verfügbar“ im weiteren Verlauf als Must-see. Ja, es tut manchmal weh, typisch männliche Attitüden auf die Spitze getrieben zu sehen und feststellen zu müssen, wie viel Wahrheit im Klischee verborgen steckt. Und doch werden Männer keineswegs verteufelt, mehr noch: sie sind weder im wahren Leben noch in dieser starken Miniserie der Nabel der Welt.
Vielmehr geht es darum, wie Frauen das Leben in einer patriarchalisch strukturierten Welt wahrnehmen und wie wir als Gesellschaft nach wie vor als Gefangene unserer eigenen Konventionen leben. Wissenschaftlich ist der Patriarchalismus schon längst als kontraproduktiv und schädlich nachgewiesen. Dass sich indes noch viel ändern muss, bis diese Erkenntnis allgemeine Anerkennung findet, ist eine unbestreitbare Tatsache, die durch Serien wie „Sexuell verfügbar“ auf unterhaltsame und sehenswerte Weise eindrucksvoll hervorgehoben wird.
Wir vergeben daher viereinhalb von fünf Punkten.