September Mornings: Review der Pilotepisode

© zenenfoto aus der Serie September Mornings (c) Amazon
Der springende dramatische Plotpunkt der brasilianischen Amazon Prime Video-Serie September Mornings lässt sich wirklich nicht lange bitten. Wir lernen nur kurz die 30-jährige Transfrau Cassandra (Liniker) aus Sao Paolo kennen, die ziemlich genervt von ihrem Job als Kurierfahrerin, aber ansonsten sehr glücklich mit ihrem Freund Ivaoldo (Thomas Aquino), ihrer ersten eigenen Wohnung und ihrer kleinen Karriere als Coversängerin ist. Nach nur zehn Minuten im Auftakt In einem Augenblick steht dann plötzlich Leide (Karine Teles), ein One-Night-Stand aus dem zurückliegenden Leben mit einem Jungen namens Gersinho (Gustavo Coelho) vor ihrer neuen Wohnungstür. Ihr Sohn, wie sich herausstellt... Herzlichen Glückwunsch? So schnell kann es in Dramaserien mit nur 30-minütigen Folgen gehen.
Potentes dramatisches Potential also aus der Feder von Serienschöpferin Josefina Trotta (3%) und gleich zwei sehr gelungene Castings, denn Hauptdarstellerin Linker - auch im wahren Leben Musikerin und trans - hat einen wundervollen „Echt jetzt?!?“-Blick drauf, während der Jungdarsteller ihres Seriensohnes so traurig aus der Wäsche gucken kann, dass es schwer mit anzusehen ist, wenn Cassandra die beiden wieder auf die Straße schickt. Zumal Mutter und Sohn derzeit in ihrem Auto leben und vermutlich nur deshalb verzweifelt genug waren, nach zehn Jahren überhaupt den Kontakt aufzunehmen...
Ganz ohne Humor geht das Ganze aber auch nicht über die Bühne, denn was für eine Bestellung soll Cassandra sofort nach dem unerwarteten Mutterglück an einen Kunden liefern? Babywindeln... „Puta que pariu!“
Natürlich ist Cassandra im Zwiespalt, aber sie hat zu lange daraufhin gearbeitet, endlich mit sich im Reinen und glücklich sein zu können, um sich jetzt von einem Fehltritt aus längst vergangener Zeit aus der Bahn werfen zu lassen. Ganz zu schweigen vom Schmerz, den Jungen, der sie einst äußerlich war, aber vermutlich nie sein wollte, im Kind wiederzusehen. Ein echtes Dilemma. Symbolisch für ihr Leben bleibt dann sogar ihr Moped mitten auf der Straße stehen. Zuspruch erhält sie aus dem Off von der Stimme ihres Idols Venusa, einer 70s-Sängerin, deren Hits sie im Nachtclub ihrer Freundin Roberta (Clodd Dias) zum Besten gibt, in welchem sie sich am Abend erst einmal die Seele aus dem Leib singen muss. Nach Venusas Song Manhas De Setembro ist übrigens auch die Serie benannt.
Leide und Gersinho sind aber nicht nur als zu überwindende Hindernisse in der Serie. Wir verbringen viel Zeit mit ihnen, was mit einem „Zauberer von Oz“-Motiv verbunden wird. Venusa beschwört aus dem Off Erinnerungen an die queere Ikone Dorothy (Judy Garland) herauf und macht ihren Tornado zum Sinnbild für die chaotische Situation, während Gersinho auf einem Bürgersteig, der von nächtlichen Straßenlaternen Yellow-Brick-Road-gelb beleuchtet ist, Pfeile hinterlässt, damit Cassandra sie findet. Ihn schert es wenig, dass nicht der erwartete Clovis vor ihm steht, von dem seine Mutter ihm nur mit Widerstand berichtet hatte, sondern wünscht sich vor allem Kontakt zum zweiten Elternteil. Und dann schaut sogar kurz ein Toto vorbei...
Zunächst wäscht sich Cassandra buchstäblich die Hände rein von ihrer Vergangenheit, indem sie die Adresse des geparkten Autos vor ihrer Show abwäscht, während der Regen parallel die Pfeile auf dem Gehweg beseitigt. Nach dem Auftritt sucht Gersinho sie dann aber auf und als Cassandra sieht, wie die beiden leben, lässt sie sich erweichen und nimmt sie bei sich auf. Auch wenn sie beteuert, es sei nur für eine Nacht...
Fazit
Wie gut, dass wir trotz technischer Probleme und Verzögerungen doch noch im Pride Month dazu gekommen sind, September Mornings zu besprechen, denn der Auftakt der Amazon-Miniserie hinterlässt einen glänzenden Eindruck. Die verzwickte Prämisse erzeugt so große Spannungsfelder, dass oft nur durch lange dramatische Blicke kommuniziert wird, wie sich eine Figur gerade fühlt, was clever mit den brasilianischen 70s-Hits und dem „Wizard of Oz“-Motiv verwoben wurde. Abspielen tut sich das Ganze vor der urbanen Kulisse Sao Paolos, die Regisseur Luis Pinheiro („Samantha!“) in sehr kunstvollen Bildern eingefangen hat. Trotz ähnlicher Prämisse sollte man aber weniger Humor als beim Film „Transamerica“ oder selbst der Serie Transparent erwarten. Drama wird hier, trotz des knackigen 30-Minuten-Formats, das eher mit Comedys oder Dramedys in Verbindung gebracht wird, groß geschrieben.
Verfügbar ist die Serie im portugiesischen Originalton mit verschiedenen Untertiteln.
Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „September Mornings“: