Sensitive Skin mit Kim Cattrall - klingt mehr nach einem Werbespot für Hautcreme, als nach einer TV-Serie. Umso überraschender, dass der Serienpilot mit scharfem Witz und erwachsener Thematik unterhält.

Sieht ihre Schönheit schwinden - Davina Jackson / (c) Canada
Sieht ihre Schönheit schwinden - Davina Jackson / (c) Canada

Kim Cattrall - ein Männerschreck vor dem Herrn! Als ich heute morgen erfuhr, dass ich eine Review zu einem Serienpiloten namens Sensitive Skin mit Kim Cattrall schreiben soll, dachte ich direkt: Dieser Nachmittag wird die Hölle! In Gedanken war mein 1-Sterne-Verriss schon vorformuliert - bevor ich wusste, was mich erwarten würde.

Man stelle sich meine angenehme Überraschung vor, als ich dann zögerlich auf den „Play“-Button klickte.

Britisches Vorbild - Kanadisches Remake

In meiner völligen Unkenntnis war es mir im Vorfeld auch entgangen, dass Sensitive Skin das Remake einer gleichnamigen BBC-Serie ist, die 2005 mit dem britischen Kultstar Joanna Lumley (Absolutely Fabulous, „The Wolf of Wall Street“) in der Hauptrolle gezeigt wurde. Vermutlich wären meine Befürchtungen dann weniger groß gewesen.

Kim Cattrall dürfte den allermeisten Fernsehzuschauern durch Sex and the City noch in bester Erinnerung sein. Die Rolle der Samantha Jones, der unabhängigen Powerfrau mit der monströsen Libido und dem entsprechenden Männerverschleiß, ist für die gebürtige Engländerin Cattrall der entscheidende Part ihrer Karriere gewesen. Eigentlich ist das bewundernswert. Welcher Schauspielerin gelingt schon mit Mitte 40 noch der Durchbruch? Und das nicht als Mutter oder Lehrerin, sondern als unabhängige Sexbombe?

Nur wenige werden sich noch an Cattralls Auftritte in Genre-Klassikern wie „Big Trouble in Little China“ oder „Star Trek: Das unentdeckte Land“ erinnern. Der Fluch des Typecasting hat auch Miss Cattrall nicht verschont. Seit Sex and the City ist sie abonniert auf den Part der zickigen Superblondine im Herbst ihres Lebens. Das kann man einerseits bemitleiden, andererseits aber auch begrüßen - denn die Rolle steht ihr einfach.

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Dementsprechend ist die Rolle der Davina Jackson in Sensitive Skin auch vertrautes Terrain für Cattrall. Davina hängt im Niemandsland des Älterwerdens, irgendwo um die Über-50, und versucht - ähnlich wie Samantha in Sex and the City - dem nagenden Zahn der Zeit nach Kräften Einhalt zu gebieten. So eröffnet die Serie mit einer Szene, in der die genervte Davina über sich ergehen lassen muss, wie die Apothekerin die Nebenwirkungen ihrer Hormonkur aufzählt. „Why don't you just get a haircut?“, fragt die (deutlich jüngere) Verkäuferin. „Why don't you just shut the fuck up and give me my hormons?“ - niemand sagt solche Sätze so schön wie Kim Cattrall.

Weltfremde, genüssliche Dialoge

Das ist kein rosiges, weichgespültes Frauenfernsehen, das wird schnell klar. Die Inszenierung ist elegant, die Farbgebung auf der tristen Seite der Palette. Wohlfühl-TV für die seichte Unterhaltung beim Bügeln sieht anders aus. Und redet auch anders. Die Dialoge in Sensitive Skin sind wohl das größte Plus der Pilotfolge. Sie kommen eindeutig aus der Woody-Allen-Schule des Schreibens, mit all ihren Stärken und Schwächen.

Reden Menschen im wahren Leben so? So eloquent, so schlagfertig, so pausenlos? Natürlich nicht. Naturalistisch geht anders. Hier werden Sätze gesprochen, bei denen man genau hören kann, dass sie vorher von jemandem getippt wurden. Doch das ist kein Kritikpunkt, wenn der stilisierte Dialog so treffsicher, unterhaltsam und tiefgründig witzig ist wie hier. Wenn ein urhässliches, höllisch unbequemes Designersofa mit dem Satz beschrieben wird: „I think it's beautiful in the way it completely thumbs it's nose at comfort!“, bringt mich das zum Schmunzeln.

Das gleiche gilt für die Situationen und Ereignisse. Nicht eine Sekunde glaube ich, dass ein Drogendealer von der Straße sich von einem feingeistigen Akademiker zu einer Galerie-Eröffnung einladen lassen würde - aber in dieser stilisierten Welt hatte ich tatsächlich wenig Probleme mit diesem Szenario. Würde wohl nie im echten Leben passieren, aber in Filmen von Woody Allen wäre das keine große Sache.

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Handlung verzweifelt gesucht!

Aber was passiert denn jetzt eigentlich in Sensitive Skin? Nun ja, im Piloten eigentlich... nicht viel. So etwas wie ein Plot zeigt sich hier nicht wirklich. Eigentlich besteht diese Pilotepisode im Grunde aus wenig mehr als einer Vorstellung der Figuren: Davina arbeitet als Galeristin und lebt mit ihrem Mann in einer schicken, modernen Stadtwohnung, die so kalt durchgestylt ist, dass Gemütlichkeit keinen Platz darin hat. Davinas Ehemann Al wird mit sehr viel Elan von Don McKellar gespielt, der bei der Serie auch als Executive Producer fungiert und alle sechs Episoden der ersten Staffel als Regisseur inszeniert hat.

Bei ihm mangelt es also nicht an persönlichem Einsatz. Im Grunde spielt er direkt eine Hommage auf den bereits mehrfach erwähnten Woody Allen: ein stets plappernder Zivilisationsmann mit dicker Hornbrille, aber ohne jegliche Alpha-Eigenschaften. Vom Beruf natürlich Autor, stets seine Umgebung mit scharfem, ironischem Witz abtastend. Das Paar hat einen erwachsenen Sohn, Orlando (Nicolas Wright), der viel zu alt aussieht, um der Sohn von Al sein zu können, und dessen eigenes Erwachsenendasein noch etwas holprig funktioniert. Es läuft nicht ganz perfekt, aber wirkliche Probleme oder Konflikte? Fehlanzeige. Eigentlich scheint die Ehe der Jacksons gut zu funktionieren. Sieht man von Davinas Problemen mit dem Älterwerden ab, kann man sich schon fragen: Was ist hier eigentlich das Problem? Aber vielleicht hat man sich das Problem auch nur für die zweite Folge aufgespart.

Über die leicht fremdschämliche Doppelszene auf der Party decken wir allerdings lieber den Mantel des Schweigens. Das war ein kompletter Schuss in den Ofen, sowohl was das Schauspiel, als auch Skript und Inszenierung angeht.

Ansonsten wird eine Menge geredet, eine Party besucht, einem kleinen Hund versehentlich Drogen verabreicht und die Jugend mit neidischen Blicken bedacht. Mehr passiert eigentlich nicht. Hätte es das müssen?

Fazit

Der Pilot von Sensitive Skin hat mich gut unterhalten, und das vor allem wegen des feinsinnigen Humors, der geschliffenen Dialoge und der Tatsache, dass man den Darstellern ansehen kann, dass ihnen dieses Projekt Spaß macht. Mein persönlicher Geschmack reicht ja weit in den Genre-Bereich hinein, dort bin ich eher zuhause. Doch zur Abwechslung mal eine Serie zu sehen, in der keine Zombies, Vampire, Serienkiller, Agenten oder Drachen vorkommen, finde ich durchaus angenehm.

Und das gerade, weil sich Sensitive Skin, was den Humor angeht, sehr entschieden abhebt von der vergnügten, konformeb Comedy/Sitcom-Inszenierung. Man lacht hier nicht laut, man grinst eher in sich hinein. Für Humor dieses Couleurs ist in der aktuellen TV-Landschaft durchaus Platz. Ebenso für eine Serie, die sich dezidiert an erwachsene Zuschauer richtet und erwachsene Themen behandelt, wie die Angst vor dem Älterwerden, den Ausbruch aus der bürgerlichen Fassade, die Konfrontation mit anderen Lebensentwürfen, das existenzielle Scheitern. Keine Anbiederung an den jugendlichen Zuschauer, sondern eine selbstbewusste Linie.

Ich mag das. Und ich mag auch, dass ich nach diesem Piloten keine Ahnung habe, wo diese Serie jetzt eigentlich hin will. Ob sich nochmal so etwas wie ein Plot oder ein Konflikt abzeichnet? Falls nicht, könnte das ab Folge drei spätestens zum Problem werden. Bis dahin werde ich dranbleiben.

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