Die Pilotepisode der neuen Netflix-Serie Sense8 startet ambitioniert, wie es von den Machern J. Michael Straczynski und den Wachowski-Geschwistern nicht anders zu erwarten war. Sie wird jedoch erst am Ende richtig spannend, wenn sie sich auf wenige Geschichten konzentriert.

Daryl Hannah spielt in „Sense8“ eine mysteriöse Hauptrolle. / (c) Netflix
Daryl Hannah spielt in „Sense8“ eine mysteriöse Hauptrolle. / (c) Netflix

Die Auftaktepisode einer neuen Serie muss wenige Zwecke erfĂŒllen, wobei jedoch unabdingbar ist, dass diese Zwecke auch wirklich erfĂŒllt werden. Zum einen sollte dem Zuschauer das GrundgerĂŒst der Geschichte anhand Rahmenhandlung und FigureneinfĂŒhrung nĂ€hergebracht werden. Zum anderen sollte spĂ€testens am Ende der Episode das Interesse des Zuschauers geweckt worden sein. Wie schafft man diese Aufgabe also, wenn man eine Geschichte erzĂ€hlt, die in mehreren LĂ€ndern auf sĂ€mtlichen Kontinenten spielt?

They are hunted, born or unborn

Als Serienmacher hat man seit wenigen Jahren eine neue spannende Möglichkeit, um die Anforderungen einer Pilotepisode zumindest teilweise zu umgehen - indem man nÀmlich alles daransetzt, sie bei dem Streaminganbieter Netflix unterzubringen. Dort gibt es alle Episoden jeder neuen Serie auf einmal zu sehen, was bedeutet, dass der Zuschauer nicht viel tun muss, um gleich weiterschauen zu können. Er muss einfach nur dasitzen und warten, bis der Countdown abgelaufen ist und die nÀchste Episode beginnt.

Dieses Modell ermöglicht es Kreativen also, eine grĂ¶ĂŸere Geschichte aufzuspannen als beim ĂŒblichen Ausstrahlungsmodell der Konkurrenz. Der Zuschauer muss nicht zwangslĂ€ufig in der ersten Episode vollends ĂŒberzeugt werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass er sich - aus Interesse, Bequemlichkeit oder wegen der einfachen VerfĂŒgbarkeit - gleich mehrere Episoden anschaut. Davon profitieren könnte nun auch die neue Mystery-Science-Fiction-Serie Sense8, die erst ganz am Ende ihrer Pilotepisode Zeit findet, eine spannende Geschichte anzureißen.

Davor werden wir Zuschauer Zeuge stĂ€ndiger, zunĂ€chst willkĂŒrlich erscheinender ErzĂ€hlsprĂŒnge. Es gibt ein verbindendes Element zwischen diesen Handlungsbögen, aber es verstehen zu wollen oder einfach nur zu begreifen, wie diese Verbindungen zustandekommen, dĂŒrfte nahezu unmöglich sein. Schaut man auf die Liste der Serienschöpfer, ĂŒberrascht dies kaum. Dort sind die Geschwister Andy und Lana Wachowski aufgefĂŒhrt sowie der Babylon 5-Erfinder J. Michael Straczynski. Keine Überraschung also, dass hier eine große, spirituelle, weltumspannende Geschichte erzĂ€hlt wird.

Die Pilotepisode braucht dementsprechend lange, um die eingangs aufgefĂŒhrten Kriterien zu erfĂŒllen. Nach etwa zwei Dritteln von Limbic Resonance hatte ich mir bereits ĂŒberlegt, der Episode nur ein durchschnittliches Rating zu geben. Die optische Umsetzung war bis dahin weniger beeindruckend als erwartet, was mich aber am meisten störte, waren die hölzernen und allzu offensichtlichen Dialoge, die meist keinen tieferen Einblick in das Seelenleben der Figuren zuließen, sondern eher als zusĂ€tzliche ErklĂ€rungsebene fungierten.

They're here

Am Ende konzentriert sich die Episode aber auf zwei Geschichten, die sie miteinander verwebt, wodurch zwar zunĂ€chst der riesige Handlungsrahmen eingegrenzt wird, die ErzĂ€hlung aber auch eine Dringlichkeit und Nachvollziehbarkeit erhĂ€lt, die sie bis dahin vermissen ließ. Dies wird wohl der immerwĂ€hrende Kampf in dieser Serie bleiben, auf den Schultern der Wachowskis sitzt auf der einen Seite der Teufel des weltumspannenden Sci-Fi-Epos, auf der anderen der Engel der identifikationsstiftenden Figuren und ihrer Geschichten.

Ein Ă€hnliches Problem hat Angelique (Daryl Hannah) zu Beginn der Pilotepisode. Sie ist das verbindende Element, das die Geschichten von acht Hauptfiguren in acht unterschiedlichen LĂ€ndern miteinander verknĂŒpft. Sie kĂ€mpft mit zwei Erscheinungen um ihr eigenes Schicksal. Die eine, Jonas (Naveen Andrews), fordert sie zum Selbstmord auf. Die andere, Mr. Whispers (Terrence Mann), will sie davon abhalten. Davor und danach taucht sie in den Leben der Protagonisten auf - wie sie dorthin kommt, was sie dort zu suchen hat, wie das alles möglich ist, davon erfahren wir nichts.

Die prominentesten Geschichten, die beiden, die am Ende zusammenlaufen, sind die von Riley (Tuppence Middleton) und Will (Brian J. Smith). Erstgenannte rockt die angesagtesten Clubs in London als DJ, letztgenannter patrouilliert als Streifenpolizist in der sozial schwachen South Side von Chicago (die hier weit heruntergekommener aussieht als in Shameless). Riley ist mit einer Crew unterwegs, die nahezu jedem Klischee von PartygÀngern und Clubbetreibern entspricht.

Und das ist auch ein bisschen das Problem der Serie in ihrer Auftaktepisode: Viele Charaktere - sei dies nun der deutsche Tresorknacker Wolfgang (Max Riemelt), die kurz vor der Hochzeit stehende Inderin Kala (Tina Desai), Capheus (Aml Ameen) aus Kenia oder Sun (Doona Bae) aus SĂŒdkorea - fĂŒhlen sich generisch an, als wĂ€ren sie direkt vom Drehbuchlehrgang in die Serie verpflanzt worden.

Riley hat wie sĂ€mtliche Protagonisten Visionen von Angelique und hört außerdem GerĂ€usche aus den Geschichten der mit ihr schicksalhaft Verbundenen. Vielleicht auch deswegen will sie dem ewigen Zirkel aus ClubnĂ€chten und Drogenkonsum entkommen. Bevor sie das jedoch schafft, lernt sie Nyx (Joseph Mawle) kennen, der bedeutungsschwanger von „limbic resonance“, der Droge DMT und einem „ecobiological synaptic network“ schwafelt. ZunĂ€chst lĂ€sst sie sich davon nicht beeindrucken, schließlich schafft er es dennoch, sie zum erneuten Drogenkonsum zu ĂŒberreden.

What it felt like to be alive

Es folgt eine transzendente Reise in die Geschichte von Will, mit einem kurzen Abstecher zur Geschichte von Nomi (Jamie Clayton) und Amanita (Freema Agyeman) nach San Francisco. Sie trifft Will an der Stelle, wo sich Angel in ihren gemeinsamen Visionen erschossen hat. Von der Leiche fehlt aber jede Spur. Auch ist keine Tatwaffe, keine PatronenhĂŒlse, keine Blutlache zu finden. Von dort wird Riley in Erinnerungen an ihre Kindheit katapultiert, in denen sie als kleines MĂ€dchen alleine eine dunkle Höhle betritt. Ist das tatsĂ€chlich passiert oder ist es nur eine Urangst der problembelasteten jungen Erwachsenen?

Bevor sie feststellen kann, ob das Erlebnis ein Traum, Wirklichkeit oder doch nur drogeninduzierte Halluzination war, landet sie wieder in der rauen Wirklichkeit, wo ein geplanter Drogenraub furchtbar schiefgeht. Ihre Kumpels wollten eigentlich Nyx ausrauben, enden jedoch jeweils mit einer Kugel im Kopf. Riley schaut dem Geschehen in Schockstarre und blutverspritzt zu. Dann endet die Episode - und ich will sofort wissen, was als NĂ€chstes passiert.

Insofern erfĂŒllt die Pilotepisode von Sense8 ihren wichtigsten Zweck. LĂ€sst man sich jedoch nicht nur von diesem letzten explosiven Moment verfĂŒhren, so offenbaren sich doch einige SchwĂ€chen im Drehbuch, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie so bald abgestellt werden können. Straczynski und die Wachowskis gehen wenig subtil vor, um ihre Charaktere und deren Vorgeschichten einzufĂŒhren. Große Teile der einzelnen Episoden werden mit Exposition verbraten. Wolfgang pisst auf das Grab seines Vaters, Kali ist nicht in ihren ZukĂŒnftigen verliebt, im Londoner Nachtleben treiben sich zwielichtige Gestalten herum - das alles sind bekannte Figuren- und ErzĂ€hltropen, die hier noch einmal viel Spielzeit auffressen.

Fairerweise soll hier angemerkt sein, dass dies die KrĂŒcke einer jeden Pilotepisode sein kann. Es ist einfach unumgĂ€nglich, die Charaktere und ihre Vorgeschichten zu etablieren. Aber es geht eben auch eleganter. Wie, das beweist das Kreativtrio (zu dem im Auftakt auch der deutsche Regisseur Tom Tykwer als Musikverantwortlicher hinzustĂ¶ĂŸt) am Ende von Limbic Resonance. Deswegen fĂ€llt mein Urteil trotz der genannten SchwĂ€chen milde aus.

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