See - Reich der Blinden: Review der Pilotepisode von Apple TV+

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Mit See möchte das neue Apple TV+ auch ein paar Fantasy-Fans abgreifen. Auch wenn die Serie streng genommen als postapokalyptische Abenteuerserie bezeichnet werden müsste. Nach der ersten Episode mit dem Titel Godflame ist jedenfalls noch nicht raus, ob wir es hier mit teilweise übersinnlichen Elementen oder nur geschärften Sinnen zu tun haben. Immerhin ist die Genre-Assoziation durch den Hauptdarsteller Jason Momoa, den man vor allem aus Game of Thrones kennt, gegeben.
Als Regisseur steht Francis Lawrence vom „The Hunger Games“-Franchise hinter dem Projekt, das von Steven Knight geschrieben wurde. Der ist A) Brite, B) Autor von Peaky Blinders C) Autor von Taboo, oder D) Miterfinder von „Wer wird Millionär?“? Fangfrage - alle vier Antworten sind korrekt.
Das mit Abstand Bemerkenswerteste an „See - Reich der Blinden“ ist die Prämisse, die ein wenig an das Remake der britischen Miniserie „The Day of the Triffids“ erinnert, an das seit zehn Jahren niemand mehr gedacht hat. Wir befinden uns in einer Welt, in der ein Virus einst den Großteil der Menschheit ausgelöscht und jene, die überlebt haben, blind zurückgelassen hat. Jahrhunderte später ist das Augenlicht nur noch ein verbotener Mythos, von dem nur Ketzer zu sprechen wagen.
In diesem Setting lernen wir Chief Baba Voss (Momoa) und seinen Stamm aus dem Alkenny Village kennen, das eines Tages von Hexenjägern der Königin Kane (Sylvia Hoeks) aufgesucht wird. Der Ketzer Jarlamarel, der behauptete, sehen zu können, soll dort seinen Samen vergossen haben und hat tatsächlich Zwillinge gezeugt, die womöglich ebenfalls über die böse Gabe verfügen. So müssen sich Baba Voss und seine Leute nach einem Angriff der feindlichen Armee vom Berg herabbegeben und auf den Spuren von Jarlamarel eine neue Heimat suchen, in der sie sicher leben können. Das geht nicht ohne körperliche Auseinandersetzungen sowie abenteuerliche Wanderungen mit zahlreichen gefährlichen Brücken und Schönheitsaufnahmen der kanadischen Wildnis vonstatten.

Das Positive zuerst: Man hat sich offenbar einige Gedanken gemacht, was die Beschaffenheit dieser von Blinden bewohnten Welt angeht. Wie man zum Beispiel mithilfe von Stöcken und Leinen durch das Dorf manövriert, wie man sich durch Fingerschnippen Signale gibt oder durch Knoten in Seilen Briefe schreibt und Nachrichten hinterlässt. Über Dinge, die dann doch nicht so viel Sinn ergeben, sollte man gar nicht erst anfangen, zu genau nachzudenken - oder sie gleich auf die vergangene Zivilisation und Jahrhunderte des sich Arrangierens schieben.
Zwei Aspekte versauen leider gehörig den Spaß an „See“: Die Darstellung der von Trommelmusik begleiteten, wilden Endzeitbewohner mit brauner Lederkleidung, Keulen und Zöpfen sieht so stark nach Genreklischee aus, dass man es auf diese Weise höchstens noch als Sketch bei „Saturday Night Live“ oder in einer Folge von South Park erwarten würde. Darüber hinaus ist das Schauspiel durch die Bank weg unterirdisch. Wenn Herr Momoa, der sonst selten als stärkstes Glied im Cast durchgeht, der beste Darsteller der Serie ist, hat man ein Problem. Dass er mit albernen Wolverine-Knochenkrallen und Hackebeil-Speer bewaffnet wie bei jedem Projekt 100 Prozent gibt, ist wirklich lobenswert, trägt hier aber nur dazu bei, dass es noch mehr wie eine überzogene Parodie auf Endzeitfilme wirkt. So etwas ist sonst bei Syfy oder The CW zu Hause.
Besonders unangenehm fällt Silvia Hoeks als Chef-Antagonistin Kane auf, die auf Teufel komm' raus versucht, eine exzentrische und denkwürdige Darbietung der Kategorie „total crazy“ abzuliefern. Es kann nur leider nicht jeder Michelle Gomez (Doctor Who, Chilling Adventures of Sabrina) sein, der es in dieser Art Rolle stets gelingt, Trash in pures Gold zu verwandeln.
Fazit
Die Apple-Serie See macht durch eine spannende Prämisse über ein „Reich der Blinden“ auf sich aufmerksam, kommt aber kein Stück über diese Grundidee hinaus, da es vorne und hinten an der Ausführung hapert. Einige interessante Ideen zum world building können letztlich nicht über eine dünne, auf episch gebürstete Story, lachhafte Schauspielleistungen und langweilig anzusehendes production design mit braun-in-braun gekleideten Endzeit-Klischeekriegern im Wald hinwegtäuschen. Ganz gleich, wie energisch Frontmann Jason Momoa sich durch die Szenerie knurrt. Für den Moment haben wir genug gesehen.