Es wird wieder geschrien, denn MTV nimmt sich mit der Scream-Filmreihe ein bekanntes und beliebtes Franchise zum Vorbild und versucht, den Slasher-Filmen einen neuen Anstrich zu verpassen. Doch geht dieses Konzept auch in Serienform auf?

Bella Thorne in „Scream“ / (c) MTV
Bella Thorne in „Scream“ / (c) MTV

Cyber-Bullying ist anscheinend nicht nur für die Opfer gefährlich. Das müssen auch die Teenager Nina (Bella Thorne) und ihr Freund Tyler (Max Lloyd-Jones) auf die harte Tour feststellen, denn sie müssen die Aufmerksamkeit eines Killers, der sie gerne als Star in einem viralen Video hätte, mit dem Leben bezahlen. Diese grausamen Morde wecken in der Kleinstadt Lakewood böse Erinnerungen an vergangene Ereignisse.

What's your favorite scary movie?

Der erschütternde Vorfall hält die Bewohner von Lakewood in Atem. Insbesondere Ninas Klassenkameraden der örtlichen Highschool fühlen sich wie potentielles Freiwild. Gleichzeitig kommen die Erinnerungen an eine blutige und sagenumwobene Mordserie hoch, an der auch Margaret Duvall (Tracy Middendorf) bei der Ergreifung beziehungsweise Tötung des damaligen Täters beteiligt war.

Deren Tochter Emma (Willa Fitzgerald) und ihre Freunde versuchen sich von den Ereignissen mit ganz spezieller Trauerbewältigung abzulenken: Ein Party am See sagt den Sorgen Ade. Trotz düsterer Atmosphäre am Wasser und in der Garage des Anwesens von Mitschülerin Brooke (Carlson Young) bleiben die angetrunkenen Teenies jedoch von messerschwingenden maskierten Bösewichten verschont.

Dafür wird Emmas Verhältnis zu ihrer früheren Freundin Audrey (Bex Taylor-Klaus) auf die Probe gestellt. Diese sorgt aufgrund eines Videos, auf dem sie ein anderes Mädchen küsst, für allerlei Gesprächsstoff. Doch da Emma zumindest durch ihr fehlendes Veto nicht ganz unschuldig am neuen viralen Hit an der Highschool ist, gehen die beiden am nächsten Tag im Streit auseinander.

Kurz darauf meldet sich zum ersten Mal der Schrecken höchstpersönlich bei Emma. Per Telefon signalisiert er ihr eindeutig, dass die Mordserie gerade erst begonnen hat und dass niemand vor ihm/ihr sicher sein wird.

Calling Pottery Barn

Als jemand, der in seinen Teenagerjahren mit der durch die „Scream“-Filme ausgelösten Ära der Slasherfilme aufwuchs, stand ich dem Konzept der seriellen Umsetzung gleichzeitig skeptisch, aber auch mit einer gewissen Vorfreude gegenüber. Scream legt auch gleich mit einer modernen Neuauflage der berühmten Anfangsszene mit Drew Barrymore los, die von Bella Thorne in die Gegenwart geführt wird.

Dabei ist der Start durchaus atmosphärisch, auch wenn darin die Finesse des Vorbilds, welches beispielsweise durch die unmittelbare Nähe zu den Eltern vor der Todesszene einen extra tragischen Touch bekam, nicht enthalten ist. Stattdessen klopft und ruft Emma verzweifelt vor ihrem eigenen Haus um Hilfe, von dem sie weiß, dass es bis auf ihren Minikampfhund leer ist. Immerhin brachte mich das ungünstige Missverständnis der Spracherkennung wirklich zum Lachen.

In Zuge dessen werden auch die neuen Medien und soziale Netzwerke „Scream“-typisch direkt in die Geschichte mit eingebunden, was grundsätzlich ein positiver Aspekt ist, auch wenn die berüchtigte Telefonstimme auch hier die Szenerie wesentlich gruseliger hätte wirken lassen können.

Die Macher der Serie sind sich erfrischender Weise durchaus bewusst, welche Hürden sie bei ihrer Adaption zu bewältigen haben: Film-und Serienexperte Noah (John Karna) ist während seiner Ausflüge auf die Meta-Ebene stehts kurz davor, die vierte Wand zu durchbrechen und den Zuschauer beinahe direkt anzusprechen. Slasherfilme sind kurzweilig und die Herausforderung wird unter anderem darin bestehen, Empathie für die Charaktere zu erwecken, damit auch langfristig das Interesse aufrecht erhalten werden kann.

Dass den Autoren dies also grundsätzlich klar zu sein scheint, ist ein gutes Zeichen, welches zwar Hoffnung weckt, zumindest in Scream können Bedenken dazu aber noch nicht aus dem Weg geräumt werden. Ein Grund dafür ist, dass die Figuren bisher lediglich wandelnde Tropes sind. Wir haben das sympathische „Survivor-Girl“, den Filmgeek, den Sportler, den mysteriösen Neuankömmling in der Stadt, die Außenseiterin mit der Kamera und ähnliche Charaktere, die direkt aus den Filmen zu stammen scheinen. Momentan fehlt eigentlich nur ein trotteliger Sheriff (der aktuelle scheint jetzt bereits viel zu clever), eine engagierte und neugierige Newsreporterin und ein Dauerverdächtiger, um das Ensemble zu komplettieren.

Kein Survivor-Girl. Bella Thorne in %26bdquo;Scream%26ldquo; © MTV
Kein Survivor-Girl. Bella Thorne in %26bdquo;Scream%26ldquo; © MTV

Bei den jungen Schauspielern scheint in erster Linie mehr auf das Aussehen als auf besonderes Talent geachtet worden zu sein, was allerdings in einer solchen Genreserie nicht besonders störend ist, solange der Unterhaltungsfaktor stimmt. Es sei denn man spielt so emotionslos wie etwa Schönling Amadeus Serafini, der bei der Erwähnung seiner toten Eltern so hölzern wirkt, dass er mehr Angst vor enthusiastischen Holzfällern als vor maskierten Killern haben sollte.

Ganz so negativ, wie das Ganze nun klingen mag, ist es jedoch nicht. Beispielsweise ist die Hintergrundgeschichte um die damaligen Morde über Emmas Mutter Daisy beziehungsweise Margaret (Tracy Middendorf) gelungen mit den Geschehnissen der Gegenwart verknüpft. Auch die neue Maske wirkt ein wenig gruseliger als das bekannte Ghostface-Kostüm, für welches sich MTV die zusätzlichen Rechte nicht sichern wollte, was in Anbetracht auf die Abhebung von der Filmreihe eine vertretbare Entscheidung ist. Optisch ist vor allem die Anfangsszene ebenfalls ansprechend gestaltet.

Mit Referenzen und Seitenhieben auf die aktuelle Popkultur geizt Scream nicht und versucht dabei gleichzeitig, sein junges Zielpublikum als auch erfahrene Genrekenner mit ins Boot zu nehmen. Das funktioniert an manchen Stellen sehr gut, manchmal allerdings auch weniger, denn die Crystal-Lake-Atmosphäre wirkt beispielsweise eher wie ein Fremdkörper im „Scream“-Universum. Die dunkle Garage weckte hingegen freudige Erinnerungen an Rose McGowans fatalen aber amüsanten Fluchtversuch durch die Katzenklappe im ersten Film. Ganz generell erinnern viele Dinge an Woodsboro, wobei die Balance des Eindrucks zwischen Hommage und simpler Kopie zu kippen droht. Für MTVs Zielgruppe dürften die Ausflüge in die Meta-Ebene und ähnliche Anleihen allerdings innovativer wirken, als für Genrekundige.

Als bekennender Fan der Filmreihe bin ich nur bedingt auf meine Kosten gekommen und bleibe vor allem skeptisch, was die zukünftige Charakterzeichnung angeht, denn es stellt sich mir vorwiegend diese Frage: Selbst wenn es den Autoren gelingt, die Tode der Figuren als schmerzlichen Verlust darzustellen, weil ich als Zuschauer an ihnen hänge, geht dabei nicht auch der Spaß verloren, die zum Teil wenig schlau handelnden, reichen Teenager über die Klinge springen zu sehen? Vielleicht reicht es ja auch, manche von ihnen so unsympathisch zu gestalten, dass man sich auf die Seite von Nicht-Ghostface schlagen möchte.

Fazit

Die wichtigste Frage bleibt auch nach der Pilotepisode: Kann eine Slasherserie wie Scream das Interesse der Zuschauer über zehn Episoden bewahren? Beinahe schon vorprogrammierte Längen scheinen offensichtlich mit einer großen Portion Teenie-Melodrama aufgefüllt zu werden, auf das man sich sicherlich erst einmal einlassen muss. Trotz einer Vielzahl von Macken konnte der Auftakt trotzdem durchweg unterhalten, scheint aber jetzt schon eher ein Kandidat für Freunde des Genres zu werden.

Mein Kollege Robert hat sich als Verstärkung die Pilotepisode ebenfalls angeschaut und teilt im Folgenden ebenfalls seine Eindrücke:

Fazit Filmjunkies

Kann ein Slasherfilm in eine Serie umgewandelt werden? Die Serie Scream stellt sich die Frage in einer Szene selbst und zieht damit die Zuschauersympathien schon mal auf ihre Seite. Allerdings bleibt uns der Pilot die Antwort auf diese Frage noch schuldig.

Die eindimensionalen Charaktere sind größtenteils zwar leicht zu mögen und erfüllen ihre Funktion als potentielle Opfer/Täter innerhalb des Auftakts ganz gut, aber gleichzeitig bleiben sie relativ blass und hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. Stereotype Figuren sind im Slasher-Genre zwar üblich und gehören sogar irgendwie dazu, aber können solche Figuren über eine ganze Staffel oder Serie hinweg überzeugen, ohne den Zuschauer zu langweilen oder auf die Nerven zu gehen? Das muss sich in den nächsten Folgen noch herausstellen.

Ein zweischneidiges Schwert sind zudem die Spannungsmomente beziehungsweise Gruselszenen. Sie sind an sich ordentlich inszeniert und vor allem die Anfangsszene überzeugt in Sachen Spannung und bringt einen gleichzeitig mit kleinen Details zum Lachen. Andererseits wird hier Kennern der Filmvorlage nichts neues geboten und man bekommt es größtenteils mit Zitaten der Filme zu tun. Neulinge im „Scream“-Franchise werden das Gezeigte im Vergleich zu den Filmkennern vermutlich als frischer und unverbrauchter empfinden.

„Scream“-typisch werden aktuelle Kommunikationsmittel und Social-Media-Trends auf unterhaltsame Weise in die Handlung eingebaut. Ein gewaltsamer Übergriff kann sich für das Opfer da schon mal vorher per SMS oder Webcam ankündigen. Die Macher haben sich diesbezüglich einige nette Ideen einfallen lassen, aber nach vier „Scream“-Filmen wirkt das gesamte Konzept nicht mehr so taufrisch wie zuvor. Aber vielleicht hat man sich die besten Einfälle ja noch für die anderen Folgen aufgehoben.

Als Staffel- und Serienauftakt ist Scream überdurchschnittlich und für Genrefreunde definitiv sehenswert, aber es gibt noch viel Luft nach oben und im weiteren Staffelverlauf wird sich erst noch herausstellen, ob das Slasher-Konzept auch als Serie funktionieren kann. Wir sind da skeptisch, aber andererseits auch neugierig. Da die Macher von „Scream“ sich der Umsetzungsproblematik offensichtlich bewusst sind und sie sogar im Piloten selbst thematisieren, könnten uns vielleicht noch einige originelle Ideen und überraschende Entwicklungen erwarten.

Robert Baron hat an diesem Beitrag mitgearbeitet.

Hier könnt Ihr Euch die erste Episode von „Scream“ anschauen:

Diese Serie passen auch zu «Scream»