Schwarze Früchte ist ein charmanter Blick auf das Leben mit kleineren und größeren Macken

Schwarze Früchte ist ein charmanter Blick auf das Leben mit kleineren und größeren Macken

Die Serie „Schwarze Früchte“ in der ARD Mediathek wird als Dramedy-Format angepriesen, lässt aber abseits einiger bizarrer Szenen spürbar Humor vermissen. Warum sich trotzdem ein Blick lohnt, erfahrt Ihr im Review zu den ersten beiden Folgen.

Szenenfoto aus der Serie „Schwarze Früchte“
Szenenfoto aus der Serie „Schwarze Früchte“
© ARD Degeto, Jünglinge Film

Das passiert in der Dramedyserie „Schwarze Früchte“

Lalo (Lamin Leroy Gibba) hat es in Schwarze Früchte gerade ziemlich schwer. Seine Identität als schwarzer, queerer Mann macht es ihm nicht immer leicht. Außerdem hat er vor acht Wochen seinen geliebten Vater verloren und liegt sich nach einem Familienbesuch mit seinem Freund in den Haaren. Zu allem Überfluss hat er auch noch sein Architekturstudium geschmissen und keine Ahnung, wie es in seinem Leben weitergehen soll.

Zu seinem Glück ist da aber noch seine Freundin Karla (Melodie Simina), die ihm zur Seite steht, obwohl sie selbst ein großes Päckchen zu tragen hat. Zwar wurde sie in ihrer Firma soeben in eine Führungsposition befördert, doch nun wird ihr Chef allmählich aufdringlich. Auf der anderen Seite ist da noch Lalos bester Freund Bijan (Benjamin Radjaipour), der ihm immer eine große Stütze war, nun aber kurz davor ist, mit seinem Lebensgefährten nach Paris auszuwandern. Lalo tritt von einem Fettnäpfchen ins andere, bis sein Leben plötzlich vollends aus den Fugen zu geraten droht. Dann kommt ihm plötzlich die vermeintlich rettende Idee: Er will Künstler werden...

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Ein ungewöhnlicher Blick auf das Leben

Schwarze Früchte“ ist ein durchaus ungewöhnlicher und sehenswerter Blick auf das Leben eines eigenwilligen, sturen und manchmal auch unbelehrbaren jungen Mannes, den man aber trotzdem irgendwie mag. Der Tod des Vaters der Hauptfigur Lalo dient als Aufhänger für eine Reise ins Seelenleben eines schwarzen, queeren Menschen, der auf der Suche nach sich selbst ist und dabei kaum ein Fettnäpfchen auslässt.

Seine Erlebnisse nehmen bisweilen peinliche Ausmaße an, sind aber auch oft genug emotional nachvollziehbar und trotz der zahlreichen Fauxpas, die ihn immer weiter von seinem Umfeld entfernen, glaubwürdig. Ein großes Lob gebührt an dieser Stelle Hauptdarsteller, Serienerfinder und Showrunner Lamin Leroy Gibba. Er schafft es, seinen Protagonisten zum Leben zu erwecken und auch den Mut aufzubringen, eine ambivalente, manchmal zu egoistische und oftmals sogar unsympathisch agierende Person zu präsentieren. Dennoch ist Lalo aber auch warmherzig und im Grunde seines Herzens ein lieber Kerl, der sich eben nur noch nicht gefunden hat und damit seine Freunde bis zum Anschlag nerven kann. Mit anderen Worten: Es steckt (oder steckte als junger Mensch) ein Stückchen der Hauptfigur in uns allen, was ihrem Identifikationspotential sehr zupasskommt.

Die Nebenfiguren

Lala und Joshua (Daniel Hernandez) in der Serie „Schwarze Früchte“
Lala und Joshua (Daniel Hernandez) in der Serie „Schwarze Früchte“ - © ARD Degeto, Jünglinge Film, Studio Zentral, Maïscha Souaga

Einen großen Anteil an dem Gelingen dieser mutigen Figurenzeichnung tragen die Nebenfiguren, vornehmlich Lalos Exfreund Joshua (Daniel Hernandez) und Karla, die einen großen Raum in seinem Leben einnehmen. Er liebt Lalo, kommt aber mit dessen dysfunktionalem Verhalten nicht klar. Das führt während eines Familienessens zum Streit und letztlich sogar zum Ende der Beziehung - wenn auch nicht unbedingt in sexueller Hinsicht. Doch jedes Mal, wenn sie sich die beiden wieder näher zu kommen scheinen, kommt es zu stutenbissigen Verbalattacken, die Joshua Abstand nehmen lassen.

Lediglich Karla hält in den ersten beiden Episoden fast unumschränkt zu ihm, obwohl Lalo auch ihr gegenüber in eine Richtung tendiert, die im wahrsten Sinne des Wortes „too much“ ist. Die junge Frau ist im Gegensatz zu ihm selbstbewusst, lebt zielgerichtet und weiß, was sie will. Doch wie wehrt man sich gegen die sexuellen Übergriffe des Chefs, wenn man gerade eben befördert wurde und Angst davor hat, einfach gefeuert zu werden? Und wie geht man allgemein damit um, wenn sich die Machtverhältnisse zu den eigenen Ungunsten verschieben und sogar bedrohliche Ausmaße annehmen?

Themenvielfalt

Das ist nur eines der von den Serienmachern verhandelten tiefsinnigen Themen, das gleichberechtigt neben dem der Selbstfindung, emotionaler Freiheit, Trauerverarbeitung und der Frage steht, wie egoistisch man als Teil einer Community sein darf und muss. Gemessen an den Themenspektren ist „Schwarze Früchte“ also sehenswert und erfreulich interpretationslastig.

Das eigentliche Problem liegt auch nicht in den Figurenzeichnungen oder dem Handlungsbogen an sich, sondern in der Ausarbeitung der Geschichte. Zunächst ist da die Tatsache, dass sich die Serie als Dramedy verkauft, es aber an greifbarem, satirisch-zynischem Humor mangelt. Zwar gibt es die ein oder andere bizarre Situation und einige Fettnäpfchen, in die Lalo tritt, sorgen für ein kleines Schmunzeln. Doch wirklich pfiffige und überraschende humorige Szenen gibt es zumindest in den ersten beiden Episoden keine einzige.

Das ist vor allem deshalb schade, weil es genug Szenen gibt, die man mit einem Schuss Satire hätte anreichern können und sogar müssen, zumal es zu viele wenig bemerkenswerte Dialoge gibt. Wenn sich Lalo beispielsweise mit Joshuas Mutter während des Kennlerndinners in die Haare bekommt, ist die entsprechende Sequenz zwar insgesamt skurril, doch Lalos Konter auf die aufdringlichen Fragen ihrerseits sind platt und sogar gemein. Hier - und an vielen anderen Stellen - hätte die Serie durchaus mehr Feinschliff und Biss in der Dialogführung vertragen.

Andererseits gibt es da den dramatischen Augenblick, in dem Lalo erfährt, dass Bijan nach Frankreich auswandert und er das Mikrofon ergreift, um seinem Freund zum Geburtstag zu gratulieren. Die nun folgende Rede ist ein gefühlvoller Ausdruck tiefer Trauer darüber, dass sein geliebter Vater verstorben ist, sein Freund ihn verließ und nun auch noch sein bester Freund fortgeht. Das sind die Momente, in denen „Schwarze Früchte“ seine Stärken ausspielt und von denen man gerne mehr sehen möchte.

Mit anderen Worten: Eine Deklaration als Dramaserie und eine Dialogführung, die mehr in diese Richtung tendiert, wären die stimmigere Wahl gewesen. Nicht dass auch nicht auch ein Drama humoristische Elemente beinhalten darf, ohne gleich eine Dramedy zu sein, doch wenn man sich den Comedy-Aspekt schon auf die Fahne schreibt, dann sollte dieser bitte auch richtig ausgearbeitet sein. Das ist in „Schwarze Früchte“ definitiv nicht der Fall.

Fazit

Lalo (Lamin Leroy Gibba) ist stolz auf seine Ausstellung.
Lalo (Lamin Leroy Gibba) ist stolz auf seine Ausstellung. - © ARD Degeto, Jünglinge Film, Studio Zentral, Maïscha Souaga

Die oben angeführten Kritikpunkte machen Schwarze Früchte nicht zu einer schlechten Serie, sondern nur zu einer, die ihren selbstgewählten Ansprüchen nicht vollends gerecht wird. Die Idee ist stark, Lalo eine interessante und vielschichtige Figur, sein Umfeld konfliktreich und es gibt Dialoge, in denen vieles auf geschickte Weise unausgesprochen bleibt. Davon gibt es nur leider zu wenige, wobei der Humor auch noch zu oft auf der Strecke bleibt. Dennoch ist Gibbas Projekt aller Ehren wert und verschafft uns Einblicke in eine Welt, die manchmal so fremd und doch so vertraut wirkt.

Daher vergeben wir bisher dreieinhalb von fünf Vernissagen.

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