Hennings Heimatkunde 1x12: Schuld nach Ferdinand von Schirach

Hennings Heimatkunde 1x12: Schuld nach Ferdinand von Schirach

Nachdem das ZDF bereits mit Verbrechen nach Ferdinand von Schirach viel Kritikerlob einkassieren konnte, läuft ab heute die zweite Serienadaption Schuld im Free-TV. Dieses Mal darf Moritz Bleibtreu sich die moralischen Fragen eines Juristen stellen.

Moritz Bleibtreu in „Schuld nach Ferdinand von Schirach“ / (c) ZDF / Montage: Serienjunkies
Moritz Bleibtreu in „Schuld nach Ferdinand von Schirach“ / (c) ZDF / Montage: Serienjunkies

Eine der häufigsten Kritiken an dem deutschen Fernsehprogramm scheint immer noch die Tendenz zu Kriminalstoffen zu sein, zu deren Speerspitze wohl immer noch der sonntägliche Tatort im Ersten gehört. Nachdem ich bereits mit Formaten wie dem Wiesbadener Tatort „63075“ oder Der Tatortreiniger64178“ versucht habe, kreative Umsetzungen dieses Genres aufzuzeigen, setzt ich diese Reihe mit der heute im ZDF anlaufenden Serie Schuld nach Ferdinand von Schirach fort. Da die Episoden bereits vor zwei Wochen in der ZDF-Mediathek zur Verfügung gestellt wurden, nehmen wir ab der dritten Seite bereits Bezug auf alle Episoden.

Ferdinand von Schirach

Wie bereits bei Verbrechen nach Ferdinand von Schirach dient auch bei „Schuld“ ein Kurzgeschichtenband als literarische Vorlage. Ferdinand von Schirach schaffte es, mit seinen Romanen die Bestsellerlisten zu dominieren und auch die Kritiker auf seine Seite zu ziehen, wobei literarisch noch „reichlich Luft nach oben“ sei, wie es die FAZ schreibt. Schirach selbst behauptet, die Fälle seiner Bände Verbrechen (2009) und Schuld (2010) datengeschütze Fälle seiner eigenen Kanzlei zu präsentieren.

Im Zuge seiner literarischen Arbeit hat er dabei Fragmente einzelner Fälle genommen und diese zu seinem eigenen literarischen Werk zusammengesetzt. Die literarische Vorlage bietet somit eine Art Mosaik aus geschehenen Ereignissen im fiktiv literarischen Rahmen. Die Umsetzung dieser Geschichten in Form von mitlerweile zwei Serienformaten bietet somit eine doppelte Verfremdung dieser Ereignisse, da nun die bereits literarisch bearbeiteten Fälle durch die filmische Umsetzung noch einmal interpretiert werden.

Die bisherigen Adaptionen der Schirach-Werke

Nachdem sich Constantin Film die Rechte an den beiden Büchern „Verbrechen“ und „Schuld“ sicherte, versuchte sich zunächst Regisseurin und Filmproduzentin Doris Dörrie an einer Filmadaption der Geschichte „Glück“ aus dem ersten Band, welcher bei den Kritikern gemischt wahrgenommen wurde. So schriebt die taz zum Beispiel, dass es sich bei dem Film um „Trivialkitsch“ handele.

Ab der dritten Seite wird Bezug auf die gesamten Episoden von „Schuld nach Ferdinand von Schirach" genommen, weshalb wir vor Spoilern warnen möchten.

Im April 2013 wurden schließlich sechs weitere Kurzgeschichten als Serienformat umgesetzt, wobei diese aufgrund ihrer Abgeschlossenheit unabhängig voneinander geschaut werden können. Die Hauptrolle Starfverteidigers Friedrich Leonhard übernimmt darin Josef Bierbichler. Während er selbst in den Episoden zumeist nur eine Randfigur der eigentlichen Handlung ist, führt er durch diese und beendet jede Episode mit dem gleichen Monolog zu seinem Beruf. Im Zentrum stehen dagegen die jeweiligen Fälle der einzelnen Episoden.

Die erste Serie wurde äußerst positiv wahrgenommen, da vor allem der Umgang mit Themen wie Moral und Schuldzuweisungen wesentlich sensibler umgesetzt wurde, als es von so manchem Standardkrimi, in dem es lediglich um die Festnahme des Täters geht, gewohnt ist. Zudem wurden auch stilistische Mittel wie Detailaufnahmen beteutungsschwerer Gegenstände, leicht verzehrte Kameramotive und das Zusammenspiel von Rück- und Vorblenden gelobt, die den einzelnen Fällen mehr Bedeutung verleihen.

Die Fälle des Friedrich Kronenberg

Nachdem in „Verbrechen“ mit Josef Bierbichler ein erfahrener Jurist höheren Alters präsentiert wurde, haben wir es in „Schuld“ nun mit dem recht jungen Anwalt Friedrich Kronenberg zu tun, dessen Alter auf Grund der unterschiedlichen Zeiträume jedoch variiert. So sehen wir, wie er sich beispielsweise in Volksfest in sehr jungem Alter mit den ersten moralischen Grundfragen seiner Berufsgattung auseinandersetzen muss, wohingegen er in den anderen Episoden wesentlich erfahrener wirkt.

Der äußerst programmatische Titel der Serie wird dabei zum Leitthema der sechs einzelnen Fälle und bietet äußerst unterschiedliche Antworten auf die Frage, was wir in unserer Gesellschaft als Schuld definieren und was allein die Zuschreibung dieser mit einem Menschen machen kann. Mögen die filmischen Stilmittel in „Schuld“ ab und an auch nicht ganz nachvollziehbar oder überzogen wirken, die einzelnen Fälle und die Leistungen der Gastdarsteller, die diese verkörpern, schaffen es nach den sechs Episoden eben mehr als eine einfache Antwort auf diese Frage parat zu halten.

Ab den folgenden Seiten wird Bezug auf die gesamten Episoden von „Schuld nach Ferdinand von Schirach" genommen, weshalb wir vor Spoilern warnen möchten.

Der Andere

In dieser Episode stellen Devid Striesow und Bibiana Beglau ein Ehepaar dar, dessen unausgeglichenes Sexleben zu einer schwerwiegenden Grenzüberschreitung führt. So laden die beiden immer wieder Männer zu sich ein, mit denen Lizzy (Beglau) schläft, während ihr Thorsten (Striesow) dabei zuschaut und sie filmt. Während diese Praxis vor allem auf Kosten von Thorsten ausgetragen wird, muss sich im Umkehrschluss auch Lizzy mit der dadurch entstehenden Beziehungsbelastung auseinandersetzen.

Schuld 1x01: Der Andere

Eines Tages treffen sie auf einen ehemaligen Schulkameraden Thorstens, Rüdiger Timmer (Matthias Matschke). Durch die persönliche Nähe zu ihm weicht Lizzy zwar zurück, Thorsten willigt jedoch ein, um ihr selbst die Kehrseiten der von ihr verfechteten Freiheit aufzuzeigen. Die beiden hören danach mit den Dreiern auf, doch Thorsten bekommt keine Ruhe. Er sucht Timmer auf, erschlägt ihn mit einem steinernen Aschenbecher und flieht davon. Am Ende der Episode deckt schließlich Lizzy Thorsten, indem sie behauptet, in seiner Unkenntnis mit Timmer geschlafen zu haben. In dieser Episode wird die soziale Stigmatisierung, die durch Bekanntgabe der sexuellen Tätigkeiten folgen würde, zum schwereren Schuldenfall als die eigentliche Tat.

Schnee

Auch in der zweiten Episode wird die durch das Gericht drohende Schuld als kleineres Übel präsentiert. Der 72-jährige Sozialhilfeempfänger Karl-Heinz Gronau (Hans-Michael Rehberg) wird bezichtigt, mit Drogen zu handeln, da welche bei ihm gefunden wurden. Der Zuschauer erfährt im Zuge der Episode, dass dieser jedoch bewusst nicht aussagt, dass der eigentliche Dealer Hassan (Edin Hasanovic) ist, da Gronau ihn, seine Freundin Jana (Aylin Tezel) und deren zukünftiges Kind retten möchte.

Schuld 1x02: Schnee

Während Hassan selbst jedoch beim Geldeintreiben verhaftet wird, schafft es Kronberg, das Gericht davon zu überzeugen, dass Gronau keine Schuld trifft. In seiner Freiheit bekommt er zudem einen Brief von Jana mit genügend Geld, um seine Zähne operieren zu lassen. Die Episode wirft die Frage auf, ob das Leben eines alten Sozialhilfeempfängers oder das eines ungeborenen Babys schwerer wiegt und schafft, sich dieser Frage zum Ende der Episode zu entziehen, indem beide von der Waage gezogen werden.

Ausgleich

Diese Episode stellt wohl einen der kompliziertesten Moralfragen der kompletten Serie. Zunächst geht es um die junge Alexandra (Anna Maria Mühe) die über Jahre hinweg Opfer häuslicher Gewalt durch ihren Mann Thomas (Benjamin Sadler) wird. Eines Tages droht dieser, sich ebenfalls die gemeinsame Tochter Saskia (Lina Hüesker) vorzunehmen, doch bevor es dazu kommt, wird Thomas im Schlaf erschlagen. Zum Einen wird Alexandra trotz des Verdacht des Mordes freigesprochen, da Gefahr in Verzug zwar, zum anderen stellt sich in der Geschichte heraus, dass nicht Alexandra, sondern ihr Nachbar und Liebhaber Felix (Ludwig Trepte) den Mord begann. Es wird am Ende offen gelassen, wieviel Kronenberg von diesem Zusammenhang weiß, unternehmen tut er so oder so nichts.

Schuld 1x03: Ausgleich

Die Illuminaten

In Die Illuminaten wird das Thema der Schuld diesmal nicht in direkten Zusammenhang mit einem Mord gestellt. Zwar stirbt zu Beginn der Episoder die Kunstlehrerin Marguerite Verdier (Teresa Harder), jedoch durch einen Umfall. Stattdessen geht es um die Tat, derer sie Zeugin wurde. So erwischt sie eine Gruppe von Schülern, die sich als Illuminaten definieren und den jungen Henry (Max Hegewald) foltern, um diesen für seine Andersartigkeit zu bestrafen und dabei mit der Verheißung der Vergebung der Schuld zu locken. Diese wird durch den unvorhersehbaren Tod nun auf die Schüler sowie das Umfeld Henrys zurückgeworfen. Wurden sie auch keine direkten Täter an dem Tod der Lehrerin, so sorgte ihr Verhalten doch für einen derartigen Schock, dass diese zum Sturz kam.

Schuld 1x04: Die Illuminaten

DNA

Ähnlich wie in Der Andere dreht sich diese Episode um die Frage, wie man mit einem Stigma im sozialen Raum umgeht, wobei in dieser Episode der Tatbestand des Mordes gegeben ist. Die beiden Obdachlosen Nina (Alina Levshin) und Thomas (Misel Maticevic) werden zu Weihnachten in das Heim eines älteren Mannes (Rainer Reiners) gelockt, damit dieser sich an Nina vergehen kann. Die beiden bringen ihn daraufhin um, bestehlen ihn und bauen sich mit dem Geld eine neue Identität auf. Erst als sie Jahre später durch die technische Möglichkeit des DNA-Tests erneut vor Gericht gezogen werden, nehmen sie sich das Leben. Die Schuld steckt hier somit tiefer als in der Haftstrafe, die die beiden zu verbüßen hätten, sie ist ihnen durch ihre Tat eingebrannt und unausweichlich.

Schuld 1x05: DNA

Volksfest

In der letzten Episode zeigt die Serie auf, wie schwierig es zwar sein kann, wenn man einen moralisch verwerflichen Mandanten vertreten muss. So wird eine Gruppe von maskierten Männern die Vergewaltigung an der jungen Marion Nolting (Helga Wretman) vorgeworfen. Da jedoch einer von ihnen die Tat per Telefon bekannt gab, muss Kronenberg davon ausgehen, dass mindestens einer unschuldig ist. Da jeder von ihnen die Aussage verweigert, hat er es am Ende geschafft, seinen Mandanten freizusprechen, kehrt diesem jedoch schnurstracks den Rücken nach dem Fall. Diese Episode weist somit einen Unterschied des Charakters zu Verbrechen nach Ferdinand von Schirach auf, da Leonhard wesentlich abgekühlter zu sein scheint, was derart grenzwertige Fälle angeht.

Schuld 1x06: Volksfest

Eine dünne Schicht aus Eis, darunter ist es kalt und man stirbt schnell.

Leider wiederholt „Schuld“ stilistische Muster, welche bereits in „Verbrechen“ etabliert wurden, und setzt diese nicht ganz so gekonnt um. So werden pro Episode stets drei Gegenstände in Zeitlupe und Nahaufnahme gesetzt und damit deren Bedeutung betont, jedoch scheint die Auswahl dieser leider mehr der Wiederholung des Musters als der Bedeutung der einzelnen Gegenstände zu entsprechen, da diese ziemlich variiert. Bleibtreu dagegen schafft es, seinen Charakter des Kronenberg mit der nötigen Souveränität auszustatten, um ihn zu einem äußerst neutral wirkenden Kämpfer des Rechts zu machen.

Wir haben es hier nicht mit einem Kampf für die Gerechtigkeit im Sinne eines Kommissars zu tun, der stets den Schuldigen bestraft, sondern mit einem Mann, dessen Ziel es stets ist, seinen Mandanten zu verteidigen, egal wie schuldig dieser auch sei. Dies ermöglicht die Erzählung von Begriffen wie Schuld und Moral in einem wesentlich offeneren Diskurs. Im Zentrum stehen stets die einzelnen Charaktere der Fälle, die völlig unterschiedliche Motive haben und unterschiedliche Schlüsse aus ihrer Anklage ziehen.

Mag dabei auch nicht jede Episode zu überzeugen wissen und so mancher Plot etwas zu dramatisch inszeniert sein, es ist vor allem die vielfache Betrachtung von Themen wie Schuld, Menschlichkeit, Recht, oder Moral, die dieser Serie Qualität verleihen, gepaart mit der Psychologisierung der betroffenen Personen. In den sechs ausgesuchten Episoden wird aufgezeigt, wie unterschiedlich Fälle sein können, die in den Bereich des Gesetzes geraten. Dass dies ohne eine alles erklärende Moral passiert, die einem am Ende an die Allmacht des Gesetzes erinnert, scheint für mich wesentlich realistischer als es einem so mancher Spitzenkommissar verdeutlichen möchte.

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