Schmigadoon! - Kritik zur Musical-Comedy von Apple TV+

© zenenfoto aus der Serie Schmigadoon! (c) Apple TV+
Nach Central Park und Little Voice präsentiert Apple TV+ mit Schmigadoon! nun die nächste Musical-Serie. Die Comedy vom „Ich - Einfach unverbesserlich“-Duo Cinco Paul und Ken Daurio ist eine Hommage an Hollywoods goldenes Zeitalter musikalischer Filmkunst, an „The Music Man“ und „The Sound of Music“. Schon der Titel ist eine Anspielung auf „Brigadoon“ von 1947 (welches hierzulande weniger bekannt ist). Aber auch ganz viel „Oklahoma!“ steckt in dem Format.
Die Songs hat Paul alle selbst geschrieben, zumal ihn die Idee zu Schmigadoon! schon vor über 20 Jahren ereilt haben soll. Erst, als er und sein Partner Daurio den musicalbegeisterten SNL-Vater Lorne Michaels an Bord holen konnten, nahm das Projekt richtig Fahrt auf. Der legendäre Produzent brachte von seiner Sketchshow auch die Hauptdarstellerin Cecily Strong mit, während Keegan-Michael Key (Friends From College) für den männlichen Gegenpart gecastet wurde. Im erweiterten Ensemble finden sich Broadway-Stars wie Alan Cumming, Kristin Chenoweth, Jane Krakowski und Martin Short.
Die kunterbunte Inszenierung übernahm der Pushing Daisies-Regisseur Barry Sonnenfeld, der lustigerweise überhaupt kein Fan von Musicals ist. Als die Showrunner Paul und Daurio ihn fragten, hätten sie nichts davon gewusst. Und er habe offenbar missverstanden, wie viel tatsächlich in der Serie gesungen und getanzt werden würde. Am Ende hat Sonnenfeld trotzdem alle sechs jeweils nur halbstündigen Episoden der Auftaktstaffel von Schmigadoon! durchgehalten.
Worum geht's?
Die Geschichte dreht sich um das New Yorker Medizinerpärchen Melissa (Strong) und Josh (Key). So zauberhaft ihre Beziehung einst begann, so eingeschlafen ist ihre Liebe inzwischen. Um für neuen Schwung zu sorgen, unternehmen sie ein Camping-Abenteuer. Als sie sich verlaufen, landen sie schließlich in einem merkwürdigen Ort namens Schmigadoon, wo sie von singenden Musical-Figuren begrüßt werden: vom Bürgermeister Aloysius (Cumming), dem Pastor Howard (Fred Armisen), dessen erzkonservativer Ehefrau Margaret (Chenoweth), dem Arzt Doc Lopez (Jaime Camil), der Lehrerin Emma (Ariana DeBose) und dem örtlichen Tunichtgut Danny (Aaron Tveit).
Während Melissa als eingefleischter Musical-Fan ganz aus dem Häuschen ist wegen der vermeintlich einstudierten Gesangsnummer für Touris, kann der Zyniker Josh nur mit den Augen rollen. Nach kurzer Zeit wollen sie Schmigadoon wieder verlassen, doch ein waschechter Leprechaun - gespielt von Martin Short - versperrt ihnen den Weg zur einzigen Brücke aus der Stadt. Der gemeine Clou: Sie dürfen Schmigadoon erst wieder verlassen, wenn sie ihre wahre Liebe gefunden haben. Aber haben sie das nicht längst?

Das Dilemma entzweit das Pärchen, das nun selbst nicht mehr glaubt, zusammenzugehören. In der Folge versuchen sie ihr Glück mit den alleinstehenden Einheimischen: Melissa datet den Bad Boy, der aber nichts Ernstes will, und Josh datet die viel zu junge Betsy (Dove Cameron) und handelt sich rasch Ärger mit ihrem schießwütigen Vater ein. Später finden sie ihren idealen Partner in Gestalt besagten Arztes und besagter Lehrerin, die mit Jaime Camil und Ariana DeBose besetzt wurden. Der charmante Jane the Virgin-Veteran und die „Hamilton“-Alumna sind die heimlichen Stars der Serie.
Natürlich sorgt der Aufenthalt der zwei Fremden aus New York in Schmigadoon für jede Menge Aufruhr. Sie bringen moderne Ideen in die antiquierte Kleinstadt und helfen den Einwohnern, sich selbst zu finden. Eine ist davon wenig begeistert: Margaret (Chenoweth), die Frau vom Pfarrer, die bald Stimmung gegen die unfreiwilligen Besucher macht. Und dann ist da auch noch die mysteriöse Countess, gespielt von Jane Krakowski, die ganz eng angelehnt wurde an die Baronin aus „Sound of Music“. Melissa und Josh müssen sich in Acht nehmen und sind am Ende vielleicht doch wieder aufeinander angewiesen...
Wie ist es?
Die Aufmachung von Schmigadoon! ist absolut fantastisch - von den Kulissen über die Kostüme bis hin zum leichtem Bildrauschen, das man aus den alten Hollywood-Klassikern kennt. Der Regisseur Barry Sonnenfeld hat also alles richtig gemacht. Sein typischer Stil passt einfach perfekt zur Musical-Szenerie, auch wenn er selbst keine Musicals mag.
Und auch beim Cast kann man nur schwärmen, immerhin haben wir mit Cumming, Chenoweth, Krakowski und Short gleich vier Tonypreisträger an Bord (Tveit und DeBose waren immerhin für den höchsten Musical-Preis der USA nominiert). Den zwei Scene Stealern Camil und DeBose gelingt es, auch das Maximum aus den Hauptdarstellern Strong und Key herauszukitzeln.
Key kann leider am wenigsten überzeugen, was sicherlich mit seiner Figur zu tun hat, die sich anfangs kaum entwickelt. Als Zyniker erfüllt er die Funktion, die Zuschauerinnen und Zuschauer zu repräsentieren, die Musicals auch doof finden. Aber würden solche Leute Schmigadoon! überhaupt schauen? Strong bringt immerhin eine erfrischende Verrücktheit in die Rolle, wodurch ihre Szenen deutlich unterhaltsamer sind als seine. Generell bleiben aber beide Protagonisten charakterlich eher blass. Liegt es vielleicht daran, dass die zwei Schauspieler normalerweise im Sketchbereich zu Hause sind und folglich meist Klischees spielen?

Zur Musik, dem wohl wichtigsten Faktor: Cinco Paul hat eine Handvoll wirklich schöner Ohrwürmer geschrieben, gewürzt mit unzähligen Anspielungen. So gibt es eine „Do-Re-Mi“-Parodie, in der Melissa nach dem Vorbild Julie Andrews' einem jungen Pärchen die Anatomie der Fortpflanzung erklärt. Oder das kitschige Liebeslied „Suddenly“. Mein persönliches Highlight - das wie die anderen beiden Beispiele in Episode vier auftaucht - ist eine fantastisch choreografierte Stepptanznummer der Lehrerin Emma (DeBose) mit ihrer Klasse. Darin heißt es: „When you've got a job to do, you must try with all your heart.“
Und das ist schon die Überleitung zum größten Kritikpunkt an Schmigadoon!, denn eine Abteilung der Apple-Serie hat offenbar nicht ihr Bestes gegeben, der Writers' Room (wie so oft). Neben dem bereits genannten Problem der unterentwickelten Protagonisten, passiert auch handlungstechnisch viel zu wenig. Sodass trotz der straffen Laufzeit von insgesamt nur drei Stunden zwischenzeitlich Langeweile aufkommt. Man fragt sich etwa, warum Melissa und Josh ihr seltsames Schicksal so schnell annehmen, statt erst mal die Spielregeln ihrer Situation auszureizen. So muss man als Zuschauer selbst durchspielen, was wohl geschieht, falls man dies oder jenes ausprobieren würde...
Ungünstig ist auch, dass Schmigadoon! als Comedy nicht wirklich lustig ist. Der alberne Serientitel gibt tatsächlich einen sehr ehrlichen Vorgeschmack auf das Humorniveau, das einen erwartet. Man würde sich wünschen, dass die Serie bissiger wäre oder sich gleich ganz ohne Scham der Nostalgie hingibt. Vor allem mit Blick auf berechtigte Kritik an den verehrten Klassikern von damals - bezüglich Rassismus und Sexismus -, wäre viel drin gewesen. Stattdessen schneiden die Autoren dieses Feld nur vorsichtig an, um die Stimmung ja nicht zu vermiesen. Und in Schmigadoon selbst gibt es sowieso keine politischen Probleme, außer einen Hauch von Homophobie. Ansonsten ist die Stadt verblüffend vielfältig für ihr Setting.
Alles in allem ist Schmigadoon! leider nicht der ganz große Wurf, der die Serie hätte werden können. Handwerklich sehr gut gemacht, versäumt es die neue Eigenproduktion von Apple TV+, etwas Einzigartiges für sich selbst zu finden.
Die zwei ersten Episoden von Schmigadoon! erscheinen am heutigen Freitag, den 16. Juli bei Apple TV+. Die restliche vier Folgen kommen dann im Wochentakt. Das Staffelfinale findet somit am 13. August statt.
Hier abschließend der Trailer zur Musical-Comedy Schmigadoon! bei Apple TV+:
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