Schleudergang 1x01

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Die neue Serie vom hr-fernsehen, nun in der ARD Mediathek zu finden, heißt Schleudergang und erzählt vom Leben in einem aus der Zeit gefallenen Waschsalon in Offenbach. Dort versucht der Betreiber Erik, seine Kunden zu umsorgen, doch die sind oft alles andere als einfach...
Wovon handelt die Serie „Schleudergang“?
Waschsalons sind immer wieder an den Schnittstellen der Popkultur zu finden. Hier trifft sich, was nicht zusammenpasst, hier muss Zeit überbrückt werden, die mit menschlichen Dramen gefüttert werden kann - ebenso wie mit Klamauk. Sie sind ein Symbolbild für das Leben in der Stadt, in der Freiheit, aber - zumindest in den letzten Jahren - vor allem von denen frequentiert, die es nicht ganz geschafft haben. Denn die meisten Stadtbewohner nennen mittlerweile eine Waschmaschine in der Wohnung ihr eigen. Das hat auch Erik (Dirk Martens) bemerkt, Betreiber eines aus der Zeit gefallenen Waschsalons in Offenbach.
In der Pilotepisode lernen wir neben dem etwas naiven, aber keinesfalls dümmlichen Betreibers Erik auch noch seinen besten Kunden und Freund Walter (Gustav-Peter Wöhler) kennen, dessen Frau ihm vor ihrem Ableben ein kleines Büchlein mit allerlei Überlebenswissen gefüllt hat, mit dem der Pförtner der Offenbacher Oper nun über die Runden kommen muss.
Als Episodengäste lernen wir Klaus (Ronald Kukulis) kennen, dessen Lieblingsshirt einläuft, ein Original-Tourshirt von Bon Jovi aus dem Jahr 1996. Außerdem gehört die Studentin Jenny (Lea Taake) mit zur Besetzung des Tages. Sie hat gerade eine Trennung hinter sich und sucht eine neue Wohnung, was sich alles andere als einfach gestaltet...
Wie kommt es rüber?
Eriks Waschsalon ist tatsächlich aus der Zeit gefallen - in jeder Hinsicht. Das Interieur scheint seit einigen Jahrzehnten nicht gewechselt worden zu sein. Hier könnten Fans vergangener Jahrzehnte also noch voll auf ihre Kosten kommen. Den Kreislauf, wieder cool zu sein, haben viele Gegenstände hier sicher schon zwei- bis dreimal mitgemacht. Insgesamt kann man sich dann auch kaum festlegen: Wirkt es hier altbacken oder so authentisch retro, dass jeder Hipster mit den Ohren schlackern würde?
Ist aber nicht so wichtig, denn zum Gesamtbild trägt auch noch die menschliche Komponente bei, in Form von Erik, dem Besitzer. Seine reine Anwesenheit wird die meisten Neukunden wohl schon überraschen. In welchem Selbstbedienungsladen kommt heutzutage noch ein freundlicher Herr in weißem Kittel aus dem Hinterzimmer, um einem den Waschmittelautomaten zu erklären?
Erik sieht die Zeichen der Zeit, er weiß, dass die meisten Menschen eine eigene Waschmaschine besitzen, auch in Städten, in welchen der Wohnraum knapp ist. Doch er scheint nicht aus Überzeugung noch da zu sein, nicht als Ausdruck einer Gegenkultur oder mit einem besonderen Anlass. Er scheint dort zu sein, denn wo sollte er schon sonst sein? Mit diesem Geist bereitet er auch seine Hühnerkroketten zu, die man sich am Automaten ziehen kann und betreut jeden Kunden persönlich.
Auf den ersten Blick etwas naiv, zeigt sich schnell, dass Erik aber alles andere als trottelig ist. Er begegnet seinen Kunden mit Menschlichkeit, Verständnis und einem offenen Ohr, egal wie aufgebracht und auch oft arrogant sie sich zeigen. Daraus entstehen dann oft skurrile und erinnerungswürdige Situationen, die die Drehbuch-Autoren gekonnt ad absurdum führen. Leise, bedacht und ohne Eile gehen wir an ihrer Hand durch die Episode, ohne ein offensichtliches Ziel vor Augen.
Immer wieder werden wir an die großen und kleinen Abgründe der eigenen Menschlichkeit erinnert. Wenn es gerade aussieht als wenn eine Sache sich dem Guten zuwendet, kommt sicher von irgendwoher ein kleiner Kommentar in den falschen Hals und dreht die Lage wieder um...
Wenn es selbst dem geduldigen Erik dann zu viel wird, dreht er sich um und zieht sich in sein Zimmerchen zurück, in dem er eine mechanische Jukebox stehen hat, die ihm alte Schlager spielt und ihn so die Dummheit der Welt einen Moment lang vergessen lässt.
Was sie sein will, das verrät die Serie „Schleudergang“ weder auf den ersten noch auf den dritten Blick, aber dass von ihr ein kleiner Zauber ausgeht, das merkt man ziemlich schnell...
Wir vergeben daher für die neue hr-Produktion: vier von fünf Waschmaschinenmünzen.
Verfasser: Loryn Pörschke-Karimi am Sonntag, 16. Juni 2024(Schleudergang 1x01)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?