Schlafende Hunde: Aufgeschreckt - Review zur Pilotfolge

Schlafende Hunde: Aufgeschreckt - Review zur Pilotfolge

Die deutsche Thriller-Miniserie „Schlafende Hunde“ begibt sich tief in das Milieu arabischer Clans und erzählt die Geschichte des psychisch angeschlagenen Ermittlers Mike Atlas, der unversehens in eine Verschwörung gezogen wird.

Szenenfoto aus der Serie „Schlafende Hunde“
Szenenfoto aus der Serie „Schlafende Hunde“
© Netflix

Das passiert in der Episode Aufgeschreckt der Serie Schlafende Hunde: Mike Atlas (Max Riemelt) war ein guter Kriminalpolizist, bis er die schrecklichen Ereignisse eines Terroranschlages auf dem Weihnachtsmarkt seiner Heimatstadt Berlin hautnah miterlebte. Die Geschehnisse haben den ohnehin psychisch instabilen Cop vollends aus der Bahn geworfen, so dass er nun ein Leben als Obdachloser führt.

Als sich der arabischstämmige Musa, den Atlas wegen Mordes ins Gefängnis gebracht hat, im Knast umbringt, nimmt die angehende Staatsanwältin Jule Andergast (Luise von Finckh) Ermittlungen auf und stößt bald auf eine zweite Leiche. Doch auch Mike hegt inzwischen Zweifel an den Beweisen, die damals zur Überführung des angeblichen Täters führten. Unabhängig voneinander beginnen Jule und er, tiefer zu graben, bis sie auf eine Verschwörung stoßen, in der auch einige von Atlas' Kollegen verwickelt sein könnten.

Starke Themen

Clankriminalität und Terrorgefahr gehören in den letzten Jahren zu den journalistisch am stärksten ausgeschlachteten Themenkomplexen in Deutschland. Kaum ein Tag vergeht, in dem man nicht von irgendeiner Messerattacke, Massenschlägereien, Verhaftungen oder Prozessen gegen Mitglieder diverser Familienclans liest und hört. Kein Wunder also, dass sowohl das eine als auch das andere Thema immer mehr Einzug in die hiesige Serienlandschaft halten. Ein gutes Beispiel dafür liefert die erfolgreiche Miniserie Asbest, die unlängst in Das Erste zu sehen war und in der ARD Mediathek abrufbar ist.

Schlafende Hunde“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, ist aber konzeptionell und rein inhaltlich betrachtet anders aufgebaut. Der sechsteilige Thriller fokussiert sich auf den Expolizisten Mike Atlas, der sich nach einem beruflichen Trauma aus dem Leben verabschiedet hat und nun ein Dasein als Obdachloser fristet.

Die Schauspieler

Atlas war ein hartnäckiger und hervorragender Polizist, den seine Kollegen ehrfurchtsvoll „Trüffelschwein“ nannten, weil er sich tief in seine Fälle vergrub und immer die entscheidende Spur fand. Diese Eigenschaft könnte man auch Darsteller Max Riemelt (Bonn - Alte Freunde, neue Feinde) zusprechen, der seine Rolle grandios ausfüllt und eine Mischung aus gebrochener Persönlichkeit, liebevollen Vater und einem Menschen gibt, der im Herzen stets auf der Suche nach der Wahrheit ist.

Riemelts Spiel ist kraftvoll und emotional mitreißend, so dass man sich seiner Figur von Anfang an verbunden fühlt. Gemeinsam mit Luise von Finckh, die eine aufstrebende angehende Staatsanwältin mit einem Riecher für die richtigen Fragen gibt, erleben wir auf dem Bildschirm ein extrem ungleiches Ermittlerduo. Zunächst nehmen die Protagonisten allerdings unabhängig voneinander Untersuchungen auf und begegnen sich oberflächlich betrachtet anfangs eher beiläufig.

Als weitere Filmpartnerinnen und -partner gesellen sich Carlo Ljubek als Mikes Freund und Kollege Luka sowie Antonio Wannek als ebenfalls zum Dezernat 49 gehörender Beamter hinzu. Als eine Art Anhängsel dient bisher Melodie Wakivuamina alias Jungpolizistin Britney Adebayo. Die schauspielerischen Darbietungen bewegen sich dabei auf einem routinierten bis sehr guten Niveau, wobei sich die Figur der neuen Kollegin Britney vielleicht ein wenig überzeichnet und klischiert ausnimmt.

Sie ist diejenige, die trotz aller guten Ratschläge Alleingänge fährt, was immer wieder zu Komplikationen führt, die ihre Teammitglieder dann wieder ausbügeln müssen. Das lässt die von Serienentwickler Christoph Darnstädt angedachte taffe, jugendliche Figur zumindest in der Pilotepisode noch recht überflüssig erscheinen. Es bleibt allerdings zu vermuten, dass sich dies noch ändern wird und die Figur einen intensiveren Ausbau erfährt.

Struktur

Strukturell ist Schlafende Hunde stark aufgebaut. Das Opening beginnt mit dem Selbstmord des eingangs erwähnten Musa, der, wie sich bald herausstellt, womöglich zu Unrecht als Mörder verurteilt wurde. Der Einstieg wirft das Publikum ins kalte Wasser und führt unmittelbar in die Konsequenzen ein, die aus Mike Atlas' Handeln erwachsen sind.

Natürlich ahnt die Zuschauerschaft noch nichts von dem möglichen Ermittlungsirrtum, weil im Folgenden zunächst einmal die Hauptfiguren eingeführt werden müssen. Das gelingt mit einer passenden Actioneinlage. Atlas lebt als Obdachloser in einem heruntergekommenen Wohnwagen und wird dort von einem Araber überfallen und zusammengeschlagen. Die Szene vermittelt nicht nur, dass wir uns in einem kalten, brutalen Milieu bewegen, sondern auch in welchem. Der Schläger nennt Atlas einen „scheiß Bullen“, der schuld am Tod seines Bruders sei, weil er ihn unschuldig ins Gefängnis gebracht habe.

Die Sequenz wirft die drängende Frage auf, warum Atlas sein Leben als Obdachloser fristet? Was hat ihn so sehr aus der Bahn geworfen, dass er davongelaufen ist und Job und Familie im Stich ließ? Die Pilotfolge hält sich nicht lange mit Verschleierungstaktiken oder in die Länge gezogenen Anspielungen auf, sondern führt uns damit tief ins Geschehen ein.

Erzählperspektiven

Szenenfoto aus der Serie „Schlafende Hunde“
Szenenfoto aus der Serie „Schlafende Hunde“ - © Netflix

Intensiviert wird das Ganze in „Schlafende Hunde“ durch eine zweite Figurenperspektive in Form von Jule Andergast, die gerade eben eine Anklage verbockt hat und nun den Suizid von Musa untersuchen soll, weil sie damit nach Meinung ihrer Vorgesetzten nicht viel falsch machen könne. Allerdings stößt Jule schnell auf Ungereimtheiten, von denen ihre Chefin aber nichts hören will. So begibt sie sich auf eigene Faust in die Höhle des Löwen und versucht herauszufinden, warum Musa starb.

Als dritter Blinkwinkel auf die Geschichte und die Hauptfigur erweisen sich Mikes Familie und seine Kollegen. Sie lieben und schätzen ihn und möchten ihn wieder ins Leben zurückführen, doch alles deutet darauf hin, dass ausgerechnet Luka, der mit Mikes Frau Lennie (Peri Baumeister) befreundet ist, Dreck am Stecken hat. Hat er seinerzeit die Beweise fingiert um Musas Bruder - einen mächtigen Clanboss - eins auszuwischen? Gemessen an Mikes Verhalten, den Musas Tod sichtlich aufwühlt und zu erneuten Nachforschungen motiviert, ist die Vermutung berechtigt.

Mikes Trauma

Ein weiteres großes Thema der Geschichte ist Mikes Trauma, das dazu führte, dass er die Zelte hinter sich abbrach und sogar seine Familie im Stich ließ. In der Pilotfolge wird er als brillanter Cop, aber psychisch instabiler Mensch beschrieben, der einen Einsatz nach einem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 nicht verkraftet hat. Ab hier kombinieren die Serienmacher also die komplexe Thematik der Familienclansturen in Deutschland mit dem des islamfundamentalistischen Terrors. Inwiefern beide Komplexe in eine homogene Geschichte ohne starke plakative Anwandlungen überführt werden können, muss sich in den kommenden fünf Episoden erweisen.

Schön ist allerdings, dass sich die Serie offenbar immer wieder auf die emotionale Ebene begibt. Lennies Liebe zu Mike, die Verbundenheit der Kollegen im Dezernat 49, die schon etwas Verschwörerisches hat, Mike selbst, den Musas Tod aufrüttelt und der seine Familie schmerzlich vermisst. Nicht zuletzt ist da Jule, die Tochter eines bekannten Mannes, die von ihrer Chefin unfair behandelt wird und den Mut aufbringt, der Wahrheit nachzuspüren. Das sind starke figurale Ansätze, die für Abwechslung in den Beziehungsgeflechten sorgen, ohne gezwungen zu wirken, gut so.

Die technische Umsetzung

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf die technische Seite der Inszenierung. Kurz und knapp könnte man resümieren, dass sich die Regisseure Stephan Lacant und Francis Meletzky durchaus an typisch deutschen Konventionen orientieren, wie wir sie etwa aus modernen Tatort-Folgen kennen. Die Kameraführung lässt sich Zeit für die Figuren und hält sich in der Debütepisode von actiongeladenen Einstellungen fern. Dennoch ist „Schlafende Hunde“ atmosphärisch gut gelungen, weil die Einstiegsfolge routiniert inszeniert und geschnitten, wenn auch in letzter Konsequenz ohne große Innovationen.

Fazit

Szenenfoto aus der Serie „Schlafende Hunde“
Szenenfoto aus der Serie „Schlafende Hunde“ - © Netflix

Als Basis für Schlafende Hunde diente die israelische Serie „Ikaron HaHachlafa“ („The Exchange Principle“) von 2016. Ein Stück weit merkt man das der Miniserie auch an, zumal zwar islamistischer Terror eine Rolle spielt, nicht aber der das Land überflutende nationalistisch rechtsradikale. Davon abgesehen ist „Aufgeschreckt“ aber ein richtig starker Einstieg, der zwar nicht ganz perfekt ist, aber tolle Figuren einführt, von denen einige den Pfad der Tugend verlassen haben, andere den Mut zur Wahrheit finden und die Hauptfigur sich verloren glaubt, aber nun ins Leben zurückkämpfen muss.

Zu den spannenden Themen, den psychologischen Ansätzen und dem gut gewählten Ensemble kommt eine Erzählweise, die kaum Leerlauf aufweist und immer wieder etwas Neues anbietet. Seien es Hintergrundinformationen, wie die, dass Musa schwul und heimlich mit seinem Freund Idris liiert war, die Anspielungen auf die Korruption der „49er“, Mikes Ausstieg, dessen Motive immer noch im Dunkeln liegen oder die Tatsache, dass Jule Idris plötzlich ermordet auf einem Spielplatz findet. Es gibt viel zu entdecken und herauszufinden, das lässt auf spannende Ent- und Verwicklungen hoffen. Dafür gibt es von uns optimistische vier von fünf Sternen.

Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Schlafende Hunde“:

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