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Wer es bis zum Start der Netflix-Sitcom - wie ich - geschafft hat, nichts weiteres über den Plot zu erfahren, als die schlichte Beschreibung, dass es sich um ein gelangweiltes Ehepaar aus der Vorstadt handelt, der dürfte ungefähr zur Mitte der Pilotepisode eine dicke Überraschung erleben. Da wird Sheila (Drew Barrymore), dem weiblichen Teil des Immobilienmaklerpärchens, nämlich so schlecht, dass sie sich nicht nur einmal übergibt, sondern gleich das ganze Badezimmer des frisch renovierten Hauses vollkotzt. Besonders schlecht geht es ihr danach jedoch nicht.
The real so-called zombies
Im Gegenteil: Ehemann Joel (Timothy Olyphant) stellt mit Erstaunen fest, wie aufgeweckt seine Partnerin plötzlich ist. Vergangen scheinen die Tage, in denen sie am öden Alltag zu verzweifeln drohte, und sich wünschte, so mutig zu sein wie manch Persönlichkeit, die öfter mal die Frisur wechselt: „Everybody hates it like that, but she doesn't care. She's so bold. I wish I were that bold.“ Bei Joel äußert sich die alltägliche Apathie eher in der Suche nach Realitätsflucht, die schon vor Arbeitsbeginn mit dem ersten Joint ihren Anfang nimmt.
Für weiteren Frust sorgen die üblichen Verdächtigen. Das Ehepaar wohnt mit seiner Tochter Abby (Liv Hewson) zwischen einer nachbarlichen Dauerfehde. Auf der einen Seite steht Sheriff Dan (Ricardo Chavira), der stets einen markigen Spruch auf Lager hat und viel zu neugierig ist. Auf der anderen wohnt der weniger temperamentvolle Polizist Rick (Richard T. Jones), der jedoch keinem Clinch mit seinem Rivalen aus dem Weg geht: „We protect and serve, not frame and maim like the Sheriff's Department.“
Dans Ehefrau Lisa (Mary Elizabeth Ellis) lässt indes keine Gelegenheit aus, ihren eigenen Sohn Eric (Skyler Gisondo) vor der versammelten Nachbarsfamilie bloßzustellen: „Eric worships you. You're the queen of his spank bank“, lässt sie Abby freimütig wissen. So munter geht es in der Auftaktepisode weiter, inklusive eines ebenfalls unerwarteten Gastauftritts von Nathan Fillion (Castle), der nicht nur heftig mit Sheila flirtet, sondern auch in direkte Konkurrenz mit den beiden Hausverkäufern tritt.

Dem bemitleidenswerten Gary (Fillion) ist kein langes Leben beschieden, was uns wiederum zurückführt zu Sheilas Transformation, die sie mit prägnanten Worten bekleidet: „I feel like a bus station shit in my mouth.“ Weitere - positive wie negative - Symptome sind ein nicht auffindbarer Herzschlag, die Verwandlung ihres Blutes in eine braune, breiige Masse sowie viel neugefundene Lebensfreude. Joel kann sich fortan darüber freuen, dass sie nichts mehr gegen seinen Drogenkonsum und eine Vorliebe für den gebenden Teil von Oralsex hat.
Have you eaten anyone?
Allerdings hat sich auch ihre Diät radikal geändert, was zunächst kein Problem ist, da sie Gefallen an rohem Hackfleisch findet. Am Ende der Episode zeigt sich aber schon, dass sich ihr Hunger nur schwerlich auf tierische Produkte reduzieren lässt. Gary glaubt da kurzzeitig, seine Avancen würden von Erfolg gekrönt, fällt dann jedoch bald dem „weirdest foreplay ever“ zum Opfer. Hernach ist es eine Freude, dabei zuzusehen, mit welcher Euphorie Drew Barrymore in ihrer Rolle darin aufgeht, in den künstlichen Eingeweiden ihres Szenenpartners herumzuwühlen.
Überhaupt ist Barrymore der Pilot-MVP, da ihrer Rolle ein kaum überwindbarer Vorteil innewohnt. Während der verblüffte Joel stets nur reagieren kann, ist sie diejenige, die mit ihren brachialen Aktionen den Plot - und den Witz - vorantreibt. Ob sie sich spontan zum Kauf eines Range Rovers („I've been wanting one ever since this morning.“) und einer anschließenden Vergnügungsfahrt mit ihrer Tochter entscheidet, oder nachts einfach nicht heimkommt, um stattdessen mit ihren Nachbarinnen zu feiern - stets macht es großen Spaß, diesen Ausbrüchen beizuwohnen.
Wenngleich Barrymore heraussticht, kann auch der übrige Cast überzeugen. Olyphant stellt sein komödiantisches Können unter Beweis, während mit Liv Hewson ein echter Newcomer gefunden wurde. Glücklicherweise muss sie nicht die klassische Rolle des nervigen Teenagers übernehmen, sondern darf mit cooler Gelassenheit auf die radikalen Umwälzungen in ihrer Umgebung reagieren. Überhaupt ist es sehr amüsant, dass kaum eine Figur richtig ausflippt, nachdem sich eine andere gerade in einen Zombie verwandelt hat.
Visuell erinnert Santa Clarita Diet an eine klassische Sitcom, was angesichts des Engagements von Ruben Fleischer („Zombieland“) als Regisseur überrascht. Wett gemacht wird das dank der Euphorie, mit der sich die Protagonisten auf Körperflüssigkeiten und sonstige Ausscheidungen stürzen. Unterhaltsam sind außerdem die Abspannsongs, die in jeder der vier Episoden, die ich bisher gesehen habe, für einen stimmungserhellenden Schlusspunkt sorgen. Insgesamt ist „Diet“ eine nette kleine, aber auch ziemlich harmlose Komödie.