Sam - Ein Sachse: Fremd - Review der Pilotepisode

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Die großen Streamingdienste mit US-Sitz agieren weltweit, das bedeutet, dass es nicht nur Interesse an US-Stoffen gibt, sondern auch internationale Zuschauer bedient werden wollen. Zudem schreibt auch die EU gewisse Quoten für die Inhalte vor, die eingehalten werden müssen.
So ist Sam - Ein Sachse eine Serie, die dabei hilft, das Portfolio etwas diverser zu gestalten und zudem bisher unterrepräsentierte Geschichte zu erzählen. Denn das Format basiert auf der wahren Geschichte von „Sam“ Njankouo Meffire, Ostdeutschlands erstem Schwarzen Polizisten. Ein Blickwinkel, der leider viel zu selten in der deutschen Medien- und Serienlandschaft eingenommen wird.
Man muss ziemlich lange überlegen, bis einem andere zentrale Afrodeutsche Figuren einfallen. Almost Fly von Warner TV Serie ist hier wahrscheinlich ein weiteres Beispiel. 4 Blocks oder Para - Wir sind King haben zumindest Figuren mit ähnlichen Lebensläufen und ethnischen Hintergründen, aber es gibt dennoch ganz klar Nachholbedarf.
Worum geht es in Sam - Ein Sachse?
In der Pilotfolge Fremd lernen die Zuschauer Samuel Meffire (Malick Bauer; Frau Jordan stellt gleich, Wir) kennen. Zunächst als Flüchtenden im Jahr 1992, bis es einen Rückblick ins Jahr 1989 gibt, in welchem er, wie es scheint, ebenfalls flüchtig ist - in Wahrheit läuft er aber nur dem Krankenwagen nach, in dem seine schwangere Freundin Antje (Luise von Finckh) auf dem Weg ins Krankenhaus ist. Das bemerkt die Volkspolizei und Major Schreier, der ihn nach seiner Geschichte sogar in seinem Auto ins Krankenhaus bringt.
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Als Schwarzer Mann in Ostdeutschland hat er es nicht leicht. Das beginnt bei Regina, der Mutter seiner Freundin, geht weiter beim Busfahrer, der bewusst die Tür vor seiner Nase schließt, und ist ebenfalls nicht anders bei der „Normalbevölkerung“.
Seinem Neugeborenen vermacht er ein Büchlein, in dem seine Gedichte stehen und auch sonst ist er der Lyrik nicht abgeneigt. Bei seinem Amateurfußballverein läuft es eher schlecht als recht und er muss auf der Ersatzbank Platz nehmen, weil der Trainer sich vor der Wut der Neonazis fürchtet, bis Sam sich eigenmächtig einwechselt und das Siegtor schießt. Allerdings bedeutet das auch Prügel durch die Nazibande, die ihn nach dem Spiel verfolgt.
Alltagsrassismus ist demnach sein ständiger Begleiter als einer der wenigen Schwarzen, wenn nicht sogar als einzige Schwarze Person in seinem Ort. Als er sich verletzt zu einer Veranstaltung in eine Kirche schleppt, kann er seine Wut nicht mehr bei sich behalten und will dieser Luft machen, stößt jedoch nur auf Unverständnis.
Wenig später erinnert er sich an das Versprechen des Majors, muss sich jedoch verhaften lassen, um eine „Audienz“ bei ihm und eine Chance für den strengen Aufnahmetest der Volkspolizei zu erhalten. In einer zweitägigen Prüfung zeigt er, dass er es mehr will als die Konkurrenten und kann sich als Klassenbester durchsetzen. Doch offenbar ist das nur der Anfang einer steinigen Laufbahn in einer Gesellschaft, die ihn wegen seine Hautfarbe ablehnt...
Wichtiges Thema
In Serien wie Deutschland 83 (86/89), Kleo oder Weißensee werden gewisse Themen und Perspektiven auf das Ostdeutschland der Wendezeit aufgegriffen, aber auch dort meist aus einer weißen Perspektive. Und das, obwohl gerade in der Nachwendezeit durch Neonazis und Anschläge auf Asylbewerberheime viel aufzuarbeiten ist. Entsprechend begrüße ich, dass Sam - Ein Sachse diese autobiografisch inspirierte Geschichte erzählen möchte, die relativ plakativ mit vielen Widerständen für Sam inszeniert wird. Auch wenn hier 30 Minuten wahrscheinlich stellvertretend für ein schwieriges Heranwachsen sind, wenn man sich ständig Anfeindungen ausgesetzt sieht.
Jörg Wingers (Deutschland83) Handschrift sieht man dem Format durchaus an, es sieht nicht klassisch oder typisch deutsch aus, zumindest anfangs nicht, und es bemüht sich, Sams Perspektive einzufangen.
Ausbaufähige Dialoge
Etwas gewöhnungsbedürftig fallen die Dialoge aus, die in meinen Ohren des Öfteren so klingen, als sagen alle Figuren zwar das, was sie sollen, aber letztlich keine Zwiegespräche entstehen. In einer US-Serie ist man gewisse pathetische Monologe gewöhnt (da muss man nur genug Shondaland-Serien schauen...), aber hier beispielsweise in der Kirchenszene, die von Musik untermalt ist, will das nicht so recht zünden.
Auch die Gespräche zwischen Sam und Antje verlaufen relativ oft ins Nichts. Man liebt sich zwar, aber das Kommunizieren ist eine Einbahnstraße. Vielleicht auch, weil Sam den Eindruck hat, dass sie ihn und seine Erfahrung eh nicht versteht. So verschweigt er ihr beispielsweise seine Absicht, am Test teilzunehmen, bis er abmarschbereit ist... Deswegen wirken die Gespräche in der Debüt-Folge oft etwas befremdend.
Immerhin sind es aber auch keine Dialoge, die an Theaterstücke erinnern, wie man sie etwa bei Dark zu hören bekam. Zu gefallen wusste auch die Trainingsmontage, die dann etwas dynamischer war, etwas Kurzweiligkeit reinbrachte und mit nettem, passendem Hip-Hop-Track unterlegt wurde.
Fazit
Ob eine Folge reicht, um das Potential der Miniserie zu erkennen, ist schwer zu sagen. Einen adäquate Ersteindruck gibt es jedenfalls und der ist eher positiv als negativ. Malick Bauer macht eine gute Figur und die Neugier auf die Fortsetzung der Staffel ist durchaus gegeben. Gerade, wenn man in der ersten Folge gesehen hat, auf wie viel Ablehnung Sam als Normalo gestoßen ist, dürfte es spannend sein, wie er in einer Uniform angenommen wird. Konfliktpotential gibt es schließlich genug.
Ich würde mir wünschen, dass die restlichen Folgen noch etwas dynamischer daherkommen und sich nicht zu sehr ins statische deutsche Erzählen einreihen, das man schon oft genug gesehen hat. Denn die Story an sich dürfte durchaus spannend genug sein, wie der Ausblick am Anfang andeutet. Drei von fünf Trainingsmontagen.
Hier abschließend noch der Trailer zur ersten deutschen Disney+-Eigen-Produktion „Sam - Ein Sachse“: