
Die neue Medizinerdramedyserie Rush von USA Network startet mit einem kleinen Ratespiel zur Identität des Protagonisten Dr. William P. Rush (Tom Ellis): Während dieser seine Nacht mit einer jungen, attraktiven Frau, einem Glas Whiskey und mehreren Linien Kokain verbringt, versucht sie, seinen Beruf zu erraten. Erst, als sie einem Herzinfakt nahe an einer Überdosis zusammenbricht und Rush zu seinem immer paraten Defibrilator greift, geht ihr ein Licht auf: „I got it! You're a doctor!“ („Ich hab's! Du bist Arzt!“)
We don't scream, we don't discriminate, we don't judge
Wir sehen also den äußerst attraktiven und souveränen Rush, wie er mit seiner nicht weiter erwähnten, aber natürlich ebenfalls äußerst attraktiven Nachtbekanntschaft im Krankenhaus aufschlägt und diese seinem dort beschäftigten, besten Freund Dr. Alex Burke (Larenz Tate) übergibt. Nebenbei erfahren wir, dass Rush der Patenonkel von Alex' Sohn Elliott ist und dieser am nächsten Tag seinen Geburtstag feiert. Es wird dabei bereits vermittelt, dass Rush neben seinem angedeuteten Drogenproblem als ziemlich unzuverlässig gilt.
Am nächsten Tag sehen wir Rush in einem an Hank Moodys (David Duchovny) Porsche erinnernden Mercedes Cabriolet auf dem Weg zu seiner Assistentin Eve (Sarah Habel) in ein Hotel. Warum sich die beiden ausgerechnet dort treffen, ob dies einem weiteren Aspekt seiner anscheinend vor allem schwarz ablaufenden Arbeit entspricht oder lediglich seinen Reichtum weiter verdeutlichen soll, bleibt unerklärt. Nach einem kurzen Dialog, in dem Rush seine Nichtmoral einführt, da er seine Patienten nach der Größe der Geldbörse wählt und dabei nicht nach den Hintergründen der einzelnen Fälle fragt, rast er auch schon weiter zu dem Profisportler Ted Cummings (Gino Anthony Pesi).
Dieser bittet Rush um medizinische Hilfe in Bezug auf seine Freundin, bei der er aus banalsten Gründen handgreiflich wurde. Rush kassiert seine 15.000 Dollar, fragt nicht weiter und ist wieder unterwegs. Der anscheinend massive Drogenkonsum paart sich in der Charakterzeichnung dabei mit vordergründiger Gleichgültigkeit, die uns dabei an Charaktere wie Dr. Perry Cox (John C. McGinley) aus Scrubs oder Dr. Gregory House (Hugh Laurie) aus House erinnert. Im Anschluss daran wird uns mit dem aus Reaper bekannten Rick Gonzalez Rushs Stammdealer Manny vorgestellt.
Als sich Rush dann auf dem Kindergeburtstag von Elliott blicken lässt, scheinen alle sehr überrascht, allen voran seine Exfreundin Sarah (Odette Annable), mit der er vier Jahre lang zusammen war. In einem späteren Gespräch der beiden erfahren wir, dass sie einst Kollegen waren, Rush jedoch durch einen fatalen Zusammenbruch aufgrund eines Drogenexzesses seine Position und seine Freundin verlor. Somit scheint es auch nicht verwunderlich, dass sie sich vor allem nach seiner Rehabilitation erkundigt. Im nächsten Moment raucht er allerdings einen Spliff mit seinem eher spießig wirkenden Freund Alex, was somit die moralischen Grenzen dessen verschwimmen lässt.
Not a shrink, not a lawyer, not a priest, not a cop.
Bei seinem nächsten Patienten, dem Filmemacher Billy Bloom (Brian Markinson), trifft Rush nicht nur auf einen vor allem für den Zuschauer unterhaltenden Fall, sondern zeigt auch die Grenzen seiner „Cash Only“-Regel auf. Während Bloom mit einem broken cock auf der Couch liegt, schwört er Rush, das Geld sofort nach der Behandlung zu überweisen und verdoppelt auf 40.000 Dollar. Warum Rush nicht darauf besteht, direkt nach der Behandlung in bar bezahlt zu werden, bleibt dabei fraglich und scheint wohl eher der späteren Plotentwicklung geschuldet zu sein, die im Übrigen auf sehr unterhaltende und amüsante Art und Weise die einzelnen Erzählstränge miteinander verwebt.
Während sich Eve am Abend mit der von Ted geschlagenen Freundin trifft, hat Rush schließlich sein Date mit Sarah. Aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit fährt er nüchtern zu diesem. Er erfährt, dass bei ihr anscheinend Verdacht auf Krebs besteht, muss allerdings rasch das Date verlassen, als ihn Manny in einem Notfall zu sich bittet. Im Laufe der Rettungsaktion des angeschossenen Julio (Cesar Ventura), einem Bekannten von Manny, und dessen wesentlich gefährlicher wirkenden Boss Roul (Rolando Molina), begibt sich Alex durch eine illegale Blutspende noch weiter auf illegale Pfade, während Rush somit einen gut bei Roul hat.
Als er schließlich Sarah bei gleißend hellem Tageslicht am Frühstückstisch des Hotels auffindet, sieht diese Rush in alte Muster zurückfallen: „The moment anything gets real, you get out.“ („Ab dem Moment, in dem es ernst wird, bist du weg.“) Wieder rast die Story weiter, diesmal zurück zu Ted Cummings Haus. Dieser hat seine Freundin diesmal mehr als bewusstlos geschlagen und verlässt sich wieder auf die Hilfe des parteilosen Dr. Rush. Dieser weist die Freundin in ein Krankenhaus ein, versichert Ted allerdings komplette Immunität. Als dieser sich über die Verlässlichkeit seines Lieblingsarztes freut, scheint sich die Moral, ob aus Reue oder der Nüchternheit geschuldet, bei Rush durchzusetzen, woraufhin er Ted ebenfalls zusammenschlägt.
Im Krankenhaus von Teds Freundin hält Rush Eve eine kleine Standpauke wegen ihrer moralischen Interaktion mit der Verletzten, jedoch stellt sich dabei heraus, dass sich die beiden nur kennen, weil Rush anscheinend genau diese Regeln zuvor einmal verletzte. Eve erzählt ihm währenddessen, dass die versprochenen 40.000 Dollar von Billy Bloom nie ankamen, was Rush mit einem kleinen Anruf löst. Er löst den Gutschein für einen Gefallen bei Roul und seinen Männern ein, die sich daraufhin in Blooms Wohnung an so mancher Habseligkeit bedienen. Schlussresümee: Jetzt steht Rush wiederum in Rouls Schuld.
Während die Freundin von Ted aufwacht und der Moment in eine für Arztserien typische Dramatik abdriftet, zeigt Rush seine Stärken und mein persönliches, humoristisches Highlight der Serie auf. Der an sich zweifelnde Rush verlässt das Krankenhaus und spendet einem anscheinend obdachlosen Mann etwas Geld, nur um festzustellen, dass dieser gar kein Obdachloser ist. Gekränkt zieht er seinen Schein wieder zurück. Er steigt in sein Auto, der Running Gag des veralteten, springenden CD-Players taucht wieder auf und lässt Rush ins Ende des Serienpiloten rasen.
Fazit
USA Network bringt mit Rush eine Serie hervor, deren Elemente man bereits kennt. Der Plot des Mediziners, der sich nach seinem Jobverlust auf eine private Behandlung der Upperclass spezialisiert, klingt nach Royal Pains. Der Umgang mit seinen Problemen und seinen Drogen nach Californication und die Rolle des abgekühlten, distanzierten, aber fachlich überlegenen Arztes nach House. Allerdings schafft es Rush dabei, vor allem durch drei Elemente seinen eigenen Weg zu finden.
So stellt die Verbindungsperson des Manny hier ein wichtiges Kernelement dar, welches den Protagonisten Rush nicht nur in den höchsten Höhen des sozialen Umfelds, sondern auch in den tiefsten Tiefen agieren lässt. Was bereits im Piloten mit den Gefallen, die er und Roul sich gegenseitig schulden, angedeutet wird, könnte sich im Verlauf der Serie zu einem ernsthaften Problem herauskristallieren. Auch die angedeutete, düstere Vergangenheit Rushs wirft noch so manche Frage auf, auf deren Antwort man Lust bekommt.
So gehören die Schattenseiten seines Drogenkonsums ebenfalls zu einem der Pluspunkte der Serie. Wenn man in Rückblenden sieht, wie er die Kontrolle über seinen exzessiven Lebensstil verloren hat oder ihm sein gesamtes Umfeld sagt, wie schrecklich er aussehe, bekommt der Zuschauer einen thematischen Happen vorgeworfen, deren Auswüchse er nur erahnen kann. Als weitere positive Seiten wären zuletzt noch der teils derbe Humor und die Kurzweiligkeit des Plots aufzuzeigen. Wenn Rush aus Versehen einem normalen Mann Geld spendet oder in bester Steve-Zissou-Manier aus einem unangenehmen Gespräch rennt, dann lockert das die ganze Thematik auf nicht übertriebene Art und Weise auf.
Auch die Verstrickung der einzelnen Plots wird zum Ende hin geschickt gelöst. Die verschiedenen sozialen Milieus, in denen sich der mobile Doktor umgibt, geben viel Potential für spannende, aber auch humoristische Überschneidungen her. Als einziger Kritikpunkt wäre zu erwähnen, dass uns vor allem zu Beginn der Episode ein etwas sexistisches Bild der weiblichen Rollen gemalt wird. Keine der Frauen könnte auch nur ansatzweise als unattraktiv bezeichnet werden und Rush lässt auch keinen Versuch aus, diese anzugraben. Allerdings zeigen ihm auch Rollen wie Eve und Sarah die Grenzen dieses oberflächlichen Denkens auf.