Roseanne 10x01

Roseanne 10x01

Sitcom-Übermutter Roseanne ist nach zwei Jahrzehnten Sendepause auf die Mattscheibe zurückgekehrt. Wir haben die Conners in Lanford besucht und erste Eindrücke vom Revival des Comedyserien-Klassikers mitgebracht.

Familie Conner feiert ihr Comeback (c) ABC
Familie Conner feiert ihr Comeback (c) ABC
© amilie Conner feiert ihr Comeback (c) ABC

Gestern Abend war es in den Vereinigten Staaten nach über 20 Jahren so weit: Roseanne kehrte mit ihrer Sitcom-Sippe ins Programm von ABC zurück und tat es somit den Kollegen aus Fuller House und Will & Grace gleich, die sich ebenfalls mit Revival-Staffeln zurückgemeldet haben. Ein Wiedersehen, das vor allem Darlene-Darstellerin Sara Gilbert zu verdanken ist, die nun gemeinsam mit ihrer Serienmutter Roseanne Barr als Produzentin fungiert.

Im Vorfeld gab es allerlei polarisierenden Klatsch über die Rückkehr der Comedy. Nicht zuletzt, weil der Titelstar in den letzten Jahren vor allem politische Schlagzeilen machte. Heute klären wir endlich, ob „Roseanne“ als unangenehm aufgeladene Politcom zurückgekehrt ist oder ob in den beiden Auftaktepisoden der zehnten Staffel noch immer gegackert werden kann.

20 Years to Life

Wie im Vorfeld verraten wurde, ignorieren die neuen Folgen sowohl die schockierende Wendung im damaligen Serienfinale als auch die gesamte neunte Staffel, in der Familie Conner durch einen Lottogewinn vermögend wurde. Zumindest, was das Setting betrifft, denn Metahumor war schon immer eine Spezialität der Serie, weshalb die gelöschten Ereignisse natürlich nicht unkommentiert bleiben. So zum Beispiel gleich zu Beginn der von Bruce Rasmussen geschriebenen Folge Twenty Years to Life, wenn Roseanne ihrem wiederauferstandenen Gatten Dan (John Goodman) nach dem Aufwachen „I thought you were dead“ entgegenbrüllt. Auch an der Conner-coiture hat sich wenig geändert, wie am klassischen Hennen-Hemd zu erkennen ist, das sich damals als modischer Running Gag durch die Serie gezogen hatte.

Viel wichtiger aber ist an dieser Stelle das nach all der Zeit nötige Familien-Update, das die Folge abliefert: Becky (Alicia Goranson) hat ihren Ehemann Mark verloren und im Gegensatz zu ihrer Schwester bisher kein Kind zur Welt gebracht. Das könnte sich bald ändern, denn sie plant für eine saftige Summe Geld das Kind einer anderen Frau auszutragen. Witzigerweise wird diese von Sarah Chalke dargestellt, die in den späteren Staffeln der Serie in der Becky-Rolle eingesprungen war. Den Part der Andrea spielt sie dabei wie ihren Kontrollfreak Dr. Elliot Reid aus der Krankenhaus-Comedy Scrubs. Das lukrative Vorhaben geht natürlich vor allem ihrem alten Herrn gegen den Strich, der sich nach wie vor in die Garage verkrümelt, wenn es ihm stinkt. So weit, so vertraut.

Darlene ist wieder bei ihren Eltern eingezogen und hat ihre beiden Kinder dabei. Teenagerin Harris (Emma Kenney), deren Geburt mit als einziges nicht aus der continuity der letzten Staffel gestrichen wurde, sieht aus wie eine Mischung aus ihrer Mutter und Großmutter und gibt sich von der Attitüde her wie eine Kreuzung aus oldschool Darlene und classic Becky. Ihr jüngerer, nach dem toten Onkel benannter Bruder Mark (Ames McNamara) ist eine kleine Frohnatur, die am liebsten Mädchenkleidung trägt, was in der zweiten Episode zum Thema wird. Angeblich ist Darlene in die Delaware Street zurückgekehrt, um sich um die in die Jahre gekommenen Eltern zu kümmern, doch wie wir erfahren, steckt mehr dahinter, was Sara Gilbert in einer emotionalen Szene erlaubt zu zeigen, was sie schauspielerisch drauf hat.

D. J. (Michael Fishman) ist als erwachsener Mann kaum wiederzuerkennen. Er diente bis vor kurzem mit seiner Frau Gina beim Militärdienst in Syrien und kümmert sich in Abwesenheit seiner Partnerin um die kleine Tochter Mary (Jayden Rey). Über sein Leben erfahren wir am wenigsten, doch auch hier ist eine clevere kleine Anspielung versteckt. In der Folge White Men Can't Kiss aus der siebten Staffel von 1995 weigerte sich D. J., im Schultheatherstück eine afroamerikanische Mitschülerin zu küssen. Eine Folge, die ein heißes Eisen anpackte, ohne eine einfache Antwort auf das Rassismusproblem zu liefern. Heute hat D. J. eine afroamerikanische Tochter und ist vermutlich auch mit einer afroamerikanischen Frau liiert.

ABC
ABC - © ABC

Jackie (Laurie Metcalf) hat sich angesichts der US-Wahl 2016 mit ihrer Schwester zerstritten. Während Roseanne Conner nicht nur die politische Einstellung vieler Menschen der amerikanischen Arbeiterklasse, sondern auch die ihrer Darstellerin übernommen hat, wurde Jackie zum Hillary-Yin ihres Trump-Yangs (auch wenn sie später gesteht, am Ende eine dritte Partei gewählt zu haben) und provoziert ihre Schwester mit „Nasty Woman“-Hemd und Pussy-Riot-Mütze. Geschickterweise will das unvermeidbare Streitgespräch weniger auf eine Lösung oder ein Statement zur politischen Dichotomie hinaus, sondern spielt vielmehr auf den altbekannten Schwesternkonflikt zwischen der kontrollverliebten Naturgewalt Roseanne und der von ihr abhängigen, neurotischen, aber ebenso dickköpfigen Jackie an.

Aufmerksame Zuschauer können darüber hinaus zwei Abwesenheits-Cameos im Hintergrund entdecken, wo Bilder von Nana Mary (Shelley Winters) und Mutter Beverly (Estelle Parsons) auf dem Kaminsims stehen. Am weitaus ulkigsten wird allerdings mit der Abwesenheit von Jerry Garcia umgegangen. Wer? Genau. Selbst Hardcore-Fans vergessen gern, dass Roseanne während der achten Staffel der Serie ein weiteres Kind zur Welt gebracht hatte. Eines jener Sitcom-Babys (wie auch Eric aus ALF oder Seven aus „Married With Children“), das in die Handlung eingebaut wird, wenn den Autoren in späteren Seasons nichts mehr einfällt. Oder wie in diesem Fall, weil die Hauptdarstellerin selbst schwanger war.

Dress to Impress

Ehe wir zum vorläufigen Fazit kommen, schauen wir uns noch kurz die zweite Episode mit dem Titel Dress to Impress an, die im Anschluss an die Auftaktfolge ausgestrahlt wurde. Darlene Hunt, die als Schöpferin der Krebs-Dramedy The Big C bekannt ist, verbirgt sich hinter dem Drehbuch, das sich viele Kniffe der Originalserie abgeguckt hat. Hier geht es zentral um den ersten Schultag von Darlenes Kindern. Roseanne und vor allem Dan sind besorgt, dass Mark in Schwierigkeiten kommen könnte, wenn er an der Lanford High in Kleidern auftaucht. Während eines intimen Zwiegesprächs mit dem femininen Enkelsohn beweist Roseanne eine tolle Chemie mit dem Kleinen und steht voll und ganz hinter ihm, als sie merkt, wie wichtig ihm das Thema ist. Ähnlich stolz stand sie auch damals hinter Becky, als sie sich aus Prinzip weigerte, Frösche im Biologieunterricht zu sezieren. Kann es Zufall sein, dass ausgerechnet das Fröschesezieren auch in dieser Folge noch von Mark erwähnt wird? Beherzt hält Oma Rosie sogar eine Ansprache vor Marks Schulklasse, was charakterkonform eher in Form einer halb ernst gemeinten Drohung aus ihr heraussprudelt.

ABC
ABC - © ABC

Großvater Dan, der sich schon damals immer etwas verlegen gab, wenn es um queerness im weitesten Sinne ging (in dieser Folge bezogen auf das Prinzip eines Kleider tragenden Jungen, nicht im Sinne von Sexualität, was für Mark noch kein Thema ist), gibt auf seine Art Kontra und schießt deutlich übers Ziel hinaus, als er Mark mit einem Taschenmesser bewaffnet in die Schule schickt. Alles nur aus Liebe und Besorgnis, versteht sich. Darlene darf daraufhin ein weiteres Mal als Mutter glänzen, die offenbar viel über Erziehung von ihrer Mutter gelernt hat und ganz unverblümt Tacheles mit ihrem Sohn redet. Dass dies im selben Kinderzimmer wie dem der Mutter-Töchter-Szenen mit Becky und der damals androgynen Darlene stattfindet, trifft genau den richtigen Nostalgieknöchel.

Der B-Plot dreht sich um Nicht-Becky Andrea, die den Conners einen Besuch abstattet, um ihre potentielle Leihmutter bezüglich der gesundheitlichen Familienhistorie zu interviewen. Eine Chance für Becky, in ihr altes Verhaltensmuster des unbedingten Gefallenwollens hineinzufallen, und ebenso für den Rest der Familie, sie wie gewohnt gekonnt zu sabotieren.

Fazit

Vor dem Start des Roseanne-Revivals betonte der Cast in mehreren Interviews, dass es schien, als sei kaum Zeit vergangen, als sie am neu interpretierten Set des Conner-Haushalts wiedervereint wurden. Nicht anders fühlt sich die Rückkehr nach Lanford für die Zuschauer an. Die Stars geben wie eh und je ein eingespieltes Team ab und die Charaktere sind absolut wiedererkennbar in glaubwürdigen Lebenssituationen vorzufinden. Besonders die stets ungewollte Ratschläge gebende Jackie als selbst ausgebilderter Life Coach ergibt eine Menge Sinn im Kontext ihrer Serienfigur. Dass Laurie Metcalf nach wie vor zum Besten gehört, was die Serie zu bieten hat, hilft natürlich. Einzig John Goodman, der als Dan damals der zweite show stealer war, wirkt traurigerweise etwas müde, was sich vermutlich nicht vermeiden lässt, wenn ein unterschiedlich stark gealterter Cast nach all den Jahren erneut zusammengebracht wird. I guess that's life and stuff...

Von Roseanne Barr mag man privat halten, was man will. Sie hat aber, so viel muss man ihr zugestehen, früher viel für Frauen im Fernsehen getan und kehrt in die Rolle der mütterlichen Naturgewalt zurück, als sei sie nie weg gewesen. Unpolitisch war ihre Serie noch nie. Vor allem, wenn es um Frauenrechte und die vielfältige Darstellung queerer Charaktere ging, was heute erneut aufgegriffen wird. Generell hat sich wenig am Humor, den Metakommentaren und der Schreibe geändert. Dass die realpolitische Trump-Connection oder das continuity-Rosinenpicken dem einen oder anderen die Angelegenheit trotzdem etwas madig machen, lässt sich wohl kaum vermeiden.

Der Autor dieses Reviews befindet sich zum wiederholten Mal Mitten im „Roseanne“-Rewatch und möchte nach zwei Folgen der neuen Season behaupten, dass überhaupt keine Verrenkungen angestellt werden müssen, um von der alten Serie in die neue zu schlüpfen. Hier stimmt im Sinne eines Revivals, das den Witz, Stil und Charakter des Originals einfängt, fast alles.

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Verfasser: Mario Giglio am Mittwoch, 28. März 2018

Roseanne 10x01 Trailer

Episode
Staffel 10, Episode 1
(Roseanne 10x01)
Deutscher Titel der Episode
Neun ist einer zuviel!
Titel der Episode im Original
Twenty Years to Life
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 27. März 2018 (ABC)

Schauspieler in der Episode Roseanne 10x01

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