
Die Programmverantwortlichen bei ABC waren sich im Jahre 1977 sicher, dass sie mit „Roots“ einen veritablen Flop eingekauft hatten, weshalb sie entschieden, die Miniserie im Januar an acht aufeinanderfolgenden Abenden auszusenden. Stattdessen entwickelte sich das Format zu einem der meistgesehenen Fernsehprogrammen aller Zeiten: Durchschnittlich 80 Millionen Zuschauer schalteten die ersten sieben Episoden ein - das Finale schauten sich dann sogar schier unglaubliche 100 Millionen an.
The shame is not ours
Über Nacht wurde das Format zum nationalen Phänomen. Den Senderchefs wurde das deutliche Zeichen gesendet, dass brutales, mitreißendes und unbarmherziges Fernsehen nicht nur gewollt, sondern dass danach geradezu gelechzt worden war. Zwar würde es noch einige Jahrzehnte dauern, bis der kleine Bildschirm seine Schmuddelecke endgültig verlassen würde, jedoch legte „Roots“ schon damals den Grundstein für mutiges Geschichtenerzählen. Überdies wurde dem bis dahin völlig vernachlässigten schwarzen Bevölkerungsteil eine Stimme gegeben, indem die grausame Geschichte seiner Vorfahren erzählt wurde.
Deshalb hörte es sich zunächst wie eine schlechte Idee an, dieses Jahrhundertwerk - das von nicht wenigen als wichtigste Miniserie aller Zeiten bezeichnet wird - neu aufzulegen. Schon der erste Teil - wie ABC wird der History Channel die vier Episoden an vier aufeinanderfolgenden Abenden ausstrahlen - widerlegt jedoch alle Befürchtungen, das Erbe des Vorgängers könnte beschmutzt werden. Roots erzählt die Geschichte des in die Sklaverei verschleppten Kunta Kinte und seiner Familie so, dass auch eine neue Zuschauergeneration etwas damit anfangen kann, was in Zeiten von Black Lives Matter überaus wichtig erscheint.
Das Remake gibt dem Autorenteam außerdem die Möglichkeit, Vorwürfe gegen den Autor der Buchvorlage, Alex Haley, zu entkräften. Nachdem die Miniserie vor über 39 Jahren erschienen war, tauchte immer wieder Kritik an der als faktische Wahrheit verkauften, aber nur mündlich tradierten und deshalb kaum nachzuweisenden Familiengeschichte Haleys auf. Diese beginnt im Jahre 1750 im westafrikanischen Gambia und wird - was unnötig erscheint - von Laurence Fishburne als Alex Haley mit einem selten eingesetzten Voice-over begleitet.

In Juffure existiert bereits ein florierender Sklavenmarkt, wobei nicht nur die zumeist englischen Kolonialherren aus Übersee als Käufer auftreten, sondern auch unter den verschiedenen Stämmen Menschenhandel betrieben wird. Am Tag der Geburt von Kunta Kinte gerät sein Vater in einen Konflikt mit einem rivalisierenden Stammesführer, was den Ursprung seiner horrenden Leidensgeschichte darstellt. Zunächst wird der erwachsene Kunta (Malachi Kirby) aber zum stolzen Mandinka-Krieger ausgebildet.
Stupid never scared
Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Hin- und hergerissen zwischen Neugierde gegenüber der Welt und Pflichtbewusstsein, wendet sich Kunta an die Frau, die er liebt, mit der er aber nicht zusammen ist. Ihnen wird jedoch von ebenjenem Stammesführer und seinen Kriegern aufgelauert, die sie beide verschleppen und an englische Sklavenhändler verkaufen. Noch am zum Hafen umfunktionierten Strand wird Kunta mit den Initialen seines Käufers gebrandmarkt. Er und sein Onkel Silla (Derek Luke), von dem er kurz zuvor noch ausgebildet worden war, werden auf ein Segelschiff verfrachtet, das Amerika ansteuert.
Die Zustände an Bord sind unerträglich und menschenunwürdig. Unter Deck bleibt den allzeit gefesselten Gefangenen nichts anderes übrig, als sich flach auf den Rücken zu legen. Gefüttert werden sie lediglich mit einem dünnen Brei. Um Krankheiten rudimentär zu vermeiden, werden sie an Deck mit Wasser übergossen und notdürftig abgebürstet - egal, ob sie blutende Wunden haben. Ständig wird geprügelt, ausschließlich werden sie wie Vieh behandelt und auch so - oder schlimmer - bezeichnet. Schnell zeigt sich jedoch Kuntas Widerstandskraft. Er organisiert eine Revolte, die allerdings mit der blutigen Niederschlagung der Sklaven endet.
Die Köpfe der getöteten Sklaven werden hernach als Warnung an die Überlebenden auf Speere gespießt, während die schwerverletzten Aufständischen einfach ins Meer geworfen werden. Es ist beinahe schon überflüssig, zu erwähnen, dass die verschleppten Frauen dem Käpitän - und wohl auch allen anderen Crewmitgliedern - uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Zwischendurch verliert sogar der widerborstige Kunta seinen Lebenswillen - viel schlimmer kann es für ihn in seiner Vorstellung kaum werden. Doch das kann es.

Nach der Ankunft in der englischen Kolonie Maryland im Jahre 1767 - Kunta ist nun seit 87 Tagen in Gefangenschaft - wird er an Farmbesitzer John Waller (James Purefoy) verkauft. Während der Kutschenfahrt durch dessen Felder wundert er sich, wieviele Sklaven dort arbeiten, vor allem aber, warum sie nicht fliehen, obwohl sie nur von einem Aufpasser beobachtet werden. Seinem unbedingten Freiheitswillen nachgebend, macht er sofort einen ersten Fluchtversuch, was seinen schwarzen Aufpasser teuer zu stehen kommt - nach einer Tracht Prügel wird der nach Georgia verkauft, was ihm den reinen Horror ins Gesicht treibt.
Your true name
Als neuen Aufpasser bekommt Kunta den Fiddler (Forest Whitaker) zugewiesen, der so heißt, weil er ein begnadeter Geiger ist. So hat er sich eine erhobene Stellung unter den Sklaven des Anwesens erarbeitet. Fiddler darf zwar die alten Klamotten der sogenannten feinen Leute auftragen, wird von seinen „Herren“ - die er stets als masters bezeichnet - aber ständig an seinen echten Status als vermeintlicher „Untermensch“ erinnert. Kunta soll nun von ihm gebrochen werden, was vor allem bedeutet, dass er seinen von der Hausdame Elizabeth (Katie McGuinness) verliehenen Sklavennamen „Toby“ annimmt.
Dieses Unterfangen führt zur brutalsten und eindrücklichsten Szene, die kaum auszuhalten ist, aber unbedingt ausgehalten werden sollte. Kunta feilt - und das im wörtlichen Sinne - weiterhin unablässig an einem Fluchtplan, wobei er von Fiddler unterstützt wird. Der Tag des Weihnachtsfests sei der zur Flucht geeignete, seien da doch die Großzügigkeit und Nachlässigkeit der masters am größten. Der erste Teil des Plans geht auf - Kunta entkommt mit einem Pferd. Um seine Spuren zu verwischen, lässt er dieses jedoch gehen und setzt seine Flucht zu Fuß fort. Es dauert nicht lange, bis er von seinen Häschern eingeholt wird.
Die Auftaktepisode schließt mit einer - vielleicht der - am schwersten auszuhaltenden Szene der Fernsehgeschichte. Unter den Augen seiner Peiniger und Mitgefangenen, die allesamt zum Zuschauen gezwungen werden, wird Kunta so lange ausgepeitscht, bis er seinen Sklavennamen ausspricht. Zu Beginn der unmenschlichen Prozedur scheint die Kamera noch davor zurückzuscheuen, uns alle grausamen Details zu zeigen. Je länger das makabre Schauspiel jedoch dauert - und es dauert lange -, desto weniger Mitgefühl haben die Drehbuchautoren Lawrence Konner und Mark Rosenthal sowie Regisseur Philip Noyce mit uns - und das völlig zu Recht.
Kunta wird so schwer verletzt, dass er schon beginnt, seine Eltern herbei zu halluzinieren. Gerettet wird er von Fiddler, der als einziger hört, wie Kunta endlich seinen Sklavennamen ausspricht. Wie sein eigenes Kind nimmt er ihn hernach in die Arme, tröstet ihn, verpflegt notdürftig die tiefen Fleischwunden auf dem völlig zerstörten Rücken und versichert seinem Schützling: „You live, Kunta Kinte. You live.“ Schockierender, eindrücklicher und wichtiger kann Fernsehen nicht sein.