Ronja Räubertochter - darum ist die Neuadaption gelungen

© Viaplay Group, Filmlance International AB, Film i Väst, Ahil Films, ARD Degeto, Audrius Solominas
Das passiert in der Serie „Ronja Räubertochter“
Die während eines großen Sturms geborene Ronja (Kerstin Linden) ist in Ronja Räubertochter (2024) die Tochter des mächtigen Räuberhauptmannes Mattis (Christoph Wagelin), der mit seiner Frau Lovis (Krista Kosonen) und seinen Männern auf der als uneinnehmbar geltenden Mattisburg lebt. Bei einem ihrer Ausflüge durch die Wälder lernt die freiheitsliebende Ronja eines Tages den gleichaltrigen Birk (Jack Bergenholtz Henriksson) kennen, der aber der Sohn des mit ihrem Vater verfeindeten Räubers Borka (Sverrir Gudnason) ist.
Die beiden Haudegen gehen sich aus dem Weg, bis der harte Winter naht. Als Borka heimlich in den seit Ronjas Geburtsnacht durch einen Blitz vom Rest der Mattis-Burg abgetrennten Teil zieht, droht die alte Fehde der beiden Männer schließlich zu eskalieren. Doch Ronja und Birk sind inzwischen beste Freunde geworden und verstehen den Hass ihrer Väter aufeinander nicht. Das ist aber noch nicht das Schlimmste, denn die Vorsteherin des waldnahen Dorfes hat die Kriegerin Cappa (Vera Vitali) gerufen, um den Räubern endgültig den Garaus zu machen...
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Ein paar Worte zur Einleitung
Bevor wir uns der gut gelungenen Neuinterpretation des Astrid-Lindgren-Kinderbuchklassikers „Ronja Räubertochter“ widmen sei vorweg darauf hingewiesen, dass die einleitenden Worte der ARD-Programmdirektorin Christine Strobl in der offiziellen Pressemappe in Anbetracht der Situation vieler deutscher Filmschaffender fast ein wenig wie Hohn klingen.
Da schreibt Strobl: „Ronja Räubertochter - das ist großes Kino für zu Hause. Hochwertige Produktionen dieser Art können durch starke internationale Kooperationen gelingen, die ARD geht hierfür bewusst neue Wege.“
Zu den berechtigterweise lobenden Worten des Zitats kommen wir gleich, denn hochwertig ist die von ARD Degeto mitproduzierte Jugendserie allemal. Es stellt sich allerdings die Frage, zu welchem Preis und wie die „neuen Wege“ der ARD genau aussehen sollen. Erst kürzlich, genauer gesagt am 25.11.2024, wandte sich nämlich die Initiative Fair Film in einem offenen Brief an die Intendantinnen und Intendanten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland, um auf die schwierige und teilweise sogar desolate Situation der Branche und den finanziellen Druck hinzuweisen, dem viele Teams in Deutschland ausgesetzt sind.
In einer nachdenkenswerten Problemanaylse weisen die Autoren des Brandbriefs darauf hin, dass die Auftragsvergabe um 25 bis 30 Prozent eingebrochen ist und bis zu 18000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entweder in andere Branchen wechseln mussten oder sogar arbeitslos wurden. Zudem spiegelt der Wunsch „Es soll aussehen wie Netflix, aber nur einen Bruchteil davon kosten“ offensichtlich nicht das Bedürfnis der Sendeanstalten nach höheren Gebühren wider, eine fragwürdige Praxis, wie wir meinen.
Um was geht es in der Geschichte „Ronja Räubertochter“?
Belassen wir es an dieser Stelle dabei und widmen uns nun der Bewertung von „Ronja Räubertochter“. Als bekannt wurde, dass sich ARD Degeto mit Partnern an eine Neuauflage der bei vielen Menschen so beliebten Kinderserie von 1984 machte, war die Skepsis in den sozialen Netzwerken durchaus spürbar.
Erfreulicherweise lässt sich nach Begutachtung der ersten sechs Episoden von bisher zwei bestellten Staffeln festhalten, dass diese in allen Belangen unbegründet war. Denn Drehbuchautor Hans Rosenfeldt, Regisseurin Lisa James Larsson, Kamerafrau Frida Wendel, Komponist Tomas Žukauskas und der Rest des Herstellungsteams haben insgesamt tolle Arbeit geleistet.
Auf audiovisueller Ebene ist Strobls Begeisterung über den Sechsteiler daher absolut nachvollziehbar, wenn auch die Bezeichnung „großes Kino für zu Hause“ letztlich dann doch etwas übertrieben ist. Wenn beispielsweise der korrupte Vogt Halvert (Peter Vitanen) mit nur fünf Soldaten die Borka-Höhle stürmt, wirkt das sicherlich eher bemüht als dramatisch.
In solchen Momenten hätte ich mir etwas mehr Budget und einen größeren Hang zur Epik gewünscht. Vielleicht ist das für eine Jugendproduktion generell aber auch ein wenig viel verlangt. Im Grunde genommen ist das indes allerdings Meckern auf hohem Niveau, denn sowohl in Sachen Szenenbild als auch bei den Kostümen und der Auswahl der Darstellenden macht die Miniserie fast alles richtig. Setdesignerin Ulrika von Vegesack schafft es hervorragend, ein nordisches Mittelalterfeeling zu kreieren, ohne dabei die Szenen zu überfrachten oder zu sehr ins Dreckige zu gehen.
In diesen rundum positiven Eindruck fügen sich die Protagonisten in ihren groben Stoffen und rudimentären Rüstungen nahtlos ein, so dass ein homogenes Gesamtbild entsteht, das sowohl Kindern als auch Erwachsenen gefallen dürfte. Wenn Mattis und seine Leute den Bogen schwingen, oder der Räuberhauptmann seine Opfer im dichten Wald höflich mit den Worten: „Es ist meine bedauerliche Pflicht, euch mitzuteilen, dass wir echte Räuber sind.“ begrüßt, fühlt man sich auf angenehme Weise beinahe in eine Robin-Hood-Geschichte versetzt. In solchen Momenten spielt „Ronja Räubertochter“ ihren von Astrid Lindgren eingewobenen Charme voll aus und macht richtig Spaß.
Doch auch das Leben im Dorf und der später thematisierte Streit zwischen den Mattis- und Borka-Räubern ist spannend und gleichzeitig kindgerecht inszeniert. Auch, wenn es mal gewalttätig wird, dann doch nie so, dass die jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer Angst bekommen müssten, obwohl die Miniserie sicherlich für etwas ältere Kinder gedacht und gemacht ist.
Fantasyanteile
In Anbetracht der düsteren Bildsprache, des bisweilen lockeren Umgangs mit Waffen und des, die ein oder andere Frage aufwerfenden, Kernthemas der Geschichte ist es allerdings ohnehin nicht verkehrt, wenn die Eltern jüngerer Kinder mitschauen.
„Ronja Räubertochter“ ist nämlich in vielerlei Hinsicht alles andere als quietschbunt und fröhlich. In der Geschichte geht es um zerbrochene Freundschaft, die zu Hass wird, aber auch um Selbstüberwindung aus Liebe. Angereichert wird das Ganze vornehmlich in den ersten Minuten mit einem ausgeprägten Fantasy-Look, der mittels angemessener Computertricks sowie einer klug gestalteten Beleuchtung und Kameraführung in Szene gesetzt ist.
Es ist ein wenig schade, dass Wilddruden, Dunkeltrolle, Graugnome und Rumpelwichte in der ersten Staffel insgesamt recht selten zu sehen sind, zumal die Natur im Buch eine noch wichtigere Rolle einnimmt, als in der Serie. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Teil aktiv zurückgefahren wurde. Vielmehr glänzt das Format mit oftmals beeindruckenden Naturaufnahmen, für die das Filmteam über die 178 Drehtage hinweg häufig im Naturschutzgebiet Sveafallen in Schweden drehte.
Dialoge und Schauspielende

Allein die Tatsache, dass für die Waldseeszenen 70 mögliche Drehorte besichtigt wurden, spricht für den Aufwand, den die Filmschaffenden betrieben, um der Serie den richtigen Anstrich zu verleihen. Das merkt man „Ronja Räubertochter“ denn auch genauso an, wie auch das Feingefühl von Drehbuchautor Hans Rosenfeldt für das Alter der beiden Hauptfiguren.
Ab und an lässt das Skript schon durchblicken, dass sich hier nicht nur eine große Kinderfreundschaft, sondern auch Ronjas und Birks erste Liebe anbahnt. Dennoch bleiben die Dialoge in dieser Richtung stets zurückhaltend und unbeschwert. Auch, wenn Mattis über Borka flucht oder ein Kampf droht, bleibt die Dialogführung verhältnismäßig ruhig und klug geschrieben. Zwar nennt Ronja Birk zunächst „Borka-Schwein“, weil sie das eben so von ihrem Vater gelernt hat. Doch ihre Mutter Lovis weist sie schnell darauf hin, dass er sie vielleicht für eine „Mattis-Sau“ hält, womit die an sich harten Schimpfworte auf die tierische Ebene zurückgeführt werden und außerdem das Thema Vorurteile in den Fokus rückt. Das ist ein guter Weg, einerseits das Verhältnis der Räuberväter zu beleuchten und andererseits darauf hinzuweisen, dass Ronja und Birk nichts mit dem Streit ihrer Eltern zu tun haben.
An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, dass das Ensemble einen entscheidenden Beitrag dazu leistet, dass „Ronja Räubertochter“ den Spagat zwischen Mittelalteroptik, moderner Erzählweise und dem Anspruch, einem Klassiker gerecht zu werden, so gut hinbekommt. Kerstin Linden und Jack Bergenholtz Henriksson harmonisieren trotz ihrer Jugend prächtig miteinander, Christopher Wagelin bringt als Mattis die richtige Mischung aus Feingefühl und Männerattitüde mit, Krista Kosonen spielt Lovis als kluge und starke Frau und Sverrir Gudnason ist als Borka meistens unsympathisch, obwohl man seine Motive stets nachvollziehen kann.
Ob es den Twist um die Kriegerin Cappa gebraucht hätte, muss das Publikum je nach individuellem Gusto für sich entscheiden, obwohl die Idee ein gewisses Spannungspotential in sich birgt, das bisher auch ganz gut genutzt wird.
Fazit

Die erste Staffel der Serie „Ronja Räubertochter“ ist eine insgesamt gut gelungene Neuauflage für die ganze Familie, die für eine Jugendserie hochwertig produziert ist und die klassische Erzählweise des Originals mit modernen Perspektiven kombiniert. Damit ist der Sechsteiler ein Abenteuer sowohl für jüngere als auch ältere Zuschauende, die an Weihnachten gemeinsam ein hübsches TV-Abenteuer erleben möchten.
Hier und da hätte der anfangs hübsch gestaltete Fantasylook mehr einfließen dürfen, um die Geschichte noch ein wenig dichter zu machen. Im Grunde genommen versprechen die Serienmacher nämlich in den ersten Szenen etwas, das sie letztlich nicht halten. Abgesehen davon braucht sich die aktuellste Inkarnation des Kinderbuchs von Astrid Lindgren aber nicht hinter dem beliebten 80er Jahre Film verstecken.
Wir vergeben daher bisher vier von fünf Rumpelwichten.