
Man kennt das, wenn Geschichten aus den guten alten Tagen zum Besten gegeben werden. Man hört zu, lächelt und weiß, dass es so wie geschildert nicht gewesen ist. Genauso fühlt sich die Pilotepisode der Serie Roadies an, nur sind weder Protagonisten noch Erzähler die eigenen Freunde oder Familie, was der Sache den goldenen Schleier nimmt und sie zu einer umfassenden Fremdschamveranstaltung macht.
Worum es geht
Bill (Luke Wilson, „Old School“) ist Tour Manager der Staton-House Band, doch verhalten tut er sich wie das Klischee eines Leadsängers: In jeder neuen Stadt der Tournee hat er ein neues Mädchen im Bett, eine jünger als die vorherige. Stabilität verleiht seinem Leben seine Arbeitsehe mit Shelli (Carla Gugino, Wayward Pines), die als Production Manager seine engste Mitarbeiterin ist. Doch ihr echter Ehemann ist Production Manager für Taylor Swifts Tour, weswegen die meisten neuen Menschen sie ihr Bills Frau halten. Soweit, so unkomisch. Neben diesen Beiden und ihrer verzwickt-offensichtlichen Beziehung zueinander werden wir im Laufe der Pilotepisode auch noch mit Kelly Ann (Imogen Poots, „Need for Speed“) bekannt gemacht, die den Glauben an die Musik verloren hat und die Tourcrew darum verlassen und an der Filmschule anfangen wird. Und irgendwie hat sie auch das Gefühl, dass niemand sie so richtig mag.
Vielleicht liegt es daran, dass sie sie nicht freut als ihr Zwillingsbruder zur Tournee stoßen will nachdem er bei seiner eigenen gefeuert wurde, sondern ihn vertreiben will. Warum, das weiß man nicht, es muss halt so sein damit wir merken, wie cool und garstig-liebenswert sie sein kann. Dabei ist Wesley (Colson Baker aka Machine Gun Kelly) der einzige Charakter in der Episode Life is a Carnival, der fast erträglich ist. Am Ende der erste Stunde ist er als Manny für das verzogene Kind eines Bandmitglieds angestellt.
Ebenfalls neu im Team, oder zumindest mit dem Team ist Reg Whitehead (Rafe Spall), ein Mann im Anzug, der aus dem Hauptquartier geschickt wurde, um die Kosten der Tour zu überprüfen und zu strafen. Außerdem hat er kaum Ahnung von der Musikindustrie und ist nun also aus mehreren Gründen das neue Hassobjekt der Roadies - und wahrscheinlich auch so manches Zuschauers, nur leider aus anderen Gründen.
Irgendwie spielen auch Tontechnikerin Donna (Keisha Castle-Hughes (Game of Thrones) und Basstechniker Milo (Peter Cambor, NCIS: Los Angeles) eine Rolle, aber für sie bleibt in der Pilotepisode kaum Zeit übrig. Stattdessen werden wir dem Urgestein - und Doppelmörder - Phil (Ron White) sowie der Bandstalkerin Natalie (Jacqueline Byers) vorgestellt, die ebenfalls kaum mehr als Klischees sind. Die Band, ja, die hat offenbar ihre eigene Serie, denn die sieht man nur kurz und ohnehin scheint es in den Roadie-Kreisen der Serie nicht üblich zu sein, mit den Halbgöttern auf der Bühne zu kommunizieren.
Die Pilotepisode hindurch passiert nicht viel, außer dass eine Show vorbereitet werden muss, aber von den Hauptfiguren kaum jemand wirklich daran arbeitet, sondern sich vornehmlich mit dem eigenen Drama beschäftigt.
Wie kommt es rüber?
Geschichten verändern sich über die Zeit, mit jedem Mal, dass sie an einem emotions- und oft auf alkoholgeschwängertem Tisch hervorgekramt werden, entwickeln sie sich von der Realität immer weiter in Richtung Legende. Das Setting der Serie Roadies ist wie kaum ein anderes für diese Art von Legenden gemacht, der Backstagebereich einer großen Rock'n'Roll-Band. Große Namen wie Kurt Cobain und Lynyrd Skynyrd werden durch den Raum geworfen, unter anderem wird sich damit gebrüstet, mit Menschen gearbeitet zu haben, die die Welt verändert haben, doch die Luft bedeutungsschwangerer Momente sucht man hinter der Bühne der Staton-House Band vergebens.
Stattdessen erinnern die Storys, die die Pilotepisode uns erzählen will an die Geschichten eines Familientreffens. Weißt du noch damals als Kelly Ann vom Skateboard aufs Gesicht gefallen ist weil sie Natalie durch die Halle gejagt hat um ihr das Mikrofon von Bruce Springsteen abzunehmen, mit dem diese sich kurz zuvor selbst befriedigt hat? Ist höchst wahrscheinlich so nicht passiert, klingt aber besser als die meistens dann ja doch langweilige und vorhersehbare Realität. Man lässt denen, die man mag, gerne ihre Legenden, beteiligt sich auch daran, schließlich zeichnen sie auch die eigene Realität in bunteren Farben und das kann ja nicht schaden.
Es sei denn, man kennt denjenigen nicht, der sich da selbst verglorifiziert, dann wird es schnell anstrengend und langweilig. Und genau das passiert in der Pilotepisode der Serie Roadies. Die Figuren werden zu Comicfiguren und das wird weder durch persönliche Bekanntschaft noch durch ernste Charakterarbeit an anderer Stelle untermauert. Was bleibt ist ein Haufen Selbstdarsteller, die man nicht ernst nehmen kann.
Denn nicht nur die Figuren an sich bleiben flach, auch die Story an sich fühlt sich an wie eine zu oft durchgekaute Legende, in der sich alles auf die Essenz reduziert hat. Was Kelly Ann ihrem Schwarm/Gegenspieler Reg da vor den Bug haut, klingt wie der innere Monolog, den man nach einer solchen Konfrontation mit sich führt wenn man sich überlegt, was man gerne gesagt hätte, was aber in der Realität nie klappt und wenn es klappt, dann auch ziemlich schnell in einen peinliche Pathos abdriftet und nicht so heldenhaft klingt wie im eigenen Kopf.
Besonders enttäuschend ist, dass die Figuren zwar reine Comicfiguren sind, aber dabei nicht im Ansatz lustig werden. Auch die Komik, die sie versprühen, erinnert auf unangenehme Weise an eine Familienfeier oder Klassentreffen, bei der man selbst nicht einmal dazu gehört. Auch die Schauspielleistungen scheinen sich an vielen Stellen daran zu orientieren, fremde Erinnerungen zu verglorifizieren. Der Sex, bei dem Natalie dem Roadie seinen Backstagepass abluchst, könnte in „American Pie“ passt von der Klamaukhaftigkeit her besser zu „American Pie“ als in eine Serie über Rock'n'Roll.
Die Story widmet sich schon zu Beginn dem schmalen Grat zwischen der Liebe zu Musik und der Notwendigkeit, die Sache wirtschaftlich rentabel zu halten. Doch auch hier keine Spur von neuen Einblicken, interessanten Zusammenhängen oder Graubereichen.
Fazit
Statt legendärer Luft der großen Bühnen liefert die Serie Roadies verglorifizierte Erinnerungen anderer, aus denen alles, was spannend ist und Ecken und Kanten hat, herausgebügelt wurde um eine glatte Fantasiewelt zu erschaffen, in der man sich schnell langweilt - und nicht selten auch fremdschämt.
Promo zu der US-Serie „Roadies“: