Reservation Dogs 3x10

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Vor ziemlich genau einem Jahr regte man sich in Deutschland darüber auf, dass ein Verlag sich gegen die Veröffentlichung eines Begleitbuchs zum Film „Der junge Häuptling Winnetou“ entschloss, mit dem seit der Kolonialzeit vorherrschende „Indianer“-klischees reproduziert wurden. Sterlin Harjo machte sich etwa zur gleichen Zeit daran, die dritte Staffel seiner authentischen Serie Reservation Dogs vorzubereiten.
Diese ging mittlerweile bei FX/Hulu über die Bühne und war laut Serienschöpfer das planmäßige Ende der indigenen Coming-of-Age-Geschichte, was den Abschied von Bear (D'Pharaoh Woon-A-Tai), Elora (Devery Jacobs), Cheese (Lane Factor) und Willie Jack (Paulina Alexis) allerdings nicht sehr viel leichter macht.
Star People und alte Wunden
Die zweite Season endete damit, dass die Rez Dogs sich an der Küste Kaliforniens von ihrem verstorbenen Freund Daniel (Dalton Cramer) verabschieden. In Los Angeles gestrandet werden sie im Auftakt BUSSIN von Tante Teenie (Tamara Podemski) aufgelesen, die sie im Bus zurück zum Reservat nach Oklahoma begleitet, und ganz nebenbei offenbart, dass Eloras geheimnisvoller Vater noch am Leben und ein weißer Mann ist. Mit dieser Info wird ganz nebenbei einer der größten Gaststar-Casting-Coups der Serie vorbereitet, der dann in der vorletzten Episode enthüllt wird...
Verpeilterweise verpasst Bear nach einer Raststättenpause den Bus und verläuft sich in der Wüste, in der ihm sein Spirit Guide William Knifeman (Dallas Goldtooth) erscheint, den er jedoch fortjagt. Der verdrückt daraufhin in einem der besten Gags der Season zur Kamera gerichtet eine einzelne Träne in Anspielung auf den „weinenden Indianer“ aus dem berühmten Umweltverschmutzungsspot, den auch schon The Simpsons parodiert hatten. Dabei war Schauspieler Iron Eyes Cody nicht mal Native American, sondern italienischer Abstammung, spielte aber in zahlreichen Hollywood-Produktionen als einer mit.

Bear wird schließlich vom zurückgezogen lebenden Exzentriker Maximus (Graham Greene) aufgelesen, der zufälligerweise eine Verbindung zu den Leuten in seinem Reservat hat. Die dritte Staffel ist nämlich nicht nur am oft unterstrichenen Hauptthema des Gemeinschaftszusammenhalts interessiert, sondern auch an der Perspektive verschiedener Generationen, generationenübergreifendem Trauma und wie dies ins Community-Thema hineinspielt.
Obwohl wir nur ärgerlich wenig Zeit übrighaben, lernen wir auch im Rahmen der 70s-Flashback-Folge House Made of Bongs (3x05) die Clique um Brownie (Gary Farmer/Nathan Alexis), Bucky (Wes Studi/Mato Standing Soldier), Irene (Casey Camp-Horinek/Quannah Chasinghorse) und Mabel (Geraldine Keams/Shelby Factor) näher kennen und erfahren dabei, was damals mit Maximus (Isaac Arellanes in jung) geschah (oder auch nicht). Funfact: Im Kostüm des Aliens, das ihm begegnet, steckt Daniel-Darsteller Goldtooth!
Besonderes Lob gebührt an dieser Stelle der Casting-Direktorin Angelique Midthunder, die nicht nur die prominenten Gaststars klargemacht hat, sondern auch für das spektakuläre Casting der jüngeren Versionen der in der Gegenwart etablierten elders verantwortlich zeichnet. Ein echter Besetzungs-Geniestreich!
Deer Lady
Showrunner Harjo hatte in Bezug auf seine Serie offenbar viel im Kopf, als er merkte, dass er mit ihr nicht nur bahnbrechende Repräsentation von Natives im großen Stil abliefern kann, sondern auch eine Seifenkiste hat, mit der er auf alle möglichen Themen hinweisen kann. Das fühlt sich manchmal etwas viel für eine oft so leichtfüßige „Comedy“ an, doch wenn dabei absolut atemberaubendes Fernsehen wie die von Danis Goulet inszenierte Episode Deer Lady (3x03) herauskommen, dürfte sich eigentlich niemand beschweren.
Der von Kaniehtiio Horn gespielten, mythologisch inspirierten Rehfrau sind wir schon öfter in der Serie begegnet. „Are you a good man, Bear?“ fragt der Rachegeist den verängstigten Teenager, als sie ihm auf seiner Rückreise nach Oklahoma begegnet. Doch die Deer Lady ist nicht hinter ihm her, sondern hat eine alte Rechnung im Namen eines Jungen namens Koda (Michael Podemski-Bedard) zu begleichen, wodurch wir in Flashbacks von ihrer Hintergrundgeschichte erfahren.
Ehe sie zur Inkarnation des Reh-Spirits wurde, war sie ein normales Mädchen (Georgeanne Growingthunder), das an eine American Indian Boarding School kam, die bis ins 20. Jahrhundert existierten. Kinder amerikanischer Ureinwohner:innen wurde dorthin verschleppt, um sie umzuerziehen, zu „zivilisieren“ und zu Christen zu machen. Das Ausmaß dieser Gräueltaten, die nur als kultureller Genozid beschrieben werden können, wird noch bis heute untersucht. Neben allgegenwärtigem Missbrauch an Kindern kamen weit über 500 von ihnen in diesen Internaten ums Leben. Eine Zahl, die heute mit weiteren Nachforschungen noch ansteigt.

Im Rahmen dieser „Reservation-Dogs“-Episode entschloss man sich dazu, diesen Schrecken wie einen 70er-Jahre-Horrorfilm zu inszenieren. Um zu vermitteln, wie sich die Kinder fühlten, während sie ihre eigenen Sprachen nicht sprechen durften, keifen die grausamen Nonnen der Einrichtung in rückwärts abgespieltem Kauderwelsch, bei dem einem das Blut gefriert. Damit läuft man dann auch Twin Peaks den Rang als Serie mit dem unheimlichsten Rückwärts-Sprech-Gimmick ab...
Den herzzerreißenden Inhalt wollen wir hier gar nicht komplett wiedergeben. Nur so viel: Es endet mit einer Deer-Lady-Racheaktion als bitter benötigte Katharsis und einem Mantra für die ganze Serie, mit dem Native Americans seit jeher ihren Humor behalten haben: „Remember, they can't stop you from smiling.“
Geschichten aus dem Reservat
Zurück im Reservat erhält Cheese mit Frankfurter Sandwich (3x06) wieder eine eigene Einzelepisode. Die Uncles Brownie, Bucky und Big (Zahn McClarnon) entführen ihn für einen Angeltrip, nachdem er sich von seiner Clique isoliert hatte und nur noch Videospiele zockte. Dabei merkt Cheese nicht nur, wie wichtig die Gemeinschaft für das spirituelle Wohlergehen ist, sondern bringt auch seine gestandenen Mentoren dazu, sich zu öffnen.
Wie sich herausstellt, haben sie alle Gewissensbisse, weil sie ihren Freund Maximus damals haben wegdriften lassen und räumen ein, dass ihre Generation an Männern noch nicht so weit war, über ihre Gefühle zu reden. Weeb-Shirt-Fan Cheese, der sich immer noch zu jeder Gelegenheit mit seinen Pronomen vorstellt, hatte schon immer ein sehr therapeutisches Wesen und emotionalen Durchblick, was hier sehr clever durch seine neue Buddy-Holly-Brille symbolisiert wird.
In Wahoo! (3x07) bekommt Bears Mutter Rita (Sarah Podemski) Besuch von Cookies Spirit (Janae Collins). Die längst verstorbene Mutter von Elora hilft ihr zu begreifen, dass sie den Job in Oklahoma City annehmen sollte. Gemeinschaft bedeutet nämlich nicht unbedingt, aufeinanderzuhocken, was die Serie wohl klarstellen wollte. Das gilt am Ende auch für Elora, die sich dazu entschließt, doch noch zu studieren und das Reservat ebenfalls verlässt. Bears letzte Reifeprüfung im Serienfinale wird es schließlich sein, den Abschied der beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben hinzunehmen, nachdem er sich zu Beginn der Staffel schon von der Sehnsucht nach seinem Vater verabschiedet hatte.
Ein junger weiblicher Charakter bleibt leider in der Serie etwas unterentwickelt und das ist Jackie (Elva Guerra), die als Teil der NDN Mafia zunächst zu den Antogonist:innen der jungen Clique zählte, später aber mit Elora abhauen wollte und in dieser Staffel endlich offiziell zu den Rez Dogs stößt. In der Folge Send It (3x08) macht sie sich mit der Gang, dem Schrottplatzduo und White Steve (Jack Maricle) daran, Maximus aus der Psychiatrie auszubrechen, damit dieser seinen todkranken Bruder ein letztes Mal sehen kann. Ganz zum Schluss wird angedeutet, dass sie eine der Personen sein wird, die Bear zu Hause als Stütze hat, doch sie bekommt nicht einmal mehr Dialog im Finale.

Für ihr Studium benötigt Elora jedenfalls finanzielle Unterstützung vom Staat, für die sie Angaben von ihrem Vater braucht. Vorhang auf also für Hollywoodstar Ethan Hawke in der Folge Elora's Dad (3x08). Der ist weder ein großer Tunichtgut noch der liebenswerte Dad, der seiner beinahe unbekannten Tochter gefehlt hat, um ihre fehlenden Familienmitglieder zu ersetzen. Wie alles in der Serie, ist es kompliziert und authentisch und ein bisschen anstrengend, aber auch amüsant, wie Rick und Elora sich allmählich etwas annähern. Außerdem unterstreicht es, wie viel das Format in einer halben Stunde schafft, die sich immer wie eine kompakte Indie-Film-Perle anfühlt.
Wie seit drei Staffeln stehen keine großen Plots und Twists im Vordergrund, sondern Momentaufnahmen von Menschen und Situationen. Gegenüber der New York Times verriet Serienschöpfer Harjo jüngst, dass er großer Fan von Filmemacher Jim Jarmush ist - und das merkt man.
Im Interview sagte er: „Ich erinnere mich, wie Jim Jarmush, von dem ich großer Fan bin, so etwas sagte wie: ,Die meisten Filme und Filmemacher scheren sich darum, dass Charaktere zum Bus kommen und dann von A zu B fahren. Doch ich schere mich mehr darum, was an der Bushaltestelle passiert, während man auf den Bus wartet.' Ich glaube, für ,Reservation Dogs' habe ich solche Momente ausgewählt. Nicht, dass ich den Leuten nicht aufs College folgen könnte, doch wie die Story erzählt ist und was wir zu erzählen ausgewählt haben, ist ziemlich magisch.“
Finale
In der Finalepisode Dig (3x10) kommen alle Charaktere für die Beerdigung von Old Man Fixico (Richard Ray Whitman) zusammen, bei dem Willie Jack in der Medizinmannausbildung war, was hauptsächlich bedeutete, dem alten Mann Gesellschaft zu leisten. So ist es am Ende auch nicht Bear - quasi Hauptcharakter -, welcher sich als neue Führungspersönlichkeit der Community herauskristallisiert, sondern Willie Jack, was sich absolut richtig und wie der Abschluss ihres Handlungsbogens anfühlt, wenn man hier von so etwas sprechen kann.
Wir brauchen weniger Chiefs und mehr Warriors, gibt William Knifeman seinem Nachkommen Bear als letzten spirituellen Rat mit auf den Weg, nachdem dieser schon große Kriegerqualitäten bewiesen hatte, indem er seine Mutter und Elora in ihren Ambitionen unterstützte. Der Tod ihres Freundes Daniel machte seine Rez Dogs zu Beginn der Serie zu Kleinkriminellen, die nur genug Geld zusammenkriegen wollten, um dem Reservat zu entfliehen; beim Tod von Fixico sind sie Teil einer größeren Gemeinschaft, deren Wert sie endlich erkennen.

In jeder anderen Serie würden wir dieses ständige Community-Mantra vielleicht als schmalzig und sogar etwas altbacken abtun. Reservation Dogs ist aber nicht jede andere Serie, sondern das erste absolut in der Hand von amerikanischen Natives produzierte Mainstream-Serienwerk, mit dem diese Leute die Chance hatten, ihre einzigartige Perspektive, ihre Lebensweise und ihren aller Widrigkeiten zum Trotz bestehenden Humor zur Schau zu stellen - und das haben sie bis zum Schluss mit Bravour geschafft, so dass man sich den Schmalz am Ende mehr als verdient hat.
Fazit
Mit „Reservation Dogs“ ist Sterlin Harjo und seinem Team indigener Filmemacher:innen etwas Bahnbrechendes im US-Fernsehen gelungen, von dem man TV-historisch wie von den ersten afroamerikanischen Serien der 70er reden wird, mit denen man sich allmählich von Klischees verabschiedete. Das Serienende fühlt sich bittersüß an, da das Format zum einen noch viel länger hätte laufen können, zum anderen aber mit so viel Intention und Integrität auf einem Höhepunkt beendet wurde, dass man das Gesamtvorhaben glücklicherweise als absoluten Triumph verbuchen kann.
Tröstend hallen noch die letzten Worte der Finalfolge nach, die respektvollerweise den Elder-Charakteren überlassen wurden. „We did good“, sagt Bucky und „Til the next one!“ heißt es von Maximus. So können wir es kaum erwarten, was Harjo als nächstes Projekt plant und was aus den Rez-Dogs-Kids wird, deren Verbundenheit sich nicht natürlicher hätte anfühlen können. Insbesondere von Elora-Darstellerin und Multitalent Kawennáhere Devery Jacobs, die ab der zweiten Staffel auch hinter den Kulissen tätig wurde, haben wir mit Sicherheit nicht zum letzten Mal gehört.
Hierzulande kann man derzeit die ersten beiden Staffeln der Serie bei Disney+ streamen. Sobald die Deutschlandpremiere der Finalstaffel angekündigt wird, schlagen wir natürlich Alarm.
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Hier abschließend noch der Trailer zur finalen Season der Serie „Reservation Dogs“:
Verfasser: Mario Giglio am Sonntag, 1. Oktober 2023(Reservation Dogs 3x10)
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