
Erfrischend schnell etabliert die neue Freeform-Dramaserie Recovery Road ihre Prämisse. Die 17-jährige Maddie (Jessica Sula) wacht aus einer durchzechten Nacht im Vorgarten eines fremden Wohnhauses auf, denkt sich ein paar Ausreden für ihre besorgte Mutter Charlotte (Sharon Leal) aus und wappnet sich für den bevorstehenden Schultag mit einer Wasserflasche, die mit Wodka gefüllt ist. Charlotte ist ihr jedoch einen Schritt voraus und erzählt der Schulpsychologin Cynthia (Alexis Carra) von der Flasche.
I just don't belong here
Das hat für Maddie weitreichende Konsequenzen. Nachdem anhand eines Alkoholtests festgestellt wurde, dass das Mädchen immer noch betrunken ist, wird sie vor die Wahl gestellt, einen 24-stündigen Entzug mit anschließendem 90-tägigen Aufenthalt in einem Wohnheim für gefährdete Jugendliche zu absolvieren - oder von der Schule geschmissen zu werden. Die Entscheidung fällt ihr nicht besonders schwer, was aber längst nicht bedeutet, dass sie mit freudiger Erwartung ihren unfreiwilligen Arrest antreten würde.
Eher ist das Gegenteil der Fall: Nach dem Entzug durchläuft sie im Rekordtempo die „Teenage Edition“ der „Five Stages of Grief“, was ebenso witzig inszeniert wie gespielt ist. Der herzliche Empfang ihrer künftigen Mitbewohner_innen kann ihre Laune denn auch nur mäßig aufhellen. Im nachfolgenden Rundgang inklusive Stuhlkreis werden die übrigen Figuren der Serie vorgestellt. Es gibt Wes (Sebastian de Souza), den süßen Kerl, der bereits seinen zweiten Anlauf unternimmt; außerdem Vern (Daniel Franzese), die gute Seele des Heims; Rebecca (Lindsay Pearce), mit der Maddie offensichtlich einmal befreundet war, nun aber zerstritten ist; und ihre Zimmergenossin Trish (Kyla Pratt), die daran arbeitet, das Sorgerecht für ihre Tochter zurückzubekommen.
Erhöhte Brisanz bekommt Maddies Alkoholsucht durch die Tatsache, dass ihr Vater James (Tatum Shank) von einem betrunkenen Autofahrer getötet wurde. Weil sie überdies von der Arbeit der Bestatter an dessen Beerdigung zutiefst beeindruckt war, hat sie diesen Beruf als Ziel. Wenn Maddie von ihrer Vergangenheit erzählt, scheint auch immer ein bisschen durch, dass ihre Eltern eine Mitschuld an ihrem Verhalten tragen. Die Mutter hat es nach dem Tod des Vaters nicht vermocht, ein ähnlich starker Anker im Leben ihrer Tochter zu sein. Der Vater hat zu Lebzeiten aber auch nicht immer die richtigen Erziehungsentscheidungen getroffen, wie man unschwer daran erkennt, dass er ihr das Fahrradfahren nicht beigebracht hat.

Maddie ist dementsprechend mit einer großen Portion Eigensinn ausgerüstet. Schon am ersten Tag in ihrem neuen Zuhause sehnt sie sich nach der Freiheit, die sie sich selbst verbaut hat. Den stillen Wes stachelt sie deshalb zum gemeinsamen Ausbruch an, was für beide schlecht endet. Sie werden von Counselor Craig (David Witts) beim Alkoholkauf erwischt. Der will Maddie daraufhin sogleich rausschmeißen, wird aber von Wes zur Mäßigung gedrängt. Der Wiederholungstäter muss dafür seinen einzigen Gefallen opfern, den er bei Craig noch hatte. Woher er diesen Gefallen hat, bleibt das Geheimnis der Pilotepisode.
One day at a time
Wie verheerend ihre Alkoholabhängigkeit wirklich ist, findet Maddie anhand einer leeren Kondompackung heraus, die ihre Mutter in ihrem Wagen gefunden hat. Überaus wohltuend ist hier, dass Charlotte ihr keine Standpauke hält, sie solle ja keinen Sex haben, sondern sie darin bestärkt, geschützten Sex zu haben. In allzu vielen Serien werden stattdessen klassische Rollenbilder vom züchtigen Mädchen verstärkt, die mit der Realität heranwachsender Jugendlicher so wenig zu tun haben wie der Papst mit einem aufgeklärten Menschenbild.
Für Maddie, die bis dahin glaubte, jungfräulich zu sein, bricht damit trotzdem eine Welt zusammen. Sie kann sich nicht mehr an die Ereignisse der durchzechten Nacht erinnern und befürchtet nun, Sex mit einem Fremden gehabt zu haben. Ihr Freund konnte es nämlich unmöglich gewesen sein. Getröstet wird sie hernach von Trish, wobei die Unterhaltung der beiden stark an die spröde Didaktik von public service announcements („öffentliche Bekanntmachungen“) erinnert: „If you were too drunk to remember then it wasn't consensual.“ Ich bin der letzte, der eine Serie dafür kritisieren würde, solche Themen auf die Agenda zu setzen (im Gegenteil - ich begrüße es sehr!), jedoch wäre hier ein wenig mehr Subtilität wünschenswert gewesen.
Zugegebenermaßen ist diese Serie auch nicht für mich konzipiert worden, sondern für eine jüngere Zielgruppe. Und wenn es dann manchmal einer so direkten Aussage bedarf, um heranwachsenden Mädchen klarzumachen, dass es eine Vergewaltigung ist, wenn sie betrunken zum Sex gedrängt werden, soll auch dieses Mittel recht sein. Im Übrigen schafft es die Auftaktepisode von Recovery Road, solche Offensichtlichkeiten zu umschiffen. Das solide Drehbuch der Serienschöpfer_innen Karen DiConcetto und Bert V. Royal, die hierfür den YA-Roman von Blake Nelson adaptierten, trifft auf ebenso solide schauspielerische Leistungen des Ensembles, das von der sehr guten Hauptdarstellerin - Sula ist bekannt aus der hervorragenden britschen Coming-of-Age-Serie Skins - angeführt wird.
Trailer zu Episode 1x02: 'The Art of the Deal'